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Thomas Ehrmann über das Bahn-Desaster - „Die Bahn ist der Punchingball für eine tief sitzende Dysfunktionalität im Land“

Bahnexperte Thomas Ehrmann kritisiert: Die Entlassung von Bahnchef Richard Lutz sei kein Signal für bessere Züge, sondern ein Ausdruck fehlender politischer Strategie. Ohne klare Ziele und realistische Ressourcen kann kein Manager die Deutsche Bahn wirklich steuern – und die Kunden warten weiter vergeblich auf Pünktlichkeit und Komfort.

Volker Resing

Autoreninfo

Volker Resing leitet das Ressort Berliner Republik bei Cicero. Er ist Spezialist für Kirchenfragen und für die Unionsparteien. Von ihm erschien im Herder-Verlag „Die Kanzlermaschine – Wie die CDU funktioniert“.

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Thomas Ehrmann ist Professor am Institut für Strategisches Management der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster und lehrt Wirtschaftswissenschaften. Er war Referent im Bundeswirtschaftsministerium und hat als Berater für die Bahn und private Verkehrsanbieter gearbeitet.

Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder entlässt Bahnchef Richard Lutz. Ist das ein gutes Signal für die Bahn und ihre Kunden?

Die Bahn ist ein Unternehmen und muss unternehmerisch betrachtet werden, es geht nicht um einen irgendwie volkseigenen Streichelzoo. Das bedeutet, der Staat, dem die Bahn gehört, braucht eine Eigentümer-Strategie. Die Politik muss dem Bahn-Management Ziele vorgeben und Ressourcen an die Hand geben, damit diese Ziele erreicht werden können. Für Erreichung der Ziele gibt es Boni, für nicht Erreichung der Ziele Sanktionen. Wenn jetzt der Bahnchef entlassen wird, dann weiß man als interessierter Beobachter gar nicht, gegen welche Zielvereinbarung er sich vergangen hat und ob für ihn mit den ihm an die Hand gegebenen Ressourcen und regulatorischen Restriktionen überhaupt mehr drin gewesen wäre. 

Aber ist die Entlassung nicht nachvollziehbar, weil die Unzufriedenheit mit der Bahn doch im ganzen Land groß ist? 

Der Bundesverkehrsminister müsste dann aber – anders als bisher in der Öffentlichkeit dargestellt – erklären können, was Lutz denn besonders schlecht gemacht hätte, verglichen mit einem anderen etwa, der in der gleichen Zeit agiert hätte. Lutz ist also der Sündenbock. Ob er aber etwas falsch gemacht, weiß keiner. Das eigentliche Problem ist, dass die Politik, offenbar auch die neue Bundesregierung, nicht weiß, was sie will, außer natürlich dass die Bahn billiger, sicherer, pünktlicher etc. wird. Doch sie hat keinen Plan, wie sie die großen Wunschträume erfüllen will, was sie dazu beitragen muss und was ein Bahn-Manager tatsächlich tun muss. 

Hat denn Lutz etwas falsch gemacht?

Tatsächlich lässt sich das eben gar nicht sagen, nur die allgemeine Misere lässt sich feststellen. Wo es keine Ziele gibt, kann man jemanden auch nicht nachweisen, dass er sie nicht erreicht hat. Jetzt jemanden entlassen, ihm vollmundig danken, ihn dann erstmal doch weitermachen lassen und nicht sagen, was man eigentlich realistisch will, das ist nicht professionell. Die jetzige Entscheidung und die Kommunikation dieser Entscheidung durch den Minister hat die Qualität der Kritik eines Fußballspiels am Wochenende: Er muss doch den Elfmeter links unten rein schießen, nicht nach rechts oben, wo der Tormann hinfliegt. Das ist schlicht wohlfeil. Das Signal an uns Kunden ist: Wir haben einen Schuldigen gefunden, jetzt haltet mal den Mund.

Wie realistisch ist es, dass die Deutsche Bahn in fünf Jahren wieder pünktlicher ist und zufriedene Kunden hat?

Die Politik verspricht das Blaue vom Himmel, das ist unrealistisch und würde in keinem Unternehmen funktionieren. Derzeit heißt es: alles wird besser und billiger – Stichwort Deutschlandticket –, alles wird  größer, mehr Verkehr auf die Schiene, alles wird qualitativ hochwertiger und pünktlicher. Doch alles gleichzeitig geht nicht. Wer das verspricht, erzeugt nur Frust. Da hilft es eben nicht, den Chef zu entlassen. Beispiel Pünktlichkeit: Wer mehr Pünktlichkeit will, muss weniger Züge fahren lassen. Zugleich muss es dann, um Engpässe zu beseitigen, Trassen-Preiserhöhungen geben. Doch das würde den Komfort einschränken und die Bahn teurer machen, weniger Züge, vollere Züge, teurere Züge. Aber dann habe ich die Pünktlichkeit schnell erreicht. 

War denn nicht das Deutschlandticket ein guter Schritt, um die Bahn attraktiver zu machen?

Hier gilt das gleiche: das Deutschlandticket hat für einige Kundengruppen Bahnfahren günstiger gemacht, aber insgesamt dem System schwer geschadet. Wenn der Fernverkehr immer unzuverlässiger wird, dann greifen viele Fernverkehrskunden jetzt mit dem Deutschlandticket auf den Regionalverkehr zurück. Der Fernverkehr gerät damit in eine finanzielle Schieflage und kontert mit Sonderangeboten. Eine Politik, die diese indirekten Kosten des Deutschlandtickets für das gesamte System gar nicht sieht, wird auch den nächsten Bahnchef vor unlösbare Probleme stellen.

Welche Qualifikationen sollte der neue Bahnchef mitbringen?

Wenn die Politik nicht realistische Ziele und Erwartungen formuliert, gibt es keinen, der als Manager hier Erfolge abliefern könnte. Ein Bahnchef, der jetzt auf der Basis des Verhaltens des neuen Ministers gegenüber Lutz einen Vertrag unterschriebe, der würde sich mit der Rolle des Sidekicks in einer schlechten Comedy-Show begnügen. Ohne dass die Politik klare Ziele vorgibt, die Zielkonflikte auflöst, weiß der neue Bahnchef gar nicht, was er tun soll. Soll er eine harte wirtschaftliche Sanierung durchsetzen, oder soll er alle Kraft auf eine Generalsanierung legen, die die Kundenzufriedenheit noch weiter in den Keller treibt. Oder ist er nur für die gute Laune zuständig? Gewinnen kann man in einem solchen Job wenig.

Alle lachen inzwischen über die Bahn, vor allem wegen der Unpünktlichkeit. Sind die Urteile eigentlich gerecht oder nicht?

Bei der Bahn handelt es sich um ein Staatsunternehmen, das identifizierbar ist. Manager und Mitarbeiter bekommen eine Leidensprämie dafür, dass sie für die Politik den Kopf hinhalten. Eine Politik aber, die ohne Eigentümer-Strategie, realistische Ziele und Ressourcenausstattung, sowie ein schwerfälliges regulatorisches Umfeld ein Unternehmen vor sich her treibt, hat es geschafft, einen Sündenbock aufzubauen und im Regen stehen zu lassen. Die Ampel-Regierung hat 400.000 neue Wohnungen versprochen und nur knapp 200.000 sind realisiert werden. Darüber müsste auch das ganze Land lachen, aber hier gibt es nicht, so wie bei der Bahn, die konkreten Anlässe und Begebenheiten für den Spott. Es gibt keine konkreten Verantwortlichen, es gibt nur eine Zahl. Die Bahn ist mit ihren Millionen Kunden der Punchingball für eine tief sitzende Dysfunktionalität im Land, die eben nicht die Bahn, weder der Chef noch die Zugbegleiterin, sondern die Politik zu verantworten hat.

Das Gespräch führte Volker Resing

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Karl-Heinz Weiß | Fr., 15. August 2025 - 14:30

In den vergangenen Jahren habe ich keine so prägnante Analyse der deutschen Politik gelesen. Das Wort "Bahn" kann man auch durch die Worte "Gesundheitswesen", "Rente", "Bundeswehr" oder "Zuwanderung" austauschen. Musterbeispiel bei der Bahn ist das Projekt "Stuttgart 21". Vom Ex-Bahnchef Dürr, MP Oettinger und Angela Merkel für "im ungünstigsten Fall 4,5 Milliarden €“ auf‘s Gleis gesetzt, nähert man sich der 15-Milliarden-Marke. Dank des Vertragswerks trägt die Bahn die Mehrkosten komplett selber. Nur ein kleines Beispiel organisierter Verantwortungslosigkeit. Das nächste Desaster "bahnt" sich bei der Stammstrecke München an.

Sabine Lehmann | Fr., 15. August 2025 - 15:14

Das Dilemma Deutsche Bahn steht symbolisch für den Niedergang einer ganzen Nation. Eine ehemals wohlhabende, gebildete u. einigermaßen rationale Nation von Dichtern, Denkern, Leistungsträgern u. fleißigen Menschen. Eine Nation, die nach dem Krieg gewachsen ist wie kaum eine andere in Europa.
Aber ihre Zeit, ihre Ära war begrenzt. Begrenzt nicht etwa durch Naturkatastrophen oder andere unabwendbare Geschehnisse u. Schicksale, nein, sie wurde begrenzt u. beendet durch Protagonisten, denen man unzweifelhaft in früheren Zeiten eine veritable mentale u. geistige Fehlfunktion attestiert hätte u. zur Sicherheit für Andere, aber auch zum Schutz vor sich selbst, sicher "untergebracht" hätte.
Nun leben wir leider in anderen Zeiten, in irren Zeiten. Denn jetzt werden wir von solchen Leuten nicht nur regiert, sondern drangsaliert. Ein wirkmächtiges Netzwerk gefährlicher Nichtskönner und Nichtswoller haben unser Land ruiniert, möchten alles Deutsche eliminieren und eine Bananenrepublik erschaffen!

@Sabine Lehmann, Sie stellen die richtige Frage: wann begann der Niedergang Deutschlands? Die Kanzler Schmidt und Schröder stellten sich gegen Strömungen in ihrer Partei, die gesamtgesellschaftlichen Erfordernissen widersprachen. Die Kanzlerin Angela Merkel verließ spätestens 2015 diesen Pfad und verursachte dadurch eine tiefe gesellschaftliche Spaltung. Und die CDU nickte dies widerstandslos ab. Demgegenüber ist die Rolle der GRÜNEN als langjährige 11%-Partei eher marginal.

Heidemarie Heim | Fr., 15. August 2025 - 18:25

Das gilt scheinbar nicht nur für die Kunden, sondern nun auch für das gehobene Management;). Und natürlich fungiert Herr Lutz aufgrund seiner unterlassenen DB-Wunderheilung als Bauernopfer. Doch so täglich wie das Murmeltier grüßt, ist es auch hier gewiss, dass der berühmte Fisch vom Kopf her zu stinken begonnen hat. Und wenn ich mir die Bundesverkehrsminister und deren Leistungsbilanzen vergangener Legislaturperioden ins Gedächtnis rufe wundert mich ehrlich gesagt nur, dass überhaupt noch Verkehr stattfindet;) Und da sprechen wir noch nicht von den heimeligen Bahnhöfen oder der Sicherheit in den Zügen vor noch schlechter gelaunten Kunden, die eine Fahrausweiskontrolle als racial profiling oder Angriff auf ihre Mannesehre missinterpretieren. Willkommen im teuersten aller Streichelzoos! MfG

Maria Arenz | Fr., 15. August 2025 - 21:34

NIcht daß ich Mitleid mit Lutz hätte. Seit er und sein Personalvorstand sich vor 2 (?) Jahren trotz damals schon katastrophaler Zustände einen Bonus genehmigt haben, weil man es geschafft hatte, auf der Leitungsebene eine Frau mehr einzustellen, als in der Diversitäts- besoffenen Bonusvereinbarung verlangt, ist er bei mir unten durch. Aber seine Entlassung wird ob des langjährigen und überaus komplexen Trauerspiels DB genausowenig wirklich etwas zum Guten ändern wie es schickere Uniformen für das Bahnpersonal könnten odere eine leckerere Gewürzmischung für das vegane Gulasch im Bord-Bisro . Der -übrigens seit 2005 in der Zuständigkeit eines CSU-Ressortministers dahinsiechende- Staatskonzern DB ist nicht reparierbar. Deutschland kann sowas nicht mehr.

Elisa Laubeth | Sa., 16. August 2025 - 09:14

Prof. Ehrmann hat leider allzu Recht: der Fisch stinkt, wie immer vom Kopf. Wir haben in der Politik und den Ministerien zunehmend unqualifiziertes, strategisch unbegabtes Personal, das verzweifelt an den Symptomen herumdoktert, die Entzündungsherde aber nicht sehen will. Man ist nicht in der Lage, konsequent zu Ende zu denken. Das Deutschlandticket ist ein Paradebeispiel für den Satz :“gut gemeint ist nicht gut gemacht“. Eine weitere soziale Wohltat aus der Steuergeldgiesskanne, extrem teuer, nicht zielgenau, denn die Pendler weichen wieder aufs Auto aus, während die Freizeitfahrer- davon gibt es zu viele- die Züge verstopfen.
Der neue Bahnchef wird genau so scheitern wie seine Vorgänger, im Dickicht der politischen und rechtlichen Vorgaben, die z.B. Streckenneu unmöglich machen. Lutz war immerhin ein gelernter Eisenbahner, er kannte den Laden. Der Nachfolger, eher eine Nachfolgerin, wird vermutlich ohne jede Erfahrung von der Politiker:*innen-Resterampe kommen. Was für ein Elend!

Konstantin Richter | Sa., 16. August 2025 - 15:06

Die preußischen/deutschen Tugenden (u.a. Pünktlichkeit, Ordnungssinn und Fleiß) waren nach dem Ende des WKII noch in den entsprechend geprägten Generationen weiter verinnerlicht. Das hat das "Wirtschaftswunder" ermöglicht, von dessen Aufbauarbeit wir heute noch zehren. Diese Menschen starben langsam weg, dafür kamen die 68er und z.B. Oskar Lafontaine („Helmut Schmidt spricht weiter von Pflichtgefühl, Berechenbarkeit, Machbarkeit, Standhaftigkeit. Das sind Sekundärtugenden. Ganz präzis gesagt: Damit kann man auch ein KZ betreiben.“) Und da keiner mehr in Deutschland mit dem Betrieb eines KZ in Verbindung gebracht werden möchte, betreibt man eben stattdessen einen staatlich organisierten Schlendrian auf allen erdenklichen Ebenen. Der Moral wegen. Der staatliche Schuldenberg zeigt an, daß der "Reichtum" Deutschlands verbraucht ist. Aber wer rettet jetzt die DDR 2.0?