Schöne neue Welt: Mikrochips werden ins Auge implantiert

In Zukunft sind Menschen und Dinge ständig und überall miteinander vernetzt und durch das Internet verbunden. Technologien werden immer intuitiver bedienbar, intelligenter und agieren unbemerkt im Hintergrund. Die beiden Zukunftsforscher Nils Müller, Gründer und Geschäftsführer des Trendforschungsinstituts TrendONE, und Innovationsberater Max Celko erklären im Interview, wie wir in der schönen neuen Welt leben werden.

Nils Müller, Gründer und Geschäftsführer von TrendONE
() Nils Müller, Gründer und Geschäftsführer von TrendONE
Eine Ihrer zentralen Zukunftsprognosen lautet, dass sich das Internet sozusagen zu einem Outernet wandelt, das heißt, dass es quasi „auf die Straße springt“, wie Sie schreiben. Sowohl Handys als auch Apps erfreuen sich schon heute wachsender Popularität. Was erwartet uns morgen beim Outernet? Müller: Das Interessante ist, dass beim Outernet die Digitalität des Internet und der Cyberspace aus dem Computer herausexplodiert in die reale Welt. Wir sind also nicht mehr an die Fesseln des Bildschirms gebunden. Wir sind always on, wir sind always connected, wir leben in einer digitalen Umwelt, wo wir immer Zugriff auf Daten haben. Wir können immer gucken, wo sind meine Freunde, welche Läden sind in der Nähe, welche interessanten Orte und Objekte sollte ich besuchen. Die Objekte werden im Web der Dinge miteinander vernetzt. Aber ich bin immer noch angewiesen auf mein Handy oder einen tragbaren Kleincomputer!? Müller: Die Evolution ist: Die Computer werden immer kleiner, sie werden unsichtbar, weil sie so klein sind, dass wir sie nicht mehr sehen können. Wenn Sie 20 Jahre zurück denken, dann war ein IBM-Großrechner so groß wie ein Raum. Die gleiche Prozessorleistung haben Sie heute in Ihrem Laptop und übermorgen in einem Kleinchip, der im Auge implantiert wird. Der ist dann so klein wie ein Sandkorn. Computer werden überall integriert werden können, in Körper, Textilien, Augen, in die Umwelt. Celko: Guided Mobility als Kompass für den Alltag wird an Bedeutung zunehmen. Navigationsprogramme auf dem Mobiltelefon übernehmen dabei die Rolle eines Wegweisers, der uns proaktiv Empfehlungen liefert, welche Bars, Geschäfte oder andere Lokalitäten in der Umgebung für uns von Interesse sein könnten. Anstatt dass wir selber das Netz nach Informationen durchsuchen, kommen diese also automatisch zu uns. Dabei könnten auch Spezialbrillen zum Einsatz kommen, die Informationen direkt in unser Sichtfeld einblenden. So wird etwa ARMAR (Augmented Reality for Maintenance and Repair) als Prototyp für das amerikanische Militär entwickelt. Damit werden Laien zum Beispiel Automotoren reparieren können über eingeblendete Grafiken, die dem Träger zeigen, an welcher Stelle man eine Schraube herausdrehen und ersetzen muss. Solche Dinge können sich später auch im Verbrauchermarkt verbreiten. Die Integration von Chips in die Augenlinse ist für viele eine Horrorvorstellung. Kann man daher davon ausgehen, dass eine wachsende Zahl von Menschen sich lieber ausklinkt aus der für sie nicht so schönen neuen Welt? Celko: Ich bin sicher, dass es viele Leute geben wird, die keine Implantate haben wollen. Es ist ein großer Schritt, Technologie in den Körper zu bringen. Aber Kontaktlinsen sind etwas anderes, denn diese kann man ja jederzeit entfernen. Es ist durchaus vorstellbar, dass digitale Kontaktlinsen eines Tages so natürlich zum Alltag gehören werden wie heute Mobiltelefone. Die Entwicklung geht in Richtung einer immer dichteren Vernetzung: früher konnten wir nur zu Hause vom Desktop aus aufs Internet zugreifen - heute haben wir über Smartphones von überall her Zugriff. Der nächste Schritt besteht darin, digitale Zusatzinformationen direkt über unser Sichtfeld zu legen. Es ist aber noch ein langer Weg, bis digitale Kontaktlinsen realisierbar sind. Die Technologie steht erst ganz am Anfang. Stichwort Datenschutz. Kann man erwarten, dass die Menschen sensibler dafür werden, weil ihnen die Gefahren bewusster werden? Oder ist Datenschutz für die nachwachsende Generation passé, weil sie es für selbstverständlich hält, dass jeder alles über sie jederzeit an jedem Ort erfahren kann? Müller: Lassen Sie mich noch kurz auf die Technologie im Körper zurückkommen. Das ist natürlich eine Intimität. Die Menschen sind aber schon bereit, ihren Körper weiterzuentwickeln. Die große Zahl an Schönheitsoperationen, Piercings, Tattoos sind alles schon Schritte, die in diese Richtung gehen. Wenn man gesundheitliche Probleme hat, trägt man selbstverständlich einen Herzschrittmacher. Das ist auch ein Technologieimplantat. Viele Deutsche haben ein künstliches Kniegelenk. Erstmal ist es ein Schritt im Gesundheitsbereich, der sehr schnell geht, weil es einen Riesenvorteil bringt, dass ich wieder gehen kann oder am Leben bleiben kann mit einer künstlichen Leber oder Niere. Dann kommt der Schritt in Richtung Gehirn. Celko: Klar, aber mit solchen Implantaten können mich andere Leute nicht überwachen. Es ist schon ein Unterschied zu Geräten, die ihnen quasi Zugriff auf meinen Körper geben und wie ich mich bewege. Das ist ein großer Schritt. Wird das Bewusstsein für Datenschutz also eher zunehmen oder schwächer werden? Müller: Die jungen Leute geben zwar schon sehr viele Daten von sich, sie wissen aber sehr genau, wie sie damit umgehen. Sie können das besser steuern. Angst entsteht ja immer durch Unwissenheit. Wir als Generation, die nicht damit aufgewachsen ist und es nicht als organischen Teil betrachtet, sondern als etwas Neues, haben Angst davor, weil wir keine Ahnung haben. Die wissen schon genau, welche Bilder sie publizieren und wie sie ihre digitale Identität schmücken. Celko: Es geht darum, die Kontrolle darüber zu behalten, welche Informationen öffentlich werden und welche nicht. Aber die Tendenz geht sicher in die Richtung, dass immer mehr veröffentlicht wird. Ein weiterer Trend, den Sie identifiziert haben, heißt „Shy Tech“. Was verbirgt sich dahinter? Müller: Es bedeutet „schüchterne Technologie“. Die Entwicklung ist ja, dass die Komplexität zunimmt dadurch, dass wir eine immer höhere Technisierung in unserer Umgebung haben. Die Menschen haben aber keine Lust auf Komplexität. Vergleichen Sie ein altes und ein neues Handy. Der Erfolg des iPhone ist auch ein Erfolgsbeispiel von Shy Tech, weil es so einfach zu bedienen ist, dass sowohl meine dreijährige Tochter als auch mein über siebzigjähriger Vater das kann. Deswegen sagen wir, die Schnittstelle zum Nutzer muss ganz schüchtern werden. Die Komplexität tritt in den Hintergrund. Meinen Sie schüchtern im Sinne von nicht so aufdringlich und natürlich? Müller: Genau, all diese Begriffe sind da drin: intuitiv bedienbar, zurückhaltend, intelligent. Viele Dinge muss man nicht mehr abfragen. Das Handy kann wissen und antizipieren, wie meine Stimmung ist. Das von Ihnen genannte Szenario, sich Chips auf die Netzhaut zu implantieren, ist aber weniger schüchtern, sondern sehr aufdringlich... Viele sind da sicher dagegen. Sehen Sie da nicht einen Widerspruch? Müller: Wie Max Celko schon sagte, es ist einfach wichtig, dass man die Kontrolle behält. Wenn ich eine aktive Kontaktlinse mit organischem Display darauf habe, besteht die Kontrolle natürlich darin, dass ich es jederzeit herausnehmen und ausschalten kann. Was sind die wesentlichen Hürden, die diese Trends überwinden müssen? Ich kann mich an manche Trendprognosen in der Vergangenheit erinnern, zum Beispiel die künstliche Intelligenz oder semantische Suchmaschinen, die mit intelligenter Technologie die Bedeutung von Webseiten erschließen, wo man immer noch darauf wartet, dass sie richtig funktionieren, und wo man vor zehn Jahren dachte, man sei heute schon wesentlich weiter. Müller: Innovationen kommen nicht von heute auf morgen, sondern sie kriechen so herein. Intelligente Dokumentenverarbeitungssysteme in Unternehmen sind heute alle semantisch. Viele Internet-Dienste sind semantisch, weil diese Technologien selbstverständlich schon hineingewebt sind in den Code. Das ist für den Nutzer oft gar nicht sichtbar. Eine Google-Suche ist selbstverständlich semantisch, weil sie intelligent ist und immer intelligenter wird. Aber Suchen, wo man eine Frage stellt, und dann die Antwort ausgespuckt wird, sind immer noch Zukunftsmusik. Müller: Wieviel Zoll sind sechs Zentimeter? Das können Sie eingeben und Sie bekommen eine Antwort von Google. Aber bei ein bisschen komplexeren Fragen funktioniert das nicht. Müller: Es ist eben eine Evolution. Die Aufgabe des Trendforschers ist ja, Dinge, die bisher unsichtbar waren, sichtbar zu machen – genau wie Sie das in den Medien machen, die Lupe anlegen und sagen: „Das ist ein Aspekt, den heben wir ganz besonders hervor.“ Semantik wird einen ganz hohen Stellenwert in der Zukunft haben. Das muss man auf Konferenzen und Vorträgen sichtbar machen und vielleicht ist es dann überpräsent und die Leute meinen, das kommt schon morgen. Celko: Damit die Leute wissen, was diese Trends bedeuten und was sie für einen Einfluss auf ihr Leben haben, ist es wichtig, ein Bild zu vermitteln, wie diese aussehen könnten, wenn sie voll etabliert sind. Dabei kann es sinnvoll sein, extreme Ausprägungen von Trends aufzuzeigen, die in dieser Form zwar eher unwahrscheinlich sind, die aber die allgemeine Richtung der Entwicklung verdeutlichen. Es ist aber wichtig, darauf hinzuweisen, dass es sich bei solchen Szenarios um Extremfälle handelt. Stichwort Zeithorizont in der Zukunftsforschung. Prognostizieren Sie für zehn oder 20 Jahre? Gibt es da eine Norm in Ihrer Branche? Müller: Dadurch dass die Entwicklungen immer schneller gehen und sich die Technologien immer rasanter entwickeln, wird der Horizont, auf den man hinausschauen kann, aus meiner Sicht immer kürzer. Früher betrafen Megatrends die nächsten 20, 30 Jahre. Heute sprechen wir eher von drei bis vier Jahren, wo wir vorausschauen können. Das Outernet ist eine Entwicklung für diesen Zeitraum, Shy Tech auch. Celko: Bestimmte Entwicklungen kann man relativ zuverlässig voraussagen, zum Beispiel die Entwicklung der Chipschnelligkeit. Generell gilt aber: Je weiter man in die Zukunft blickt, desto mehr geht man in die Ebene der Spekulation. Dabei ist die technologische Machbarkeit nur die eine Frage - die andere ist, ob und wie die Leute neue Technologien nutzen werden. Das Gespräch führte Ulrich Hottelet. Zum Artikel über die Zukunftsforschung

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