Russisches Gas - Energie als Waffe

Sind wir abhängiger von russischem Gas oder Putin von unserem Geld? Eine Bestandsaufnahme zur kalten Jahreszeit

Bei einem russischen Lieferstopp droht vielen Menschen im Baltikum, in Bulgarien und Rumänien der Kältetod
Felix Gephart für Cicero

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Christian Schägerl arbeitet als freier Journalist in Berlin.

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Tief im Erdreich unter dem Berliner Stadtteil Westend hat Holger Staisch 122 Millionen Kubikmeter russisches Erdgas gebunkert. Er und seine Leute haben es in den vergangenen Monaten mithilfe von mächtigen Pumpen dorthin geschickt, unbemerkt von den Berlinern, die an der Oberfläche leben und arbeiten. Das Gas lagert in Sandsteinschichten in 800 bis 900 Meter Tiefe, auch unter dem Olympiastadion. Auf dem riesigen Bildschirm im Kontrollzentrum von Staischs Firma dominiert derzeit beruhigendes Grün. „Wir sind wie alle deutschen Speicher zu über 90 Prozent gefüllt“, sagt der Geschäftsführer zufrieden, „der Winter kann kommen.“

Der Berliner Erdgasspeicher, den Staisch im Auftrag des kommunalen Versorgers Gasag leitet, wurde im Kalten Krieg aus Angst vor den Russen ersonnen. Zuerst hatte man am Nordrand des Grunewalds nach Erdöl und Erdgas gebohrt, in der Hoffnung, Westberlin unabhängig von den Russen versorgen zu können. Als klar war, dass hier nichts sprudeln würde, schlugen Geologen vor, das poröse Gestein zu nutzen, um Erdgas für harte Winter und für Notfälle zu bevorraten. Gasdicht abgeschlossen wird der Speicher nach oben von einer Salz- und Tonschicht.

Seit 1994 ist der Berliner Erdgasspeicher nun in Betrieb, und seit 2014 bekommt er – gemeinsam mit 50 anderen ähnlichen Einrichtungen in ganz Deutschland – eine neue, brisante Bedeutung: Wegen des Ukrainekonflikts ist die Angst vor den Russen zurück, die Sorge davor, dass Wladimir Putin bei einer neuerlichen Eskalation des Konflikts den Hahn zudrehen könnte und der Gasfluss aus den russischen Pipelines, die rund 36 Prozent des deutschen Bedarfs decken, versiegen würde. Deutschland und andere EU-Länder denken neu darüber nach, wie sie ihre Versorgung mit Erdgas in den kommenden Jahrzehnten sicherstellen.

Die Bundesregierung versichert der Bevölkerung, dass niemand in Deutschland vor dem nächsten Winter Angst haben muss. In den durchweg privat geführten Speichern lagert rund ein Viertel des Jahresverbrauchs, rund 20 Milliarden Kubikmeter. Zudem ließen sich kurzfristige Engpässe durch Zukäufe auf dem Weltmarkt, etwa aus Norwegen, ausgleichen. Dennoch ist „N-1“, wie ein Totalausfall von Lieferungen aus Russland von den Experten der Bundesregierung abgekürzt wird, derzeit eines der Topthemen von Bundeskanzlerin Angela Merkel und Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel. Sie lassen prüfen, ob Deutschland, ähnlich wie beim Erdöl, eine nationale strategische Reserve anlegen sollte und ob neue Pipelines nötig sind, die nichtrussisches Gas nach Mittel- und Westeuropa transportieren. Es geht darum, wie mehr verflüssigtes Erdgas, sogenanntes LNG, mit Schiffen aus anderen Weltregionen nach Deutschland kommen könnte und ob heimisches Schiefergas mithilfe des ökologisch umstrittenen Fracking-Verfahrens gefördert werden sollte.

In Deutschland und der ganzen EU fallen in den kommenden Monaten wichtige Entscheidungen, die beeinflussen, welche Bedeutung Russland als Energielieferant künftig haben wird. Putins Reich ist zwar existenziell von den Einkünften aus Öl- und Gasverkäufen abhängig. Doch mit neuen Pipelines in Richtung China und langfristigen Lieferverträgen mit Fernost hat Russland andere Kunden für den Fall, dass das Geschäft mit Europa nicht mehr floriert, politisch nicht mehr erwünscht oder gar aus militärischen Gründen unmöglich wird.

In der Energiewirtschaft ist man sich bereits jetzt nicht mehr sicher, dass Russland seine Lieferverpflichtungen wirklich treu erfüllt. In den vergangenen Wochen registrierten Versorger wie Eon, dass deutlich weniger Erdgas aus Russland in Westeuropa ankommt als erwartet. Noch sind die Schwankungen innerhalb der vertraglich vereinbarten Werte, doch der Verdacht steht im Raum, dass die Mächtigen am anderen Ende der Leitungen zeigen wollen, was möglich ist. Die Ukraine ist bereits seit Monaten vom russischen Gas abgeschnitten, weil ausstehende Rechnungen nicht bezahlt sind und der Preis zwischen den verfeindeten Ländern strittig ist.

Vor allem die EU-Kommission verfolgt angesichts solcher Vorfälle eine Strategie größtmöglicher Unabhängigkeit von Russland und will verstärkt auf Fracking setzen, um die Abhängigkeit von Russland zu verringern. Zudem hat Brüssel eine Liste mit Dutzenden Projekten vorgelegt, mit denen die Gasinfrastruktur so weiterentwickelt werden soll, dass Putins Einfluss schrumpft. Neue Terminals für Flüssiggas aus Afrika, dem arabischen Raum und Nordamerika wie im polnischen Swinemünde stehen ebenso auf dieser Liste wie neue Pumpstationen, mit denen Gas notfalls in großen Mengen von Westen her gen Baltikum und Südosteuropa transportiert werden kann.

Diese sogenannte „Schubumkehr“ ist eine der härtesten energiepolitischen Waffen der EU gegen Russland. Putin stört es schon jetzt enorm, dass Deutschland neuerdings von Westen her Erdgas in die Ukraine bringt und damit dem Land hilft, den russischen Lieferstopp zu umgehen. Die deutsche RWE liefert über eine Tochtergesellschaft seit April Gas in die Ukraine, sowohl über Polen als auch über die Slowakei. Fachleute halten es für möglich, dass Putin nun exakt so viel weniger Gas einspeist, wie die RWE von Westen her an die Ukraine liefert. „Die geschlossenen Verträge sehen keinen Reexport vor“, warnte der russische Energieminister Alexander Nowak Ende September im Handelsblatt.

Bisher limitieren Pipelinekapazitäten die Schubumkehr. Doch konsequent umgesetzt, würden die Brüsseler Pläne es ermöglichen, dass Gas statt von Ost nach West künftig in großen Mengen von West nach Ost fließen kann. Allerdings sind die Kosten einer solchen Strategie hoch. „Wir stehen vor der Frage, wie viel wir uns beim Thema Erdgas die europäische Solidarität kosten lassen wollen“, heißt es im Bundeswirtschaftsministerium von Sigmar Gabriel.

Die Regierungschefs der EU-Staaten haben für ihren Gipfel Ende Oktober vier Szenarien durchspielen lassen, welche Auswirkungen ein teilweiser oder vollständiger Stopp von russischen Gaslieferungen hätte. Der Test ergab, dass vor allem die baltischen Staaten und südosteuropäische Länder wie Bulgarien und Rumänien extrem betroffen wären, weil es dort kaum strategische Reserven gibt und die Abhängigkeit von russischem Gas am größten ist. Wird der Winter dort hart, könnte ein Lieferstopp Russlands sehr viele Menschen mit dem Kältetod bedrohen. Im Bundeswirtschaftsministerium wird deshalb bereits geprüft, welche Möglichkeiten es gäbe und wie teuer es wäre, den betroffenen EU-Partnern auch kurzfristig zu helfen.

Manchen geht die Wucht, mit der die Bundesregierung und die EU sich von russischem Gas absetzen, bereits zu weit. Stephan Kohler, der die von der Bundesregierung mitfinanzierte Deutsche Energie-Agentur (Dena) leitet, bezeichnet es als Illusion, wenn Deutschland glaube, ohne tiefgreifende Folgen und hohe Kosten auf russische Energielieferungen verzichten zu können. Die britischen und niederländischen Gasfelder seien bald erschöpft, und Flüssiggas sei erheblich teurer, weil Europa darum direkt mit China und anderen asiatischen Volkswirtschaften konkurrieren würde. Zudem gebe die Regierung dem breiten Widerstand der Bevölkerung gegen die Förderung eigener Vorkommen durch Fracking nach. Kohler fordert „mehr Realismus“: „Wir wollen Versorgungssicherheit ohne Russen, aber kein Fracking. Wir wollen Klimaschutz, aber keine Windräder. Wir haben das größte Aufregungspotenzial, aber keiner ist bereit, mehr für Energie zu bezahlen – das kann nicht gut gehen“, sagt der Dena-Chef.

Kohler kennt die russische Energieszene wie wenige andere in Deutschland und unterhält beste Kontakte bis in den Kreml. Eigentlich, sagt er, „wäre es verständlich, wenn die Russen umgekehrt Energiesanktionen gegen uns verhängen würden, da, wo es uns wehtut“, denn der Westen habe mit seinen gegen Öl- und Gasfirmen gerichteten Sanktionen als Erster Energie als Waffe eingesetzt. Vor allem den Amerikanern wirft der Dena-Chef unlautere Motive vor: Die USA wollten verhindern, dass das rohstoffreiche Russland und das technologiestarke Europa sich zu eng verbündeten, und hätten es auch darauf abgesehen, Europa künftig statt der Russen mit dem in den USA per Fracking gewonnenen Schiefererdgas zu beliefern.

Dass Putin wirklich den Gashahn zudreht, hält Kohler aber für nahezu ausgeschlossen: „Russland hat trotz Kaltem Krieg und trotz der Zerstörung der Sowjetunion immer vertragstreu Erdgas geliefert.“ Putin wolle ein stabiles Verhältnis zu Europa, er habe jüngst noch ein Freihandelsabkommen vorgeschlagen und bekräftigt, dass Russland und Europa zusammengehörten. Kohler hält es für geboten, konsequent auf einen Dialog mit Russland zu setzen, um zur alten Energiepartnerschaft zurückzukehren.

Die Ukrainekrise führt vor Augen, dass die energetische Abhängigkeit von Russland einen hohen Preis hat, aber dass es ökonomisch gesehen noch teurer wäre, russisches Erdgas durch solches aus anderen Quellen einfach zu ersetzen. Für diejenigen, die kostengünstig von Russland loskommen wollen, hat Dena-Chef Stephan Kohler einen einfachen Rat: im eigenen Land die Energieeffizienz mit allen Kräften, also Energiesparen, Wärmedämmung und sparsamen Technologien zu fördern: „Hier liegen gigantische Potenziale, die bisher noch keine Bundesregierung genutzt hat.“

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