Re:publica - Lobo gibt Ratschläge, der Rest steht sich im Weg

„Von der Massenkompatibilität ist die Re:publica-geprägte Netzgemeinde ungefähr so weit entfernt wie Sascha Lobo von einer anständigen Frisur.“ Christian Jakubetz über  die Ergebnisse der wichtigsten Internetmesse des Jahres

Die Netzgemeinde: Mit dem Machen haben sie es ja nicht so
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Autoreninfo

Christian Jakubetz, Jahrgang 1965. Stationen u.a. beim ZDF, N 24, ProSiebenSAT1 sowie bei diversen Tageszeitungen. Dozent u.a. an der Deutschen Journalistenschule in München und Lehrbeauftragter an der Universität Passau. Herausgeber des Buchs “Universalcode” (Euryclia, 2011). Seit 2006 freiberuflich tätig u.a. für das ZDF, die FAZ und die deutsche Ausgabe von “WIRED”. Blogger mit “jakblog.de”.

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Es gibt Tage, an denen alles zusammenkommt: Man will nach Berlin, muss mit der Bahn fahren und das dann auch noch quer durch Ostdeutschland. Wenn solche Tage zusammentreffen, sollte man sich besser auf einiges gefasst machen. Bei der Bahn sitzt man plötzlich statt in einem angekündigten neuen ICE in einem Vorkriegs-Intercity – und dass in Berlin irgendwas so funktioniert wie man sich das vorstellen würde, ist ohnehin ein absurder Gedanke, den man schon lange nicht mehr gehabt hat. Zumindest nicht im Ernst.

Denn daran, dass man mit halbwegs ernsthaften Netzgeschwindigkeiten operieren kann, sollte man auch erst besser gar nicht glauben. In der Weltmetropole Berlin nicht und schon gar nicht, wenn man dann mit dem Steinzeit-Intercity inklusive defekter Toilette durch Ostdeutschland gondelt.  An Bahn und Berlin hat man sich inzwischen schulterzuckend gewöhnt – und das Netz? Das ist den meisten immer noch egal, weil das Internet so eine Art Zugabe zum Handy ist. Schön, wenn es geht, wenn nicht, dann ist es auch nicht schlimm. Kurz gesagt: Weder im Alltag der Menschen noch in der Politik noch in Berlin und geschweige denn bei der Bahn spielt das Netz die Rolle, die es eigentlich spielen sollte, würde man es ernst nehmen.

Bei der heute zu Ende gehenden Re:publica sieht man das naturgemäß anders. Und die nackten Zahlen geben dieser Anders-Einschätzung auch erst einmal Recht. Über 5000 Besucher waren es in diesem Jahr, schon lange gehört es zum guten digitalen Ton, sich dort sehen zu lassen. Konzerne wie Microsoft sponsern die Veranstaltung und selbst Industriekapitäne wie Dieter Zetsche lassen sich dort gerne auf den Panels sehen.  Und schließlich kommt einmal pro Jahr auch noch Sascha Lobo vorbei und gibt die Parolen für die kommenden 12 Monate aus. Dieses Jahr, es war leider etwas diffus, deswegen die unklaren Formulierungen, meinte Lobo, man solle jetzt dringend mal was machen, mit viel Wut und etwas Pathos und am besten so, dass am Ende auch Angela Merkel überzeugt ist; von was auch immer.

Ach ja, mit dem Machen haben sie es ja nicht so in der nichtexistenten Netzgemeinde. Lobo machte sich während seinen Vortrags einen mittelguten Running Gag daraus, den Piraten ihren kläglichen Zustand unter die Nase zu reiben, was kein wirklich großes Kunststück ist, wenn man jemandem, der eh schon zertrümmert und zur Lachplatte gemacht am Boden liegt, noch ein paar Tritte gibt. Generell meinte Lobo deshalb, man solle einfach mehr (mit Hashtag!) #machen und weniger streiten und palavern, was an sich ein brillanter Rat ist, der aber offensichtlich nicht so ganz einfach umzusetzen ist, betrachtet man das, was von den Piraten noch übrig ist. Wenigstens haben die Piraten den beeindruckenden Beweis angetreten, dass es manchmal nicht ganz verkehrt ist, ein paar althergebrachte Regeln zu beachten, wenn man was #machen will.

Das eigentliche Problem, das diese Netzgemeinde, die es ja in Wirklichkeit gar nicht gibt, am großen Durchbruch hindert, ist weniger das fehlende Machergen. Machen können sie schon ganz gut, wenn sie wollen. Anders würde man eine Veranstaltung mit über 5000 Teilnehmern, die inzwischen auch dpa-Meldungen und Geschichten in den großen Medien produziert, gar nicht gestemmt bekommen. Das Problem ist immer noch die fehlende Massenkompatibilität . Oder anders gesagt: Man müsste, wenn man dem Netz zu mehr Breite in der (Band)Breite verhelfen will, nicht nur Angela Merkel überzeugen, sondern auch die, die Angela Merkel wählen. Davon ist die Re:publica-geprägte Netzgemeinde ungefähr so weit entfernt wie Sascha Lobo von einer anständigen Frisur.

Und wenn sie ehrlich ist zu sich selbst, diese digitale Generalversammlung, dann räumt sie ein: Massenkompatibel wollen wir ja auch gar nicht sein. Das ist so ein bisschen das lafontainehafte daran: dass Wahlen und Mehrheiten in der Mitte gewonnen werden, wusste am Ende dann doch Schröder besser als der Saarländer.

Das Problem also, das in der von Klassensprecher Lobo gemachten Forderung nach mehr machen und nach mehr Wut und nach mehr Pathos steckt, ist also weniger eines von wohlmöglichem Phlegma der Gemeinde. Sie befindet sich vielmehr im klassischen Dilemma, das ungefähr jedes Wirtschaftsunternehmen und vermutlich auch jede Partei kennt: Innovation und Veränderung entsteht immer an den Rändern, die gesellschaftliche, politische und ökonomische Mitte ist dafür der denkbar ungeeignetste Platz. So lange sich die digitale Elite darin gefällt, die digitale Elite zu bleiben,  bleibt Sascha Lobo noch lange der Schröder unter den Lafontaines.

Und Frau Merkel wird sich freuen, sich nicht überzeugen lassen zu müssen.

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