Peter Krämer will ran an die Vermögen
(picture alliance) Peter Krämer will ran an die Vermögen

Millionär Peter Krämer - „Ran an die Vermögen“

Der Hamburger Reeder und Millionär Peter Krämer fordert höhere Steuern für Reiche. Im Interview mit CICERO ONLINE spricht er über die Notwendigkeit einer Erbschaftssteuer nach britischem Vorbild, den bankrotten Euro und die Visionslosigkeit in der Politik.

Sie sind einer der reichsten Deutschen. Wie lebt es sich damit in Zeiten der Krise?

Da muss ich erst mal etwas richtigstellen: Ich gehörte nie zu den reichsten oder gar superreichen Deutschen. Bis vor drei Jahren vielleicht zu den zehntausend Reichsten in Deutschland. Infolge der Lehman-Brother-Pleite habe ich wie viele andere Reeder weltweit drei Viertel meines Firmenvermögens verloren. In der Schifffahrtszeitung „Lloyds List“, einer der ältesten Zeitungen der Welt, liest man täglich von Konkursen, von Arrestierungen von Schiffen. Die Finanz- und Währungskrise hat uns hart getroffen. Selbst die zweitgrößte Reederei der Welt, Cosco, die dem chinesischen Staat gehört, hat mit dem Marktabschwung zu kämpfen. Das zeigt, in welch schwieriger Lage wir uns befinden.

Augenscheinlich ist aber genügend Geld übrig geblieben. Schließlich fordern Sie, dass man den Reichen, also auch Ihnen, mehr Steuern aufbürdet. Finden Sie, dass der Staat Sie und andere Wohlhabende bislang zu sehr verschont hat?

Ja, selbstverständlich. Es gibt seit langem eine soziale Schieflage bei der steuerlichen Belastung hierzulande. Und die gehört endlich korrigiert.

Einige Ihrer Millionärs- und Milliardärskollegen wie Michael Otto oder Marius Müller-Westernhagen fordern eine Erhöhung der Einkommenssteuersätze. Die SPD hat soeben ein neues Steuerkonzept vorgelegt, wo genau das beschlossen wurde: Danach soll der Spitzensteuersatz von 42 auf 49 Prozent angehoben werden. Sind Sie zufrieden?

Nein, das sind doch Beträge, die lächerlich sind! Der Steuer-Effekt, den die SPD errechnet hat, ist viel zu klein. Ein symbolischer Akt ist das, mehr nicht. Das Ganze geht zudem in die falsche Richtung, weil es vor allem den Mittelstand trifft, beispielsweise Handwerksmeister, die genau rechnen müssen, um über die Runden zu kommen. Sie zu schröpfen ist kontraproduktiv. Zudem gibt es Steuerquellen, die für die Allgemeinheit sehr viel mehr Geld einbringen.

Etwa die Vermögenssteuer, die 1996 das letzte Mal erhoben wurde?

Die Vermögenssteuer auszusetzen war eine Riesendummheit. Allein Hamburg sind seitdem circa drei Milliarden Euro entgangen.

Bundesweit brachte die Vermögenssteuer jährlich neun Milliarden DM – Geld, das vor allem den Ländern zugutekam.

Hier gibt es dringenden Handlungsbedarf. International betrachtet hinken wir bei der Besteuerung von Vermögen hinterher. Da müssen wir ran! Und zwar nicht in erster Linie über die Vermögenssteuer, sondern über die Erbschaftssteuer. Die Briten bezahlen 40 Prozent Erbschaftssteuer und haben einen notwendigen Freibetrag von umgerechnet 300.000 Euro. Daran sollte man sich hierzulande orientieren.

Also her mit den Erbschaftsmillionen?

Die Erben leisten doch bislang so gut wie keinen Beitrag. Jährlich werden in Deutschland zwischen 150 und 200 Milliarden Euro vererbt. Davon sind 70 - 80 Prozent Privatvermögen. Wenn sie davon einen Teil abgeben müssten, tut das nicht weh. Dagegen bin ich strikt gegen die Erhöhung der Besteuerung von Firmenvermögen. Das träfe den kapitalschwachen Mittelstand, auf den wir hier in Deutschland dringend angewiesen sind: 70 Prozent der Beschäftigten sind dort tätig.

Soziologen sagen, dass die Wohlhabenden die großen Gewinner der zurückliegenden Steuerreformen waren. Haben die Regierungen aller Couleur bislang in der Frage der Verteilungsgerechtigkeit versagt?

Ich frage mich tatsächlich, was für eine effektive Lobby die nicht-organisierten Reichen und Superreichen haben. Ich habe viele Freunde im Ausland, die sich über den deutschen Schonkurs gegenüber Wohlhabenden wundern. Nehmen wir die Familie Quandt, denen 40 Prozent von BMW gehört. Das ist deren Privatvermögen. Für den Fall, dass wir die britischen Gesetze hätten, würde nur in diesem Fall über die Erbschaftssteuer ein Milliardenbetrag zusammen kommen – von einer einzigen Familie. Insgesamt würden rund 20 Milliarden Euro mehr in die Staatskasse gespült, Jahr für Jahr. Dagegen sind das, was die SPD jetzt plant, Peanuts.

Wie sehen denn andere Superreiche Ihren Vorstoß? Haben Sie schon böse Anrufe erhalten?

Es gibt eine höchst menschliche Eigenschaft. Man redet mehr über Menschen als mit ihnen. Ich weiß, dass über mich gesprochen wird. Aber das ist mir nicht so wichtig. Mir geht es darum, meine Ideen einzubringen und Dinge zu verändern.

Sie haben vor einiger Zeit in einem offenen Brief an Merkel und Müntefering, den damaligen Vizekanzler der Großen Koalition, mehr Abgaben für Reiche gefordert, passiert ist seither nichts. Macht Sie das wütend?

In der Tat, das macht mich ungeheuer wütend. Ich will nicht das klinische Wort depressiv gebrauchen. Aber es frustriert mich schon, dass selbst Regierungen mit SPD-Beteiligung nicht das tun, was im Ausland seit Jahren eine Selbstverständlichkeit ist.

Momentan versuchen die Politiker sowohl im In- als auch im Ausland die Schulden- und Eurokrise zu bekämpfen. Haben Sie noch Vertrauen in den Euro?

Nein, dieser Euro ist eine Fehlkonstruktion von Anbeginn. Sie können nicht eine gemeinsame Währung für 17 Länder auf den Weg bringen, ohne eine einheitliche Wirtschafts- und Fiskalpolitik zu betreiben. Das funktioniert nicht und deswegen haben wir jetzt den Schlamassel. Daher ist meine Prognose: In der jetzigen Form wird es den Euro spätestens in zwei Jahren nicht mehr geben.

Was folgt stattdessen?

Es wird eine Art Nord-Euro geben von Ländern, die bei etwa gleicher Produktivität bereit sind, ihre Steuersätze, sprich ihre Fiskalpolitik anzugleichen. Man müsste die Südländer - also Griechenland, Spanien, Portugal und womöglich auch Italien - überzeugen, dass es ihnen helfen würde, zunächst aus der Währungsunion auszutreten: und dies zu ihrem eigenen Vorteil. Man könnte ihnen dann direkt helfen. Das Problem ist doch, dass man bei der Unterzeichnung der Verträge noch nicht einmal eine Ausschlussklausel aus der Eurozone vereinbart hat.

Kanzlerin Merkel meint, mit dem Ende des Euro wäre auch das Ende Europas gekommen. Sind Sie anderer Meinung?

Das Festhalten am Euro in seiner jetzigen Form halte ich für unsinnig. Natürlich wird es Europa auch weiterhin geben. Und es wäre schön, wenn wir irgendwann so etwas wie die Vereinten Staaten von Europa bekämen. Erst einmal muss man heute aber erkennen, welche Fehler in der Vergangenheit begangen wurden, und sie korrigieren. Das fing schon mit der Erweiterung an: Da wurden Länder aufgenommen, ohne dass man konkrete Regeln festgelegt hätte, unter welchen Bedingungen man sich zusammenschließt. Ein Kardinalfehler. Dann hat man weitere Fehler gemacht, indem man die Währungsunion beschloss, ohne entsprechende Vereinheitlichungsmaßnahmen zu vereinbaren.

Also sollen die Südländer dauerhaft raus aus der Eurozone?

Keineswegs. Wenn sie in Zukunft die Voraussetzungen auf den Gebieten Fiskalpolitik, Produktivität, Bekämpfung von Korruption und Bürokratie erfüllen, können sie gerne wieder eintreten. Unter den heutigen Umständen aber darf kein Geld mehr fließen. Die Euro-Bonds halte ich ohnehin für Unsinn. Und der geplante Rettungsschirm ist nichts als „wasting money“.

Immerhin hat Deutschland am Euro sehr viel verdient.

Das steht außer Frage, und dennoch bleibe ich dabei, dass der eigentliche Konstruktionsfehler, eine Währung ohne gemeinsame Fiskalpolitik, in dieser Form nicht zu lösen ist.

Wie beurteilen Sie das europäische Krisenmanagement?

Das war und ist katastrophal. Das Auftreten der Verantwortlichen in der Öffentlichkeit ist nicht wahrhaftig, da wird gelogen, weil man zu feige ist, uns reinen Wein einzuschenken. Seien wir doch ehrlich: Der Euro ist in seiner jetzigen Form am Ende.

Man nennt Sie auch den „roten Reeder“. Fühlen Sie sich mit diesem Etikett politisch richtig verortet?

Nein, im Grunde bin ich Apo, Außerparlamentarische Opposition, und das ganz bewusst. Außerhalb des Parteiensystems habe ich sehr viel mehr Einfluss, als ich es innerhalb je haben könnte. Ich habe mir das Herz eines Kindes bewahrt und will mit der Professionalität des Erwachsenen dazu beitragen, dass es auf der Welt ein Stückchen weit gerechter zugeht.

Ihre Stiftung „Schulen für Afrika“ arbeitet erfolgreich mit Nelson Mandela und UNICEF zusammen. Was ist das Ziel?

Wir arbeiten an dem von den Vereinten Nationen formulierten zweiten Millenniumsziel, wonach jedes Kind weltweit die Möglichkeit haben soll, eine Grundschule zu besuchen. Dazu wollen wir insgesamt 5.000 Schulen bauen, weltweit fehlen derzeit rund 80.000. Hunderte Schulen sind bereits fertiggestellt. Die tausendste wird im nächsten Jahr zusammen mit unserem Altbundespräsidenten Horst Köhler in Mosambik eingeweiht.

Warum gerade Afrika?

Seit 2004 benenne ich meine Schiffe gerne nach Freiheitskämpfern, um ein Stück Selbstverpflichtung zu schaffen. Die ersten hießen Sophie Scholl, Hans Scholl und Simon Bolivar. Danach wollte ich ein Schiff nach Nelson Mandela nennen. Der Journalist Rolf Seelmann-Eggebert brachte mich dann aber auf die Idee, Schulen in Afrika zu bauen. Daraus ist die größte private Bildungsinitiative weltweit entstanden.

Für Ihr soziales Engagement erhielten Sie 2006 das Bundesverdienstkreuz. Dazu den Europäischen Preis für Menschlichkeit. Sie mischen sich ein, Sie empören sich. Hat der französische Holocaustüberlebende Stéphane Hessel recht, wenn er uns auffordert, uns wieder verstärkt zu engagieren? Haben wir es verlernt, uns über gesellschaftliche Fehlentwicklungen zu empören?

Der 93-jährige Hessel ist ein wunderbarer Mensch mit einem sehr wachen Geist, sein Büchlein „Empört Euch“ ist ein wunderbares Werk. In der Tat fehlt vielen von uns diese so notwendige Empörung. Ich vermisse heute Menschen mit Visionen, mit Charisma. Wo sind politische Zukunftsideen? Und die Köpfe dahinter? Jene, die sich klar positionieren und sagen: Das ist das Ziel, da will ich hin? Früher einmal waren das Köpfe wie Richard von Weizsäcker, Helmut Schmidt oder Egon Bahr. Nach ihnen sucht man heute leider vergeblich. Meine Hoffnung gilt der Jugend: Ich habe UNICEF-Juniorbotschafter, Mädchen und Jungen im Alter von 17 bis 20 Jahren, kennengelernt, die das Zeug haben, in die Fußstapfen der von mir so sehr verehrten oben genannten „alten Männer“ zu treten. Darauf hoffe und baue ich.

Das Interview führte Marion Kraske

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