Ralph Anderl - Von der Modelglatze zum Brillen-Designer

Eine Brillenfirma mitten in Berlin? Zu Zeiten der Internetblase wurde Ralph Anderl, Gründer von IC Berlin, dafür noch belächelt. Heute überlegt er, Fielmann zu übernehmen. Porträt eines Mittelständlers

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(picture alliance) Brillendesigner Ralph Anderl setzt Trends in der Hauptstadt

Unmögliches möglich machen!“ Das ist der selbst gestellte Anspruch von Ralph Anderl, dem Gründer und Geschäftsführer des Berliner Brillenherstellers IC Berlin (gesprochen „I see Berlin“). Mangelndes Selbstbewusstsein ist wohl das Letzte, was sich der studierte Kulturpädagoge vorwerfen lassen will. Dunkelgrauer Anzug, weißes, fast bis zum Bauchnabel aufgeknöpftes Hemd, ein grellbuntes Halstuch, gold glitzernde, nietenbesetzte Schuhe: So sitzt der markante Glatzkopf mit Fusselbart auf der Dachterrasse der Berliner Backfabrik im Prenzlauer Berg, dem Sitz des Unternehmens, und doziert darüber, wie aus einem Drei-Mann-Wohnzimmer-Projekt ein mittelständisches Unternehmen mit 125 Mitarbeitern und mehr als zehn Millionen Euro Umsatz wurde.

Dabei war Anderl zunächst nur als Fotomodel vorgesehen. Die beiden Produktdesigner Harald Gottschling und Philipp Haffmans, die er aus Schulzeiten in Oldenburg kannte, hatten eine schraubenlose Brille aus dünnem Blech entworfen und fragten Anderl, ob sie seinen unverwechselbaren Kahlkopf zu Werbezwecken einsetzen dürften. Sie wollten ihre Idee ursprünglich an einen großen Brillenproduzenten verkaufen, fanden aber keinen Interessenten. „Das ist ein weiteres Beispiel dafür, dass sogenannte Branchenprofis kein Auge für Innovationen haben“, sagt Anderl. Glaubt man seiner Darstellung, sei er „der Einzige gewesen, der das Potenzial der Brille erkannt habe“. Gemeinsam beschlossen die drei Gründer, ihre Idee im eigenen Wohnzimmer umzusetzen. Anderl übernahm die Bereiche Vertrieb, Marketing und Buchhaltung, Gottschling und Haffmans entwarfen die Brillen.

„Unser Erfolgsgeheimnis war, dass wir keine Ahnung von Brillen hatten und nicht wussten, wie man ein Unternehmen aufbaut“, sagt Anderl. Das habe sie gezwungen, unorthodoxe Wege zu gehen. Den Weg zur Bank haben sie sich dabei gleich gespart. Es war die Zeit des Dotcom- und Biotechbooms, und niemand wollte einen Brillenhersteller finanzieren. „Vor allem keinen, der in Berlin produzieren will“, sagt Anderl. Er besann sich auf die Vertriebsmethode des Brockhaus. „Ihr Lexikon bezahlten die Kunden damals auch vorab und bekamen dann nach und nach Band für Band geliefert“, sagt Anderl. Sie fanden genug Interessenten, um ihr Urmodell „Jack“ produzieren zu können. Da sie sich keine Messeauftritte leisten konnten, fuhren sie als Besucher hin und präsentierten ihre Brillen in eigens angefertigten Anzügen mit sehr vielen Innentaschen. „In Mailand wurden wir dafür rausgeschmissen, aber die erlangte Aufmerksamkeit war wichtiger“, erzählt Anderl.

Im Marketing setzte Anderl auf Schauspieler, die die Brillen in Filmen und bei öffentlichen Auftritten tragen sollten. Die ersten, die zusagten, waren Peter Lohmeyer und Corinna Harfouch. Beide ließen sich kurze Zeit später auch breitschlagen, bei IC Berlin als Gesellschafter einzusteigen.

2003 kam es dann zum großen Streit zwischen den drei Gründern. Die eine Version dazu lautet, Anderl habe mithilfe der neuen Gesellschafter die beiden Brillenerfinder aus dem Unternehmen gemobbt. Er selbst sagt dazu nur: „Eine große Liebesbeziehung ist, wie so häufig, mit einem großen Knall zu Ende gegangen.“ 2008 schloss man einen Vergleich. Die anderen beiden produzieren inzwischen mit ihrem Label Mykita eigene Brillen.

Im eigenen Unternehmen betätigt sich Anderl inzwischen hauptsächlich als „nervender Störfaktor“. Bei aller Professionalisierung versucht er trotzdem, die unorthodoxe Herangehensweise der Anfangszeit zu bewahren. „Man muss aufpassen, dass das Wasser kalt bleibt“, sagt Anderl. Bevorzugt schmeißt er immer wieder Berufseinsteiger in selbiges, die Fluktuation ist hoch. „Ich hole lieber jemanden, der am Anfang Fehler macht, als einen erfahrenen Branchenprofi, der hier nur seinen alten Job reproduziert“, sagt Anderl. Das niedrigere Gehaltsniveau der Einsteiger nimmt er dabei gerne mit. Um weiterzuwachsen und die eigene Unabhängigkeit zu bewahren, testet IC Berlin derzeit das Potenzial einer eigenen Jeanskollektion – erst mal nur mit einem Modell, wie damals bei den Brillen.

Auch deswegen kann Anderl die Frage, wann er IC Berlin an einen großen Brillenhersteller verkaufen wolle, nicht mehr hören. Er dreht dann gern den Spieß um: „Eigentlich wollten wir bereits dieses Jahr Fielmann übernehmen, aber deren Zahlen waren zu schlecht.“ Es ist halt nichts unmöglich, zumindest nicht aus Anderls Sicht.

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