Quartiermeister - Bier für den guten Zweck

Soziales Engagement müsste Spaß machen, dachte sich der Student Sebastian Jacob 2009 und gründete Quartiermeister – das Bier für seinen Kiez. Von jeder verkauften Flasche gehen ein paar Cent an soziale Projekte. Mittlerweile wurden über 10.000 Euro ausgeschüttet

Bier für den guten Zweck
Quartiermeister/pure production

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Julian Graeber hat Sportwissenschaft und Italienisch in Berlin und Perugia studiert.

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Auf dem Bahnhofsvorplatz nerven aufdringliche Greenpeace-Aktivisten, im E-Mail-Postfach geht der Newsletter der SOS-Kinderdörfer im Spam unter und ohnehin ist die Freizeit knapp bemessen – da ist es nicht immer einfach, Gutes zu tun. Soziales Engagement müsste unkomplizierter sein, dachte sich Sebastian Jacob im Jahr 2009. So kam der Jurist, der sich damals in der Vorbereitungsphase für das erste Staatsexamen befand, auf die Idee, ein Produkt zu verkaufen und den Gewinn sozialen Projekten in seinem Berliner Bezirk zugute kommen zu lassen. Und was ist bei jeder Studentenparty und in jeder Kneipe unverzichtbar? Richtig, Bier. Gesagt, getan. Im Herbst 2010 wurden in wenigen Neuköllner Bars und Kneipen die ersten Flaschen Quartiermeister verkauft – das Bier für den Kiez.

[[{"fid":"54623","view_mode":"teaser","type":"media","attributes":{"height":212,"width":220,"style":"width: 220px; height: 212px; margin: 5px; float: left;","class":"media-element file-teaser"}}]]Das Konzept ist dabei recht simpel. Das Unternehmen Quartiermeister führt das operative Geschäft und der gemeinnützige Verein Quartiermeister Berlin e.V. kümmert sich um Kontrolle, Transparenz und die Ausschüttung der Gewinne an lokale Projekte. So wurden seit der Gründung aus dem Verkauf von etwa 250.000 Flaschen bereits über 10.000 Euro an soziale Initiativen ausgeschüttet. Eine Summe, die nur erreicht werden konnte, weil alle Teammitglieder ehrenamtlich tätig sind und so keine Personalkosten entstehen. Nur so ist es den Quartiermeistern möglich, von jedem verkauften Kasten zwei Euro abzuzweigen. „Als Student kann man das noch machen. Mit einem Beruf lässt sich das zeitlich aber nicht vereinbaren. Deshalb wollen wir auf Dauer eine Erwerbsperspektive schaffen“, sagt David Griedelbach, der die Geschäfte zusammen mit Peter Eckert leitet, seit sich Gründer Jacob vor knapp einem Jahr aus zeitlichen Gründen aus dem operativen Geschäft zurückgezogen hat.

Interessierte Projekte können sich quartalweise für die Förderung bewerben. Nachdem der Verein anhand feststehender Kriterien eine Vorauswahl aus den durchschnittlich etwa 15 Bewerbungen trifft, entscheidet eine Internetabstimmung darüber, wer den Zuschlag erhält. „Es ist uns sehr wichtig, dass die Leute mitentscheiden können, wer gefördert wird. So entsteht eine größere Identifikation mit dem Konzept“, erklärt Griedelbach. Abhängig vom Quartalsergebnis werden oft auch mehrere Projekte gefördert. So konnte beispielsweise ein Fußballverein sein Vereinsheim renovieren, die Schülerhilfe einen Teil ihres Etats decken und ein integratives Café den Bau einer behindertengerechter Theke forantreiben. Katja Koslowski vom SinneWerk e.V., der das Café und Antiquariat Morgenstern betreibt, äußerte sich sehr zufrieden über den unkomplizierten Ablauf der Förderung. „Wir sind sehr glücklich über die Unterstützung von Quartiermeister, die absolut reibungslos ablief. Die Theke ist zwar noch nicht fertig, das Geld hat uns als Zuschuss aber ein gutes Stück weiter gebracht“, sagte Koslowski.

Hinter der so simpel klingenden Idee, die das Quartiermeister-Team seit 2009 stetig weiterentwickelt, steckt jedoch enorm viel Arbeit. Besonders das Finden einer passenden Brauerei gestaltete sich schwierig. Da das Quartiermeister-Team mit regionalen Partnern zusammenarbeiten wollte und Großbrauereien generell ausschloss, dauerte es, bis ein geeigneter Produzent gefunden wurde. Die ursprüngliche Partnerbrauerei ist mittlerweile insolvent – was Quartiermeister im vergangenen Jahr einen großen Lieferengpass mit entsprechenden Einbußen auf der Einnahmeseite und hohe Kosten für die Anschaffung neuer Bierkästen einbrachte. „Das Bier der neuen Brauerei schmeckt viel besser, damit sind wir sehr zufrieden“, freut sich der 26-jährige Griedelbach.

Denn trotz Lieferengpass und Brauereiwechsel ist Quartiermeister im Aufwind. Im ersten Quartal dieses Jahres sorgten 976 verkaufte Kästen für Rekordeinnahmen. Außerdem wurden die Cineasten bei der Berlinale im Februar bei 24 Veranstaltungen exklusiv mit dem Bier für den Kiez versorgt. 2011 produzierte eine befreundete Agentur sogar einen professionellen Werbespot, der auf Youtube über 4000 Mal geklickt wurde und den die Quartiermeister „Kinospot“ nennen, obwohl er nie im Kino oder Fernsehen gelaufen ist.

[video:Quartiermeister – Der Kinospot]

Längst gibt es Quartiermeister nicht mehr nur in Neukölln. In Berlin sind es mittlerweile über 30 Lokale und Getränkemärkte, die das Bier in ihren Kiezen vertreiben. Zudem wurde in München unlängst ein Ableger gegründet, der zwar unabhängig vom Berliner Verein geführt wird, aber ebenso sozial funktioniert.

Was die weitere Entwicklung betrifft, ist Griedelbach zuversichtlich: „Unsere Bekanntheit steigt und bei schönem Wetter wird ohnehin mehr Bier getrunken.“ Da sie jedoch auch bei Quartiermeister wissen, dass im Sommer nicht nur Bier getrunken wird, soll mittelfristig eine alkoholfreie Alternative angeboten werden.

„Es geht uns nicht per se ums Bier und schon gar nicht ums Saufen. Es geht um die soziale Idee, die Nachhaltigkeit und die Mitbestimmung. Wir könnten auch Limonade oder Honig verkaufen“, erklärt Griedelbach, der aus der Nähe Frankfurts stammt und erst seit drei Jahren in Berlin wohnt. Solch eine Expansion braucht jedoch viel Zeit und Kapazitäten, die das Team momentan nicht habe. Über informelle Gespräche mit potenziellen Kooperationspartnern ist das Team daher noch nicht hinausgekommen.

Somit müssen sich die Freunde der guten Tat in Berlin und München weiter mit Bier begnügen. Das schmeckt allerdings gleich doppelt so gut, wenn man damit etwas Gutes tut. In diesem Sinne: Wohl bekomm‘s!

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