FDP-Politikerin Anja Schulz
Die Union will Kinder durch die Frühstartrente an die Altersvorsorge am Kapitalmarkt gewöhnen / picture alliance / Westend61 | Alona Antoniadis

Prestigeobjekt der Union - Hat die Frühstartrente eigentlich mal jemand durchgerechnet?

Um das Rentensystem zu entlasten, will die Union Kinder mit der Frühstartrente schon früh an die Altersvorsorge heranführen. Doch die Idee hilft niemandem, außer den Regierenden selbst, schreibt Anja Schulz (FDP) in einem Gastbeitrag.

Anja Schulz (FDP)

Autoreninfo

Anja Schulz ist Beisitzerin im Bundesvorstand der FDP. Sie ist gelernte Bankkauffrau und selbstständige Finanzberaterin mit den Schwerpunkten betriebliche Altersvorsorge, Kapitalanlage und Altersversorgung.

So erreichen Sie Anja Schulz:

Die Bundesregierung feiert die sogenannte „Frühstartrente“ als großen Schritt für mehr Chancengerechtigkeit. Kinder sollen früh an Vermögensbildung herangeführt werden. Vom sechsten bis zum 18. Lebensjahr will der Staat dafür monatlich zehn Euro zum Sparen zur Verfügung stellen, damit später eine bessere Zusatzrente winkt. Es klingt nach einer charmanten Idee, allerdings bleibt bei genauerem Hinsehen wenig davon übrig. Denn das Konzept löst kein einziges strukturelles Problem unseres Rentensystems und schafft keine echte Vermögensperspektive für die junge Generation.

Früh übt sich? Ja. Aber nicht so. Finanzielle Bildung ist wichtig. Niemand bestreitet, dass Kinder und Jugendliche frühzeitig lernen sollten, wie Wirtschaft und Kapitalmärkte funktionieren. Das ist ein zentraler Baustein für spätere finanzielle Selbstbestimmung. 

Die Frühstartrente erweckt den Anschein, als würde der Staat damit Finanzbildung fördern. Aber ein staatlich verordneter Mini-Sparbetrag ist kein Finanzunterricht.

Ökonomische Bildung stärken

Kinder lernen mit sechs Jahren gerade erst lesen. Zu glauben, sie könnten dank der Frühstartrente schon die Grundlagen der Geldanlage verstehen, ist schlicht albern. Wer wirklich möchte, dass junge Menschen ökonomisch kompetent werden, muss bereits in die ökonomische Grundbildung in den weiterführenden Schulen investieren und ohne idiologische Vorurteile wertfrei erklären, wie Zinsen, Inflation und Kapitalmärkte funktionieren. Gute finanzielle Bildung entsteht nicht durch Überweisung, sondern durch die Vermittlung von Wissen. 

Schauen wir auf die ökonomische Realität der Frühstartrente. Selbst großzügigste Annahmen lassen den Effekt marginal erscheinen. Rechnen wir mit zehn Euro monatlich vom sechsten bis zum 18. Lebensjahr, also zwölf Jahre an Zuwendungen, ergibt sich zunächst an reinen staatlichen Zuwendungen ein Betrag in Höhe von 1440 Euro. Bei einer angenommenen Nettorendite von sechs Prozent pro Jahr ergeben sich 2090 Euro. Nehmen wir an, dass dieser Betrag sich bis zum 67. Lebensjahr weiterhin mit einer durchschnittlichen Nettorendite von sechs Prozent pro Jahr entwickelt, so steigt die gesamte Leistung im Laufe dieser langen Zeit auf 36.318 Euro. 

Sparmaßnahme mit homöopathischer Wirkung

Damit wir uns nicht missverstehen: Jeder Euro zählt. Aber der Staat sollte den Menschen reinen Wein einschenken. 36.000 Euro sind kein Betrag, der das Rentenniveau spürbar verbessert. Und sie sind schon gar nicht geeignet, das Versprechen einer „echten“ Zusatzrente einzulösen. Zumal es sich um einen zu versteuernden Betrag handelt. Die Versteuerung soll analog dem Altersvorsorgedepot erfolgen. Also mit dem persönlichen Steuersatz. Geht man vom heutigen Steuersatz eines Durchschnittsverdieners von 18 Prozent aus, bleiben netto 29.784 Euro übrig.

Nun sind wir aber noch nicht am Ende der Rechnung. Die Kaufkraft erodiert und zwar massiv. Altersvorsorge muss immer real gerechnet werden, nicht nominal. Wir müssen uns daher die Frage stellen: Was sind 29.784 Euro heute, aus Sicht eines Sechsjährigen, in 61 Jahren wert? Bei einer langfristigen Inflationsrate von zwei Prozent pro Jahr, und das ist eher die untere als obere Grenze historischer Entwicklung, schrumpft die reale Kaufkraft drastisch. Aus den nominalen rund 30.000 Euro werden inflationsbereinigt etwa 11.300 Euro. Nach 61 Jahren. Das reicht womöglich für ein Jahr Miete. Oder für ein Jahr Lebensmittel. Aber ganz sicher nicht für eine erwähnenswerte, auskömmliche Zusatzrente.

Politisches Placebo

Man muss sich daher ernsthaft fragen: Wem soll die Frühstartrente eigentlich helfen? Den Kindern? Nein, denn sie lernen dadurch nicht mehr über das Sparen und die Geldanlage, weil diese entweder Staat oder Eltern übernehmen. Dem Rentensystem? Nein, denn die Summen sind zu klein, um einen nachhaltig positiven Effekt auf die private Altersversorgung zu erzielen. Wem dann? Der Regierung? Ja, denn sie kann sich mit einer wohlklingenden Werbemaßnahme schmücken, ohne Verantwortung für echte Reformen zu übernehmen. 

Die Frühstartrente ist deshalb weniger ein Beitrag zur Generationengerechtigkeit als ein politisches Placebo. Vielleicht gut gemeint, kommunikativ dankbar, aber ökonomisch komplett wirkungslos. Wer Kindern und jungen Menschen wirklich Chancen eröffnen möchte, muss an die strukturellen Stellschrauben. Welche sind das? Erstens: echte Finanzbildung. Ökonomische Bildung gehört verbindlich in die Lehrpläne. Nicht als Wahlfach, sondern als Grundkompetenz. Kinder und Jugendliche sollten die weiterführenden Schulen mit einem Grundwissen zur Geldanlage, zu Sozialbeiträgen, zur Steuererklärung und zu den wesentlichen Behördengängen verlassen.

Freiräume für private Vorsorge schaffen

Zweitens: eine starke kapitalgedeckte Säule. Die neue Bundesregierung wäre gut beraten, den Gesetzentwurf für ein privates Altersvorsorgedepot, der unter dem ehemaligen Finanzminister Christian Lindner unterschriftsreif erstellt worden ist, 1:1 zu übernehmen. Wen die schwarz-rote Koalition in ihrem Entwurf nämlich mal wieder vergisst: die Selbstständigen. Drittens: Anreize für frühen Vermögensaufbau. Nicht staatliche Mini-Sparbeträge helfen weiter, sondern Freiräume für private Vorsorge, durch eine Anhebung des Sparerpauschbetrages, eine Aufhebung der Verlustverrechnungskreise bei Aktien und steuerliche Anreize für das Sparen. Und es könnte sogar helfen, anstelle von zehn Euro monatlich über zwölf Jahre direkt einmalig die sich daraus ergebenden 1440 Euro anzulegen. Denn zum sechsten Lebensjahr angelegt ergeben sich daraus nach 61 Jahren 50.350 Euro.

Und viertens: Ehrlichkeit gegenüber der jungen Generation. Die gesetzliche Rente in ihrer heutigen Form ist auf Dauer nicht tragfähig. Wer Generationengerechtigkeit ernst meint, muss diese Wahrheit endlich aussprechen und handeln und auch in der gesetzlichen Rente eine kapitalgedeckte Komponente wie die Aktienrente der FDP einbauen. Die Frühstartrente wird maximal ein politischer PR-Erfolg, aber ganz sicher kein Fortschritt für die Altersvorsorge. Sie fügt sich ein in eine Reihe folgenloser Symbolmaßnahmen. Wenn wir unseren Kindern überzeugende Startchancen geben wollen, dann müssen wir ihnen Finanzbildung vermitteln, Vermögensaufbau ermöglichen und ein Rentensystem schaffen, das auch in 40 oder 60 Jahren noch leistungsfähig ist. Alles andere ist, so hart es klingt, ein Frühstart in die Täuschung.

Bei älteren Beiträgen wie diesem wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen. Wir bedanken uns für Ihr Verständnis.

Thomas Veit | Do., 11. Dezember 2025 - 09:50

"Denn das Konzept löst kein einziges strukturelles Problem unseres Rentensystems..."

Erinnert stark an die'Rister-Rente', diesen staatlich verordneten Rohrkrepierer... ...

An die strukturelle Reform der Rente (und des offensichtlich immer dysfunktionaleren Stastssystems überhaupt) traut sich KEINE der regierenden Kartellparteien heran...

PS: Aber bei Geschlechtsumwandlungsfreiheiten (Selbstbestimmungsgesetz) sind wir hier in D international führend - tatsächlich doch!!👍
(Da grämt sich der Chinese*innen... ... 🤣)

Bernd Windisch | Do., 11. Dezember 2025 - 11:59

Antwort auf von Thomas Veit

Machen Sie doch mal einen konstruktiven Vorschlag anstatt Ihren Abgesang auf Deutschland zu perpetuieren.

Die "Frühstart-Rente" hat den Sinn frühzeitig eine private Altersvorsorge anzuregen, den Zinseszinseffekt zu verdeutlichen und somit Kinder praktisch an Geldanlagen heranzuführen. Was ist daran schlecht? Kein Mensch will damit die Welt retten.

Null Konstruktivität und andauerndes Nörgeln ist lediglich ein Konzept, das die Leere beschreibt, hilft niemanden.

Riester- und Frühstartrente haben ungefähr so viel gemeinsam wie eine Kuh und das Fliegen.

Haben Sie Kinder? Kann ich mir nicht vorstellen. Kinder im Grundschulalter oder jünger an die Finanzwelt gewöhnen. Entschuldigung, aber das ist so etwas von weltfremd, pädagogisch unsinnig und vor allen Dingen weder kindgerecht noch zielführend.
Da fällt mir ein Bonmot von Janosch zur Hundeerziehung ein:
Herr Janosch was soll man eigentlich seinem Hund beibringen?
Gut ist es, ihn über den Sinn des Lebens aufzuklären.
Wenn er sich desinteressiert zeigt, ist er ein vernünftiger Hund.

IngoFrank | Do., 11. Dezember 2025 - 10:04

Kleinstbeträgen angelegt wurde bei Fälligkeit ?
Wieviel Steuern greift der Staat dann ab ? Heute als „Steuerfrei“ beworben und dann nach „Kassenlage des Staates“ besteuert?
Und oder Sozialabgabepflichtig ?
Diesen Staats- Bakaluten sollte man nicht trauen, niemals, die wollen nur das eine, noch mehr Steuern aus den Untertanen herauspressen ….,
Gutes für den Bürger tun, was für eine Illusion ! ! die da verkauft werden soll …..
Mit freundlichen Gruß aus der Erfurter Republik

Bernd Windisch | Do., 11. Dezember 2025 - 10:52

In den vergangenen Wochen gab es eine Dauerschleife von polemischen Artikeln zur Rente im Cicero, die nicht nur nicht gerechnet, sondern auch in Teilen sachlich schlicht falsch waren.

Vor Tagen wurde an gleicher Stelle behauptet der Nachwuchs in Deutschland sei strunzdumm und nicht in der Lage ein Loch in den Schnee zu p.... Jetzt möchte man diese "zukünftigen" Versager auf weiterführenden Schulen zu Börsenexperten erziehen.

Angeblich einzige Chance für deutsche Rentner zu überleben ist der Kapitalmarkt. Der Anteil von Menschen, der sich an den Börsen sanieren soll, nimmt exponentiell zu. Es gibt keine Obergrenze. (Haben schon mal von Merkel gehört). Ein Volk lebt von der Rendite?!?

Weshalb nicht von anderen Ländern lernen? Die Niederlande machen es vor. Gilt als eines der besten Systeme der Welt (z.B. #1 im Global Pension Index 2025).

Wir sollten aufhören uns selbst schlecht zu reden. Wer 2:0 hinten liegt muss aufholen, nicht aufgeben!

Sunstreet | Do., 11. Dezember 2025 - 12:20

Ich bin fassungslos. Anstatt das Problem anzugehen, wirft man den Leuten wieder einen Bonbon hin, dessen Verteilung wahrscheinlich wieder mehr Geld kostet, als bei den Leuten ankommt.
Aber die „Experten“ der Finanzindustrie sind zufrieden und die „Experten“ der Berufspolitiker haben wieder etwas gefunden, das man medial hochhalten kann.
Und natürlich muss der Grundschüler lernen, wie man Vermögen für das Alter aufbaut. Zum einen wird sich in ca. 60 Jahren bis zum Renteneintritt nicht viel verändern und zum anderen wird er in dem Alter großes Interesse daran haben, wie das Renten- und Finanzsystem funktioniert.
Dieses Land ist so krank, es ist unfassbar.

Walter Buehler | Do., 11. Dezember 2025 - 12:43

Im Ernst?
Die Schule soll mal wieder ein Problem lösen, das die Berufspolitiker und die Gesamtgesellschaft selbst nicht lösen können?
---
Bequemer und dümmer geht es nicht, Frau Schulz!

Ihr faulen Berufspolitiker, lasst endlich die wenigen Kinder, die es noch gibt, mit diesen perversen "Reform"-Überlastungen in Ruhe und quält sie nicht noch mehr!

IHR, die gewählten Vertreter des Volkes, werdet dafür bezahlt, dass IHR die Lösung findet.
---
Die Schule muss bei uns erst wieder so stabilisiert werden, dass Lesen, Schreiben und Rechnen von jedem Kind beherrscht wird.

Dann besteht eine kleine Chance, dass das Kind die Prozentrechnung besser beherrscht als all die Habecks, Baerbocks usw., die beim Rechnen komplett von der Nachhilfe anderer abhängig sind.
---
Sollte nicht bei politischen Wahlen die Aufnahme in die Kandidatenliste von einer bestandenen Prüfung in Prozentrechnung und in den Grundlagen der Finanzmathematik abhängig gemacht werden?

Das würde bestimmt mehr bringen.

Das schlimme ist doch, dass Abgeordneter, Minister, Kanzler, Landrat, Bürgermeister jeder werden kann und diese dann die meist uneingeschränkte Personal- und Organisationshoheit haben, die in vielen Bereichen nicht einmal kontrolliert wird oder kontrolliert werden kann.
Würde ihr Betrieb funktionieren, wenn sie alle vier Jahre einen Chef bekommen würden, der von der Bevölkerung gewählt wird und dem nicht der Betrieb wichtig ist, sondern seine Wiederwahl?
Wohl kaum!