Pepsis Powerfrau

Keine Frau ist für einen größeren Börsenwert verantwortlich als Indra Nooyi. Die neue Chefin von Pepsico hat in den USA eine Bilderbuchkarriere gemacht, sie arbeitete sich von der Rezeption bis in die Vorstandsetage empor. Jetzt will die Inderin den Mythos Coca-Cola angreifen

Die Sache mit dem Mittelfinger hätte sie lieber lassen sollen, damals im Mai 2005. Da hatte Indra Nooyi vor Graduierten der Columbia University die Welt mit einer Hand und die Kontinente mit deren Fingern verglichen: Nordamerika sei der Mittelfinger, der eine hervorgehobene Rolle spiele, der aber, „wenn in unangemessener Weise gebraucht, auch Ärger bringen kann“. Ärger gab es für Nooyi nach diesem schrägen Vergleich – ein Zornessturm brach los, Schauplatz war das Cyberspace: Konservative Blogger lasen aus Nooyis Vergleich zynischen Antiamerikanismus. Über Wochen ging die Debatte. Nooyis Arbeitgeber, der amerikanische Getränke- und Lebensmittelgigant Pepsico, sah sich gezwungen, auf seiner Website eine Entschuldigung zu veröffentlichen, und Nooyi selbst beteuerte ihre „Liebe zu dem gesegneten Land Amerika“. Der Rauch ist abgezogen, die Rede liegt in den Archiven – und Indra Nooyi ist ab dem 1.Oktober die neue Vorstands-chefin von Pepsico. Damit ist sie eine der mächtigsten Frauen der Welt, die Nummer zwei unter den elf weiblichen CEOs auf der Liste der Fortune-500-Firmen und die einzige Inderin an der Spitze eines börsennotierten US-Unternehmens. Der britische Economist sieht sie als „most important female chief executive“, als das neue Rollenmodell weiblicher Führungskräfte mit globaler Strahlkraft, wie es Carly Fiorina bis zum Februar 2005 an der Spitze von Hewlett-Packard war. Indra Nooyi ist eine Frau mit vielen Gesichtern. Da ist das Mädchen aus Madras, das in Kalkutta Wirtschaft studiert, zwei Jahre beim Pharmakonzern Johnson und Johnson arbeitet und mit 23 seine Heimat verlässt, um in Amerika sein Glück zu suchen. Mit einem Stipendium studiert Nooyi an der Yale School of Management. So arm ist sie, dass sie bei ihrem Job als Rezeptionistin Saris trägt, weil sie sich keine westliche Kleidung leisten kann. Doch sie ist zäh und nimmt Stufe um Stufe auf der Erfolgsleiter von Corporate America. Sie arbeitet bei der Boston Consulting Group. Martin Koehler, der heute Geschäftsführer der Gruppe in München ist und einst mit Nooyi zusammenarbeitete, erinnert sich, dass sie schon damals eine „brillante Strategin“ war. „Ihre intellektuelle Power geht einher mit einem unbändigen Tatendrang.“ Nooyi hat Positionen beim Technologiekonzern ABB und dem Mobilfunkhersteller Motorola inne und wechselt 1994 zu Pepsico. Der Aufstieg der Indra Nooyi liest sich wie ein Vorzeige-Kapitel im Handbuch des amerikanischen Traums. Doch sie wehrt sich hartnäckig und freimütig gegen das Image der blitzblank polierten, unnahbaren Spitzenmanagerin. Häufig trällert die 50-Jährige, die einst in einer Mädchenband E-Gitarre spielte, einen Popsong während der Arbeit. Und obwohl Nooyi, Mutter von zwei Töchtern, zwölf und 21 Jahre alt, einen harten Führungsstil pflegt, kommt es vor, dass sie in einem Anfall von Herzlichkeit einen Kollegen umarmt, einfach so. Indra Nooyi mag „slightly off“ sein, knapp an der Norm vorbei. So bunt und schillernd wie ihre Saris, die sie bisweilen noch immer trägt, auch wenn ihr Konto mittlerweile Designer-Mode zulässt. Aber Indra Nooyi ist niemals langweilig. Das mag, neben ihrem scharfen Verstand und dem sicheren Instinkt für den Markt, das Rezept für ihren Erfolg sein. Erfolg, das misst sich bei Pepsico vor allem an dem Abstand zum ewigen Rivalen, der Nummer eins auf dem Markt der braunen Kultbrause: Coca-Cola. Stets galt „Coke“ als das Original, und Pepsi wenn nicht als Kopie, so doch irgendwie als zweitrangig. Dieses Image ist von der Wirklichkeit eingeholt, der Abstand zwischen den Rivalen schrumpfte in den vergangenen Jahren immer mehr. Pepsico setzte auf Zukäufe und Fusionen, auf Diversifizierung und neue Portfolios – eine Firmenpolitik, die Indra Nooyi als Finanzvorstand maßgeblich beeinflusst hat. Unter ihrer Ägide kaufte Pepsico die Saftmarke Tropicana und den Frühstücksflocken-Hersteller Quaker Oaks. Auf den Wachstumsmärkten Wasser und Fitnessdrinks hat Pepsi seinen Konkurrenten abgehängt. Zu lange hat sich Coca-Cola an das traditionelle Brausegeschäft geklammert. Mit neuen Produkten sucht Coca-Cola zwar, den Rückstand aufzuholen – bislang erfolglos. Die neue Marketing-Chefin Mary Minnick gilt als knallharte Verkäuferin, sie ist der Idealtyp der kühlen, beherrschten Geschäftsfrau und in mancher Hinsicht das Gegenbild zu Indra Nooyi. Medien und Analysten spielen bereits mit dem Szenario: Indra Nooyi gegen Mary Minnick, Zickenkrieg im Brauseland. Doch es wird wohl beim Gedankenspiel bleiben. Derzeit sieht es nicht aus, als würde Minnick bald das Vorstandsruder von Coca-Cola übernehmen. Und selbst wenn: Nooyi sei, schreibt das Fachmagazin Beverage Digest, „im Schachspiel der Geschäftswelt den anderen immer ein paar Züge voraus“. Während ihre Kollegen versuchten, sich „einen Reim auf die Gegenwart zu machen“, ergänzt Unternehmensberater Koehler, „blickt sie bereits über drei, vier Horizonte in die Zukunft“. Auch auf einem weiteren Cola-Krisenschauplatz mag sich Indra Nooyi als glückliche Wahl erweisen: Einige Bundesstaaten in Indien haben den Verkauf von Pepsi und Coke wegen angeblicher Pestizidbelastung verboten. Da können Nooyis Kontakte in die indische Politik gute Dienste leisten – solange sie nur den streitbaren amerikanischen Mittelfinger ruhen lässt. Katja Ridderbusch lebt als Autorin in Atlanta, USA. Zuvor arbeitete sie als EU-Korrespondentin. Zuletzt erschien: „Der Tross von Brüssel. Geschichten aus der Hauptstadt Europas“ (Czernin)

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