Panama Papers - Die Bedenkenträger sind nur selbstgefällige Nörgler

Seit den Veröffentlichungen um die „Panama Papers“ haben sich viele naseweise Kritiker zu Wort gemeldet. Sie rügen die öffentliche Empörung und versuchen, den Skandal herunterzuspielen. Die fünf häufigsten Vorwürfe – und wie sie entkräftet werden können

Schild zu den Büroräumen der Anwaltskanzlei Mossack Fonseca in Hongkong
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Christoph Schwennicke ist Chefredakteur des Magazins Cicero.

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Es ist zu einem Ritus der publizistischen Theaterloge geworden, über Rechercheerfolge anderer Medien die Nase zu rümpfen, deren Substanz in Abrede zu stellen und nur ein geschicktes Redaktionsmarketing hinter dem Scoop, der in Wahrheit keiner sei, zu vermuten.

So ist es jetzt auch wieder divers und kess und teilweise naseweis im Zusammenhang mit den „Panama Papers“ der Süddeutschen Zeitung geschehen. Naseweis vor allem deshalb, weil eine Spezies von Publizisten darüber urteilt, die zwar über viel Meinung, aber wenig bis keine Erfahrungen mit der Generierung von exklusiven Fakten verfügen.

In diesem Sinne ein paar Worte zu den fünf größten Missverständnissen.

Vorwurf Nummer eins: Wo ist da die Rechercheleistung? Da hat halt einer eine Festplatte voller Daten vor die Tür gestellt.

Ein solcher Vorbehalt kann nur ahnungslos oder böswillig erhoben werden. Denn er verkennt, dass der Umstand, dass sich ein Informant an diese Zeitung wendet und nicht an jene, schon etwas über deren Erfahrung und Renommee im investigativen Journalismus aussagt. Er ist also schon Teil des Rechercheerfolgs.

Vorwurf Nummer zwei: Die haben das ja vor allem alles nur hübsch orchestriert und vermarktet. Vor lauter Marketing und Tamtam ist kein echter Kern zu finden.

Zum zweiten Teil des Vorbehalts in den nächsten Punkten mehr. Zum ersten: In der Tat hat man selten zuvor eine so sorgfältige und verständlich aufgearbeitete Präsentation von Recherchematerial in deutschen Medien gefunden. Im Zusammenspiel von Text, Illustration und Grafiken kaum besser zu machen. Und ein bisschen Tamtam sei jedem zugestanden, der mit so einer Sache auf den Nachrichtenmarkt kommt.

Vorwurf Nummer drei: Das hat man sich ja alles genauso vorgestellt und eh schon gedacht.

Das nun ist ein Armutszeugnis für das journalistische Selbstverständnis. Dieser Vorwurf stellt die Unterstellung über den Beleg und das Gerücht über die Bestätigung. Eine solche Aussage kann nur von jemandem getroffen werden, der das journalistische Kerngeschäft aufgegeben hat. Es ist ein anstrengendes, langwieriges und oft genug vergebliches Tun. Im Zeitalter des schnellen Facebook-Posts lässt sich ebenso schnell mit einer steilen und völlig verstiegenen Behauptung ungleich anstrengungsloser was losmachen.

Vorwurf Nummer vier: Die akribische Aufarbeitung des Materials habe keine Folgen gezeitigt. Sie sei ein Sturm im Wasserglas. Hype eben, ohne Substanz.

Wie man auf diesen Vorwurf kommen kann, bleibt völlig schleierhaft. Denn eine ganze Insel ist gegen ihren Regierungschef aufgestanden und hat ihn zum (dann wieder relativierten) Rücktritt gezwungen. US-Präsident Barack Obama hat Stellung genommen zu den Enthüllungen, Finanzminister Schäuble startete eine neue Offensive, die Steueroasen weltweit besser in den Griff zu bekommen. Der britische Premierminister Cameron muss erleben, dass sich eine Kluft auftut zwischen seinem Reden im Amt und seinem Handeln privat. Und Russlands Präsident Putin muss sich fragen lassen, warum seine engsten Freunde genau das machen, was er öffentlich als „unparteiisch“ anprangert.

Das führt nahtlos zu Vorwurf Nummer fünf, wonach hier gar nichts Illegales aufgedeckt worden sei. Briefkastenfirmen seien schließlich nicht per se verboten.

Das nun ist der schlimmste der Vorwürfe. Denn er tut so, als dürfe nur das von öffentlichem Interesse sein, was illegal ist. Der Rest ist gewissermaßen Privatsache. Ohne nun allen Abermillionen von Briefkastenfirmen auf der Welt Unrecht tun zu wollen: Die Mehrung des Gemeinwohls steht jedenfalls nicht im Mittelpunkt des Interesses derer, die so eine Firma eröffnen. Und Transparenz ist auch nicht das oberste Ziel.  

Vor allem: Dieses Argument ist zutiefst unpolitisch und undemokratisch. Denn Gesetze sind das Ergebnis eines permanenten politischen Diskussionsprozesses, jederzeit änderbar und immer an der Realität zu überprüfen. Und wenn das leider im Moment so ist, dass diese Praxis legal ist, so hilft jedes Wissen um die Dimension des Schadens, den sie anrichtet, einen politischen Prozess in Gang zu setzen. Denn nach Schweizer Gesetzen stand vor der Androhung der Kavallerie durch den damaligen deutschen Finanzminister Steinbrück und noch viel schärferen Drohungen der amerikanischen Seite auch dort das Bankgeheimnis über allem. Inzwischen ist es faktisch abgeschafft.

Deshalb geht es bei den Panama Papers nicht um einen Zwiespalt zwischen Hirnfunktion und Empörung. Sondern um eine der wichtigsten Enthüllungen der vergangenen Jahre, an der alle rechtschaffenen Weltbürger und Regierungen ein originäres Interesse haben müssen. Anders gesagt: Gerade wer hier das Hirn einschaltet, muss im guten Sinne empört sein. Und dann besonnen und kühlen Kopfes handeln. 

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