Georg von Holtzbrinck - Nutznießer der Nazis

War der Verleger Georg von Holtzbrinck ein Nazi, der Hitler unterstützte und von seinem Unrechtsregime profitierte? Erstmals wird nun die Aufarbeitung dieser Zeit veröffentlicht

Georg von Holtzbrinck
(picture alliance) Georg von Holtzbrinck

War Georg von Holtzbrinck ein Nazi, der eine gewichtige Rolle spielte für Hitlers Propagandaminister Goebbels? Bis heute beginnt die offizielle Unternehmensgeschichte erst 1948. Der Journalist Thomas Garke-Rothbart forschte seit 1997 und legt jetzt mit dem Buch „…für unseren Bereich lebensnotwendig…“ neue Erkenntnisse vor. Wer war der Mann, der den Grundstein legte für das renommierte Verlagshaus, das heute ehemals jüdische Verlage besitzt und Autoren wie Thomas Mann, Franz Kafka und Susan Sontag verlegt? Georg von Holtzbrinck wurde am 11.Mai 1909 als viertes von fünf Kindern eines adeligen Gutshofbesitzers in Hagen in Westfalen geboren. Doch Georgs Vater musste das Familiengut verkaufen, und auch das nachfolgende Gut konnte er nicht halten. Das Geldvermögen der Familie wurde durch die Inflation entwertet.

Als Georg 1929 sein Jura-Studium in Bonn und Köln begann, musste er sich den Lebensunterhalt selbst verdienen. 1931 wurde er Mitglied im NS-Studentenbund. Nach 1945 argumentierten seine Anwälte, die Organisation sei „damals nichts weiter als andere Studentenorganisationen auch“ gewesen. Er habe lediglich an acht Treffen teilgenommen und sei wegen des niedrigen Beitrags beigetreten. Die Versprechungen der ­NSDAP auf wirtschaftliche Besserung, sagte Holtzbrinck 1949, hätten auf Studenten „eine beträchtliche Anziehungskraft ausgeübt“. Vom wirklichen Gesicht des Nationalsozialismus sei allerdings „nichts zu erkennen“ gewesen.

Doch ganz so harmlos war der Studentenbund nicht, meint Garke-Rothbart, immerhin war die NS-Studentenorganisation wegen Hetze gegen jüdische Studenten und missliebige Professoren an der Universität Köln verboten. Mehrfach war es zu Übergriffen auf Juden gekommen. Polizei musste eingreifen. Die Organisation firmierte deshalb als „­NSDAP. Sektion Universität“. Wer Mitglied werden wollte, musste zur Gauleitung. Holtz­brinck muss klar gewesen sein, auf was er sich einlässt.

Im Sommer 1930 warb Holtzbrinck Abonnenten für das „Buch für alle“ und für die „Bibliothek der Unterhaltung und des Wissens“, einer Art Buchgemeinschaft der Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart. Holtzbrinck war so erfolgreich, dass er ab 1931 ganz in das Geschäft der Zeitschriften- und Buchwerber umstieg. Das Studium brach er ab, seine Kontakte nutzte er für die Vertriebsarbeit und heuerte dafür Kommilitonen an. Damals begann auch die Zusammenarbeit mit August-Wilhelm Schlösser, seinem langjährigen Partner. Schlösser arbeitete bereits seit 1928 als Vertreter für die Union Deutsche Verlagsgesellschaft.

Im Januar 1934 wurden Schlösser und Holtzbrinck exklusiv mit der gesamten Zeitschriftenwerbung beauftragt und verpflichteten sich, jährlich 50000 neue Abonnenten zu werben. Als sich der Markt veränderte und Einbußen drohten, erwarben sie von der Union die Deutsche Verlagsexpedition (Devex), eine Firma, die nur aus einem Namen bestand, die sie ausbauen wollten. Die Reichspressekammer sah die Devex als Neugründung an. Wegen eines generellen Verbots von Neugründungen verweigerte sie die Zustimmung. Die Auseinandersetzung zog sich hin. Erst im Dezember 1936 genehmigte die Reichs­pressekammer die Firma gegen Zahlung von 100 Reichsmark Strafe. Das klingt, als hätte die Devex unter besonderem Druck der NS-Behörden gestanden, doch das Gegenteil sei der Fall gewesen, schreibt Garke-Rothbart. Die nachträgliche Genehmigung sei ein Entgegenkommen gewesen.

Holtzbrinck hatte sich mit der Partei gutgestellt. Die Genehmigung sei auch auf seinen Eintritt in die NSDAP, der laut Mitgliedskarte bereits 1933 erfolgte, zurückzuführen, wie er später betonte. Er erhielt die Mitgliedsnummer 2126353. Holtzbrinck war also zu einem sehr frühen Zeitpunkt eingetreten. Nach dem Krieg behauptete er, er sei erst 1935 eingetreten. Sein Parteiengagement habe er allerdings „auf ein Mindestmaß beschränkt“ (Garke-Roth­bart). Um Aufträge zu erhalten, habe er gegenüber Wehrmacht, Staat und Partei wiederholt mit der Parteizugehörigkeit argumentiert. Zu Verhandlungen nahm er seinen Onkel Erich mit, einen Major, hochdekorierten Frontkämpfer des Ersten Weltkrieges und Standartenführer im SS-Hauptamt. Der beeindruckte mit seiner Uniform und erhielt dafür Provisionen. Gegen Ende des Krieges soll Holtzbrinck einmal gesagt haben: „Wenn es gut geht mit dem Ausgang des Krieges, habe ich einen Onkel, welcher SS-Führer ist, wenn es anders kommt, einen nahen Verwandten in Amerika.“ Dort lebte ein anderer Onkel.

Schlösser wandte sich an die Privatkanzlei von Adolf Hitler und erhielt ein Empfehlungsschreiben. Damit sicherte sich die Devex einen Vertrag mit der Deutschen Arbeitsfront (DAF), der mit 25 Millionen Mitgliedern größten und finanzstärksten NS-Massenorganisation. Die Devex leistete den Vertrieb der DAF-Zeitschriften Schönheit der Arbeit und Freude und Arbeit. 1938 betrug die Auflage aller DAF-Blätter 28,5 Millionen Exemplare. Doch mit Kriegsbeginn stellte sie Schönheit der Arbeit ein und strich einen Teil der Auflage von Freude und Arbeit. Wegen Zahlungsrückständen der Devex kam es zu einem Prozess über drei Instanzen, den Holtzbrinck später als politischen Widerstand darstellte. „Diese politische Bewertung des Verfahrens ist nicht haltbar“, urteilt Garke-Rothbart.

Holtzbrinck feierte ohne äußeren Druck den Kriegsausbruch und den Führer und verlegte dazu 1939 eine Sonderausgabe über den Feldzug in Polen. „Man muss natürlich jetzt schnell zuschlagen, damit man anderen Verlagen… zuvorkommt“, schrieb er an Schlösser. Beide bemühten sich um Texte des von den Nazis verehrten Autors Hans Grimm („Volk ohne Raum“) und druckten sie nach. Holtzbrincks Sonderband unterschied sich nicht von der offiziellen Propaganda; Beiträge entnahm er der Parteizeitung Völkischer Beobachter und kümmerte sich selbst um die Bildauswahl. Drei Tage im Monat traf er sich mit seinem Lektor Hans-Ludwig Oeser, seit 1933 Mitglied der NSDAP und ab 1937 Kreisamtsleiter der NSDAP für Buchwesen und Schrifttum, um den Inhalt abzustimmen.

Holtzbrinck befürchtete, der Krieg könnte die Geschäfte behindern, aber der Umsatz erreichte 1942 mit 1,6 Millionen Reichsmark einen Höchststand. Holtz­brinck verdiente 120140 Reichsmark. Am 1.März 1943 wurde er zur Wehrmacht eingezogen. Das Geschäft kontrollierte er von unterwegs, indem er Briefe schrieb. Seinen Vorgesetzten schenkte er Bücher, um genügend Freiraum für seine Geschäfte zu erhalten.

Ein Magengeschwür verhilft Holtz­brinck zu einer vorzeitigen Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft. Er darf nicht arbeiten. Aber seine Frau Addy, die er 1938 geheiratet hatte, war trotz drängender Anfragen kein Mitglied der NSDAP geworden und erhält die Genehmigung für Druck und Vertrieb farbiger Postkarten. Auch das Geschäft mit dem Vertrieb von Büchern läuft wieder an.

1946 beginnt ein Spruchkammerverfahren gegen Holtzbrinck. Der Kläger will ihn als Belasteten einstufen. Ihm drohen bis zu fünf Jahre Arbeitslager, der Verlust des Wahlrechts und des Vermögens. Das Ende als Verleger. Heinrich Durst, der Anwalt von Holtzbrincks ehemaligem Partner Paul Ackermann, belastet ihn: „Soweit ich es beurteilen kann, war v.H. ein guter Nazi, vor allen Dingen ein Nutznießer, der aus dem Alleinvertrieb der verschiedenen Nazizeitschriften sehr viel Geld verdient hat.“ Holtzbrinck bietet Zeugen auf, die ihm bestätigten, dass er ein entschiedener Gegner des Krieges war, die Ehefrau eines Halbjuden als Sekretärin beschäftigte, fast nie ein Parteizeichen trug und mit seinem Lektor Olaf Saile „die Möglichkeit eines aktiven Widerstandes gegen das Selbstmordregime Hitlers“ besprach.

Am 25.Februar 1948 stuft ihn ein Richter als Mitläufer ein und verurteilt ihn zu 1200 Reichsmark Strafe. Holtzbrinck habe aus wirtschaftlichen, nicht politischen Motiven gehandelt. Garke-Rothbart dagegen fragt sich, ob Holtzbrinck „nicht doch ein Nutznießer des Systems war. In der umgangssprachlichen Auslegung des Begriffs besteht kaum ein Zweifel daran.“

Nach der Entnazifizierung schreibt Georg von Holtzbrinck an William Gerald Beckers, seinen Onkel in New York, und setzt die Nazis mit Demokraten gleich: „Stell dir einmal praktisch vor, dass eines Tages die Hälfte der New Yorker Bevölkerung nach etwa zehn Jahren vor Gericht gestellt würde, weil sie damals die Demokratische Partei gewählt hat und jeder Einzelne müsste beweisen, dass er trotz dieser Stimmabgabe ein anständiger Mensch gewesen sei! Dann hast du den ganzen Unsinn, den man bei uns angestellt hat.“ Hat er begriffen, worin seine Schuld besteht? „Jetzt liegt die Geschichte hinter einem“, schreibt er. „Vergessen werden wir sie aber nicht, denn sie war moralisch viel deprimierender als die unmittelbaren Gefahren für Leib und Besitz, die der Krieg mit sich gebracht hatte.“ Die Entnazifizierung war für ihn schlimmer als die Nazizeit.

Foto: Picture Alliance

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