Modern Monetary Theory - Helikoptergeld ist erst der Anfang

Der Nachtragshaushalt der Bundesregierung zur Bewältigung der Coronakrise bedeutet Rekordschulden von 218 Milliarden Euro. Doch ist die übermäßige Verschuldung von Staaten überhaupt problematisch? Vertreter der Modern Monetary Theory sehen das anders.

In der Modern Monetary Theory sind Zentralbanken wie die EZB eine tragende Säule / picture alliance

Autoreninfo

Nikolaus von Taysen ist Unternehmer und Mitgründer der neuen Debattenplattform forum.eu. Foto: Phil Dera

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Zwei Billionen Euro. So viel, verkündete EU-­Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen am 15. Mai 2020 der europäischen Öffentlichkeit, solle das EU-Rettungspaket kosten. Zwei Billionen Euro, die die EU noch nicht hat. Sie setzt auf neue Steuern – und auf die Druckerpresse. Deutschland senkt gleichzeitig die Steuern wie seit langem nicht mehr. Die Schuldenuhr scheint frei zu drehen. Ist der finanzpolitische Karneval ausgebrochen, bei dem Regierungen das Geld vom Prunkwagen nur so in die Menge werfen?

Seit Beginn der Corona-Krise im März dieses Jahres hantieren die Regierungen der USA, der EU, Chinas und Japans nicht mehr nur mit Milliarden, sondern gleich mit Billionen. Wir sind Zeugen davon, wie die großen Industrienationen neue Schulden machen und zeitgleich ihre Zentralbanken anweisen, diese Schulden aufzukaufen. Staaten und Zentralbanken verstoßen dabei gegen die orthodoxe Lehre der Geld- und Finanztheorie, für die insbesondere die Bundesbank bewundert wurde. Diese orthodoxe Lehre geht davon aus, dass Regierungen und Zentralbanken unterschiedliche Verantwortlichkeiten haben und strikt voneinander getrennt handeln sollten, um eine ausufernde Inflation zu verhindern.

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Markus Michaelis | Do, 2. Juli 2020 - 13:03

Ein Nachteil des alten, zinsgesteuerten Geldsystems ist, dass Zinsgewinne systematisch stark bei Akteuren anfallen, die keine oder negative Beiträge leisten. Aufsummiert über die Jahre, kann das zu unhaltbaren Schieflagen führen (ein wenig im Sinne Pikettys, aber nicht nur).

MMT scheint aber mehr Nachteile zu haben. Steuern werden offen im Parlament diskutiert und sind daher Checks&Balances und einem Interessenausgleich unterworfen. Die Notenpresse zur Finanzierung gesellschaftlich wichtiger Aufgaben, der Sicherung von Familien, Arbeit etc. klingt toll - aber da glaube ich Null dran und viele andere wahrscheinlich auch nicht. Das zehrt eine Weile vom alten Ruf der Währung und im Idealfall einer ersten Generation halbwegs gezügelter Notenpresser, dann geht es den Bach runter.

Schon jetzt druckt man für 1 Mrd, die sinnvoll ankommt weitere Mrd. die Reiche leistungslos reicher machen. Technologiesprünge kann man so ohnehin nicht finanzieren - das kann keine Planwirtschaft, was es ist.

Jürgen Keil | Do, 2. Juli 2020 - 18:01

Beim Studium in der DDR musste man sich im Fach ML zwangsläufig auch mit der Marxschen Mehrwerttheorie beschäftigen. Ich hatte gelernt, dass eine Arbeitskraft mehr Wert schaffen kann, als sie für ihren Lebenserhalt benötigt. Diesen, über den Erhalt der Arbeitskraft hinausreichenden Wert hatte sich der Kapitalist und über Steuern der kapitalistische Staat, oder aber später der sozialistische Staat aus Umsatz- und Verbrauchssteuer zum einen, und Gewinnsteuer oder der Produktions- und Handelsfondsabgabe der VEB zum größeren anderen Teil angeeignet. Die geschaffenen Werte und die zirkulierende Geldmenge sollten in einen ausgewogenen Verhältnis stehen. Das schien mir einleuchtend. Mehr Geld als geschaffener Gegenwert erzeugt Blasen. Blasen können platzen. Wie Sie sehen, habe ich von moderner Ökonomie keine Ahnung. Aber ich habe Sorge um meine Altersversorgung.

gabriele bondzio | Fr, 3. Juli 2020 - 09:54

In reply to by Gast

sollten in einen ausgewogenen Verhältnis stehen."...was auch mir eher einleuchtet.
" Steuern niedrig halten oder sogar radikal senken, und gleichzeitig die Staatsausgaben radikal erhöhen zu können."
Hätte Nebenwirkungen. Die Gläubiger haben noch mehr Einfluß auf die Politik des Staates. Und die Steuerzahler müssen konstant hoch gehalten werden, sozusagen als Sicherheit für den Gläubiger.
Das JEMAND was verschenken will, glaube ich eher nicht.

Klaus Decker | Do, 2. Juli 2020 - 21:04

Ich bin sehr erfreut darüber, dass Cicero das Thema
"Geld- und Fiskalpolitik" aufgreift. Wir können es uns nicht leisten, ohne Auseinandersetzung mit diesen neuen Ansätzen auf der theoretischen Ebene quasi faktisch zu einem Systemwechsel zu kommen, der katastrophale Folgen für unser Gesellschafts- und Wirtschaftssystem haben kann.
Wo sind die Stimmen unserer großen Geldtheoretiker - es wird Zeit, dass sie sich zu Wort melden!

Leider bekommt man diese Informationen nicht in der Tagesschau bzw in den MSM allgemein. Diese Leute werden gemieden, wie der Teufel das Weihwasser . Man muss schon das Internet bemühen. Eine Stunde Vortrag von Dr. Markus Krall reicht aus um einen wesentlich realistischen Blick auf den täglichen ökonomischen Wahnsinn zu haben.
Wenn Sie sich die Stunde genommen haben, werden Sie wissen, warum keiner von unseren elitären Fachleuten zu solchen Streitgesprächen bereit ist. Wie war das mit den neuen Kleidern des Kaisers.

Norbert Heyer | Sa, 4. Juli 2020 - 06:05

Münchhausen konnte sich bekanntlich am Zopf einschließlich Pferd aus dem Schlamm befreien und verschenktes Helikoptergeld belebt die Konjunktur. Jedes System funktioniert nur so lange, wie die entstehenden Verpflichtungen bedient werden können. So zu tun, das unbegrenzte Kreditaufnahme bei gleichzeitiger Steuersenkung/Steuergeschenke langfristig funktioniert, ist eine Lüge. Geldumlauf und Warenmenge muss immer in einem ausgewogenen Verhältnis zueinander stehen. Wenn jetzt Konjunkturprogramme in der EU beschlossen werden, die einige finanzieren und andere erhalten, ist das nur möglich, weil die Deutschen an die Zukunft der EU glauben. Faktisch reichere Länder werden von uns gestützt und diese Maßnahme wird auch noch als selbstverständlich angesehen. Wenn der „deutschen Kuh“ die Milch ausgeht, ist auch die EU am Ende und die Deutschen stecken wieder
einmal mit beiden Beinen im Desaster.Selbsterhaltung ist wichtiger als Hilfen auf Kosten der eigenen Bevölkerung. Wer hilft uns dann?