Mediengesellschaft - Politiker als Celebrities? Finger weg!

Mit Günther Krause war zum ersten Mal ein Ex-Bundesminister ins RTL-Dschungelcamp eingezogen – und schon nach einem Tag wieder draußen. Krause hatte damit ein ungeschriebenes Gesetz verletzt: Politiker und Manager müssen ihr Privatleben unbedingt schützen, schreibt Medientrainer Tom Buschardt

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Rein in den Dschungel, raus aus dem Dschungel: Günther Krause zeigt, wie nicht geht / TVNOW/ Arya Shirazi

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Tom Buschardt hat jahrelang als Journalist für private und öffentlich-rechtliche TV-Sender gearbeitet. Als Medientrainer coacht er seit 20 Jahren Politiker und Vorstandsmitglieder für öffentliche Auftritte. Er ist spezialisiert auf Krisenkommunikation.

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Manager, Politiker, Prominente und solche, die sich nach drei, vier Fernsehauftritten und ein wenig Zeitungsberichterstattung bereits für eine ‚Person des öffentlichen Lebens‘ halten, wundern sich häufig über den ruppigen und unsensiblen Umgang der Medien mit ihnen, wenn es mal nicht so rosig läuft. Zuvor haben sie aber beispielsweise in Homestorys Vertrauliches preisgegeben, Familie und Freunde involviert, Kinder in die Kamera gehalten, ihren Oldtimer zum Golfplatz gefahren, die heimische Kunstsammlung präsentiert – oder einfach nur ein wenig Privates auf (scheinbar) sympathische Art nach außen getragen. 

Dafür bekamen sie dann Anerkennung und Neid von Wettbewerbern im beruflichen und privaten Umfeld. Für Führungskräfte ist es gelegentlich auch eine wichtige Anerkennung über den beruflichen Kontext hinaus. Sorgen im Job Kennzahlen und Quartalsergebnisse für messbare Anerkennung, die (nicht zuletzt durch Boni) auch eingefordert werden kann, so ist es die Aufmerksamkeit der Boulevardmedian, die eine Relevanz über den eigenen Konzern hinaus verspricht. 

Ein echter Promi macht keine Homestory 

Viele argumentieren dann mit dem Argument: Es ist doch auch gut fürs Geschäft. Das mag für YouTuber und Instagram-Influencer gelten – aber nicht für den Vorstand. Natürlich kann man gelegentlich, kontrolliert und nach Rücksprache mit dem Pressesprecher oder der PR-Agentur, das ein oder andere Private einmal fallen lassen. Ganz ohne Softskills geht es schließlich nicht. Aber ist die Tür zur Privatsphäre erst einmal geöffnet, schließt sie sich nicht automatisch wieder, wenn der Vorstands-Sohn mit reichlich Promille am Steuer erwischt wird oder der Lebenspartner das Weite gesucht und woanders emotionale Nähe gefunden hat. Darüber hinaus gilt die einfache Faustregel: Ein echter Prominenter macht keine Homestorys. 

Larry Page, einer der Google-Gründer, hat zwei Söhne, geboren 2009 und 2011. Die Namen der beiden Jungs? Versuchen Sie mal, das herauszubekommen. Keine Chance! So geht Privatsphäre. Und nicht nur bei Google bekommen Sie dazu keine Treffer – auch auf anderen Suchmaschinen, die definitiv nicht zum Alphabet-Imperium gehören, werden Sie nicht fündig werden. Dabei wäre es für viele Medien sicher eine schöne Geschichte, zu zeigen, wie vernetzt die Söhne des Herrschers aller Internetdienste ganz privat sind. Bringen sie Papa den Morgenkaffee mit einer von künstlicher Intelligenz gesteuerten Drohne auf die Terrasse? Wenn einer der Söhne etwas von seinem Vater Larry wissen will, leitet er dann den Satz ein mit „Du, Papa…“ oder „Okay, Google“? Wir werden es wohl nie erfahren. Fehlt uns dadurch etwas? Nicht wirklich.

Wer einmal damit beginnt, muss liefern

Medienpräsenz führt in der Regel zu weiterer Medienpräsenz. Im Positiven wie im Negativen. Oder im Branchenspott ausgedrückt: Es gibt Prominente, die sind nur prominent, weil sie sich gegenseitig als Gäste in ihren jeweiligen Sendungen besuchen – bei Gameshows und Quizshows beispielsweise. Ohne diese Game- und Quizshows gäbe es diese ‚Prominenten‘ oft schon nicht mehr – denn wer eine Weile nicht aktiv im Fernsehen zu sehen ist, verliert an Marktwert. Das gilt dann auch für den Vorstand. Wer sich aus privaten Homestorys heraushält, der muss auch nicht nachliefern, weil man länger nichts mehr von ihm aus dem Privaten erfahren hat. Aber wer einmal damit beginnt – der muss liefern. Der Medienzirkus zieht weiter. 

Während für die Normalbevölkerung das bedingungslose Grundeinkommen politisch diskutiert wird, haben wir für die scheinbar prominenten Teile der Bevölkerung als Grundeinkommen „Das perfekte Promi-Dinner“, „Let’s Dance“, „Wir sind schwanger“ oder auch das Dschungelcamp. Wer dort versagt – dem bleiben nur noch der RTL-Schuldnerberater Peter Zwegat und sein Flipchart. 

Aus einem liebevollen Familienmensch wird ein betrogener 

Plötzlich geschehen Dinge, die die Medien auch interessieren: Eine schmutzige Scheidung, eine drohende Insolvenz, der Verlust eines prestigeträchtigen Amtes. Schnell bekommen die früheren Homestorys und die dort erzeugten Bilder und Medienwelten eine komplett andere Bedeutung: Aus dem erfolgreichen und stilvollen Kunstliebhaber mit mehreren Oldtimern in der Garage wird nun der Steuerhinterzieher, der sein Geld in Kunst und Antiquitäten versteckt und aus dem liebevollen Familienmensch ein gehetzter, verlassener, betrogener. 

Jeder dieser ‚prominenten‘ Akteure hat jedoch in Schönwetterzeiten das Tor zur Privatsphäre selbst weit aufgestoßen. Während sie sich damals das Recht ausbedungen haben, das zur Veröffentlichung vorgesehene Material vorher freizugeben und die Redakteure in ihrer journalistischen Freiheit einzuschränken, schlägt das Pendel nun in die andere Richtung aus. Denn: Wer seine Privatsphäre zum Thema macht, wenn es ihm nützt, der darf sich dann auch nicht wundern, dass seine Privatsphäre zum Thema gemacht wird, wenn es den Medien nutzt. Und so werden Familienangehörige von Fotografen ‚abgeschossen‘, Journalisten fangen Bekannte beim Einkaufen oder in der Tiefgarage ab, Nachbarn und ehemalige Kollegen werden befragt…

Die Gottschalks zeigen, wie es geht  

Ein positives Beispiel, wie Prominente mit solchen Situationen umgehen können, gaben Thomas und Thea Gottschalk. Im vergangenen Jahr verkündeten die beiden, dass sie sich nach über 40 Jahren Ehe scheiden lassen. Allerdings ließen sie diese Mitteilung über ihren Medienanwalt Christian Scherz verbreiten und schwiegen sich zu den Details aus. So kann man es auch machen, wenn man vorher das Private für die Mediendarstellung inszeniert hatte. Und man behält weitestgehend die Deutungshoheit über die Medienberichterstattung. 

Manager denken gerne kaufmännisch. Packen wir es an, denn wie wir anhand der medialen Aufbereitung sehen können, geht es beim Quotenrenner „Dschungelcamp“ um mehr als nur einen Aufenthalt auf einer grünen Fläche im brennenden Australien. Hier werden die Akteure in ihrem Wert nach Sendeminuten gemessen. Im Dschungelcamp beispielsweise benötigen die (Ex-)Prominenten in der Regel Geld, weil sie verschuldet sind wie Günther Krause, der in diesem Jahr als erster Ex-Bundesminister ins Camp eingezogen war.

Oder ihr Stern ist kurz vor dem vollständigen Erlöschen. Sonja Kirchberger? Ich war geschockt. Aber wenn ich ehrlich bin, habe ich sie auch seit der „Venusfalle“ nicht mehr wahrgenommen in den Medien. Trage ich eine Mitschuld an ihrem Niedergang? In diesem „Dschungelcamp“ ist sogar jemand dabei, den ich persönlich kenne und von dem ich es niemals für möglich gehalten hätte, diesen Menschen jemals in diesem Format wiederzufinden. Aber wir haben uns auch bestimmt 20 Jahre weder gesehen oder gesprochen. 

Endstation: Dschungelcamp

Begleitsendungen und Begleitmedien (die zur Sendergruppe gehören), müssen die Schein-Prominenten am Leben erhalten, um sie entweder wieder zurück in die Prominenz zu bringen (Over-Performer) oder vollständig bis zur letzten Story auszupressen (Under-Performer). Dabei wäre der Medien-Menschheit schon damit geholfen, wenn wir eine einfache Regel anwenden würden: „Ex“ oder „Sohn/Tochter“ ist kein Grund, jemanden als prominent zu bezeichnen. Wer Co-Moderator einer Sendung ist, geht auch nur zur Arbeit wie jeder andere, der im TV-Studio arbeitet. Der Beleuchter zum Beispiel. Oder die Kamerafrau. Dirk Bach, verstorbener begnadeter Moderator des „Dschungel-Camps“, sprach einmal angesichts einer neuen Staffel von „der schlechtesten deutschen Elf seit Cordoba“. Wie Recht er doch hat! Und jedes Jahr kommt eine neue Elf dazu.

So gesehen erfüllt das „Dschungelcamp“ doch noch einen wichtigen, publizistischen Auftrag: Es sollte uns Mahnung sein, die Finger von dem Bedürfnis nach scheinbarer Prominenz zu lassen. An den Extremen lernt man fürs Leben. Einziger Gewinner des Dschungelcamps dürfte Schlagerbarde Wendler sein. Seine Ex ist im Dschungelcamp. Was will er mehr?

Michaela Diederichs | Mi, 22. Januar 2020 - 16:42

Für mich ist dieser Mensch nicht ernst zu nehmenl, wenn ich das mal so schreiben darf. Eher zum Hausmeister Krause als zu etwas anderem geeignet. Seine Karriere hat er mit Sicherheit schon länger beerdigt. Jetzt geht es um Kohle zocken - meine Sicht.

In der Politik hat er ja nichts mehr zu melden,da ist keine "Kohle" mehr zu machen. Also versucht er es auf anderen Wegen. Eigentlich ein Looser.

Dominik Hellenbeck | Fr, 24. Januar 2020 - 10:12

Inwiefern Herr Krause als Prototyp „des Politikers“ dienen kann, sei dahin gestellt. Durch die Vereinigung wurde er auf Ebenen des gesellschaftlichen Lebens gespült, welche er (auch als „Westbürger“) wohl kaum erreicht hätte. So blieb seine Dienstzeit durch zahlreiche Affären im Gedächtnis – von der „Raststätten-Affäre“ (1991) über die „Autobahn-Affäre“ (1991) und die „Umzugs-Affäre“ (1991) zur „Putzfrauenaffäre“ (1992/3), seine privatwirtschaftlichen Unternehmungen endeten meist in der Insolvenz.
Selbst am Maßstab der heutigen Politiker gemessen also eine eher dubiose Randfigur, etwa wie Latex-Lady Gabriele Pauli ...