Deutsche Spitzenmanager - Bloß nicht aus der Deckung wagen

Die Spitzenmanager vieler deutscher Großkonzerne fürchten die politischen Entwicklungen in Europa und der Welt. Doch nur wenige wagen es, sich wie Siemens-Chef Joe Kaeser Nationalismus und Protektionismus entgegenzustellen. Wohl aus Angst Kunden zu verlieren

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„Wir dürfen das Feld nicht populistischen und nationalistischen Kreisen überlassen!“, sagt Joe Kaeser / picture alliance

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Karl-Heinz Büschemann war unter anderem Chefreporter im Wirtschaftsressort der Süddeutschen Zeitung und arbeitet als Wirtschaftsjournalist in München.

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Joe Kaeser musste sich an diesem lauen Sommerabend nicht lange warmreden. Der Siemens-Konzernchef, der gerade von einem Treffen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel aus Berlin nach München zurückgekommen war, ließ es sich beim Münchner Wirtschaftspresseclub zunächst nicht nehmen, erst einmal die Medien zu loben: „Gehen Sie weiterhin der Wahrheit auf den Grund“, sagte er und wirkte dabei wie ein Schmeichler.

„Bringen Sie die Einordnung in die Unordnung! Und bleiben Sie objektiv und fair!“ Die versammelten Journalisten hatten auf ihrem diesjährigen Sommerempfang bestenfalls eine launige Wein- und Schampus-Ansprache des Siemens-Chefs erwartet, aber sie wurden überrascht.

Der 61-jährige Manager wirkte nachdenklich. Der seriöse schwarze Anzug, den er nach dem Berliner Treffen trug, wirkte auf der Freiluftparty plötzlich angemessen. Das Umfeld für guten Journalismus, so sagte Kaeser angesichts von Trump-Hetze gegen Medien oder Journalistenverhaftungen in der Türkei, sei schon mal besser gewesen, „die gesellschaftliche Wertschätzung ausgeprägter, die wirtschaftlichen Verhältnisse entspannter“. Und schon war Kaeser bei seinem neuen Lieblingsthema: der Politik.

Neue Töne

Er verfiel dabei nicht in das klassische Katastrophenlamento, wie es bei Top-Managern oft üblich ist, wenn sie etwa routiniert die zu hohen Steuern in Deutschland beklagen, die wirtschaftsfeindliche Investitionspolitik oder die hohen Lohnnebenkosten, die schon bald die Nation den Bach werden runtergehen lassen.

Kaeser begann auszuholen: gegen rechte, nationalistische und protektionistische Tendenzen in der deutschen Politik, besonders in der AfD. Er sehe sich auch als Mann der Wirtschaft genötigt, sich zur politischen Lage zu äußern. „Wir dürfen das Feld der Öffentlichkeit nicht populistischen und nationalistischen Kreisen überlassen!“, sagte er in gesetztem Ton. „Wir haben wirklich etwas zu verlieren.“ Auch die bayerische Staatspartei CSU bekam von Kaeser etwas ab, ohne die Partei und ihre grenzabschottenden Pläne beim Namen zu nennen, die zu wildem Streit zwischen Kanzlerin Merkel (CDU) und Innenminister Horst Seehofer (CSU) und einer Regierungskrise geführt hatten. Es sei in Berlin zu einem „Sturm im Wasserglas“ gekommen, „der das Gelächter der Welt auf sich zieht“.

Das waren neue Töne von einem deutschen Konzernchef, und Kaeser erzählte jetzt in ironisch lockerem Tonfall, wie es ihm ergangen war, nachdem er sich im Mai öffentlich auf Twitter über die AfD-Fraktionsvorsitzende Alice Weidel geäußert hatte. Die hatte sich im Bundestag fremdenfeindlich über „Kopftuchmädchen, alimentierte Messermänner und sonstige Taugenichtse“ ausgelassen. Kaeser hatte damals einen wütenden Tweet abgesetzt und an eine Nazi-Jugendorganisation erinnert: „Lieber Kopftuchmädel als Bund Deutscher Mädel“, war seine Kurzbotschaft. Alice Weidel schade mit ihrem Nationalismus dem Ansehen Deutschlands in der Welt. „Da, wo die Hauptquelle des deutschen Wohlstands liegt.“ Und dann sei es losgegangen. Er habe einen Schwall von bösartigen Reaktionen bekommen. „Es wurde zum Teil richtig derb aggressiv, polemisch. Konkrete Gewalt wurde angedroht.“ Auch gegen seine Familie und seine Mutter. „Wenn man das selbst nicht erlebt hat, kann man sich nur schwerlich vorstellen, was da auf einen einprasselt“, beschrieb er seine Erlebnisse.

Ein neue Initiative?

Für Kaeser war diese Erfahrung offenbar Anreiz, sich erst recht nicht zu verstecken. Auch Firmenchefs, so sagt er, müssten sich zu diesen gefährlichen Tendenzen in der Politik äußern. So was dürfe man nicht stehen lassen. Das sei eine Frage „des Anstands und der Moral“. Es gehe um die Frage, ob wir aus der Geschichte gelernt hätten. „Ausgrenzung, Populismus und Rassenhass haben das finsterste Kapitel unserer Geschichte geprägt“, so Kaeser. Diese Botschaft loszuwerden, sei ihm wichtig. Er könne es sich leisten, so deutliche Worte zu finden. „Ich muss mir nichts mehr beweisen.“ Ein Unternehmen wie Siemens stehe in der ganzen Welt für deutsche Werte. Dafür trage er Verantwortung.

Andere Bosse dagegen sind ruhiger. Leider, beklagt Kaeser. Aus anderen Firmen bekomme er keine Unterstützung, wenn es um die Verurteilung nationalistischer oder rassistischer Politik gehe. Er habe andere Unternehmen für eine gemeinsame Initiative gewinnen wollen, aber keine Zusage erhalten. Der Chef eines Autokonzerns habe ihm gesagt, er werde keine Kritik an der AfD üben, weil dann möglicherweise „19 Prozent meine Autos nicht mehr kaufen“. Dieser Autochef, so ist bei Siemens herauszuhören, soll Daimler-Chef Dieter Zetsche gewesen ein. Weder Siemens noch der Stuttgarter Konzern aber wollen das bestätigen. Dabei hatte Zetsche die Flüchtlingszuwanderung noch im Herbst 2015 vollmundig als mögliche Basis für „das nächste deutsche Wirtschaftswunder“ bezeichnet. Seitdem aber schweigt er. Auch Adidas-Chef Kasper Rorsted soll abgewunken haben. Das Herzogenauracher Unternehmen bestreitet, von Kaeser in dieser Frage angesprochen worden zu sein. 

Wenigstens der Schraubenkönig Reinhold Würth springt Kaeser bei. Der ist einer der reichsten Menschen in Deutschland. Würth ist inzwischen 83 Jahre alt und hat bereits viel erlebt. Vielleicht macht er sich darum Sorgen um die politische Entwicklung in Deutschland und fürchtet den Rechtsruck: „Viele kleinkarierte Menschen würden heute sehr gerne unser Grundgesetz ändern, nach dem wir verpflichtet sind, Menschen, die in Sorge um ihr Leben sind, bei uns aufzunehmen“, sagte der Firmenpatriarch auf der Feier zum 100. Geburtstag von Nelson Mandela. „Lassen Sie uns dieses Recht beibehalten.“ Er sehe manchmal Parallelen zur Weimarer Republik: „Lassen Sie uns verhindern, dass wir in eine braune Diktatur hineinlaufen.“ 

Gefahr für Gesellschaft und Wohlstand

Aber auch BASF-Chef Martin Brudermüller fühlt sich zunehmend unwohl im herrschenden politischen Umfeld. In kleinem Kreis lässt er erkennen, wie sehr ihn die zunehmende nationalistische Politik in Europa und Amerika bedrückt. Wo Amerikas Präsident Donald Trump die Welt spaltet, und wo sich in Europa Versuche häufen, die EU zu schwächen, droht auch für den BASF-Chef eine Gefahr für Gesellschaft und Wohlstand. Gerade jetzt, so sagt Brudermüller gegenüber Cicero, brauche Europa starke, von allen gemeinsam getragene Positionen gegenüber den USA, aber auch gegenüber der Langfriststrategie Chinas. Europas Wohlstand könne nur erhalten werden, wenn wir einig seien und mit einer Stimme sprächen „Doch leider folgen immer mehr Länder in Europa ihren Einzelinteressen und unterlaufen damit die Interessen Europas.“

Wo Brudermüller, Würth und Kaeser sich gegen Rechtsradikalismus oder zunehmende EU-Feindlichkeit äußern, aber schweigen die meisten Wirtschaftsvertreter. Dabei steht vieles auf dem Spiel, was in Deutschland und Europa für Frieden und zuvor nie gekannten Wohlstand gesorgt hat.

Gerade die Unternehmen haben von der europäischen Integration profitiert. Das war auch der Grund, warum sich immerhin die großen Wirtschaftsverbände vom Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) bis zum Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) zu Wort meldeten und erklärten, dass es „angesichts der aktuellen weltpolitischen Entwicklungen und ökonomischen Herausforderungen“ auf „ein gemeinsames Vorgehen“ innerhalb der EU ankomme. Die deutsche Wirtschaft blicke „mit Sorge“ auf die Bundesregierung, hieß es in der ungewöhnlich kritischen Stellungnahme der Spitzenverbände. „Die parteipolitischen Streitigkeiten schaden dem Ansehen Deutschlands. Sie schwächen uns auf europäischer sowie auf internationaler Bühne.“ Das „große europäische Einigungswerk“ dürfe keinesfalls aufs Spiel gesetzt werden.

Profit vor Politik

Doch die Statements wirken blass. Denn die Chefs, die Gesichter der Wirtschaft, sie sagen nichts und tragen so zur wachsenden Spaltung von Unternehmen und Gesellschaft bei, die einander längst fremd geworden sind, nicht zuletzt, weil die Finanzkrise vor zehn Jahren, ausufernde Chefgehälter oder schwere Krisen und Skandale wie der Dieselbetrug bereits viel Vertrauen zwischen beiden zerstört haben.

Gerade die deutsche Autoindustrie hätte allen Grund, sich für die Offenheit der Grenzen zu engagieren, für die Freiheit des Handels. Die deutschen Autokonzerne erzielten im vergangenen Jahr fast zwei Drittel ihres Umsatzes außerhalb Deutschlands. Ohne Exporte wären sie kaum lebensfähig. Die Wirkungen der trumpschen Abschottungs- und Zollpolitik sind bei den deutschen Herstellern schon spürbar. Daimler gab Ende Juni eine dramatische Gewinnwarnung für die Aktionäre heraus, die zum großen Teil auf den nationalistischen Protektionismus von Trump zurückgeht. Die höheren Zölle, die jetzt China als Vergeltung für in den USA gebaute Autos verlangt, könnten nicht an die Kunden weitergegeben werden, teilte der Konzern mit. Auch der Absatz in der Volksrepublik werde daher zurückgehen. Die Stuttgarter produzieren heute mehr als 300 000 Autos in den USA. Die neuen Strafmaßnahmen zerstören alte Lieferketten und verteuern die Produktion. Die Autokonzerne reagieren auf die zunehmende Abschottung, indem sie ihre Produktionen verlagern. Das schafft aber neue Probleme und knebelt sie in Sachen Mund aufmachen. Wer würde schon öffentlich gegen die Politik etwa des Nationalisten Viktor Orbán an der Staatsspitze Ungarns zu Felde ziehen, wenn er gerade ein neues Werk in dem osteuropäischen Land plant? Sowohl Daimler als auch BMW ziehen in Ungarn gerade neue Fabriken auf.

Sich in politische und öffentliche Debatten einzumischen, gilt außerdem als unpassend in Wirtschaftskreisen. Viel zu riskant, sagen viele. „Da kann man nichts gewinnen“, sagt ein Chefkommunikator. Um die eigenen Ziele zu erreichen, zieht man es offenbar vor, die eigene Macht für die Öffentlichkeit eher unsichtbar in Berlin und Brüssel wirken zu lassen. Dort unterhalten die Konzerne eigene Repräsentanzen, deren Mitarbeiter nichts anderes tun, als im richtigen Moment mit den richtigen Personen zu sprechen, um Einfluss auf Geschehen und Gesetze zu nehmen. Oft werden diese Abteilungen für Public Affairs von ehemaligen Politikern geleitet, um den Einfluss auf Politiker und Bürokraten noch geräuschloser zu gestalten. Nach Schätzungen der Nichtregierungsorganisation Lobby Control beeinflussen allein in Brüssel 25 000 Lobbyisten mit einem Jahresbudget von 1,5 Milliarden Euro die EU-Institutionen. Etwa 70 Prozent von ihnen arbeiten für Unternehmen und Wirtschaftsverbände. In Berlin sind der Organisation zufolge 6000 Interessenvertreter aktiv.

Auch grundlegende Politik bräuchte Lobbyismus, wenn es um Prinzipien von Demokratie, freiem Handel und offener Gesellschaft geht. Da aber melden sich die Chefs ab. Das sei ein Fehler, sagt Siemens-Chef Kaeser. Ob sich die Chefs an den Konzernspitzen häufig genug zu Wort melden? Kaeser sagt klar: „Ich denke nein.“ Ein Unternehmenschef müsse manchmal politisch sein, auch wenn er kein explizit politisches Mandat von seinen Aktionären oder den Mitarbeitern habe.

Der meist verhasste Manager in Deutschland

Auffällig scheu wirken die hoch bezahlten Firmenchefs, wenn es etwa darum geht, sich in Talkshows zu setzen, wo Politik inzwischen oft intensiver debattiert wird als im Parlament. Äußerst selten sind Dax-Chefs in Fernsehrunden zu sehen. Dabei beschäftigen sie in ihren PR-Abteilungen jede Menge Medienberater und Redenschreiber. Dass im März dieses Jahres der neue VW-Vorstandschef Herbert Diess eine Ausnahme machte und sich in Anne Wills Sonntagsrunde setzte, hatte wohl eher damit zu tun, dass der Mann auf seinem Posten neu und die Lage im Dieselkrisenkonzern Volkswagen miserabel ist. Er wollte und konnte die Außendarstellung offensichtlich nicht mehr an untere Ränge delegieren. Doch im Ganzen wirkt es wie eine stille Übereinkunft. Die Regel der Firmen lautet: keine Talkshows! Eine Begründung dafür klingt interessant. Die mächtigen Chefs könnten sich in den Gesprächsshows nicht durchsetzen, sagt ein Dax-Kommunikationschef: „Das sind doch reine Konfrontationsshows.“ In diesen Runden gehe es „nur um die emotionale Wahrnehmung“. Man könne kein sachbezogenes Argument vorbringen, wenn man geübten Talkshowgästen gegenübersitze, die den CEOs rhetorisch überlegen seien. „Auf keinen Fall“ werde er seinem Chef die Teilnahme an einer Talkshow empfehlen.

Josef Ackermann, der Chef der Deutschen Bank von 2002 bis 2012, hatte damit kein Problem. Der kämpferische Schweizer, der den Deutschen immer wieder provozierende Thesen über die Notwendigkeit hoher Kapitalrenditen oder Supergehälter von Firmenchefs entgegenhielt, war der Ansicht, Politiker und Wirtschaftsvertreter müssten angesichts der Spannungen zwischen beiden Bereichen den Dialog miteinander verstärken. Man müsse doch sehen, „dass Märkte letztlich nichts anderes repräsentieren als die Willensäußerungen von Millionen Bürgern“. Diese Offenheit aber hatte dem umstrittenen Deutsch-Banker nicht geholfen. Er war bei Politikern der wohl am meisten verhasste Manager der deutschen Wirtschaft.

Warum auch sollten Konzernchefs daran denken, sich für politische Prinzipien starkzumachen, wenn das Aktiengesetz sie verpflichtet, den Gewinn ihrer Firmen im Interesse der Aktionäre zu maximieren? Man könnte aber auch fragen: Warum eigentlich nicht? Schließlich sollen auch Firmen dem Gemeinwohl dienen, wie die offenen Grenzen in Europa den Interessen der Unternehmen dienen: „Wir wollen uns nicht an politischen Diskussionen beteiligen“, sagt der Sprecher eines Konsumgüterherstellers, der nicht genannt werden will. „Das ist für den Chef eines globalen Konzerns nicht so einfach.“ Der Sprecher fragt zurück: „Wollen wir denn, dass ein Unternehmen sich politisch äußert?“

Anbiedern für den Gewinn?

Mancher Unternehmenssprecher macht sich über Kaesers politische Vorstöße gegen rechtsextreme Strömungen lustig. Der Siemens-Chef habe „jetzt ja wohl die AfD für sich entdeckt“, sagt der Sprecher eines Autokonzerns. Es sei „grundsätzlich schwer für ein Unternehmen, sich zur AfD zu äußern“. Die Angst, Kunden zu verlieren, sei nicht der Grund. Was sonst ein Motiv sein könnte, verrät er nicht.

So selten sich die Konzernchefs politisch äußern, so auffällig geschmeidig lassen sie sich zugleich von Politikern einspannen. Während Siemens-Chef Kaeser die AfD kritisiert, war es hingegen kein Problem, sich bald nach der Kriminvasion durch die russische Armee von Moskaus Staatschef Wladimir Putin im Kreml empfangen zu lassen. Fernsehkameras machten den Besuch zu dem, was er für Putin sein sollte: ein Imagegewinn für den seit der Einnahme der Halbinsel international isolierten Staatschef. Kaeser versuchte später zu erklären, warum der Besuch richtig war. Siemens habe viele Mitarbeiter in Russland. Später sah er ein, dass die Visite unter Scheinwerferlicht ein Fehler war. 

Auch Anfang 2018 beim Weltwirtschaftsforum in Davos wirkten einige deutsche Dax-Chefs wie Laienspieler auf großer internationaler Bühne. So biederten sich Siemens-Chef Kaeser und der Vorstandsvorsitzende von SAP, Bill McDermott, ausgerechnet bei einem Dinner mit deutschen Firmenbossen beim US-Präsidenten Donald Trump an, der weltweit dafür kritisiert wird, den freien Handel zwischen den Nationen zu attackieren und mit allen Mitteln die Interessen Amerikas über die der anderen Nationen zu stellen und den Wohlstand weltweit in Gefahr zu bringen. Kaeser pries – in der Tagesschau gut hörbar – den Präsidenten für seine Steuerreform, die den Unternehmen riesige Ersparnisse bringen. SAP-Chef McDermott betonte eifrig dem Präsidenten zugewandt, Trump habe „Schwung in die Weltwirtschaft gebracht“. Andere deutsche Konzernchefs waren an jenem Abend zurückhaltender. Einer, der dabei war, sagte: „Man kann an einem solchen Essen teilnehmen, ohne sich anzubiedern.“ Er habe Trump nicht einmal die Hand gegeben.

Kein Blick für langfristige Folgen

Dabei stellten sich McDermott und Kaeser nur in die Reihe der meisten US-Top-Manager, die sich ebenfalls Kritik am US-Präsidenten versagen. Ein Grund für deren Freundlichkeit: Trumps protektionistische Abschottungs- und Zollpolitik ermöglicht vielen Unternehmen für einige Jahre zunächst gute Geschäfte. Die US-Börse ist seit Trumps Machtantritt um rund 6000 Punkte gewachsen, eine Steigerung von 30 Prozent. Für US-Manager, die meist im Zeithorizont von drei Monatsperioden denken, ist das positiv. Die langfristigen Folgen der trumpschen Politik für die US-Wirtschaft und den globalen Handel dürften nach Schätzungen vieler Ökonomen hingegen negativ sein. 

Deshalb warnen nur wenige Chefs vor den Folgen von Trumps Politik, zumal sie fürchten, von ihm mit Auftragsentzug bestraft zu werden, wenn sie sich den Orders des Weißen Hauses widersetzen. Nur wenige tun es: Jamie Dimon, Chef der Investmentbank JP Morgan und Sprachrohr der Wall Street, nannte die Wirtschaftspolitik in Washington schon einen „blöden Mist“. Die junge Generation habe allen Grund, „pessimistisch zu sein bezüglich unserer Zukunft“, sagte er. Und Larry Fink, Spitzenmann des weltweit größten Investmentfonds Black Rock, beobachtet bei den Amerikanern „verbreitete Frustration und Besorgnis über die Zukunft“. Ansonsten wird Trump kaum attackiert.

Die Klasse der Top-Manager gibt sich jenseits wie diesseits des Atlantiks weiterhin scheinbar unpolitisch. Nur ist auch das ein politisches State­ment. Ihren langfristigen Interessen könnte das immens schaden. Nur ist es dann vielleicht zu spät. 

Illustrationen: Kati Szilágyi

Dieser Text stammt aus der September-Ausgabe des Cicero, die Sie am Kiosk oder in unserem Onlineshop erhalten.

 

 

 

 

 

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