Lobbyisten und Scharlatane

Mit Desinformationskampagnen bekämpfen sie die seriöse Forschung – bezahlen lassen sich manche Klimaskeptiker von der Energieindustrie.

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Sie betreiben „skeptische Klimawissenschaft“, sind weltweit vernetzt und veranstalten Tagungen, von denen stets die Botschaft ausgeht: Erderwärmung und menschlich verursachte Klimaveränderung sind ein Mythos. In Deutschland ist das „Europäische Institut für Klima und Energie“ (EIKE) die Zentrale der selbsternannten Klimaskeptiker. Dahinter steckt ein kleiner Verein mit Postfachadresse in Jena, der über einen Präsidenten verfügt, einen Vizepräsidenten und zwei Pressesprecher. Einen wissenschaftlichen Angestellten weist die Website nicht aus. Der Verein finanziert sich nach eigenen Angaben aus Spenden und Vortragshonoraren. Zu seinen Partnern gehört auch der konservative US-Thinktank CFACT, dessen Name in der Langfassung „Committee for a Constructive Tomorrow“ heißt, um klarzumachen, dass die „Gegenseite“, also die Diagnostiker der Erderwärmung, ein destruktives Gewerbe betreiben. Die „konstruktiven“ Vertreter der „skeptischen Klimawissenschaft“ in den USA bekommen nachweislich Geld von großen, weltweit agierenden Unternehmen wie Chevron oder ExxonMobil. Sie finanzieren damit in Nordamerika regelrechte Desinformationskampagnen, organisiert von professionellen PR-Agenturen und Lobbyisten, die gern auch im Gewand von Bürgerinitiativen auftreten. Hierzulande ist der Gesamtverband Steinkohle damit beschäftigt, in seinen Jahresberichten Erkenntnisse der Klimaforschung zurechtzubiegen. Spitzenmanager des Energiekonzerns RWE wiederum reden auf Ingenieurkongressen von „fundierten Zweifeln“ an der von Menschen produzierten Erd­erwärmung, „Zweifel“, wie sie auch Fred Singer verbreitet. Der emeritierte US-Professor ist ein Star der Klima­skeptiker-Bewegung. Bekannt wurde Singer zunächst mit der These, dass Passivrauchen harmlos sei. Heute zieht er mit der Lehre um die Welt, dass der CO2-Gehalt in der Atmosphäre und der Temperaturanstieg auf der Erde nichts miteinander zu tun hätten. Dies verkündete er auch wieder bei der von EIKE organisierten „Internationalen Klimakonferenz“ im vergangenen Dezember in Berlin. Aber hinter den Kampagnen stecken nicht nur wirtschaftliche Interessen. Es gibt in der Szene auch Hobbymeteorologen, die sich über die Arroganz der Etablierten ärgern, obskure Verschwörungstheoretiker, die ein kommunistisches oder jüdisches Klimakartell vermuten. Oder Marktradikale, denen vor Umweltgesetzen generell graust – bei der EIKE-Tagung machte auch die der FDP nahe stehende Friedrich-Naumann-Stiftung mit. Die wenigen echten Fehler der seriösen Klimaforschung werden von den „Skeptikern“ aufgebauscht, viele andere konstruieren sie sich selbst für ihre Kampagnen. Für Laien ist beides kaum zu unterscheiden, und Falschmeldungen wirken dank der endlosen Zitierschleife in Internetblogs schnell wie die Wahrheit. Es ist ein ungleicher Kampf: Seriöse Forscher formulieren stets zurückhaltend und berichtigen ihre Fehler. Typische Klima-„Skeptiker“ tun exakt das Gegenteil. Die Unkorrektheiten des Politologen Bjørn Lomborg etwa, einer Gallionsfigur dieser Szene, füllen eine eigene Website (www.lomborg-errors.dk) und inzwischen ein ganzes Buch (Howard Friel: „The Lomborg Deception“, Yale University Press). Seiner Popularität hat es bisher nicht geschadet. Er wird weiterhin in zahlreiche Talkshows eingeladen. Schräge unkorrekte Thesen von Randgestalten sind für die Populärmedien offenkundig spannender als der globale Konsens der ernsthaften Wissenschaft.

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