Merz Klingbeil
Koalitionäre Merz und Klingbeil / picture alliance / dts-Agentur | -

Koalitionseinigkeit ist noch keine Verantwortung - Deutschland, zerstöre dich – und erfinde dich neu

Der Denkzettel in Baden-Württemberg beweist, wie dringend Union und SPD den Umbau dieses Landes angehen müssen. Höchste Zeit, dass Kanzler Merz mutig vorangeht – und Kollisionen mit der SPD hinnimmt, statt in Konfliktangst zu leben.

Robert Jacobi

Autoreninfo

Robert Jacobi ist Unternehmer, Investor und Publizist. Der Harvard-Absolvent ist Gründungspartner von Nunatak. Die Digitalberatung zählt deutschlandweit zu den führenden Dienstleistern in Sachen KI-orientierter Transformation von Unternehmen und großen Organisationen.

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Haben Sie diese überdimensionalen Waschlappen gesehen, in denen die deutschen Athleten bei der Olympia-Eröffnung eingelaufen sind? Wenn nicht, empfehle ich einen Blick in die Mediathek Ihres Vertrauens. In etwa sahen diese Teile so aus, als hätte man sich nicht über Passform und Farbe einigen können und deshalb die armen Olympioniken in möglichst viel Ballonseide verpackt. Wird schon passen, irgendwie. Die Sache wirkte nicht nur demodé, sondern auch hilflos. Hauptsache nicht anecken, alle rein in eine Klamotte, die jedem passt. Alles andere wäre ja Mogelei. 

Wir fallen bei Olympia regelmäßig nicht nur im Medaillenspiegel, sondern auch in der Anmutung zurück. Die deutsche Coolness, zu der wir noch vor zehn Jahren fähig zu sein schienen, ist verloren. Anziehend wirken und positiv überraschen, das überlassen wir anderen. Wenn wir schon als graue Mäuse gelten, dann lasst uns das auch sein. Unsere (Regierungs-)Politik fühlt sich gerade ähnlich labberig an wie genanntes Synthetik-Kostüm. Ganz egal, wie schick und auch erfolgreich die anderen sind: Deutschland bleibt großflächig dunkelgrau, mit dünnem gelbem und rotem Streifen, immerhin.

Schuldenbremse lockern und munter drauflosregieren

Hey, Leute! Was war denn da? Vor rund einem Jahr: ein sanfter Aufbruch, ein Land, eine Wirtschaft zumindest, die dem nicht ganz jungen, aber neuen Kanzler einen Vertrauensvorschuss gaben, auch wenn er sich im Wahlkampf teils unnötig verkämpft hatte. Lappen drüber, weil das Land sich ändern muss: Schuldenbremse lockern und munter drauflosregieren.

Nun, das Geld fließt teilweise zumindest raus, aber sonst? Aus den Re-Förmchen im Herbst der Ankündigungen ließen sich keine kräftigen Stollen, sondern allenfalls Zimtsterne backen, an denen wir uns im neuen Jahr die Zähne ausbeißen. War da was? Ja, ein Versprechen von zwei Parteien, das Ruder unseres Containerschiffs herumzureißen und die vermeintlich unfähige Ampel aus ihrer Wartungsschleife in Richtung Sperrmüll zu transportieren.

Was der Kanzler und seine Koalitionsgenossen wirtschaftspolitisch in Summe bisher geliefert haben, ist ein ähnlich kleines Licht, wie es das Ampelsignal einer Märklin-Modelleisenbahn von sich gibt. Es ist viel in Arbeit, in den Stellwerken herrscht hektischer Betrieb. Hier ein Papier, da ein Papier. Kleinbeschlüsse, die aufgebauscht werden zum Wind des Wandels. Das Wissen ist da, allein es fehlt der Glaube. Und deshalb hapert die Umsetzung.

Hausaufgaben bei der Rente

Wir brauchen höchst dringend eine Flexibilisierung des Arbeitsmarkts, gerade angesichts von KI und Digitalisierung. Die eindeutige Karriere ist vorbei. Ein Berufsleben wird auf (fast) allen Ebenen nicht mehr wie ein zweifarbig flächiger Rothko aussehen, sondern wie eine kubistische Collage. Das Vorbild Dänemark kursiert zu Recht: weniger Kündigungsschutz, dafür bessere Absicherung zwischen zwei Jobs.

Die Hausaufgaben bei der Rente sind viel umfassender, als die Reform aus dem Herbst nahelegte. Jetzt etwas zu tun, um später mehr tun zu müssen? Friedrich Merz hat als Wahlkämpfer etwas anderes versprochen. Zwingt ihn die Koalition mit der SPD zu derartiger Rücksichtnahme? Wir fahren middle of the road – statt auf der Überholspur nach vorne. Zwingt ihn die SPD wirklich zu derartiger Rücksichtnahme? Hoffentlich zieht sie die richtigen Lehren aus dem Abrutschen in Baden-Württemberg. Derzeit wünscht man sich sogar ein grünes oder gelbes Leuchten aus der Ampelregierung herbei.

Merz sollte mutig vorangehen und Kollisionen hinnehmen, statt Konfliktangst zu leben. Nur dann können wir sehen, was bleiben soll. Das wusste schon Joseph Schumpeter, einer der einflussreichsten Ökonomen des frühen 20. Jahrhunderts: Manchmal muss man zerstören, statt den Bestand zu wahren. Oder, wie es Schumpeters Nachfahren um Philippe Aghion ökonomisch vorrechneten: Nur schöpferische Zerstörung kann Europas Innovationsfähigkeit wiederherstellen. Dafür gab es erst im vergangenen Jahr den Wirtschaftsnobelpreis.

Volte zurück in Sachen Heizungskeller?

Deutschland muss als größte Volkswirtschaft des Kontinents vorangehen – wer sonst? Was passiert stattdessen? Sobald zur fachlichen Analyse die politische Vereinbarkeit kommen soll, und zwar mit der beidseitig schrumpfenden Kernklientel? Dann wird eines dieser Muffins daraus, wie man sie heutzutage auf Kindergeburtstagen kriegt: oben bunte Streusel, darunter Bröselteig, innen zuckerfrei und vor allem geschmacklos.

Volte zurück in Sachen Heizungskeller? Statt einer besseren Lösung wird eine Mischung aus Rezepten aus der Vergangenheit und purer Hoffnung auf Technologiewandel der Zukunft serviert. Macht nichts. Das Ergebnis wird mit einem Stolz wie Oskar präsentiert, endlich windelfrei. 

Die früheren großen Koalitionen waren ein Wohlstandsmodell: Den Aufschwung zu managen, dafür sind keine Ecken und Kanten erforderlich. Jetzt aber brauchen wir inhaltliche Führung und eine echte Vision fürs Land.

Die Politik schreckt seit Helmut Schmidt davor zurück, aber genau diese Erzählung fehlt: Wie und wovon leben wir in zehn Jahren, in zwanzig Jahren? Wie zahlt die Politik der Gegenwart darauf ein? Wie verbinden wir sozialen Frieden mit Wirtschaftsreform, Energiesicherheit mit (ja!) Klimaschutz? Die Fragen sind groß, die bisherigen Antworten zu klein.

Echter Fortschritt braucht Geschwindigkeit

Die Disruptoren aus dem Silicon Valley sind gerade unbeliebt, weil sie sich entweder maßlos in die Politik einmischen oder als Schranzen am Hofe Donald Trumps schleimige Spuren ziehen. Ihr Motto vom „Move Fast and Break Things“ ist diskreditiert, aber der Kern bleibt richtig: Echter Fortschritt braucht Geschwindigkeit, und das Alte kann nicht das Neue sein. Geschwindigkeit braucht wiederum Richtung – in Zeiten von Nahost-Krieg, Trump-Zöllen, Technologieumbruch und Nullwachstum erst recht.

Für die wachstumsfreundliche Absicherung unserer Sozialsysteme muss sich vor allem die SPD bewegen. Kaum absehbar, aber wann, wenn nicht jetzt? Viele ihrer ursprünglichen Milieus hat die AfD erschreckenderweise übernommen, auch in manchen Landstrichen im Westen rutschen die Sozialdemokraten dauerhaft in den einstelligen Bereich, wie die Landtagswahlen zeigen. Springt über euren Schatten, Genossen. Ihr seid Kurt Schumachers Erben, nicht (nur) die Kinder von Schröder Gerd. Die Wähler werden nur dann folgen, wenn ihr einen Weg in die Zukunft zeigt.

Lieber Bundeskanzler, liebe Regierungskoalition: Eine Verwaltungsmentalität, die Stabilität aus einer Mehrheitsmeinung in der Mitte garantiert, löst sie schleichend auf – zugunsten jener Ränder, gegen die man doch angetreten ist. Die nächste Wahl in Rheinland-Pfalz sollte den Koalitionären nach aktuellen Umfragen Rückenwind geben. Die Wirtschaft muss zugleich ihren Teil beitragen und Innovation ermöglichen, statt den Schutz alter Ideen zu verlangen. Neubau statt Umbau ist die Perspektive. Das gilt bei der Integration von künstlicher Intelligenz am Arbeitsplatz genauso wie in der Politik.

Choreografie, die wir brauchen

Zwischen den eher miesepetrig grauen oder unmodisch gelben Outfits der Deutschen bei Olympia gab es eine wohltuende Ausnahme: die Freeski-Sportler. Leicht, wendig, unprätentiös – und als man dachte, sie sähen nur gut aus, holte Daniela Maier Gold im Skicross. Das ist die Choreografie, die wir brauchen: erst leichter werden, dann liefern. Weniger Mitte um der Mitte willen. Mehr Kante, Tempo, Risiko – und eine Erzählung, die trägt.

Es gibt Ausnahmen, in denen das Brett vor unseren Köpfen zu splittern beginnt: Das neu errichtete Ministerium, das für weniger Bürokratie und mehr Digitalisierung zuständig ist, scheint hochmotiviert. Das ist der Beweis dafür, dass sich ohne die Last von Jahrzehnten, im Modus eines Start-ups statt als Großkonzern, Neues schaffen lässt.

Die Akzeptanz ist da, auch jenseits klassischer Mehrheiten. Warum? Weil wir unter bundesdeutscher Zettelwirtschaft leiden, mehr noch als unter fehlendem Erfolg bei Olympia. Wenn der Kanzler schon jetzt sagt, dass er eine zweite Amtszeit will, muss er erklären, wofür. Mehr und länger arbeiten – das soll die Lösung sein? Dazu müssen wir wissen, warum, sonst verbrennt die Energie, ohne produktiven Output zu erzeugen. „Hart arbeiten für etwas, das uns nicht wichtig ist, erzeugt Stress. Hart für etwas arbeiten, das wir lieben, ist Leidenschaft“, sagt Simon Sinek, Anthropologe und Bestsellerautor für die Managementetagen.

Genauso ist es. Deutschland, zerstöre dich – und erfinde dich neu. Wir müssen uns lösen von den Erfolgen der Vergangenheit und brauchen ein Bild für unsere Zukunft, das wir verstehen und lieben lernen. Das zu zeichnen, dafür ist diese Regierung gewählt. Und es umzusetzen, das ist dann jede Anstrengung wert.

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Hans Jürgen Wienroth | Mo., 16. März 2026 - 08:09

„Manchmal muss man zerstören, statt den Bestand zu wahren.“ Das mag richtig sein, aber man sollte nicht alles Alte zerstören, um Platz für eine ideologische Vision zu schaffen. Das Neue muss sich zumindest in der Praxis bewährt haben, bevor das Alte (z. B. AKW) abgerissen wird. Das gilt insbesondere für die Energiewende, wo die „neuen“ Kraftwerke mit Wind und Sonne unzuverlässig liefern, E-Autos von vielen Kunden abgelehnt werden und die Wärmepumpe wegen der „Nebenkosten“ (z. B. Isolierung) zu teuer ist.

„Echter Fortschritt braucht Geschwindigkeit, und das Alte kann nicht das Neue sein“. „Neubau statt Umbau ist die Perspektive“. Wer nur abreißt, ohne genügend Geld und Material für das Neue zu haben, der steht am Ende ohne alles da. Bevor weiter Neues „ausprobiert“ wird, wäre es manchmal besser, sich vorübergehend auf „Bewährtes“ zu besinnen. Das gilt für die Wirtschaft genauso wie für die Bildung, wo ebenfalls immer neue Experimente zum (Pisa) Absturz führen.

IngoFrank | Mo., 16. März 2026 - 08:43

Innovation wieder herstellen …..“
Sag ich doch auch schon seit ewigen Zeiten…..
Die überborderte EU in ihrer Bürokratieblase ist nicht reformierbar und muss weg. Letztlich wie der ÖRR oder das Parteienkartell der so genannten Parteien der „Mitte“ die mit Mitte nix zu tun haben.
Wo blieb eigentlich der mediale Aufschrei, als die Oberbürokratin der Eu verkündete „der Atomausstieg sei ein strategischer Fehler gewesen“ ? Die Frage der Verantwortung dieser Fehlentscheidung wurde gar nicht gestellt. Logisch, der Bürger & Wähler bezahlt es ohne zu murren, ohne auf die Barrikaden zu gehen.
Die EU samt deutscher Regierung bekommen es einfach nicht mehr gebacken. Dazu meldet heute die Bild in einer kleinen Randnotietz, das sich die AfD bei den Kommunalwahlen am gestrigen Sonntag in Hessen vervierfacht hat vor dem Kontext der nächsten Wahl in RPf
bei der das Ergebnis einer GroKo bereits heute feststeht. Schlimmer als zu Honeckers Zeiten mit der „unsrigen“ Demokratie !
MfG a d Erf.Republik

Manuela | Mo., 16. März 2026 - 14:39

Ich verstehe gar nicht, warum ihn so viele für einen Versager halten.
Er gibt doch alles.
Für die Ukraine.
Für die Brandmauer

Heidemarie Heim | Di., 17. März 2026 - 12:08

Ja, und Herr Dr. Karsten Wildberger ein ehemaliger Unternehmensberater und Manager in der freien Wirtschaft und nun sozusagen CEO des neu gegründeten Ministeriums, möge mir den Vergleich mit einer Schwalbe verzeihen;)! Er führte in einer vorher ausgestrahlten,äußerst skurrilen und von einer Fassungslosigkeit in die nächste fallend als Zuschauer TV-Sendung mit Ronzheimer ein sehr erhellendes Gespräch über seine Aufgaben, die wenn man auf Zwischentöne achtend nur als klassische Sysiphosaufgabe bezeichnen kann. Wobei die Abschaffung von so wirklich irren Vorschriften, Gesetzen u. Regelungen aus dem Handbuch der Bürokratie wie eine Schulung per Landratsamt für das Lenken einer Sackkarre u. dem dafür ordnungsgemäßen Führen eines Fahrtenbuchs für 50m übern Hof von A nach B, die Dokumentation jeden Handgriffs u. was sonst noch so ansteht für den hart arbeitenden deutschen Bauern, lt. Aussage Ws. noch sein geringstes Problem wäre! Was auf erhebliche Widerstände beim "Ausmisten" schließen läßt.