- Nahost-Déjà-vu: Wiederholt sich die Wirtschaftgeschichte?
Kriege im Nahen Osten führten schon zweimal zu Ölpreisschocks, Inflation und Rezession. Der aktuelle Krieg könnte ähnliche Folgen haben, aber es gibt beachtliche Unterschiede, weil die Weltwirtschaft weniger monokausal abhängig ist.
Der Nahe Osten als Endlosschleife der Weltpolitik – dieses Gefühl beschleicht viele Beobachter in diesen Tagen. Die Älteren erinnern sich: Im Oktober 1973 griffen arabische Staaten Israel an. Der Jom-Kippur-Krieg löste nicht nur geopolitische Erschütterungen aus, sondern auch ein ökonomisches Beben historischen Ausmaßes. Die arabischen Ölförderländer verhängten ein Embargo gegen westliche Unterstützer Israels. Öl wurde knapp, der Preis vervierfachte sich binnen Monaten. In Deutschland blieben an „autofreien Sonntagen“ die Straßen leer. Aus dem Ölpreisschock wurde ein Inflationsschock – und aus diesem eine Rezession. Die westliche Welt lernte ein neues Wort: Stagflation.
Kaum war der erste Schock verdaut, folgte der zweite. Die islamische Revolution im Iran 1979 und der Iran-Irak-Krieg (1980-88) führten erneut zu massiven Produktionsausfällen. Wieder schnellte der Ölpreis in die Höhe, wieder stieg die Inflation, wieder rutschten die Volkswirtschaften in die Rezession. Erleben wir nun die dritte Staffel dieses geopolitischen Dramas?
Karl Marx – oder war es Mark Twain? – soll gesagt haben: Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich. Tatsächlich gibt es Parallelen. Wieder treibt ein Krieg im Nahen Osten die Energiepreise. Wieder drohen höhere Inflation und konjunkturelle Abkühlung. Und wieder reagieren die Finanzmärkte nervös: steigende Zinsen, fallende Aktienkurse, Flucht in den Dollar. Doch wer nur auf die Parallelen starrt, übersieht die Unterschiede – und gerade sie könnten einen anderen Verlauf des Dramas bewirken.
Die vier Unterschiede
Erstens: Die energiepolitische Landkarte hat sich grundlegend verändert. In den 1970er Jahren waren nahezu alle westlichen Industriestaaten Nettoimporteure von Öl. Heute sind die USA ein Nettoexporteur von Energie. Steigende Öl- und Gaspreise bedeuten dort vor allem Umverteilung im Inland: Produzenten gewinnen, Verbraucher verlieren. Europa und große Teile Asiens sind dagegen Nettoimporteure von Energie und bleiben daher strukturell verwundbar. Sie tragen die Hauptlast höherer Energiepreise.
Zweitens: Die Zentralbanken haben aus den Fehlern der 1970er Jahre gelernt. Damals versuchte man, die konjunkturellen Folgen der Ölknappheit mit lockerer Geldpolitik abzufedern – und befeuerte so die Inflation. Erst Fed-Chef Paul Volcker gelang es Anfang der 1980er Jahre mit drastischen Zinserhöhungen, die Inflationsdynamik zu brechen. Heute wissen die Notenbanken, dass Zweitrundeneffekte – insbesondere steigende Löhne – frühzeitig eingedämmt werden müssen. Dass die Märkte bereits höhere Zinsen einpreisen, ist Ausdruck dieser neuen geldpolitischen Orientierung.
Drittens: Die Energieversorgung ist breiter aufgestellt. Als Reaktion auf die Ölkrisen wurden Kernkraftwerke gebaut, um die Abhängigkeit vom Öl zu verringern. In Europa ist man davon teilweise wieder abgerückt, in Asien – vor allem in China – bleibt die Kernenergie aber ein wichtiger Pfeiler. Hinzu kommt der massive Ausbau erneuerbarer Energien. Die Welt ist heute weniger monokausal vom Öl abhängig als vor fünfzig Jahren – auch wenn fossile Energieträger weiterhin eine zentrale Rolle spielen.
Viertens – und politisch wohl am brisantesten: Die Machtkonstellation hat sich verschoben. In den 1970er Jahren hatten die Ölproduzenten das Heft in der Hand. Heute liegt die strategische Initiative bei Israel und den USA. Beide Länder wollen die zerstörerische Macht des Iran in der Region eliminieren. Aber beide haben auch ein eminentes Interesse daran, den Krieg zeitlich zu begrenzen.
Washington und Jerusalem wollen keinen langen Krieg
In den Vereinigten Staaten stehen im November die „Midterm Elections“ an. Die Geduld der Wähler mit außenpolitischen Abenteuern ist traditionell begrenzt – und steigende Energiepreise schlagen unmittelbar auf die Inflationswahrnehmung durch. Die Wahl dürfte für die Republikaner daher schlecht ausgehen, wenn wegen eines langen Kriegs Inflation und Arbeitslosigkeit steigen. Auch in Israel wächst nach dem langen Gaza-Krieg die innenpolitische Belastung. Soldaten an der Front fehlen der Wirtschaft, die durch fortgesetzte Luftangriffe aus dem Tritt kommen könnte.
Das spricht dafür, dass weder Washington noch Jerusalem ein Interesse an einem längeren Flächenbrand haben. Zugleich kämpft das iranische Regime ums Überleben. Auch für die Führung in Teheran ist Zeit ein strategischer Faktor, aber im umgekehrten Sinn: Je länger sich der Konflikt hinzieht, je stärker er die Region destabilisiert und die Energiepreise nach oben treibt, desto größer der Druck auf die westlichen Regierungen.
Der neuralgische Punkt der Weltwirtschaft
Die Straße von Hormus wird damit zum neuralgischen Punkt der Weltwirtschaft. Ihre Blockade oder Gefährdung trifft nicht nur Öl-Tanker, sondern globale Lieferketten und Inflationsraten und könnte sich schließlich in Wahlergebnissen niederschlagen. Entsprechend hoch ist das Interesse der USA und ihrer Verbündeten, die freie Passage zu sichern und eine regionale Ausweitung des Konflikts zu verhindern.
Bis Klarheit herrscht, tun die Finanzmärkte das, was sie immer tun: Sie spielen Szenarien durch. Derzeit dominiert die Furcht vor einem längeren Krieg. Energiepreise steigen, auch auf Terminmärkten, Zinserhöhungserwartungen nehmen zu, Aktienkurse geben nach. Besonders betroffen sind Europa, Asien und viele Schwellenländer. Der Dollar wertet auf. Selbst Gold zeigt Schwäche – wohl nicht aus Mangel an Krisenfantasie, sondern weil Liquidität gebraucht wird, um riskante Positionen zu schließen. Sollte sich eine Entspannung auf den Energiemärkten oder gar ein Ende der Kampfhandlungen abzeichnen, könnte sich das Bild rasch drehen. Doch bis dahin wird die Volatilität hoch bleiben – denn die geopolitische Unsicherheit ist real.
Ob sich die Geschichte tatsächlich reimt oder ob sie eine neue Strophe anstimmt, hängt weniger von ökonomischen Gesetzmäßigkeiten ab als von den politischen Entscheidern. Es besteht das Risiko, dass vielleicht weniger Marx oder Twain als vielmehr Talleyrands bitteres Urteil über die Bourbonen auch für die Akteure in diesem Konflikt gilt: „Sie haben nichts gelernt und nichts vergessen.“ Die Weltwirtschaft jedenfalls kann sich eine Wiederholung der 1970er Jahre kaum leisten, obwohl sie heute besser gerüstet ist, als es auf den ersten Blick scheint.
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Auch wenn ich wie meist bei Ihren Beiträgen geehrter Herr Prof. Mayer nur die Hälfte oder weniger verstehe, so beinhaltet dieser doch irgendwie m.E. tröstliche Elemente;). Wahrscheinlich liegt es an Ihren der reinen Sachlichkeit geschuldeten Analysen und Vergleiche ohne die übliche Panikmache. Das Problem mit der Strasse von Hormus,eines der empfindlichen Nadelöhre mit hohem Droh-/Erpressungspotential durch die Anrainer für Weltwirtschaft und Geopolitik war sogar mir von Beginn dieses Konfliktes an ziemlich klar.Weshalb ich bislang auch nicht verstand, warum man diese Risiken nicht früher anging was die Verteidigung betrifft. Doch tröstet das Wissen um solche Dinge den normalen an der Zapfsäule oder Heizöl bestellen müssende Bürger,oder die nicht im Besitz eines Aktienportfolios oder einer stattlichen Krügerrand-Sammlung befindlichen aktuell wenig bis gar nicht. Denn wie soll es anders sein, haben wir eine mit an allem mitverdienende Regierung,die nur mit dem Kartellamt wedelt;).
