Internetwissen auf dem Rückzug - Deutschland ist digitales Entwicklungsland

Cloud? Cookies? Die meisten Deutschen wissen nicht, was das sein soll. Sie sind erschreckend ahnungslos, was die Themen Internet und Digitalisierung betrifft. Und die Politik tut alles dafür, dass sich daran nichts ändert

Die „digitale Kompetenz“ der Deutschen ist im Vergleich zum Vorjahr zurückgegangen
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Autoreninfo

Christian Jakubetz, Jahrgang 1965. Stationen u.a. beim ZDF, N 24, ProSiebenSAT1 sowie bei diversen Tageszeitungen. Dozent u.a. an der Deutschen Journalistenschule in München und Lehrbeauftragter an der Universität Passau. Herausgeber des Buchs “Universalcode” (Euryclia, 2011). Seit 2006 freiberuflich tätig u.a. für das ZDF, die FAZ und die deutsche Ausgabe von “WIRED”. Blogger mit “jakblog.de”.

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Rund zwei Drittel aller deutschen Autofahrer können nicht richtig Auto fahren. Im Vergleich zum Vorjahr sind die Fähigkeiten der Deutschen auf der Straße etwas zurück gegangen. Alles in allem verzeichnen Forscher eine Stagnation auf relativ niedrigem Niveau.

Gäbe es jemals eine solche Meldung, die Reaktionen würden vermutlich in zwei Richtungen gehen. Wahlweise gäbe es ungläubiges Gelächter und Kopfschütteln. Oder aber: Mahnende Stimmen, die darauf hinweisen, dass das korrekte Führen eines Fahrzeugs unerlässlich sei in einer mobilen Gesellschaft. Vor allem dann, wenn man sich damit auf öffentlichen Straßen fortbewegen will.

„Digitale Kompetenz“ schwindet


In Deutschland hat es gerade eben eine solche Meldung gegeben – und sie ist weitgehend unbeachtet geblieben. Vermutlich schon alleine deswegen, weil sie sich nicht um das Thema Auto gedreht hat. Sondern um das Internet. Einer aktuellen Studie der „Initiative D21“  zufolge ist der Umgang der Deutschen mit digitalen Werkzeugen mindestens noch ausbaufähig: Knapp zwei Drittel der Menschen in Europas größtem Land, der viel gepriesenen wirtschaftlichen Lokomotive des Kontinents, gelten als „digital wenig erreicht“. Was sich hinter dem abstrakten und relativen Begriff verbirgt, verdeutlichen ein paar Zahlen: Nicht einmal die Hälfte der Deutschen weiß, was Cookies sind. Nicht einmal die Hälfte der Deutschen hat eine Vorstellung davon, was eine Cloud sein könnte. Und für zwei Drittel ist es ein Rätsel, warum die Buchstaben „LTE“ irgendwann auftauchen.

Natürlich, es ließe sich trefflich darüber streiten, ob man das wirklich wissen muss. Und ob es nicht ausreicht, die Dinge einfach souverän bedienen zu können, als zu wissen, was sich hinter Fachbegriffen versteckt. Man muss schließlich als Autofahrer auch nicht wissen, wie ein Motor gebaut ist. Das Frappierende und Fatale zugleich versteckt sich allerdings hinter einer anderen Zahl: Laut der Studie ist die „digitale Kompetenz“ der Deutschen im Vergleich zum Vorjahr zurückgegangen.

Aber Moment, ist in diesem Land nicht an jeder Straßenecke die Rede davon, dass digitale Technologie die Schlüsseltechnologie des 21. Jahrhunderts sei? Wenn sich die westliche Gesellschaft wirklich in eine Wissensgesellschaft verwandeln sollte, dann ist Deutschland gerade mittendrin, den Anschluss zu verpassen. Nicht nur wegen der im Vergleich zu anderen Ländern vergleichsweise schlecht entwickelten Netz-Infrastruktur. Sondern auch deswegen, weil der Umgang mit digitalen Werkzeugen die Frage aufwirft: Wissen wir überhaupt, von was wir da reden?

Kein Gefühl für Überwachung


Wir sind mittendrin, eine digitale Gesellschaft zu erbauen, die wir bei näherem Nachdenken eigentlich gar nicht wollen. Aus purer Ahnungslosigkeit. Die Auswirkungen dessen sind schon jetzt sichtbar. Die krakenhafte Schnüffelei der NSA hat außer bei denen, die sich intensiv mit dem Thema beschäftigen, ein – gemessen an der ungeheuerlichen Dimension – lapidares Schulterzucken ausgelöst. Das hat viel mit der fatalen Mischung aus Ahnungslosigkeit und Desinteresse zu tun.

Konkret: Wer nicht weiß, was Cookies sind und was man mit ihnen so alles machen kann, wird kaum ein Gespür dafür entwickeln, wie sehr sein tägliches Leben inzwischen nahezu lückenlos nachvollziehbar ist. Wer nicht so richtig weiß, was eine Cloud ist, bekommt keine Vorstellung davon, was es eigentlich bedeutet, wenn er Daten und Dokumente auf fremden Servern ablegt.

Und da reden wir noch gar nicht von Algorithmen, die das tägliche Leben inzwischen dominieren, ganz egal, ob bei Facebook ein Algorithmus entscheidet, was jemand sieht und was nicht. Oder sein Einkaufsverhalten im Netz entscheidend dadurch geprägt wird, dass Algorithmen demnächst schon Produkte ins Haus schicken, die ein Kunde gar nicht bestellt hat.

Was im Übrigen keine satirisch überspitzte Zukunftsvision ist. Amazon tüftelt gerade an einem Modell, Kunden demnächst Produkte ungefragt liefern zu wollen, von denen ein Algorithmus ausgerechnet hat, dass sie dem Kunden gefallen könnten. Wenn ein Konzern wie Amazon an einem solchen Projekt arbeitet, kann man sich leicht ausrechnen, wie sehr er von einem möglichen Erfolg dieser Idee überzeugt sein muss.

Während also Amazon demnächst weiß, was Menschen künftig wollen werden, während Google längst an einer Rolle arbeitet, von der Suchmaschine zum Echtzeit-Begleiter durch den ganzen Tag und durch ein ganzes Leben zu werden, passiert in Deutschland – ungefähr gar nichts. Was fehlt, ist der politische Wille, ein komplexes Thema nach ganz oben auf die Tagesordnung zu setzen. Wohin man schaut, digitale Ödnis: Bei der durchschnittlichen Netzgeschwindigkeit liegt Deutschland hinter Rumänien. Das Thema „Digitalisierung“ hat die Bundesregierung zwar inzwischen auf Ministerebene verfrachtet, aber außer einem kleinen Shitstorm angesichts der Berufung ausgerechnet Alexander Dobrindts hat sich da bisher nichts getan. Dobrindt ist ganz gut beschäftigt mit seiner Pkw-Maut, da bleibt für digitale Themen nicht ganz so viel Zeit.

Schlüsseltechnologie der Zukunft wird ignoriert


Jaja, das Internet ist schon wichtig, beeilt sich Angela Merkel regelmäßig zu sagen. Das langt dann aber auch wieder.

Und selbst bei denen, die irgendwann einmal im Zentrum dieser neuen digitalen Gesellschaft stehen wollen, passiert nicht viel: Wer heute als Jugendlicher oder junger Erwachsener unterwegs ist, hat sich sein Wissen im Regelfall selbst angeeignet. In den Lehrplänen deutscher Schulen kommen digitale Technologien oder auch digitale Medienkompetenz nur marginal vor. Wer sollte so etwas auch unterrichten? Die Lehrer, die sich bestenfalls darüber aufregen, dass diese jungen Leute nur noch mit Smartphones anzutreffen sind? Die selben Lehrer, die von diesen Smartphones bestenfalls wissen, wie man sie unfallfrei einschaltet?

Deutschland hat sich sehr beschaulich eingerichtet in seiner analogen Bequemlichkeit. Man hat beschlossen, dass bis 2018 irgendwie alle mal breitbandig surfen können und freut sich, wenn an einer Schule oder einer Universität neue Computer angeschafft werden. Im Lande D. wird das Thema Digitalisierung immer noch behandelt wie eine etwas schräge Vorliebe merkwürdiger Nerds, denen man ab und an auch mal etwas zum Spielen gibt.

Nichts verändert die Gesellschaft so sehr wie die Digitalisierung. Sie ist die Schlüsseltechnologie der Zukunft.

Und in Deutschland sinkt gerade die Kompetenz beim Umgang mit dieser Technologie.

Dass dies weitgehend unbemerkt bleibt und nicht mal zu einer Randnotiz taugt, sagt viel aus über dieses digitale Deutschland 2014.

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