Zeitungssterben - „Internet bedeutet nicht gleich Häppchenjournalismus“

Das Ende der "Financial Times Deutschland" ist nicht nur für Verleger ein Warnsignal. Der Journalismus steckt in einer Identitätskrise. Im Interview erklärt der Journalismusexperte Michael Geffken, warum für die Print die Luft immer dünner wird, die Demoktratie aber auch ohne das gedruckte Wort auskommt

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(picture alliance) Mitarbeiter der Gruner + Jahr Wirtschaftsmedien demonstrieren am 07.12.2012 vor dem Verlagshaus von Gruner + Jahr in Hamburg. Am Freitag erschien die letzte Ausgabe der täglichen Wirtschaftszeitung "Financial Times Deutschland"

Die Financial Times Deutschland ist am Ende, die Frankfurter Rundschau ist pleite, der Berliner Verlag streicht Stellen, der Spiegel baut ab. Die deutsche Presse erlebt nach Einschätzung der Bundesagentur für Arbeit derzeit die größte Entlassungswelle seit Bestehen der Bundesrepublik. Ist das der viel beschworene Anfang vom Ende der klassischen Zeitung? Des klassischen Printjournalismus?
Nein. Es ist ein Signal dafür, dass die Veränderungen der Medienlandschaft tiefgreifender sind, als viele das noch vor wenigen Monaten glauben wollten.

Der digitale Wandel schreitet voran. Noch immer aber gibt es kein Geschäftsmodell, mit dem ein professioneller redaktioneller Journalismus im Internet finanziert werden könnte.
Stimmt. Für die klassischen Medienhäuser geht es momentan darum, die abnehmenden Reichweiten und die sinkenden Einnahmen sowohl im Bereich des Vertriebs als auch bei den Werbeerlösen solange auszugleichen, bis noch klarer wird, wie sich die Mediennutzung verändert. Es wird noch über einige Jahre im Printgeschäft Geld verdient werden können, allerdings nicht mehr mit den Renditen wie früher. Die Medienhäuser sollten die Zeit nutzen, vieles auszuprobieren und mutiger als bisher zu sein. Ein Geschäftsmodell, das sofort alle Probleme löst, kann ich allerdings auch nicht anbieten. [gallery:20 Gründe, warum wir Tageszeitungen brauchen]

Die Debatte wird mitunter geführt, als ginge es um eine Glaubensfrage. Die Diskussion um das Leistungsschutzrecht zeigt dies exemplarisch. Aber wird da nicht eine falsche Front aufgebaut? Die Bruchstelle verläuft doch nicht zwischen Online und Print, sondern auf inhaltlicher Ebene: Zwischen Qualität und Infotainment.
In ihrer Behauptung steckt eine Polemik, die eine Unterschätzung der Veränderungen der Mediennutzung zur Ursache hat. Die von Ihnen behauptete Front zwischen Qualität und Internethäppchen gibt es gar nicht. Natürlich bleibt journalistische Qualität ganz wesentlich für den Erfolg, auf welchen Trägermedien auch immer. Ich würde es für fatal halten, Veränderungen im Leseverhalten ausschließlich negativ zu deuten. Höchstwahrscheinlich ist es schon so, dass man zur gescheiten Teilhabe am demokratischen Diskurs auch mal längere Texte lesen muss. Aber von Vornherein zu sagen, Internet gleich Häppchenjournalismus, wäre falsch.

Schon jetzt hat der Journalismus mit Einzug des Internets das Nachrichten-Monopol und die Deutungshoheit verloren. Dabei ist doch hochwertiger Journalismus konstitutiv für die Demokratie.
Ja. Aber ist hochwertiger Journalismus nur der, der ex cathedra verkündet, wie die Leser die Welt zu sehen haben? Ich bin weit davon entfernt, naiver Befürworter eines wie auch immer organisierten Bürgerjournalismus zu sein, aber eine stärkere dialogische Orientierung von Journalisten und eine stärkere Berücksichtigung von Nutzerreaktionen sollte es schon geben. Journalisten sollten heute wissen, wen erreiche ich überhaupt noch? In welchen Situationen erreiche ich ihn und auf welchen Endgeräten? Kann man diese Fragen beantworten, ergeben sich schnell neue Geschäftsmodelle. Gerade Tageszeitungen haben aus meiner Sicht im Bereich der Vermarktung noch riesige Potentiale.

Sie sehen den digitalen Wandel sehr positiv.
Ich sehe ihn überhaupt nicht kulturpessimistisch. Momentan erleben wir für Journalisten doch die spannendste Zeit seit langem. Sorge macht mir allerdings ein bisschen, dass die Grundlage für einen demokratischen Diskurs sehr viel stärker zersplittert. Aber wenn das so ist, ist das so. Man sollte das nicht moralisierend betrachten.

Onlinemedien argumentieren ähnlich. Es heißt dann, wir müssten damit leben, dass ganze Branchen und Berufe untergehen. Müssen wir das tatsächlich?
Was ist die Alternative? Wenn man sich mal die Entwicklung von Verkaufs- und Abozahlen anschaut, dann gibt es eine klare Tendenz. Diese Abwärtsentwicklung begann bereits zehn Jahre vor dem Internet. 1980 haben Zeitungen und Zeitschriften gemeinsam beinahe 70 Prozent aller Marketinggelder auf sich gezogen. Heute liegen sie bei 18 Prozent. Tendenz fallend.

Wenn Zeitungen weniger werden, die heutigen Leitmedien wegfallen, wenn die veröffentliche Meinung sich immer mehr fragmentarisch zusammensetzt, letztlich gar nur aus Blogs und Meinungsbeiträgen bestünde, fehlte dann nicht die Grundlage, auf der eigentlich Meinungsbildung stattfinden sollte? Wie einen öffentlichen Diskurs herstellen, wenn ein gemeinsames Informationsfundament fehlt?
Ich mache jetzt mal den Advocatus Diaboli und würde Sie auffordern, die empirischen Grundlage für das, was Sie öffentliche Meinungen oder demokratischen Diskurs nennen, beizubringen. Dann sind Sie ganz schnell bei der Frage, was heißt denn eigentlich öffentlicher Diskurs und Meinungen. Handlungstheoretisch betrachtet, haben Sie natürlich recht. Habermas würde sagen, ja, das muss irgendwie ausverhandelt werden und dazu gehört natürlich eine freie Presse. Luhmann und die Systemtheorie hingegen würden sagen, die Medien diskutieren sowieso nur mit sich selbst. Was Sie mit dem Begriff demokratischer Diskurs benennen, ist letztlich eine Fiktion, eine Fata Morgana. Bei einer Diskussion mit so vielen Unbekannten wäre die Frage, ob die Demokratie nicht mehr funktioniert, wenn wir keine Tageszeitungen mehr haben,  nur spekulativ zu beantworten. Ich würde die Frage völlig abtrennen wollen von dem Trägermedium. Ob es gedruckte Zeitungen gibt oder nicht, ist unerheblich.

Seite 2: Kaum eine Qualitätszeitung funktioniert nach normalen marktwirtschaftlichen Maßstäben

Bei aller Kritik und Selbstbezogenheit der Medien, bieten sie aber doch eines: Orientierung. Was bedeutet es, wenn der Journalismus seine Orientierungs- und  Filterfunktion noch mehr an Google und Algorithmen abgibt?
Es kann sein, dass wir die dann Orientierungs- und Filterungsfunktion, die die Medien erfüllen, in der Gesellschaft verlieren und dass es dann zu mehr Orientierungslosigkeit und auch Desinformation kommt. Aber ich halte das nicht für zwingend notwendig, weil ich auch hier – in einem sehr systemischen Sinne – hoffe, dass wir in einer halbwegs funktionierenden Demokratie zu einer Selbstregulierung – im Zusammenspiel alter und neuer Medienkanäle – kommen, die das Schreckensbild mit der Fragmentierung und all ihren Folgeerscheinungen nicht wirksam werden lässt.

Klingt wie: Der Markt schrumpft sich gerade gesund und bis ein Geschäftsmodell gefunden wurde, nehmen wir die Selbstausbeutung in Kauf, die unter der Chiffre „online“ gerade überall institutionalisiert wird.
Wenn wir uns insgesamt die sogenannten Qualitätszeitungen anschauen, dann stellen wir fest, dass kaum eine dieser Zeitungen nach normalen marktwirtschaftlichen Maßstäben funktioniert: Die FAZ wird von einer Stiftung getragen, die Welt ist über die ganzen Jahre ihres Bestehens im Verlag quersubventioniert worden –  mit Summen, gegen die die Verluste der FTD Peanuts sind. Die TAZ basiert auf Selbstausbeutung. Die Frankfurter Rundschau wurde lange durchgeschleppt und ist jetzt am Ende, ebenso die FTD. Durchschleppen und Quersubventionieren sind verlegerische Entscheidungen, die aus sehr unterschiedlichen Gründen entstanden sind; dies bedeutet aber, dass in all diesen Fällen kein klassisches Geschäftsmodell mehr vorhanden war bzw. ist. Allein die SZ und das Handelsblatt sind normal funktionierende marktwirtschaftliche Betriebe. Das ist dann aber auch.[gallery:20 Gründe, warum wir Tageszeitungen brauchen]

Sind Zeitungen und Verlage auch ein bisschen selber schuld?
Ja und nein. Medien sind eben keine rein am Geschäftsmodell orientierten Betriebe, sondern immer auch von verlegerischem Ethos geprägt gewesen. Es würde in Deutschland kein Gedichtband ohne Querfinanzierung durch die Bestseller des Verlags erscheinen. Und: Wenn Springer genug mit der Bild verdient, dann kann er sich die Welt leisten.

Ist nicht vielleicht auch mehr Selbstkritik der Medien von Nöten? Sind die Medien der Macht in den letzten Jahrzehnten vielleicht zu nahe gekommen? So dass sich beim Leser der Eindruck festgesetzt hat, Journalisten seien bessere Pressesprecher denn Erzeuger einer kritischen Öffentlichkeit?
Die Tatsache, dass viele einigermaßen leichten Herzens auf eine Tageszeitung verzichten, hängt sicherlich auch damit zusammen. Die Tageszeitungen selbst wurden teilweise zu Verlautbarungsorganen, die Pressemitteilungen abdruckten und leicht umgeschrieben Parteistatements publizierten. Die Orientierung an dpa-Meldungen im Nachrichtenjournalismus hat entscheidend dazu beigetragen, dass kaum Zeitungsleser nachwachsen. Für junge Leute ist diese Art Journalismus schlicht irrelevant.

Insofern auch eine Chance, sich jetzt wieder zu entkoppeln und durch Qualität auf sich aufmerksam zu machen?
Richtig. Das muss aber schon während der Ausbildung beginnen. Wir haben an der Leipzig School of Media beispielsweise eine radikal andere Form der Volontärs-Fortbildung entwickelt. Bezeichnend dafür, wie wenig aktiv die Medienhäuser waren, ist die Tatsache, dass die Volontärs-Ausbildung heute noch nach Vereinbarungen betrieben wird, die 20, 30 Jahre alt sind.

Wagen Sie doch mal einen Ausblick: Wie informieren wir und wie werden wir in 20 Jahren informiert?
Ich glaube, dass sich die Veränderungen der Kommunikation nicht so dramatisch auf das Zusammenleben der Menschen auswirken werden, wie man das vielleicht befürchten könnte. Bei der Einführung neuer Medien hat es immer Katastrophenszenarien geben. Erinnern Sie sich an die Zeit, als das Fernsehen aufkam? Für die Profession des Journalismus wird es allerdings dramatische Veränderungen geben. In fünf Jahren werden wir noch einen Gutteil der Tageszeitung haben, jedoch mit erheblich geringeren Auflagen und Reichweiten. Und deutlich teurer als bisher. In zehn bis fünfzehn Jahren wird es dann ein kräftigeres Aussortieren geben, nur noch wenige gedruckte Zeitungen, die dann nur zwei- bis dreimal die Woche erscheinen, werden übrig bleiben. Viele Medienhäuser werden Geschäftsmodelle finden, die es ihnen erlauben, weiterhin Journalismus zu betreiben – mit kleineren Redaktionen und in vielen Fällen mit Abstrichen an klassischer journalistischer Qualität.

Also muss ich mir doch einen anderen Job suchen?
Nein. Überhaupt nicht. Ich empfinde diese Zeit als extrem reizvoll und würde jedem neugierigen und aktiven jungen Interessenten immer zum Journalismus raten. Zwei Dinge vorausgesetzt: Erstens, er muss sich in einem gewissen Umfang für Medientechnik und Informatik interessieren und zweitens, er muss sich aus innerer Überzeugung von einem Sendungsbewusstsein verabschieden. Wobei ich damit nicht meine, dass er nicht eine feste ethische Position haben soll. Er muss sich aber vom klassischen Bild des Journalisten als rasendem Reporter und auch vom Rudolf-Augstein-Journalismus verabschieden.

Herr Geffken, vielen Dank für das Gespräch.

Michael Geffken ist Direktor und Geschätsführer der Leipzig School of Media. Bis 2010 war er Leiter der Journalistenfortbildung der VDZ Zeitschriften Akademie und Chefredakteur 'Print & more' - das Magazin der deutschen Zeitschriftenverleger. Zuvor Redakteur verschiedener Zeitungen und Zeitschriften

Das Interview führte Timo Stein

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