Das Kernkraftwerk Paks in Ungarn
Das Kernkraftwerk Paks in Ungarn muss wegen Niedrigwasser in der Donau seine Leistung vorübergehend einschränken / picture alliance/dpa/MTI/AP | Daniel Kiss

Hitzewallungen in der Klimadebatte - Niedrigwasser ist kein Argument gegen Kernkraft

Die Debatte über Klimawandel und Energieversorgung wird von Schlagworten statt von Fakten geprägt. Leistungseinschränkungen von Kernkraftwerken bei Niedrigwasser sind kein Beleg für das Scheitern der Technologie. Weiterhin ist eine technologieoffene, ideologiefreie Energiepolitik notwendig.

Ulrich Gräber

Autoreninfo

Ulrich Gräber hat als Maschinenbauingenieur und Betriebswirt seit 1974 in der Kernkraftbranche gearbeitet. Er war unteren anderem Technikvorstand der EnBW Kraftwerke AG und Deutschlandchef des französischen Nukleartechnikkonzerns Areva. Sein Buch „Kniefall vor der Unvernunft - Der lange Schatten des Atomausstiegs“ erschien im März 2026.

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In diesen Tagen der Hitze und Trockenheit wird in den sozialen Medien und natürlich auch im ÖRR heiß und leidenschaftlich über Klimawandel und Energieversorgung diskutiert. Leider meist faktenfrei und in Deutschland zunehmend aus der Schrebergartenperspektive. Insbesondere das Kernkraftwerk Paks in Ungarn, das wegen Niedrigwasser in der Donau seine Leistung einschränken muss, dient den eingeschworenen Erneuerbare-Energie-Vertretern als Beispiel dafür, eine ganze Technologie als unzuverlässig zu brandmarken. Denn, so die offensichtlich für viele völlig neue Erkenntnis: Kernkraftwerke brauchen Kühlwasser und sind daher unzuverlässig.

Ja, Kernkraftwerke brauchen wie auch alle fossilen Kraftwerke Kühlwasser, denn diese Kraftwerke arbeiten alle nach dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik, auch Carnot-Prozess genannt. Die durch nukleare Spaltung oder fossile Verbrennung erzeugte Wärme wird über Turbinen zuerst in mechanische Arbeit und dann durch Generatoren in Strom umgewandelt. Die restliche, nicht nutzbare Wärme wird im Kondensator heruntergekühlt und meist an einen Fluss oder Kühlturm abgeführt. Dieser Prozess ist seit 1824 bekannt und nach seinem Entdecker Nicolas Leonardi Sadi Carnot benannt. 

Mehr als zwei Drittel des weltweit erzeugten Stroms wird nach diesem Prinzip in fossilen oder nuklearen Kraftwerken hergestellt. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass auch ein zukünftiges Fusionskraftwerk nach diesem Prinzip arbeiten wird. Außer den küstennahen Kernkraftwerken waren alle deutschen Kernkraftwerke mit Kühltürmen und Rückkühlung ausgestattet, wodurch der Verbrauch an Flusswasser drastisch reduziert wurde. Daher gab es für deutsche Kernkraftwerke nie Betriebseinschränkungen bei Niedrigwasser.

Frankreichs Reaktoren exportieren weiterhin nach Deutschland

Der erste Hype gegen die Atomkraft wurde dieser Tage durch den niedrigwasserbedingten reduzierten Betrieb einiger französischer Kernkraftwerke losgetreten. Von den insgesamt 57 Kernkraftwerken sind davon gerade einmal sechs betroffen. In diesen Kernkraftwerken wird üblicherweise in dieser Zeit die Jahresrevision durchgeführt. Die restlichen 51 Kernkraftwerke deckten auch im Juli 69 Prozent des französischen Strombedarfs und waren sogar in der Lage, genügend Strom nach Deutschland zu exportieren, damit bei uns die Lichter nicht ausgehen.

Aber diese Fakten halten weder den ÖRR noch viele Medien – schon gar nicht die Sozialen – davon ab, nun die Erneuerbaren als einzige Lösung für die Energieversorgung und im Kampf gegen den Klimawandel zu lobpreisen. In den Sozialen Medien sind Balkonkraftwerke mit Minibatterien bereits zur Alternative für Großkraftwerke aufgerückt. Viele fallen in dieser Zeit offensichtlich der geliebten deutsche Schrebergartenidylle anheim. Das Niedrigwasser an der Donau führt in Ungarn zu Strommangel, und in Deutschland sieht man sich dadurch in der Energiewende bestätigt. Man glaubt sogar, würde man weltweit dem deutschen Beispiel der Energiewende folgen, man könnte damit den Klimawandel bezwingen.

Nun sei aber der Vollständigkeit halber erwähnt, dass auch die Erneuerbaren ihre Nachteile haben. Sie brauchen zwar keine Kühlung und stehen daher auch bei Niedrigwasser zur Verfügung. Photovoltaik (PV) braucht zur Stromerzeugung aber die Sonne, und die scheint bekanntlich nur tagsüber und im Winter weniger als im Sommer. Insgesamt steuert die PV zur deutschen Stromversorgung gerade einmal 900 Volllaststunden bei (das Jahr hat 8750 Stunden). Auch die Windkraft produziert nur dann Strom, wenn der Wind weht, und das sind bei Onshore 1500 und bei Offshore 3500 Volllaststunden. Die abgeschalteten Kernkraftwerke lieferten über 8000 Volllaststunden für eine stabile Grundlastversorgung, die jetzt fehlen. 

Auch für Niedrigwasser kann man Lösungen finden

Trotz dieser allseits bekannten Tatsachen werden die Erneuerbaren seit Jahrzehnten gefördert. Laut Subventionsbericht der Bundesregierung haben elf der 20 größten Beihilfe-Tatbestände ihren Grund in der Energiewende- und Klimapolitik. In diesem Jahr gibt der Staat fast 40 Milliarden Steuergeld dafür aus. Daniel Wetzel brachte es in der vergangenen Woche in der Welt so treffend auf den Punkt: „Die Ökostrom-Lobby hängt an den Subventionen wie ein Junkie an der Nadel.“

Es wäre mehr als angebracht, dass man angesichts der Herausforderungen durch einen weltweit wachsenden Strombedarf und den Klimawandel zur Rationalität zurückkehrt, zu den physikalischen und ökonomischen Grundlagen, und überlegt, wie man gemeinsam an Lösungen für die Zukunft arbeitet – technologieoffen und ideologiefrei.

Auch für Niedrigwasser kann man Lösungen finden. Das Kernkraftwerk Palo Verde bei Wintersburg, Arizona, etwa 100 Kilometer westlich von Phoenix, produziert etwa 30.000 Gigawattstunden elektrische Energie jährlich und versorgt so 1,5 bis zwei Millionen Haushalte in Arizona, Kalifornien, New Mexico und Texas. Es besteht aus drei Druckwasserreaktoren mit einer Nettoleistung von insgesamt 4000 Megawatt. Der Standort befindet sich weitab von jeder Wasserversorgung, die für die Kühlung der Brennstäbe benötigt wird. Üblicherweise steht bei Kernkraftwerken Flusswasser für den Kühlkreislauf zur Verfügung. Dieses Kernkraftwerk in einer Wüstengegend ist das einzige, das nicht in Gewässernähe liegt. Als Kühlmittel dienen die zuvor geklärten Abwässer der benachbarten Städte. Die Betriebsgenehmigung wurde im April 2011 von ursprünglich 40 auf 60 Jahre verlängert.

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Thomas Veit | Do., 6. August 2026 - 14:07

bei der in Deutschland politisch nicht stattfindenden Atomkraft-Diskussion de facto schon länger keine Rolle mehr...

>> Blick aus der "Schrebergartenperspektive" ist hier die passende Beschreibung... - Danke!

Ernst-Günther Konrad | Do., 6. August 2026 - 14:11

Diese Klimaidioten wollen es nicht begreifen. Wind und Sonne sind unzuverlässig für kontinuierliche Energieversorgung. Da können Sie noch so gute und fachlich nachweisbare Fakten liefern. Die wollen ihrer Wahnsinn weiter verfolgen und verbrannte Erde hinterlassen. Jetzt muss der Wassermangel herhalten. Man kann auch Staubecken errichten und dort in der Hochwasserzeit Wasser anstauen un d vorhalten oder eben geschickt die Abwasser in der Großstadtmetropolen nutzen. Aber was immer man auch vorschlägt. Es werden immer die sog. gekauften Experten gehört oder Details bewusst ausgeklammert oder verzerrt wahrheitswidrig wiedergegeben. Es muss erst scheinbar einen großen energiepolitischen Knall geben und dann? Dann ist es zu spät. Und zahlen wird die Zeche wie immer der Bürger, die Politiker reden sich raus und tauchen ab.

Dorothee Sehrt-Irrek | Do., 6. August 2026 - 14:21

glaube aber auch nicht, dass Wasser ein Problem werden könnte.
Zur Not baut man Entsalzungsanlagen für Nord- und Ostseewasser?

Urban Will | Do., 6. August 2026 - 15:00

Merz hat die Rückkehr zur Kernkraft versprochen und das Volk belogen. Mit Sozen und Sektierern wird es auch dann keine Änderung ihres ideologisch verblendeten Kurses geben, wenn alle drei Tage für mehrere Stunden der Strom ausfällt. Dann heißt es halt: leiden für das Klima. Die Wahlschafe machen mit, die Union sowieso.
Letztendlich ist der Hauptgrund für das Scheitern einer Rückkehr zur Vernunft – wie bei vielen anderen Dingen auch – die Brandmauer.
Und wer eine andere Energiepolitik möchte, muss erst mal die Brandmauer bekämpfen. Und das geht nur über eine Bekämpfung der Union.
Eine Kanzlerin Weidel wird wohl ab dem ersten Amtstag auf eine Rückkehr zur Kernkraft hinarbeiten. Das sollte so langsam einfach mal kapiert werden.

Daher: hört auf, den Irrsinn weiter zu beschreiben. Die meisten Menschen wissen das. Beginnt endlich, für eine politische Wende zu trommeln, denn sonst geht bald das Licht aus.
Nicht nur das über dem Küchentisch. Das des ganzen Landes.

Achim Koester | Do., 6. August 2026 - 17:21

was man von grünen und roten Kernkraftgegnern wahrlich nicht behaupten kann. Die Abwärme eines Reaktors könnte in der Tat besser genutzt werden als durch Kühltürme, z.B. als Prozesswärme für die Industrie, Fernheizung und Warmwasser für Millionen Haushalte und vieles mehr. Es schietert nur an der iedologisch bedingten Panikmache der Grünen.