Entschädigung für Ernteausfälle - Mais in Meckpomm ist wie Ananas in Alaska

340 Millionen erhalten die Landwirte von Bund und Ländern, um die Ernteausfälle zu kompensieren. Keine andere Branche bekommt so viel Unterstützung. Dabei müssten die Bauern ihre Art zu wirtschaften radikal ändern

Wie lange wird der Mais noch die ideale Pflanze in Deutschland bleiben? / picture alliance

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Christoph Schwennicke ist Chefredakteur des Magazins Cicero.

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Laut klagen, um viel zu kriegen – das ist seit jeher das erprobte und erfolgreiche Vorgehen der Landwirte, denen der Volksmund eine bodenständige Klugheit nachsagt. Das Wörtchen „bauernschlau“ leitet sich so her.  

Auch nach diesem für Flora und Fauna erbarmungslosen Hitzesommer hat die Lobby der Landwirte wieder gute Arbeit geleistet. Eine Milliarde Euro Entschädigung für die Ernteausfälle durch die Trockenheit hatten ihre Lobbyisten gefordert. 340 Millionen Euro hat ihnen die Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner am Ende bewilligt, jeweils zur Hälfte aufgebracht von Bund und Ländern. 

Es hat eine lange Tradition in Europa, dass die Landwirte den normalen Kräften des Marktes nicht ausgesetzt sind und bei höherer Gewalt mehr als jede andere Branche auf die Unterstützung der Allgemeinheit setzen können. Als Nahrungsmittelhersteller gelten sie als systemrelevant und nutzen diese Systemrelevanz aus wie sonst nur noch Piloten. Bäcker und Busfahrer beispielsweise haben einen solchen Hebel nicht in der Hand.

Eine archaische Angst

Und für die Reeder, die ihre Schiffe auf einem ausgetrockneten Rhein nur noch halbvoll beladen können dieser Tage, hat auch keiner Steuergelder als Entschädigung parat. Es ist eine archaische Angst vor fehlender Nahrung, die Bauern in diese Ausnahmeposition bringt. Sie sind in der Wahrnehmung immer noch der Nährstand der agrarisch-vorindustriellen Gesellschaft, obwohl sie längst industriell arbeiten. Der Großteil der Mittel der EU-Geldumwälzpumpe fließt daher auf ihre Felder und geht in ihre Ställe. Man muss einmal Oskar Lafontaine aus seiner Zeit als Bundesfinanzminister erzählen lassen, wie in den Verhandlungen zum Agrarfonds der damalige französische Präsident Jacques Chirac von der Bedeutung der französischen Mutterkuh gesprochen hat – als sei die so heilig wie in Indien oder die Muttergottes in Tiergestalt. Urkomisch ist diese Erzählung, und ebenso grotesk und absurd. 

Um Missverständnisse zu vermeiden: Die Ernteausfälle der Bauern sind dieses Jahr massiv und in vielen Fällen bestimmt existenzbedrohend. Aber dass exogene Schocks, in diesem Fall das Wetter, einen Branche oder ein Unternehmen an den Rand des Ruins oder sogar in denselben führen kann, das gibt es allerorten. Dagegen helfen genau zwei Dinge: Eine hinreichende Versicherung und die Bereitschaft zum Wandel. 

Beginnender Sinneswandel

Beides ist in der Bauernschaft entwicklungsfähig. Wer aber selbst den Diesel noch billiger bekommt, den er in seinen Traktor füllt, der ist möglicherweise von einer Subventionsmentalität so durchdrungen, dass die Bereitschaft zur persönlichen Risikoabsicherung unterentwickelt ist. Und die Aufgeschlossenheit gegenüber Neuem auch. Der Volksmund hat neben dem Wörtchen bauernschlau auch noch den Sinnspruch: „Was der Bauer nicht kennt, dass isst er nicht“, hervorgebracht. Und was er nicht kennt, baut er nicht an, könnte man ergänzen. 

Natürlich ist der Mais, um ein Beispiel zu nennen, eine tolle Nutzpflanze, die viel Biomasse in kurzer Zeit und gehaltvolles Kraftfutter obendrein produziert. Sich also richtig lohnt im Anbau, aber nur wenn es regnet. Und vielleicht verhält es sich mit Mais in Meckpomm wie mit der Ananas in Alaska: Nicht die richtige Frucht für diese Gegend. Jedenfalls dann, wenn es in Mecklenburg-Vorpommern immer trockener und heißer wird. Wenn es so weiter geht, wird es eher die Ananas nach Alaska schaffen als dass der Mais in Mecklenburg bleibt.

Mehr Aufgeschlossenheit für Neues, weniger Vollkaskomentalität, mehr eigene Risikovorsorge, das darf man von den Landwirten verlangen. Die amtierende Fachministerin Klöckner hat mit einem Drittel der geforderten Milliarde gezeigt, dass das bisherige Prinzip: Laut schreien, viel kriegen, nicht mehr so automatisch funktioniert wie früher. Die Branche sollte das als wichtigen Hinweis nehmen, dass sich nicht nur das meteorologische Klima ändern könnte. Sondern auch das politische. 

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