Griechenland - Anlagetipp für Bernd Lucke

Ja, Griechenland hat trotz seiner Rückkehr an die Finanzmärkte immer noch Schulden. Die Krise ist nicht vorbei. Aber was ist denn so verkehrt an einem klein bisschen politischen Theater?

Symbolbild Griechenland-Rettungspolitik: Ein Graffiti mit Pinocchio-Figuren prangt an einem Bauzaun vor der Europäischen Zentralbank (EZB)
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Til Knipper leitet das Cicero-Ressort Kapital. Vorher arbeitete er als Finanzredakteur beim Handelsblatt.

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Es gibt zwei Leute, deren Äußerungen mich überhaupt nicht interessieren: der eine ist Bernd Lucke und der andere Hans-Werner Sinn. Warum? Weil man immer schon vorher ganz genau weiß, was der AfD-Parteichef und der Präsident des ifo-Instituts sagen werden. Nehmen wir als Beispiel die Rückkehr Griechenlands an die Kapitalmärkte diese Woche.

Vier Jahre nach der Beinahe-Staatspleite ist es Athen diese Woche gelungen, eine Anleihe mit fünf Jahren Laufzeit zu platzieren mit einem Zinssatz von 4,75 Prozent. Drei Milliarden Euro hatten sich die Griechen bei den Anlegern geliehen. Die Nachfrage nach der neuen griechischen Staatsanleihe lag sogar noch deutlich höher, so dass die Griechen bis zu 20 Milliarden Euro hätten einsammeln können.

Lucke und Sinn ätzen gegen Griechenland


Und wie lautet die Reaktion der Herren Lucke und Sinn? Sinn sagt: „Dass Griechenlands Gläubiger das mitmachen, liegt nur an den Rettungsschirmen.“ Lucke meint, Athen habe es mit dem „Rundum-Sorglos-Paket“ für Anleger geschafft, Risiken von den griechischen auf die europäischen Steuerzahler zu verschieben.

Es geht mir gar nicht darum, dass die beiden nicht möglicherweise Recht haben. Es ist die Art, in der sie es vortragen, die mich fertig macht. Erstens haben sie noch nie eine praktikable, politisch durchsetzbare Alternative zur Rettungspolitik vorgeschlagen. Und zweitens tun sie immer so, als seien sie die einzigen, die wüssten, dass uns hier ein bisschen politisches Theater vorgespielt wird und die Krise noch gar nicht endgültig vorbei ist.

Man möchte ihnen immer sofort die alte New Yorker Trader-Weisheit entgegenhalten: If you are so smart, how come you ain't rich?! Oder sind sie es am Ende doch und haben die neue Anleihe in ihr Portfolio aufgenommen? Wo bekommt man denn heute noch 4,75 Prozent Zinsen für ein „Rundum-Sorglos-Paket“? Wäre das nicht die perfekte Hedging-Strategie für die beiden notorischen Euroskeptiker? Entweder haben sie mit ihren Doomsday-Szenarien recht oder falls sie hoffentlich falsch liegen, verdienen sie wenigstens ein bisschen Geld. Wie Bayernfans, die im Halbfinale der Champions League Geld auf den Underdog Real Madrid setzen.

Merkel lobt die Reformpolitik


Ich verstehe auch nicht, was gegen ein wenig gut inszeniertes, politisches Theater einzuwenden ist. Griechenland gibt eine Anleihe aus, das Interesse der Anleger ist hoch, die Zinsen sind relativ niedrig, wenn auch natürlich höher als die Sonderkonditionen, die Athen von den Rettungsschirmen ESM und EFSF eingeräumt bekommen hat. Bundeskanzlerin Angela Merkel besucht den griechischen Premier Antonis Samaras und lobt ihn für seine Reformpolitik.

Dann weiß doch jeder auch nur durchschnittlich informierte Mensch in Europa, dass es den Beteiligten so kurz vor den Europawahlen darum geht, Einigkeit zu demonstrieren und schlimmere Alternativen zu verhindern. Und es scheint zu funktionieren. Samaras' konservative Regierungspartei hat die linksradikale Syriza, die die Reformpolitik beenden will, in den Umfragen überholt.

Wenn die guten Nachrichten aus Athen jetzt noch dazu führen, dass Bernd Luckes AfD bei der Wahl schlecht abschneidet und Hans-Werner Sinn seltener von Journalisten angerufen wird, die auf der Suche nach einem Horrorszenario sind, haben wir alle ein bisschen gewonnen.

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