Gewerkschaften - Ihr schafft euch ab!

Während sich Arbeitsformen wandeln, wirken Gewerkschaften oft aus der Zeit gefallen. So verspielen sie ihre historisch große Chance. Ein Gastbeitrag der ehemaligen Internetbotschafterin der Bundesregierung

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Freelancer sind Teil der Gig-Economy, die, wenn es gut läuft, die Freiheit des mobilen Arbeitens optimal für sich nutzen kann / Kati Szilagyi

Autoreninfo

Gesche Joost ist Professorin für Designforschung an der Universität der Künste in Berlin und Mitglied der SPD

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Porträt Gesche Joost

Die Mitgliederzahlen sinken, der Frauenanteil ist gering, Nachwuchs ist schwer zu begeistern – die Strukturprobleme der Gewerkschaften sind bekannt. Beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) rutschte die Zahl der Beitragszahler 2017 unter sechs Millionen – lediglich ein Drittel davon ist weiblich. Das fehlende Interesse der jungen Generation bedroht die Zukunft der Arbeitnehmerorganisationen fundamental. Und dieser Abwärtstrend betrifft nicht nur Deutschland. Auch in anderen europäischen Ländern geht der Organisationsgrad der Arbeitnehmer zurück – laut European Social Survey in Ungarn zuletzt auf nur noch 5 Prozent. Welche Rolle können Gewerkschaften angesichts dieser Entwicklung bei den drängenden Themen unserer Zeit überhaupt noch spielen? Schaffen sie sich selbst ab?

47 Prozent aller Jobs werden durch die Digitalisierung in den nächsten Jahren wegfallen – so zumindest prophezeite es bereits 2013 die viel zitierte Studie des schwedischen Ökonomen Carl Benedikt Frey und des Informatikers Michael Osborne für die USA. Ein Horrorszenario, das die Gefahr einer digitalisierungsbedingten Arbeitslosigkeit schlagartig verdeutlichte. Eilig gab die Bundesregierung eigene Studien in Auftrag, um die Lage für Deutschland zu beurteilen. So prognostizierte das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), dass hierzulande lediglich 12 Prozent der Arbeitsplätze von einer Rationalisierung durch digitale Technologien betroffen sein werden. Im selben Zuge könnte durch neue Jobprofile sogar ein Wachstum entstehen.

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Yvonne Walden | Di, 10. Juli 2018 - 15:24

Stellt sich die Frage, weshalb sich die Mehrzahl der ArbeitnehmerInnen durch die Einheitsgewerkschaften nicht mehr vertreten fühlen? Aus meiner Sicht wirkt die sogenannte "Mitbestimmung" eher lähmend auf die Tarifautonomie. Warum?
Weil fast alle gewerkschaftlichen Spitzenfunktionäre inzwischen in den Aufsichtsräten großer Unternehmen vertreten sind. Hinzu kommen bei den Großunternehmen die Betriebsratsvorstände, die ebenfalls mit am Tisch der Unternehmensleitung Platz nehmen dürfen.
Das führt bekanntlich dazu, daß diese Vertreterinnen und Vertreter der Arbeitnehmerschaft entweder diszipliniert oder gar "über den Tisch gezogen" werden. Ausgewählte Speisen und Spitzenweine tun ein übriges, um Gewerkschaftler und Betriebsräte gefügig zu machen.
Wohin all` dies führen kann, zeigte das Beispiel Volkswagen in allen Schattierungen (Lustreisen, Prostituierte etc.)
Besser wäre es deshalb, wenn man das Arbeitgeber- und das Arbeitnehmerlager wieder strikt voneinander trennen würde. Neutralität!

Wir sollten uns besser nicht vorstellen, wie unsere Arbeitswelt aussehen würde, wenn es keinerlei Arbeitnehmerinnen- und Arbeitnehmervertretungen (Gewerkschaften) mehr gäbe?
Dann wären wir alle mehr oder minder der Willkür der Gegenseite, des Arbeitgeber-Lagers, ausgeliefert.
Wie dies aussehen würde, zeigt sich beispielsweise in Unternehmen, denen eine organisierte Arbeitnehmerinnen- und Arbeitnehmervertretung fehlt. Ich denke insbesondere an die deutsche Fleischindustrie mit ihren Leiharbeitsverhältnissen und Stundenlöhnen, die nach Möglichkeit unterhalb des Mindestlohns liegen. Dies wird seitens der Fleischproduzenten mittels unbezahlter Überstunden schlichtweg so gesteuert.
Also, Gnade uns Gott, wenn die Gewerkschaften insgesamt wegbrechen würden. Das gerade auch die Spitzenfunktionäre dieser Gewerkschaften an der Misere eine erhebliche Teilschuld tragen, ist unbestreitbar. Was fehlt ist eine "Runderneuerung" der Gewerkschaften mit Funktionären, die sich nicht selbst bedienen.

Wie kann es denn sein das die selbstgefälligen ...unsäglich trägen....Dachgewerkschaften ..wie DGB..Verdi...IG-Metall mit einem unsäglichen aufgeblähten Funktionärdapparat und noch viele andere, so einen "Hass" gegen kleine Spartengewerkschaften ( Hand in Hand mit den Industriebossen und Regierung + Presse ) klar zu erkennen geben ?

Ist das der Futterneid das die kleinen Spartengewerkschaften mehr Erfolge für die Belegschaft erreichen?

Schabert Albert | Di, 10. Juli 2018 - 16:18

für die Logistiger bei Amazon behautet großspurig,er sei nur noch 30 Cent pro Stunde vom Ziel entfernt,dann fällt mir nichts mehr ein.Die Leute bei Amazon arbeitenfür einen Hugerlohn.Solche Gewerkschaften braut keiner.

Hans W. Koerfges | Di, 10. Juli 2018 - 16:41

Als konservativer Mensch habe ich Gewerkschaften nie gemocht, jedoch anerkannt, wie wichtig sie seit ihrer Gründung im 19. Jahrhundert waren und welche Erfolge sie hatten.

Nun aber ist ihre Zeit vorbei. Das mag für manchen Arbeitnehmer radikal klingen. Die Zukunft gehört jedoch der Freiheit der Arbeitnehmer bei Arbeitsvertrag, Lohnverhandlungen, Arbeitsbedingungen. Das sind Folgen der gerade begonnenen Digitalisierung und Robotik. Diese sind wiederum beste Verbündete für sehr viel höhere Einkommen, als die Gewerkschaften vereinbaren können. Dennoch sollte man den Verblichenen ein ehrendes Andenken bewahren.

wolfgang spremberg | Mi, 11. Juli 2018 - 14:58

In reply to by Hans W. Koerfges

Gute, sehr gute Arbeitsverträge, Arbeitsbedingungen können Sie nur durchsetzen wenn Sie eine starke Marktmacht besitzen. Sind Sie leicht zu ersetzen funktioniert Ihr System nicht mehr. Möglicherweise wird dank Digitalisierung etc. die Marktmacht der Arbeitnehmer eher sinken....Darum sollten sich die Gewerkschaften kümmern...und nicht die Zahl der Arbeitskraft Anbieter zu vergrößern suchen...Das ist ein großer Fehler....das merken die Betroffenen...

Armin Latell | Mi, 11. Juli 2018 - 09:08

ich bin ein Mensch aus der analogen Vergangenheit, bin zwar kein IT-Nerd aber auch keinesfalls unbedarft in diesem Thema. Zunächst einmal fällt mir der intensive Gebrauch von denglishen Schlagwörtern auf, so dass ich zum
Verständnis erst einmal Grundlagenforschung hätte betreiben müssen, um Ihren Artikel gänzlich zu verstehen. Ich gebe zu, das habe ich NICHT getan. Ihr Artikel ist für mich u.A. die Erklärung für das Abrutschen der Gewerkschaften (und erst recht der SPD) in die Bedeutungslosigkeit: beide sprechen nicht mehr die gleiche Sprache ihres (früheren) Klientels. Ganz sicher ist auch ein Grund: die Gewerkschaften machen zuviel und falsche Politik, sind mittlerweile fast nur noch politische Partei, propagandistisch, marxistisch, totalitär. Außerhalb von Lohn und Urlaubsforderungen können sich die Menschen kaum noch mit deren Vorgehesweisen und Zielen identifizieren. Es wird immer ein analoges
Leben neben der Digitalisierung geben. Werbung für die SPD war übrigens nicht nötig.

Sven Bergmann | Mi, 11. Juli 2018 - 11:30

Aus meiner früheren IT-Tätigkeit in einem in öffentlicher Hand befindlichen Unternehmen erinnere ich mich nur mit Schaudern an die Gewerkschaftler im Personalrat.
Am schlimmsten war der Vorsitzende. Ein Betonkopf, der einmal in der Woche bei Skattisch mit seinem Abteilungsleiterkumpel Dinge „regelte“, alles Neue leidenschaftlich niedermachte und für mehr Kontrolle statt Vertrauen eintrat. Die wirtschaftlichen Folgen waren katastrophal.

Und das war kein Einzelfall.
Wenn solche Leute sich dann auch noch im Datenschutz betätigen, wird es grotesk.

Der Personalrat war der fürchterlichste „Reiter der administrativen Apokalypse“ (interne Bezeichnung).
Dagegen konnten die anderen Reiter (Frauen-, Brand- und Datenschutzbeauftragte) nicht mithalten.

Töricht, auf Bessrung der Toren zu harren, Menschen der Klugheit, so habet die Narren,
eben zum Narren auch wie sichs geziemt.

die gesellschaftliche Elite oder andere Eliten sind nicht so oft in den Gewerkschaften zu finden. In meiner großen Familie bin ich eine der ganz wenigen, die in der Gewerkschaft ist und dahin auch noch familiäre Verbindungen hatte, der eine Opa war DGB-Funktionär, hoffentlich wählen wenigstens ein paar mehr davon nicht nur CDU.
Aber es gibt sie dort, jedenfalls gaben sich die Gwerkschaften früher Mühe.
Das wäre jetzt auch besser als zu politisieren und darüber etwa Andersdenkende zu drangsalieren.
Ich lese es immer mal wieder.
Den Klassenkampf will heute niemand mehr, einseitige politische Ausrichtung auch nicht.
Kern-Kompetenz und Einsatz ist meines Erachtens unerlässlich, Geduld, Solidarität und Integrität, auch für die Unternehmen.

Bernd Fischer | Mi, 11. Juli 2018 - 21:57

SPDlerin im Jahr 2018 über Gewerkschaften sinniert ist erstaunlich.

Hätte die SPD nicht ihr Klientel in den letzten Jahrzehnten so im Stich gelassen, wäre dieser Beitrag im Jahr 2018 überflüssig gewesen.

Britta Scharnitzky | Do, 12. Juli 2018 - 16:28

...ist nicht verwunderlich, wenn man sich deren 'große Erfolge' des letzten Jahrzehnts einmal näher betrachtet:
- Der sogen. ERA-Tarifvertrag der IGM, der perfiderweise über mehrere Jahre gestreckt und mit nahzu Orwell'scher Sprachverdrehung in den Betrieben eingeführt wurde und mancherorts bis zu 70% der Belegschften bis zu 10%ige Lohn- und Gehaltsverluste 'einbrachte'
- Die unreflektierte Übernahme grüner und linker Positionen zur Migrationspolitik, die von der Mehrzahl der Organisierten nicht goutiert und nachvollzogen wird
- eine jahrzehntelange Politik der %ualen Lohnerhöhungen, die Gutverdiener immer noch besser verdienen und Niedriglohngruppen in den Ofen schauen ließ
- Bespitzelungen und Denunziationen durch Gewerkschafter bezüglich 'Rechter Gesinnung' oder AFD-Mitgliedschaft...
Geht's noch? Dafür soll man auch noch Beiträge berappen? Ich jedenfalls bin ausgetreten! Dann guckt mal, wer in Zukunft noch eure üppigen Gehälter finanzieren wird!

Frau Scharnitzky, Sie sprechen einen "wunden Punkt" der gewerkschaftlichen Tarifpolitik an, die prozentualen Lohn- und Gehaltssteigerungen.
Derartige Tariferhöhungen sind absolut ungerecht, denn sie öffnen die Schere zwischen Klein- und Großverdienern immer weiter.
Die Kleinverdienenden werden mit geringen Erhöhungen gleichsam abgespeist, während die Besserverdienenden satte Gehaltsanhebungen erhalten.
Stattdessen sollten Tariferhöhungen nur noch in festen EURO-Beträgen erfolgen. Also beispielsweise 150 EURO monatlich mehr für alle.
Nur so könnte die Ungerechtigkeit zwischen oben und unten wirksam gestoppt werden.
Und was sagen die Gewerkschaftsfunktionäre dazu? Sie zählen zu den Besserverdienenden! Also lehnen sie eine solche Forderung schlichtweg ab. Das nennt sich dann soziale Gerechtigkeit.
Kein Wunder, das immer mehr bislang organisierte Mitglieder von der Fahne gehen....

Rudi Freundlich | Fr, 13. Juli 2018 - 07:46

die linksextremen (Antifa & Co.) Räume für ihre Veranstaltungen stellen statt für Arbeitnehmerrechte einzutreten brauchen sich über Mitgliederschwund nicht wundern.