Friede Springer und die Wölfe

Sie startete als zierliches Kinderfräulein und landete als Vollstreckerin an der Spitze von Europas größtem Zeitungskonzern: der schmerzhafte Weg der Friede Springer, Teil eins der Cicero Online-Reihe über das Machttrio deutscher Matriarchinnen.

Axel Cäsar und Friede Springer
() Axel Cäsar und Friede Springer
„Die Patriarchen verdämmern und die Nachfrage nach ihnen sinkt. Frauen übernehmen die Vermittlung und sogar die Macht in einer zerfallenden Gesellschaft“, sorgte sich Frank Schirrmacher und rief die „Männerdämmerung“ aus. Er meinte mit seinem Abgesang auch eine resolute Dame, die inzwischen eines der wichtigsten Produktionsmittel deutscher Bewusstseinsbildung kontrolliert: Friede Springer, Herrscherin über Europas größten Zeitungskonzern. Kurioserweise nimmt ihr Schicksal mit einem Zeitungsexemplar ihres späteren Medienhauses seinen Anfang: 1965 entdeckt die blondgelockte, 23-jährige Elfriede „Friede“ Riewerts in der „Welt am Sonntag“ eine Stellenanzeige für ein Kindermädchen in Hamburg. Sie lebt auf der Nordseeinsel Föhr, wo ihre Eltern eine Baumschule betreiben, ist selber Kinderpflegerin und steht bald darauf vor der Hamburger Verlegervilla der Familie Axel Springer , dessen jüngsten Sohn sie hüten soll. Springers vierte Frau Helga empfängt sie, der Verleger tritt kurz an die Treppe, mustert das hübsche Geschöpf, geht wieder. Es sollte nicht lange dauern, bis er seiner Assistentin beichtet: „Hulda, ich bin vielleicht verschossen“. Der Springersche Haussegen hängt schon vor Friedes Ankunft schief. Trotzdem sitzt der Verleger immer öfter im Kindertrakt und schäkert mit dem Kinderfräulein. Axel und Helga lassen sich 1966 trennen, Friede folgt ihr und den Kindern nach Gstaad. Dass sie den Dienst bald darauf quittiert, soll am Verleger gelegen haben, dem Friedes munterer Umgang mit den Skilehrern nicht behagte. Kurz darauf beginnt er sie zu umwerben. Per Hubschrauber besucht er sie auf Föhr, sie geht als Au-Pair nach London, er ruft sie ständig an, und als sie 1967 wieder nach Hause kommt, mietet er ihr eine Wohnung in Hamburg, die bald zum diskreten Liebesnest wird. Er kleidet sie ein, gibt ihr Taschengeld, führt sie aus. Auf Sylt schenkt er ihr ein Appartement und nimmt sie mit auf Reisen nach Israel oder Norwegen. Nur sein intimster Kreis weiß davon. Als die 68er-Hasstiraden gegen Springer losbrechen, flüchtet er in sein gerade erstandenes Refugium Schierensee, ein prächtiges Schloss bei Kiel. Friede bekommt mit der Überwachung der Renovierung die erste Aufgabe im Reich des Axel Springer. Zehn Jahre sind sie ein Paar, als er sie endlich fragt: „Friede, wollen wir nicht heiraten? Ich kann dieses Fräulein Riewerts nicht mehr hören.“ Es ist die fünfte Trauung des Verlegers. Seine Kinder erfahren es aus der Presse. Die neue Gattin des Axel Springer wird in Wirtschaft, Sprachen, Kunstgeschichte, Theologie geschult, die blonde Mähne kommt ab, die Wünsche nach Karriere und Kindern werden ignoriert. Teilen will er Friede nicht, auch nicht mit ihrer Familie, die sie kaum mehr sieht: Springers goldener Käfig. Seine Welt bricht zusammen, als sein Sohn Axel Junior sich 1980 erschießt. Lebensmüde verbarrikadiert er sich mit Friede auf dem Schloss oder seiner Villa am Wannsee, den „Mammutverlag“ hat er satt. Friede ist ihm Hausdame, Psychologin, Geliebte, Zuhörerin, Vorleserin, Betschwester, als er Gott sucht, und Krankenpflegerin, als ihn ein Schilddrüsenleiden ans Bett fesselt. Für ihn soll sie 1984 ins Führungsgremium der Verlagsholding, und als Springer 1985 an die Börse geht, soll sie in den Aufsichtsrat. Nur einen Wunsch schlägt Friede ihm ab: Er will sie zur Alleinerbin machen, doch sie will keinen Streit mit seinen Nachkommen. Als Axel Springer im September 1985 stirbt, weiß die zu Tode betrübte Witwe noch nicht, welchen Schlamassel er ihr im Konzern hinterlassen hat, und welche Raubtiere nach ihrem Erbe trachten. Der selige Verleger vermacht seiner Witwe 66,7 Prozent der Familienholding, der Rest geht an die Nachkommen. Zusammen hält die Erbengemeinschaft nur 26,1 Prozent der Springer Aktien. Täglich geistert die zarte Witwe in den 19. Stock des Berliner Verlagsturms, setzt sich ins holzvertäfelte Verlegerbüro und trauert. „Ich bin hier nur zu Gast“, sagt sie manchmal. „Frau Springer, die Wölfe schleichen um ihr Haus“, soll Helmut Kohl Friede einmal gewarnt haben. Einen der Wölfe kannte sie sehr gut. 1988 erfährt sie, dass er zum Sprung ansetzt: Großaktionär Leo Kirch, der seit langem nach der Macht bei Springer giert, hatte sein Aktienpaket auf 26 Prozent aufgestockt. Die Anteilseigner Burda hielten genauso viel. Sie wollen sich verbünden, um den Konzern mit einer Aktienmehrheit zu kontrollieren. Der Schock weckt den Kampfgeist der frommen Friede. Geschickt mobilisiert sie die Erben, handelt den Burdas für 530 Millionen D-Mark ihre Aktien ab und sichert sich und der Familie so 50 Prozent plus eine Aktie. Allein arbeitet sie sich in den Konzern ein, büffelt Bilanzen und Vertriebszahlen. Kirch, noch immer entschlossen, Springer zu fressen, hatte seine Aktienanteil auf mittlerweile 40 Prozent aufgestockt und es 1993 in den Aufsichtsrat geschafft. Der Feind saß nun an ihrem Tisch. „Och, Frau Springer“, mault er, „geben sie mir doch ein paar Prozentchen“. Frau Springer bleibt hart und bewaffnet sich. Den übrigen Erben kauft sie solange Teile der Familienholding ab, bis sie 1996 deren alleinige Geschäftsführerin wird und damit 51 Prozent des Konzerns kontrolliert. Sie ist 53 Jahre alt und hat endlich die Hausmacht. Mit Matthias Döpfner kommt 1998 frischer Wind in den Konzern und ein echter Freund an ihre Seite. Er soll sie an den Verleger erinnern. Irgendwann kauft sie gar das Haus neben seiner Potsdamer Villa; er macht sie zur Patentante seines zweiten Sohnes. Gemeinsam ringen sie 2002 den ungeliebten Kirch zu Boden: Sie lösen eine vereinbarte Rückkaufoption für Springers Anteil an Pro7Sat1 ein, der Preis von 767 Millionen Euro lässt den TV-Mogul zusammenbrechen. „Die Vollstreckerin“, heißt es in der Presse. Diesen Herbst ist die AG in den M-Dax aufgestiegen, die Verlegerin ist stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende und hält eine satte Aktienmehrheit, die sie sich von keinem mehr nehmen lässt. Friede Springers Laden brummt. Ins Verlagsgeschäft und die Redaktionen mischt sie sich nicht ein, das überlässt sie ihrem Torhüter Döpfner, in dessen langen Schatten sie sich wohler fühlt als auf der Rampe. Mit geschätzten 3 Milliarden Euro ist sie mit Abstand die reichste Medienunternehmerin des Landes. Wenn die zierliche Dame heute mit dem Aufzug in ihr Büro im 19. Stock fährt, verzichtet sie auf den Spezialschlüssel. Mit dem käme sie in einem Rutsch nach oben. Aber die Zwischenstopps findet sie netter. Mit ihrem grünen Golf oder dem kleinen Damenfahrrad rollt sie von der Kreuzberger Verlagszentrale nach Dahlem, wo sie ein schmuckes Häuschen bewohnt, mit kleiner Terrasse und großem Garten. Bei Aldi sieht man sie dort manchmal einkaufen, neulich zum Beispiel: Strumpfhosen. Lesetipp: Teil 2 der Reihe "Frauen an der Macht": Ursula Piech

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