- „Wir ersticken in Bürokratie“
Deutschland hat einen neuen Thinktank. Die Gründer des Javier Milei Instituts wollen nicht weniger als eine radikale Deregulierung und das Ende des Staatsinterventionismus. Im Cicero-Interview erklärt Frauke Petry, wie das ihr und ihren Mitstreitern gelingen soll.
Frauke Petry, Gründerin der Partei Team Freiheit, hat mit Mitstreitern ein neues Projekt aus der Taufe gehoben: das Javier Milei Institut für Deregulierung in Europa. Zu den Gründungsmitgliedern gehören Rechtsanwalt Carlos A. Gebauer, stellvertretender Vorsitzender der Hayek-Gesellschaft, der als Vorsitzender fungiert, sowie Petry selbst, welche die stellvertretende Leitung übernimmt.
Ebenfalls zu den Gründern zählen Prof. Dr. Philipp Bagus von der Universidad Rey Juan Carlos in Madrid und Autor von „Die Ära Milei“, die Bundestagsabgeordnete Joana Cotar (Team Freiheit), Dr. Barbara Kolm, Präsidentin des Friedrich A. v. Hayek-Instituts in Wien und Gründungsdirektorin des Austrian Economics Center, sowie Prof. Dr. Stefan Kooths, Vizepräsident des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel und Vorsitzender der Hayek-Gesellschaft.
Das Javier Milei Institut für Deregulierung in Europa versteht sich als überparteilicher Thinktank, ausgestattet mit dem persönlichen Segen von Argentniens Präsident Javier Milei.
Frau Petry, Sie haben ein Milei-Institut für Deregulierung gegründet. Warum?
Wir verstehen uns als das Institut, das ab jetzt Know-how zusammenträgt, um konkrete Deregulierungsmaßnahmen für Deutschland und Europa zu entwickeln. Wir ersticken in Bürokratie, weil der Staat inzwischen viel zu viel regelt. Daher werden wir einen Maßnahmenkatalog erarbeiten, der alle Methoden und Instrumente enthält, um eine umfassende Deregulierung auch in Deutschland umzusetzen. Dabei profitieren wir natürlich von den argentinischen Erfahrungen. Die strukturellen Probleme gibt es dort zwar in viel gravierenderer Weise, aber im Grunde haben wir sie genauso.
Wie viel Team Freiheit steckt im Milei-Institut?
Das Milei-Institut hat einen breiten und überparteilichen Ansatz. Jeder, der zur gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Gesundung kompetent beiträgt, ist für uns ein wertvoller Gesprächspartner. Natürlich ist es kein Zufall, dass sich hier freiheitliche Persönlichkeiten zusammenfinden. Wo die Hayek-Gesellschaft und das Mises-Institut den wissenschaftlichen Boden für eine marktwirtschaftliche Erneuerung bereitet haben, ist Team Freiheit mit seinem neuartigen strukturellen Ansatz der Keilriemen, um freiheitliche Politik in der Praxis umzusetzen. Besonders glücklich sind wir darüber, dass Javier Milei persönlich von der Idee dieses Instituts in Europa begeistert ist. Mit diesem Rückenwind aus Argentinien sind wir gut gerüstet.
Es gibt bereits die Friedrich-Naumann-Stiftung der FDP als liberale Stiftung in Deutschland. Wofür braucht es dann noch Ihr Institut?
Ich bin sicher, dass es bei der Friedrich-Naumann-Stiftung sehr respektable Persönlichkeiten gibt. Aber auch diese konnten den Niedergang der FDP nicht verhindern. Der Grund ist einfach: Eine parteinahe Stiftung wird am Ende nur das vertreten, was diese Partei will. Wir kranken aber seit vielen Jahren daran, dass es gute politische Ideen gibt, die aber am Ende immer wieder an Parteigrenzen scheitern. Die übergreifende Idee des Milei-Instituts ist daher, dass wir Ideen zum Durchbruch verhelfen, die weit über Parteigrenzen hinausgehen. Mit einer Parteistiftung lässt sich unser Institut also gar nicht vergleichen.
Sie sprachen gerade von einem Maßnahmenkatalog. Können Sie das erläutern?
Der Plan ist, einen Handlungskatalog zu entwickeln, den die nächste bürgerliche Regierung – wie auch immer die aussehen wird – von Tag eins an nutzen kann, um Bürokratie abzubauen. Dafür braucht es klare, auch juristisch durchdachte Maßnahmen. Vorbild ist der Ökonom Federico Sturzenegger, der einen solchen Maßnahmenkatalog für Javier Milei entwickelt hat. Das entsprechende Meme macht es deutlich: Ein Riesenstapel an Gesetzen auf der einen Seite soll auf einen sehr überschaubaren Stapel auf der anderen Seite reduziert werden. Genau das brauchen wir in Deutschland auch – ob in der Sozialpolitik, bei der Regulierung der Wirtschaft oder im Steuerrecht. Die Betroffenen müssen wieder atmen können. Das gilt für den einfachen Bürger genauso wie für die Wirtschaft.
Wie wollen Sie die Finanzierung des Milei-Instituts sicherstellen?
Alle beteiligten Gründer des Milei-Instituts gehen einer ordentlichen Arbeit nach, unser Engagement in diesem Institut ist ehrenamtlich. Wir freuen uns aber selbstverständlich für die anstehende Detailarbeit über Expertise und Unterstützung über unsere Partner bei der Hayek-Gesellschaft und beim Mises-Institut hinaus. Die Ausarbeitung eines konkreten Deregulierungskatalogs wird weitere Fachleute und auch materielle Ressourcen benötigen.
Wie lautet denn Ihre Gegenwartsanalyse?
Unsere nationalen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen verschlechtern sich zusehends, das zeigt ein Blick in die morgendliche Presseschau oder auf die Wirtschaftsdaten. Das Sterben der Automobilindustrie, der Zulieferindustrie und der chemischen Industrie aufgrund der hohen Energiepreise wird zwangsläufig zu einem wirtschaftlichen Abschwung führen. Noch lassen sich Engpässe vordergründig mit Schuldenpaketen kompensieren, aber die Gewerbesteuereinbrüche in einstmals wohlhabenden Städten zeigen, dass der Weg in die gesellschaftliche Verarmung führt. Migration und Wirtschaft stehen also beide ganz oben auf der Problemliste.
Deutschland gilt als strukturkonservatives Land. Wie sollen radikale Reformansätze hier überhaupt verfangen?
Die letzten Wirtschaftsreformen hat Gerhard Schröder mit der Agenda 2010 in Gang gesetzt, bis heute herrscht Konsens darüber, dass das Land und die Merkel-Regierung von seiner damals in der SPD sehr unpopulären Entscheidung profitiert haben. Heute ist die notwendige Rosskur viel drastischer als damals und in Berlin weit und breit niemand zu sehen, der bereit ist, das Übel bei der Wurzel zu packen. Eine freiheitliche Partei ist also dringend notwendig.
Team Freiheit plakatiert derzeit den Satz „Sozialstaat absägen“. Das klingt ziemlich radikal. Sehen Sie sich denn als einzige politische Kraft, welche den Mut hat, den Elefanten im Raum zu benennen?
Tatsächlich gibt es außer Team Freiheit keine andere Partei, die den Sozialstaat radikal, also gründlich, abschaffen und umbauen will, denn die allermeisten Politiker haben genau davor Angst. Damit hat Team Freiheit auch im europäischen Vergleich ein Alleinstellungsmerkmal, denn der Sozialstaat ist überall eine heilige Kuh. Wir haben unser soziales und mitmenschliches Handeln schleichend an einen bürokratischen Apparat ausgelagert. Soziale Fürsorge funktioniert aber nur zwischen Menschen und ist nicht durch Verwaltungshandeln ersetzbar.
Das müssen Sie erläutern.
Der Zusammenhalt, den es in der sozialen Gemeinschaft zwischen Menschen gibt, im christlichen Sinn, den kann der Staat niemals substituieren. Heute zahlen wir viele Abgaben, aber der Zusammenhalt zwischen den Menschen ist trotzdem verloren gegangen, obwohl es vielen rein materiell besser geht. Das liegt daran, dass die Menschen untereinander nicht mehr miteinander in Kontakt sind, weil der Sozialstaat die Geldverteilung übernommen hat – anonym, bürokratisch, kalt. Finanziell mag das auf den ersten Blick besser sein, gesellschaftlich hat das aber zu einer zunehmenden Entfremdung geführt. In Argentinien war es über Jahrzehnte so, dass der Ruf nach dem Staat sehr groß war. In Deutschland ist das noch immer so: Der Staat gilt als etwas Positives. Gleichzeitig gibt es, vor allem auf der linken Seite, das Bemühen, den freien Markt zu verteufeln.
Dabei vergisst man völlig, dass es reihenweise Beispiele dafür gibt, dass Planwirtschaft und Sozialismus nie funktioniert haben. Es gibt ein Standardwerk von Hayek: „Der Weg zur Knechtschaft“. Friedrich August von Hayek hat dieses Buch für die britische Leser geschrieben und mitten im Zweiten Weltkrieg veröffentlicht, um sie vor den katastrophalen Folgen sozialistischer und damit totalitärer Planwirtschaft zu warnen. Die Kernbotschaft dieses Buches lautet: Staatsinterventionismus führt immer in die Unfreiheit – und das erleben wir auch heute wieder. Dass die linke Seite kein Problem mit staatlichen Eingriffen hat, sie sogar explizit gutheißt und fordert, hat letztlich damit zu tun, dass sie selbst davon profitiert. Weite Teile des linken Vorfeldes leben von Umverteilung, von Transferleistungen, von steuerfinanzierten NGOs. Insofern haben diese Akteure natürlich ein verständliches Interesse daran, den Status quo aufrechtzuerhalten.
Aber ist dieses System denn überhaupt noch finanzierbar?
Mit 15 Millionen Nettosteuerzahlern in Deutschland ist der aktuelle Sozialstaat kurz vor dem finanziellen Kollaps. Wir geben fast 1,4 Billionen Euro pro Jahr für Sozialleistungen aus. Das ist ungefähr ein Drittel des Bruttoinlandsprodukts. Umgerechnet auf alle Bürger, ob Baby oder Greis, sind das 15.000 Euro pro Jahr, die jeden von uns dieser Sozialstaat kostet. Doch das meiste davon landet gar nicht bei den Menschen, die es eigentlich brauchen, sondern fließt in die Verwaltung. Damit sind wir wieder bei Milei: Der argentinische Präsident hat im Prinzip die Zwischenebenen des Staates gekappt. Er hat viel Verwaltung abgeschafft und erreicht, dass mehr Sozialhilfe dort landet, wo sie hingehört – bei denjenigen, die es wirklich brauchen.
In Argentinien spricht man im Kontext von Mileis Reformen von der „Sozialstaatsindustrie“.
Und genau die haben wir in Deutschland inzwischen auch.
Das Interview führte Clemens Traub.
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Die effektivste Entbürokratisierung des Sozialstaats wäre ein Grundeinkommen.
Die effektivste Entbürokratisierung des Steuerstaats wäre eine ausschließliche Konsumsteuer.
Hoffentlich bezahlt Frau Petry dieses Institut selbst. Was getan werden m ü s s t e, ist bekannt.
Wenn man nicht mehr weiter weiß, dann gründet man einen Arbeitskreis. Am allerbesten einen gestifteten :-)
Schon wieder Petry!? Das ist zu viel Petry für ein Magazin wie den CICERO. Oder gibt es da Interessen(skonflikte)? Ist der Chefredakteur dem Charme und der Beredsamkeit dieser Dame auf den sprichwörtlichen Leim gegangen? Man wird ja wohl mal fragen dürfen.
Auf die Frage, wie sie das alles finanzieren will, kommt welche konkrete Antwort: * Alle beteiligten Gründer des Milei-Instituts gehen einer ordentlichen Arbeit nach, unser Engagement in diesem Institut ist ehrenamtlich......* Frau Petry, Ihr Engagement in Ehren. Mit welcher politischen Macht wollen Sie das den durchsetzen? Also mit dem Team Deutschland nicht. Da bräuchte es mindestens mal die Stärke einer AFD und auch die bräuchte Regierungsbeteiligung. Nichts für ungut. So wird das nichts. Aber gut, machen sie selbst Ihre Erfahrungen, womit ich die Politik Mileis keinesfalls negativ beurteilen möchte.
Die Petry ist eine Abenteuerin der Politik. Immer in der Hoffnung irgendwo eine Geldquelle anzapfen zu können. Sie lügt sich von Idee zu Idee.
…. hat mal ganz klein angefangen und keiner hätte gedacht, dass er mal Präsident von Argentinien wird und mit seinem Programm Erfolg hat …
In kurzen, knappen, gewohnt klaren Worten hat Frau Dr. Petry die Sache beschrieben. Und sie hat dabei niemanden geschmäht, obwohl das angesichts des Parteiengezänks bei der Verfolgung für richtig und wichtig erkannter Ziele eine unglaubliche Leistung ist. Schon allein diese charakterliche Leistung ist vor lauter Brandmauern, Haltungsjournalismus und -Politik, im "Kampf gegen den Faschismus" und im Kampf um "Unseredemokratie" ein Sonnenstrahl zwischen Gewitterwolken.
Die ersten Kommentare hier zeigen bereits, wie nötig in unserem Staat jemand ist, der ohne einen Rattenschwanz von Partei- und Parteitagsrücksichten, NGO-Geldgier oder Buddyförderungs-Hinterlisten handelt. Einfach so.
Dass es angesichts tausender Enttäuschungen über Politiker und den Politikbetrieb hier nur noch Pessimisten gibt, ist verständlich.
Frauke Petry hat sich noch nie verbiegen oder gar korrumpieren lassen.
Vielen Dank Hr. Wissenbach für ihren neutralen und freundlichen Kommentar .
Es tut gut zu lesen, dass es in dieser Zeit noch Menschen gibt, die eine gepflegte Ausdrucksweise für wichtig erachten und neutrale (raumlassende) Meinungen noch respektieren und zu würdigen wissen. Jeder darf, nein sollte, eine eigene Meinung haben und zu dieser stehen, was aber nicht gleichlautend sein darf mit die Meinung andere niedermachen. Was es uns dieses Institut am Ende bringt, bleibt abzuwarten. Bei mir jedenfalls erzeugt es ein Gefühl von Hoffnung, dass noch nicht alles dabei ist im sozialistischen Sumpf (so empfinde ich die aktuelle Situation) unterzugehen. Danke.
In kurzen, knappen, gewohnt klaren Worten hat Frau Dr. Petry die Sache beschrieben. Und sie hat dabei niemanden geschmäht, obwohl das angesichts des Parteiengezänks bei der Verfolgung für richtig und wichtig erkannter Ziele eine unglaubliche Leistung ist. Schon allein diese charakterliche Leistung ist vor lauter Brandmauern, Haltungsjournalismus und -Politik, im "Kampf gegen den Faschismus" und im Kampf um "Unseredemokratie" ein Sonnenstrahl zwischen Gewitterwolken.
Die ersten Kommentare hier zeigen bereits, wie nötig in unserem Staat jemand ist, der ohne einen Rattenschwanz von Partei- und Parteitagsrücksichten, NGO-Geldgier oder Buddyförderungs-Hinterlisten handelt. Einfach so.
Dass es angesichts tausender Enttäuschungen über Politiker und den Politikbetrieb hier nur noch Pessimisten gibt, ist verständlich.
Frauke Petry hat sich noch nie verbiegen oder gar korrumpieren lassen.
Ich halte die Petry für eine politische Abenteurerin, die stets danach zu suchen scheint, wer ihre Ideen zu finanzieren bereit ist. Und an Ideen mangelt es ihr wahrlich nicht. Gewiss hat Präsident Milei Argentinien "aus der Scheiße" gezogen, und wie immer bei einem solchen Geschäft bekleckert man sich. Aber ob man die argentinischen Verhältnisse mit denen in Deutschland vergleichen kann, bleibt fraglich, ich tendiere zur Bewertung "abenteuerlich". Petry bedient sich eindeutig populistischer Methoden. Freilich kann man alles mit allem vergleichen. Aber in Wahrheit tun das nur Dummköpfe oder Scharlatane. Ich sage nicht, welcher Kategorie ich Petry zurechne. Aber ehrenwert sind ihre Vorschläge noch nie wirklich gewesen. Es bleibt ein Geschmäckle, dass sie ihr ganz eigenes Süppchen kocht. Sie sollte aufhören und versuchen, sich solide durchzuschlagen.
Herr Funke, ich habe mich mit Frau Petry noch nie befasst. Interessant wäre es, wenn Sie erkäutern würden, weshalb Sie Frau Petry für nicht integer halten. Persönliche Animositäten, Vermutungen oder Verdächtigungen haben in Kommentaren meiner Meinung nach nichts verloren, stehlen uns alle nur Zeit und sind nicht zielführend.
Was mich auch immer wieder irritiert, ist die Tatsache mit welcher meist negativen Gewissheit viele Foristen reagieren, wenn einmal jemand neue Wege geht. Wäre es nicht sinnvoller dazu Fragen zu stellen und erst einmal zu beobachten, was tatsächlich geschieht?
Ja bitte, mehr Milei tut diesem Land und dem abgedroschen Politiker- und Mainstream-Journalistengewäsch definitiv gut. Man muss sich dazu nur mal einige Ausschnitte der elenden ARD-Merz-Politshow von gestern Abend anschauen, wo eine weiblich gelesene Person glaubte, mit einer Show-Kettensäge herumfuchteln zu müssen, um damit Milei, den hoch erfolgreichen Führer Argentiniens, und Trump, den amerikanischen Präsidenten, zu diskreditieren. Unerträglich. Und für diesen erbärmlichen Auftritt einer ARD-Tussi Merz zuliebe sollen wir Zwangsbeiträge zahlen? Ich wünsche Petry und dem Milei-Institut jeden Erfolg, damit allen Schmarotzern hierzulande auch endlich das Handwerk gelegt wird.
