Facebook kauft WhatsApp - NSA in der Hosentasche

Für 16 Milliarden Dollar hat Facebook jetzt „Whats App“ gekauft. Damit schluckt das Netzwerk nicht nur einen sehr hartnäckigen Konkurrenten beim Kampf um Nutzerdaten. Facebook hat auch den Grundstein für ein Beinahe-Monopol in den mobilen Zukunftsmärkten gelegt. Auf Handys und Tablets regiert künftig: der Zuckerberg-Komplex

Zugeschnappt: Zuckerberg kauft WhatsApp
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Autoreninfo

Christian Jakubetz, Jahrgang 1965. Stationen u.a. beim ZDF, N 24, ProSiebenSAT1 sowie bei diversen Tageszeitungen. Dozent u.a. an der Deutschen Journalistenschule in München und Lehrbeauftragter an der Universität Passau. Herausgeber des Buchs “Universalcode” (Euryclia, 2011). Seit 2006 freiberuflich tätig u.a. für das ZDF, die FAZ und die deutsche Ausgabe von “WIRED”. Blogger mit “jakblog.de”.

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Erstmal die Zahlen: Facebook hat weltweit über eine Milliarde, WhatsApp bringt es auf rund 500 Millionen Nutzer. Nimmt man dann noch die rund 200 Millionen hinzu, die den Fotodienst Instagram nutzen, dann umfasst das Zuckerberg-Imperium künftig rund 1,7 Milliarden Nutzer. Selbst wenn man berücksichtigt, dass es natürlich etliche Doppelt- und Dreifach-Nutzer der Dienste gibt, muss man sich diese Zahl erst einmal vor Augen führen: Theoretisch gesehen erreichen sie knapp ein Viertel der Weltbevölkerung. Ihr Anteil an denen, die das Netz nutzen, ist dementsprechend größer.

Der gewaltigste Datenberg der Geschichte
 

Aber das alleine ist es nicht, was den neuesten Facebook-Zukauf so beängstigend macht, für Nutzer wie Konkurrenten gleichermaßen. Schon bisher galt Facebook als eine Krake, deren Umgang mit Daten zumindest als fragwürdig gilt. Mit WhatsApp wurde jetzt ein Dienst gekauft, der Facebook in dieser Beziehung in nichts nachsteht. Rund 30 Millionen Nutzer alleine in Deutschland müssen für die vermeintliche Freiheit, kostenlos Kurznachrichten verschicken zu können, folgendes hinnehmen: Über die Kamerafunktion hat die App Zugriff auf GPS-Daten und damit den jeweiligen aktuellen Standort des Nutzers. Sämtliche Chats und Telefonate können mitgeschnitten werden. Selbst dann, wenn die App gar nicht aktiv ist und nur im Hintergrund läuft. Sämtliche Daten laufen über amerikanische Server - weitgehend unverschlüsselt. Und was dort passieren kann, sollte sich mittlerweile herumgesprochen haben. Kein Wunder also, dass es nicht wenige Experten gibt, die „WhatsApp“ mittlerweile als „NSA in der Hosentasche“ bezeichnen. Rechnet man dann noch dazu, was User bei Facebook und Instagram an Material einstellen und von sich selbst preisgeben, freiwillig oder auch nicht, dann wird schnell klar: Der Zuckerberg-Komplex sitzt auf dem gewaltigsten Datenberg, den es jemals in der Geschichte gegeben hat. Und: Er wird kaum davor zurückschrecken, diesen Berg zu Geld zu machen. Das ist schließlich sein Geschäftsmodell.

„WhatsApp“ als Wachstumspotenzial

 

Aus seiner strategischen Sicht heraus hat Zuckerberg mit diesem Deal alles richtig gemacht, selbst gemessen an dem exorbitanten Preis von 16 Milliarden Dollar. Zuckerberg dürfte selbst wissen, dass die Wachstumsgrenzen bei Facebook irgendwann erreicht sind. Zumal es einige Tendenzen gibt, die darauf hindeuten, dass speziell ein jüngeres Publikum dem riesigen Netzwerk, in dem jeder alles von jedem wissen darf, zunehmend den Rücken kehrt. Es tummelt sich eher bei Messenger-Diensten. 450 Millionen dieser User und den unangefochtenen Krösus dieses Zukunftsmarktes hat sich Zuckerberg damit gekauft. Wenn man so will, dann ist „WhatsApp“ das Wachstumspotenzial, das Facebook selber nicht mehr hat.

Dazu kommt: 2014 wird vermutlich zu dem Jahr werden, in dem die Post-PC-Ära endgültig Realität wird. Dann werden aller Voraussicht nach erstmals mehr Menschen von mobilen Endgeräten aus ins Netz gegangen sein als vom guten, alten PC aus. Der Kampf um Nutzer und ihre Daten wird also über das Smartphone, über das Tablet geführt. Dass Zuckerberg dafür mittlerweile die allerbesten Chancen hat, zeigen alleine die deutschen Zahlen: Mit Facebook und „WhatsApp“ gehören ihm nun die beiden meistinstallierten Anwendungen auf mobilen Endgeräten in Deutschland. Auch Instagram zählt inzwischen zu den 20 meistinstallierten Apps. Dass der Zuckerberg-Komplex künftig also in irgendeiner Form auf nahezu jedem deutschen Mobilgerät vertreten sein wird, ist keine allzu gewagte These. Die Marktmacht geht demnach in Google‘sche Größenordnungen.

Marktmonopolist Zuckerberg
 

So, wie der Markt der Online-Suche fest verteilt ist, steht spätestens jetzt fest: Nicht nur der Markt der sozialen Netzwerke, sondern auch der der mobilen Kommunikation, Information, Unterhaltung ist kein Markt mehr. Er gehört Zuckerberg. Selbst wenn jetzt einige hektische Nutzer auf Alternativen wie den Messenger „Threema“ umsteigen (Disclosure: der Autor bekennt, dies ebenfalls getan zu haben), ist es illusorisch zu glauben, dass sich an dieser Macht etwas ändern wird. Es ist das netzimmanente Spiel: The winner takes it all, nur die Reichweite zählt. „Threema“ und andere werden schon deshalb keine wirklich relevanten Marktanteile gewinnen, weil die Masse zu träge ist, um zu wechseln. Und weil ihr zudem offenbar der Schlüsselreiz „kostenlos“ so wichtig ist, dass sie lieber komplett auf Privatsphäre verzichtet. Am Rande bemerkt: „Threema“ kostet einmalig 1,79 Euro.

Darauf wird das Zuckerberg-Imperium auch weiterhin setzen können: Im Netz gewinnt der Größte und der Schnellste. Nicht unbedingt der Beste. Im Netz herrscht das Gesetz von der Trägheit der User-Masse. Beinahe-Monopole wie Google oder Amazon sind der tägliche Beweis dafür. Mit Facebook-WhatsApp-Instagram ist jetzt ein weiteres hinzugekommen.

 

 

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