Fünf Trugschlüsse der Finanzkrise

Die Finanzkrise erschüttert nicht nur die Wirtschaft, sondern auch Weltbilder. Alte Feindbilder, ideologische Dogmen und schnelle Urteile haben Konjunktur. Doch bei näherem Hinsehen stellen sich manche populären Ansichten als Irrtümer heraus.

Unheil über dem Finanzplatz Frankfurt
() Unheil über dem Finanzplatz Frankfurt

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These 1

Ein entfesseltes Investmentbanking hat die Krise ausgelöst. Gierige Finanzspekulanten, Börsenzocker und Investmentbanker haben mit ihren dubiosen Finanzprodukten in unverantwortlicher Weise ein globales Casino in Gang gebracht.

Tatsächlich hat die Finanzkrise tiefere Ursachen als das – gewiss vorhandene – Fehlverhalten einzelner Banker. Denn es handelt sich um eine beinahe klassische, massive Überschuldungskrise. Die Ursache dieser Krise liegt nicht in wilden Optionsgeschäften, raffinierten Börsenderivaten oder unseriösen Unternehmensübernahmen von Heuschrecken-Fonds. Es geht um die altmodischste Form des Geldgeschäfts überhaupt: Immobilien- und Staatskredite. Und davon haben sich in den vergangenen Jahren einfach viel zu viele aufgetürmt. Die Verschuldungsquote der Privathaushalte in den USA stieg von 50 Prozent des Bruttosozialprodukts im Jahr 1980 bis auf 100 Prozent im Jahr 2006. Das heißt: Auf sie entfallen Schulden in Höhe der volkswirtschaftlichen Gesamtjahresleistung der USA.

Die Banken und andere Finanzinstitutionen haben ihre Schuldenmasse enorm ausgeweitet. Bis 2007 entsprach die Verschuldungsquote des Finanzsektors 116 Prozent des Bruttosozialprodukts, verglichen mit nur 21 Prozent im Jahr 1980. Und beim Staat ist die Verschuldungsentwicklung der vergangenen Jahrzehnte noch dramatischer. Die Gesamtverschuldung der USA übersteigt heute die Marke von zehn Billionen Dollar, Japan hat sechs Billionen Dollar Schulden angehäuft, Deutschland insgesamt 1,5 Billionen.

Wenn heute Hausbesitzer und Politiker die Banker beschuldigen, dann ist das so, als ob ein Brandstifter die Streichholzindustrie fürs Feuer verantwortlich macht. Wenn Staaten Schuldenmilliarden auf Milliardenschulden türmen und suggerieren, es gebe keinen Zahltag dafür, dann spielen sie das globale Schuldenmonopoly an vorderster Stelle selber mit.cm

These 2

Der Neoliberalismus hat grandios versagt. Als der Staat vom Raubtierkapitalismus zu weit zurückgedrängt war, begannen die zerstörerischen Exzesse.

Tatsächlich ist der Staat in den vergangenen Jahren keineswegs auf dem Rückzug gewesen. Die Staatsquoten in den meisten westlichen Ländern erreichten im vergangenen Jahrzehnt historische Rekordmarken. Der unmittelbare Staatseinfluss auf das Weltwirtschaftsgeschehen ist durch den spektakulären Aufstieg der staatskapitalistisch dominierten Volkswirtschaften in Russland und China weiter gestiegen.

Weder nackte Gier noch Marktversagen stehen daher ursächlich hinter der globalen Finanzkrise. Sie sind Verstärkereffekte einer riskanten Politik der beiden größten Zentralbanken der Welt, die über Jahre hinweg weitgehend auf Zinsen verzichtet haben.

Die Bank of Japan senkt ihren Diskont 1994 erstmals unter zwei, erreicht im September 2001 das Minimum von 0,1 und bleibt seitdem immer unter einem Prozent. Die Federal Reserve taucht im November 2002 auf 0,75 und operiert momentan mit 1,5 Prozent. Wer Banker als Raubtiere verlästert, die entzückt beinahe gratis herausgereichtes Geld entgegennehmen, kann auch seinen Hund schlagen, weil er den vom Lieblingsmetzger zugeworfenen Fleischbrocken nicht Nachbars Katze überlassen will. Wer würde nicht mitnehmen, worauf ein Vertragspartner aus unerfindlichen Gründen so großzügig verzichtet?

Steht am Beginn des normalen Bankgeschäfts ein einfalls- und pfandreicher Unternehmer, für den Geld gesucht wird, so steht bei ultraniedrigem Diskont am Anfang Zentralbankgeld, für das Anlagemöglichkeiten überhaupt erst zu finden sind. Unternehmer müssen für ihr Verbleiben in der Konkurrenz ohnehin leihen. Sie borgen wegen plötzlich geringeren Zinses nicht ein zweites Mal. Fällt ihr Finanzierungsbedarf aber gerade in eine so günstige Zeit, dann nehmen sie diesen Vorteil selbstverständlich mit. Sie investieren jedoch, um den Wert des Gesamtunternehmens zu schützen. Im Vergleich dazu bilden Variationen der Zinshöhe eine zu vernachlässigende Größe.

Auch „billiges“ Zentralbankgeld muss refundiert und verzinst werden und kostet das verpfändete Eigentum, wenn dabei etwas schiefgeht. Also kaufen die Geschäftsbanken mit dem unerwarteten Segen erst einmal alles, was da ist und höher rentiert als der Minizins. Liegt der bei eins, geht es an sämtliche Anlageklassen, die mehr als zwei Prozent bringen, ob das nun Rohstoffe, Bergwerke, Fabriken, Kunstwerke, Anleihen oder bereits vorhandene Immobilien sind. Alle erleben durch diese Nachfrage eine plötzliche Wertsteigerung. Was aber ist die? Nichts als Inflation. Was gestern hundert kostete und gerne für das Einprozentgeld gekauft wurde, weil es viereinhalb bringt, kostet bei unverändertem Ertrag plötzlich dreihundert und rentiert deshalb nur noch mit eineinhalb. Damit wird es selbst bei sehr niedrigem Diskont unattraktiv. Zu diesem Zeitpunkt aber haben die Geschäftsbanken bereits gigantische und zugleich preisgeblähte Vermögensbestände aufgekauft. So gehen im Jahre 2007 über 40 Prozent aller Gewinne der börsennotierten US-Unternehmen an Banken, obwohl die gerade fünf Prozent der Erwerbstätigen bezahlen. Weil nur Geschäftsbanken an die Tresen der Zentralbanken dürfen, nicht aber der gewöhnliche Steuerzahler, halten im selben Jahr Banken 50 Prozent aller Schulden in den USA, während es 1980 erst zehn Prozent sind.

Die staatlich organisierte Zentralbankblase platzt, wenn die Preise so hoch steigen, dass auch Erträge für einen Diskont von nur einem Prozent nicht mehr herausspringen. Wenn beispielsweise nur noch 250 kostet, was für 300 gekauft wurde, muss das abgestoßen werden, bevor noch mehr verloren ist. Nur rasanter sinken jetzt die Preise der Vermögen unter die Summen, die man für ihren Ankauf so günstig geliehen hatte. Die Banken taumeln zum Abgrund, weil ihr Eigenkapital diese Abschläge nicht mehr ausgleichen kann.

Es ist mithin ein Abfallprodukt billigen Geldes, dass am Ende Käufer kaum noch gefunden werden und Markt schlichtweg nicht mehr stattfindet. Wer zukünftiges Unheil verhindern will, muss also nicht regulierend in Märkte eingreifen, sondern wieder die Befolgung der Zentralbankregeln durchsetzen.

Die Federal Reserve, die mit ihrer Zinsnullung fast alle Vermögensklassen inflationiert und die unbezahlten Immobilien auf den Weg gebracht hat, lässt sich jetzt auch vom letzten Schritt nicht mehr abhalten. Damit immer mehr Geschäftsbanken bei ihr holen können, was die von den Nachbarbanken gar nicht mehr geliehen bekommen, wird auf gute Sicherheiten als Pfänder für frische Dollar einfach verzichtet.

Das ist insofern konsequent, als die wackelnden Geschäfts- banken ja nur Pfänder hinterlegen können, die sich längst als unverkäuflich erwiesen haben. Und doch akzeptiert die Fed seit Frühjahr 2008 die unbesicherten „asset backed securities“ als Pfand. Wenn nun eine Geschäftsbank ihr gegenüber nicht tilgt, kann sie aus dem Verkauf dieser minderwertigen Pfänder die Beträge nicht wiedererlangen, die sie herausgegeben hat und macht Verluste. Wie jede andere Bank muss sie dann aus Eigenkapital glattstellen. Wird das dabei aufgezehrt, kann nur noch der Staat durch Übertragung neuen Eigentums die Zentralbank am Leben erhalten.

Eine Zentralbank, die schlechte Sicherheiten akzeptiert, bringt also ihre eigene Währung auf die Kippe, weil sie einen Titel hinter den Tresen nimmt, mit dem sie ihr nicht refundiertes Geld wieder aus dem Umlauf ziehen könnte. Daraufhin werden ihr gute Sicherheiten immer seltener angeboten. Denn die Verpfänder haben Angst, dafür Geld in die Hand zu bekommen, das noch im Kreditzeitraum im Kurs fällt.

Wirtschaften heißt Aktivieren von Eigentum. Nur Eigentum kann Geld besichern und den Kredit zum Verleihen dieses Geldes mit Pfand unterlegen. Das Eigentum der Geschäftsbanken und Zentralbanken ist dabei so unverzichtbar wie das Eigentum der Nichtbanken. Sind die Eigenkapitale der Geschäftsbanken weg, hört das Wirtschaften auf.

Illiquide Geschäftsbanken können von der Zentralbank wieder flüssig gemacht werden, wodurch auch der cash flow in Gang bleibt. Für insolvente Banken aber kann sie nichts tun, weil sie kein Eigentum verteilen kann, mit dem Banken von neuem Ausleihungen an Unternehmen besichern könnten. Kein Zentralbanker kann Kollateral übertragen. Schlimmer noch, je aberwitziger er den Zins herunterfährt, desto mehr Kollateral muss er entwerten. Und je mehr besichernde Kollaterale fehlen, desto geringer wird das Vertrauen. Das schwindet keineswegs wegen asymmetrischer und unvollständiger Information, wie etwa Joseph E. Stiglitz glaubt. Information ist immer unvollständig. Das Vertrauen schwindet gerade aufgrund der allgemeinen Information, dass so gut wie alle Banken unterkapitalisiert sind, weil zum eigenen Vorteil alle zur Musik des billigen Geldes tanzen mussten.

Gibt es zu viele insolvente Banken, muss jemand da sein, der nicht etwa Geld zur Verfügung stellt, sondern Eigentum, gegen das allein Geld geschöpft werden kann. Dieser Jemand ist momentan der Staat. Er muss als Eigentümer oder Miteigentümer der Banken antreten, damit die wenigstens wieder fähig werden, verpfändungsfähigen Unternehmen Kredit zu geben. „Realwirtschaft“ ist nun einmal die Bedienung unzähliger Kreditkontrakte zwischen Bankeigentümern und Unternehmenseigentümern. Fehlt eine Seite, stirbt das System. Dieses Netz aus Millionen Gläubiger-Schuldner-Verträgen formt die berühmte „sichtbare Hand“, die Adam Smith verspüren, aber nie verstehen konnte.

Banken, die beim rasanten Verdampfen ihrer Eigenkapitale keine neuen Eigentümer finden, gefährden also nicht nur sich, sondern des Ganze. Wo das verstanden wird, landen Giganten wie Mae und Mac in den USA, Fortis in Belgien oder Royal Bank in England eben nicht zur Schadenfreude des Steuerzahlers beim Konkursrichter, sondern direkt in seinem Schoß. gh


These 3

Amerika wird nach dieser Krise strategisch geschwächt bleiben. Die Lasten des Rettungsplans werden die Steuerzahler der USA enorm belasten. Die kleinen Leute müssen für die Fehler der Banker bezahlen.

Nach immer neuem „Hereinpumpen“ von Zigmilliarden an Zentralbankgeld gegen schlechte Sicherheiten der Geschäftsbanken ahnt der amerikanische Finanzminister Henry Paulson, dass Vertrauen so nur weiter schwindet. Es kann nur zurückkehren, wenn alle wichtigen Banken ihre faulen Hypotheken zu einem Minimalpreis los werden und ihre Bilanzen wieder glattstellen können.

Am 3.Oktober 2008 bekommt Paulsen 700 Milliarden US-Dollar Staatsmittel für den Aufkauf und die Verwertung der nicht bedienten Hypotheken in die Hand. Auch Kapitalbeteiligungen an Banken dürfen aus diesem Budget erworben werden. Jetzt hat er das Instrument, mit dem Banken wieder ausleihefähig werden und verschuldungsfähig gegenüber der Zentralbank. Das Wirtschaften kann weitergehen.

Deutschland kann nicht wie Paulson Wohnungen auf Halde nehmen und vom Steuerzahler zwischenfinanzieren lassen, weil seine Bevölkerung schrumpft und deshalb in immer mehr Regionen keine Nachkäufer auftreten. Von Deutschlands Immigranten wiederum leben viele Millionen von Transfergeld, das ihnen zwar ein Leben in Wohnungen ermöglicht, aber keine Pfänder für die Verschuldung zum Kauf von Häusern einbringt. Von Deutschlands Kaufkräftigen gehen zudem jährlich 15000 ins Ausland und erwerben dort Wohnraum.

Amerika hingegen soll bis 2050 zu den jetzt 310 Millionen Bürgern mindestens 130 Millionen hinzugewinnen (US Census Bureau vom August 2008). Über ein Drittel davon sollen ausgesuchte Einwanderer sein, die Mittel für den Hauserwerb schon mitbringen. Alle zusammen benötigen 45 Millionen Immobilien. Die kosten beim jetzigen Preis von 300000 Dollar pro Wohneinheit mit durchschnittlich drei Nutzern runde 13 Billionen Dollar. Das momentan Unverkäufliche zum Preis von einer Billion sollte über die Jahre hinweg also ohne Schwierigkeiten zu veräußern sein.

Die zwischengelagerten Wohnungen werden aber nicht nur marktfähig, sondern könnten sogar Gewinn bringen. Schon heute gehen jährlich 150000 amerikanische Immobilien an Ausländer. Die haben also bis 2050 einen zusätzlichen Bedarf an sechs Millionen Wohneinheiten. Die kosten mit zwei Billionen Dollar zu heutigen Preisen das Doppelte dessen, was Paulson seinen Steuerzahlern momentan zumutet. Doch bei dieser Extranachfrage muss es nicht bleiben. In ihrer oberen Prognose schätzt das US Census Bureau für 2050 nicht nur 440, sondern sogar 520 Millionen Amerikaner. Das kann es, weil der gewaltige Raum zwischen Magdeburg und Tokio von heute 480 bis auf 340 Millionen Menschen im Jahre 2050 absinkt und seine talentierte Jugend die Implosion nicht bis zum Ende aussitzt, sondern beizeiten nach USanada strebt.

Auch ein länger anhaltender Blutrausch etwa im youth-bulge-bedrängten Pakistan würde millionenstarke und millionenschwere Eliten eher nach Nordamerika als nach Mecklenburg-Vorpommern treiben. Der amerikanische Bedarf an neuem Wohnraum kann also schnell über 20 Billionen Dollar springen. Paulsons Wohnungen würden dabei einen hübschen Gewinn abwerfen. Dann könnten jetzt schäumende Journalisten und Professoren empört fragen, warum sie nicht auf eigene Rechnung und mit viel höheren Beträgen in diesen Markt hineingegangen sind.

Es versteht sich von selbst, dass wegen des Menschenschwundes in Europa dort immer weniger Steuerzahler die bisherigen und jetzt für die Krise neu aufgenommenen Staatsschulden schultern müssen. Gegen eine so elementare Tendenz hilft es gar nicht, dass die europäischen Zentralbanken sich wohl niemals für die Erzeugung eines Geld-Tsunami hergegeben hätten. Jetzt werden sie von ihm so heftig mitgerissen, dass auch die global immer noch vorne liegende Industrie bangen muss, ob ihre bisherigen Kunden noch das Geld in die Hand bekommen, mit dem „Made in Germany“ auch in Zukunft so umfangreich gekauft werden kann, dass die hiesige Rezession verkraftbar wird. Dass der Dollar nicht so fällt, wie er sollte, drückt aus, dass weltweit viele die Lage nicht anders beurteilen.

Amerika als Nation hingegen wird wegen seiner demografischen Vitalität die besten ratings behalten, weil immer mehr Bürger für seine hohen, aber im Vergleich zu Europa keineswegs horrenden Defizite aufkommen können. Deshalb bleiben die USA global die Nummer eins. Weil sie bei Gelegenheit auch mal einen Schuss abfeuern können, ist nicht ersichtlich, wer oder was diese Festung ersetzen könnte. gh

These 4

Schon vor dem Crash war der Aufschwung nicht unten angekommen. Die Armen werden immer ärmer.

Tatsächlich ist sowohl die weltweite Armut als auch die wirtschaftliche Kluft zwischen Industrie- und Entwicklungsländern innerhalb der letzten zwei Generationen dramatisch gesunken. Grund dafür sind vor allem die Öffnungen Chinas und Indiens zu Welthandel und freier Marktwirtschaft. Aber auch dem Rest der Welt geht es – zumindest insgesamt – deutlich besser: Die Zahl der Ärmsten der Armen hat sich nach Angaben der Weltbank von knapp 1,3 Milliarden 1981 auf heute rund 600 Millionen mehr als halbiert. Mussten 1970 noch 40 Prozent der Weltbevölkerung mit einem umgerechneten Pro-Kopf-Einkommen von zwei Dollar täglich auskommen, sind es heute lediglich 20 Prozent. Die Erfahrung hat gezeigt: Wo Länder sich für den Welthandel öffnen, nimmt auch der Wohlstand zu.

Richtig ist allerdings auch, dass die Lage in einigen, vor allem afrikanischen Staaten in den vergangenen Jahren schlecht geblieben ist. Dass dort Einkommen und Lebenserwartungen beharrlich sinken, hat allerdings weniger mit Globalisierungsprozessen und mehr mit löchrigen Infrastrukturen, korrupten Wirtschaften, maroden Finanzsystemen und mangelnder Bildung vor Ort zu tun: Meist alles eine Folge von autoritären Regimes, die sich kaum in die Weltwirtschaft einbringen.

Besonders unter Gewerkschaften in Europa grassiert die Angst, der fortschreitende Abbau der Handelsschranken gehe auf Kosten ihrer Löhne und Lebensstandards. In mancher Hinsicht stimmt das: Oft sinken die Löhne tatsächlich. Aber gilt das auch für die Lebensqualität? Was für Folgen hat der globale Wettbewerb? Er optimiert die sogenannten komparativen Vorteile – also weltweite Unterschiede in Lohnniveau, Arbeitsqualifikationen oder Steuersystemen. Güter werden dort hergestellt, wo es am günstigsten ist. Dadurch geschieht zweierlei: Preise sinken und die globale Produktivität steigt – beides die Basis für unseren Wohlstand und Sozialstaat. Indem Firmen weltweit im Wettbewerb stehen, müssen sie auch demütiger um Nachfrage werben. Das sprengt Monopole wie beispielsweise das der Deutschen Telekom und öffnet den Markt für neue Bewerber. Nun muss sich der Kunde die Preise nicht mehr diktieren lassen, er sucht sich von allen Anbietern den billigsten aus. Für den Kaufpreis eines Fernsehers müssen wir heute 62 Prozent weniger arbeiten als noch Anfang der Neunziger und das neue Billigauto aus Osteuropa ist günstiger als der vorletzte Golf – gebraucht. Die Kaufkraft des Einzelnen ist also um ein Vielfaches gestiegen. Der Verbraucher, sozusagen das unterste Glied der globalen Wirtschaftskette, hat durch die gesunkenen Lebenshaltungskosten mehr von seinem Lohn. Grundversorgungsmittel wie Nahrung oder Kleidung sind weltweit wesentlich erschwinglicher geworden – eine direkte Konsequenz der Ausweitung globaler Märkte. cm

These 5

Die Globalisierung vernichtet Arbeitsplätze und der Sozialstaat wird seit Jahren geschröpft.

Wie die OECD ermittelte, sind die Sozialleistungen mit fortschreitender Globalisierung EU-weit nicht etwa gekürzt worden, sondern im Gegenteil deutlich gestiegen. Flossen in Deutschland 1980 noch 28,8 Prozent der Wirtschaftsleistung an die Wohlfahrt, hatten sich die Abgaben 2003 auf 30,2 Prozent erhöht. Den internationalen Standortwettbewerb gibt es. Eine damit einhergehende Abwärtsspirale der Sozialausgaben gibt es – beruhigenderweise – nicht.

Seit Jahren forscht die Wirtschaftswissenschaft darüber, ob Billigexporte aus Niedriglohnländern und kosteninduzierte Direktinvestitionen die Arbeitslosigkeit von Ländern wie Deutschland erklären können. Die Antwort: Können sie nicht. Zum einen sprechen die niedrigen, weiter sinkenden Arbeitslosenquoten von globalisierungsoffenen Ländern wie den USA, Großbritannien oder Dänemark dagegen. Zum anderen hat sich auch bei uns die Gesamtarbeitslosigkeit in den vergangenen Jahren stark verringert. Es stimmt zwar, dass bestimmte Branchen – wie bei uns Textilwirtschaft oder Möbelindustrie – mittlerweile fast ganz ins Ausland abgewandert sind. Andererseits sichert aber auch erst die Zulieferung aus dem Ausland die Existenz vieler Produktionsstätten bei uns – und zwar sowohl im Billiglohnsektor als auch in hoch qualifizierten Bereichen. Insgesamt sind in den Industrieländern seit 1985 – also parallel zur Blütezeit der Globalisierung – über 75 Millionen neue Arbeitsplätze entstanden. Allein die Zahl der in Industrie und Dienstleistungen weltweit beschäftigten Personen stieg von 660 Millionen im Jahr 1965 auf 1544 Millionen im Jahr 1999. Die hiesige Massenarbeitslosigkeit, argumentieren Ökonomen, hat vor allem hausgemachte Ursachen: eine verkrustete Wirtschaftspolitik, Überregulierung, bürokratische Hemmnisse, der Einfluss der Gewerkschaften, das Gewicht von Steuern und Sozialbeträgen und nicht zuletzt auch die wachsende unternehmerfeindliche Grundstimmung im Land. cm

Foto: Picture Alliance

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