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Ermittlungen gegen Fifa-Funktionäre - Das kann nicht mehr als ein Anfang sein

Die Panama Papers bringen Fifa-Präsident Gianni Infantino in Erklärungsnot. Als er noch bei der Uefa war, soll es dubiose Briefkastengeschäfte gegeben haben. Dabei ist das nur eine vergleichsweise kleine Geschichte, in der einige Hunderttausend Dollar verhandelt werden – und nicht Hunderte Millionen, wie in den US-Strafverfahren  

Autoreninfo

Jens Weinreich schreibt seit 20 Jahren über die Korruption im Sport. Zuletzt ist sein Buch „Macht, Moneten, Marionetten“ erschienen. In Kürze erscheint sein Ebook „FIFA confidential“

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Es sollte alles anders werden an jenem 26. Februar 2016, als Gianni Infantino zum neuen Präsidenten des skandalumtosten Fußball-Weltverbandes Fifa gewählt wurde. Einen Neustart hatte Infantino versprochen, der wie sein suspendierter Vorgänger Joseph Blatter aus dem Wallis stammt – die beiden wuchsen in den Nachbargemeinden Visp und Brig auf. Man wolle nach vorn schauen und die Justiz bei der Aufarbeitung krimineller Machenschaften unterstützen, hatte Infantino verkündet.

Wenige Tage später strengte die Fifa in den USA eine Schadenersatzklage gegen zwei Dutzend ihrer Funktionäre an, von denen einige bereits gestanden haben. Ihnen drohen wegen Geldwäsche, Betrugs, bandenmäßiger Verschwörung, Steuerhinterziehung und anderer Delikte Haftstrafen von mehreren Jahrzehnten.

Diese Klage ist Teil einer gewaltigen PR-Offensive der Fifa, die seit einem dreiviertel Jahr von amerikanischen Anwälten quasi zwangsverwaltet wird. Die Strafrechtsexperten der Kanzlei Quinn Emanuel Urquhart & Sullivan verhandeln mit dem Department of Justice in den USA, mit der Schweizer Bundesanwaltschaft und Rechtsorganen anderer Länder. Es geht nach wie vor darum, die Zerschlagung der Fifa und deren offizielle Anerkennung als kriminelle Vereinigung zu verhindern.

Fifa-Funktionäre gelten in den USA als Gangster


Das gesamte Verfahren in den USA wird auf Grundlage eines Anti-Mafia-Gesetzes aus dem Jahr 1970 geführt, dem sogenannten Rico-Act. Demnach ist eine Rico-Organisation ein von Gangstern dominiertes Unternehmen. In manchen der Gerichtsakten wird die Fifa sogar als „Rico Enterprise“ bezeichnet, offiziell aber – und das ist extrem wichtig – gelang es, den Status einer geschädigten Partei zu erhalten. Und das, obgleich elf ehemalige Fifa-Exekutivmitglieder, darunter fünf gewesene Fifa-Vizepräsidenten, zu den Angeklagten zählen und einige bereits in allen Anklagepunkten gestanden haben. Bisher geht es um Bestechungsgelder in Höhe von mehr als 200 Millionen Dollar.

Sechs Wochen nach seiner Wahl muss Infantino den nächsten Skandal meistern. Es ist eine vergleichsweise kleine Geschichte, in der einige Hunderttausend Dollar verhandelt werden und nicht Hunderte Millionen, wie in den US-Strafverfahren. Doch die Mechanismen hinter TV-Verträgen mit einer obskuren Briefkastenfirma („Cross Trading“), die Infantino vor einem Jahrzehnt in seiner Eigenschaft als Rechtsdirektor des europäischen Verbandes Uefa unterschrieben hat, bringen ihn in gewaltige Erklärungsnot. Es läuft (noch) kein Verfahren gegen den neuen Fifa-Präsidenten, sondern wegen ungetreuer Geschäftsbesorgung und Veruntreuung gegen „unbekannte Täterschaft“.

Doch nur wenige Stunden nach Veröffentlichung der Cross-Trading-Deals in verschiedenen Medien – im Rahmen der spektakulären Berichterstattung zu den „Panama Papers“ – stellte die Schweizer Bundesanwaltschaft Beweismittel sicher. Ob es sich beim Besuch der Ermittler im Fifa-Hauptquartier in Nyon und in der Zentrale der für die Uefa tätigen Marketingagentur „Team“ tatsächlich um Razzien handelte, wie weltweit berichtet, ist unerheblich. Wichtig ist, dass die Schweizer Justiz von Amts wegen zügig handelt und ihre Aufmerksamkeit nun auch jenem Kontinentalverband widmet, der bislang vergleichsweise komfortabel durch die existenzgefährdende Fifa-Krise geschlittert ist.

Die meisten Fifa-Verbände bislang verschont


Die Zeiten, da Sportkonzerne in der Schweiz im rechtsfreien Raum agieren, sind vorbei. Aber bei den großen Verfahren geht es bislang fast ausschließlich um hochrangige Funktionäre der Fifa und der Kontinentalverbände in Nordamerika (Concacaf) und Südamerika (Conmebol). Die Fifa hat aber sechs Konföderationen. Asien (AFC), Afrika (Caf), Ozeanien (OFC) und die Uefa blieben von ernsthaften Ermittlungen mit dem vollen Instrumentarium des Strafrechts bisher vorschont – obwohl journalistische Enthüller seit vielen Jahren eine Vielzahl von Belegen unsauberer Machenschaften zusammengetragen haben. Aus dem Uefa-Reich ist lediglich der bisherige Präsident Michel Platini betroffen: Gegen den Franzosen läuft ein Strafverfahren. Von der Fifa-Ethikkommission wurde er für sechs Jahre gesperrt. Jenem Platini diente Gianni Infantino von 2007 an als Uefa-Generalsekretär. An der Seite und im Auftrag von Platini hat Infantino mehrere Jahre nachweislich wichtige Fifa-Reformen verhindert.

Die Turbulenzen dieses weltumspannenden Kriminalfalls spülten Infantino dennoch an die Spitze der Fifa. Seinen Wahlsieg gegen Scheich Salman Bin Ibrahim Al-Khalifa verdankte er Ende Februar in Zürich vor allem auch der Unterstützung jener Nationalverbände, die im Zentrum der Ermittlungen des Department of Justice, des FBI und der amerikanischen Steuerbehörde IRS stehen: Die Nähe Infantinos zu zweifelhaften Funktionären der Konföderationen Concacaf und Conmebol musste verblüffen. Vergangene Woche erst ließ sich der Fifa-Boss in Montevideo mit Uruguays Fußballgrößen feiern, allen voran Juan Pablo Damiani. Wenig später wirbelten die Enthüllungen der Panama Papers neuen Staub auf – und der vermeintliche Saubermann Damiani, seit 2006 Mitglied der sogenannten Fifa-Ethikkommission, trat vom fürstlich entlohnten Fifa-Amt zurück. Seine Anwaltskanzlei hatte für zwei der in den USA angeklagten Fußball-Manager, die beiden Argentinier Hugo Jinkis und dessen Sohn Mariano, mehrere Briefkastenfirmen namens „Cross Trading“ eingerichtet.

Verträge mit dubiosen Briefkastenfirmen


Über „Cross Trading“ und andere Jinkis-Firmen („Full Play“, „Yorkfields“) wurden nachweislich Schmiergeldzahlungen in Höhe von mehreren Millionen Dollar an Conmebol-Funktionäre abgewickelt. Der Konjunktiv verbietet sich, denn zahlreiche Transaktionen sind bestens dokumentiert: mit Überweisungsbelegen, Kontoauszügen, Verträgen und Geständnissen einiger Schmiergeldempfänger. Mindestens zwei Jahrzehnte Zuchthaus müssen Hugo und Mariano Jinkis befürchten, die offenbar schwer kriminellen Geschäftspartner der Uefa, die daheim unter Hausarrest stehen, sich einer Auslieferung in die USA seit Mai 2015 aber erfolgreich widersetzen.

Wenn ein Fußballverband wie die Uefa und ihr Marketingarm („Team“) Verträge mit dubiosen Briefkastenfirmen schließen, ist Misstrauen angebracht. Vieles deutet darauf hin, dass es sich um die branchenübliche Landschaftspflege handelte. Wurden über diese und womöglich noch andere Verträge, die offenbar weit unter Marktwert ausgehandelt wurden, etwa Funktionäre in Südamerika bedient? Die widersprüchlichen Reaktionen der Uefa auf Medienanfragen wie die der „Süddeutschen Zeitung“, federführend bei der Aufarbeitung der „Panama Papers“, nähren die Verdachtsmomente. In ersten Reaktionen auf die Veröffentlichungen brandmarkten Infantino und die Propaganda-Abteilungen von Fifa und Uefa noch eine angebliche Medienkampagne.

Die Korruption hört nicht auf


Inzwischen agiert man kleinlaut und räumt eine fehlerhafte Aussage nach der anderen ein. So hatte die Uefa mehrfach behauptet, es habe keine Geschäftsbeziehungen zu Firmen und Personen gegeben, die in den USA angeklagt sind.

Von wegen Neustart. Eigentlich müsste die Ethikkommission der Fifa nun Ermittlungen gegen den frisch gewählten Fifa-Präsidenten aufnehmen. Damit wäre der Status Quo wieder hergestellt. Bis zur nächsten Enthüllung. Die Kriminalwissenschaft hat übrigens längst belegt, dass maximal zwei bis fünf Prozent aller Korruptionsfälle öffentlich werden. Es gibt in der kriminellen Fifa-Branche also noch vieles aufzuarbeiten. Vor allem in Infantinos früherem Wirkungsbereich: der Uefa.

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