Erdöl-Förderstaaten-Treffen in Wien - Eine verunsicherte Opec zwischen Corona und Green Deal

Ursula von der Leyens Plan eines „Green Deals“ stößt auf Kritik. Klimaschützer gibt der Entwurf zu wenig her, Erdöl-Förderstaaten fehlt Klarheit, wie hoch die Nachfrage in der EU in Zukunft sein wird. Doch auch das Coronavirus sorgt bei den Opec-Staaten für Verunsicherung.

erdoel-foerderstaaten-treffen-wien-verunsicherung-opec-corona-green-new-deal
Angebot lässt sich schaffen. Das haben die Erdölmärkte immer wieder bewiesen / dpa

Autoreninfo

Karin Kneissl war von Dezember 2017 bis Juni 2019 österreichische Außenministerin. Die Nahost-Expertin und ehemalige Diplomatin gehört keiner Partei an.

So erreichen Sie Karin Kneissl:

Karin Kneissl

Die Präsentation des Entwurfs des „Green Deals“ durch die Europäische Kommission am Mittwoch ging durch die Nachrichten über Pandemie-Sorgen, eine neue Migrationskrise und den Krieg in Syrien beinahe unter. Fast mehr Aufmerksamkeit erhält sogar das außerordentliche Ministertreffen des Formats Opec+. Seit Anfang 2017 koordinieren die 14 Mitglieder der Organisation Erdöl exportierender Länder (Opec) und zehn weitere wichtige Förderstaaten, allen voran Russland, ihre Förderquoten.

Motiv für diese intensive Zusammenarbeit zwischen Opec und Nicht-Opec-Produzenten ist seit nun drei Jahren die gemeinsame Sorge um das relativ niedrige Preisniveau. Aus der Opec wurde das Format Opec+, das seine Förderquoten seit drei Jahren in Serie gekürzt hat. Derzeit geht es um eine gemeinsame Kürzung von voraussichtlich 1,5 Millionen Fass pro Tag, eventuell bis Ende des Jahres 2020. Ob der Erdölpreis darauf mit Anstieg reagieren wird, ist angesichts der Multikrisen auf der Nachfrageseite fraglich. Denn die Coranavirus-Epidemie, die bereits Züge einer Pandemie trägt, betrifft vor allem China, das der größte Importeur von Erdöl ist. Nachholeffekte in den nächsten Monaten scheinen angesichts all der Unsicherheiten, wie sich die Coronakrise noch manifestieren wird, eher in weiter Ferne.

Von „peak-oil“ zu „peak-in-demand“

Entscheidend bei der Koordinierung ist vor allem die Zusammenarbeit zwischen den beiden weltweit größten Produzenten Saudi-Arabien und Russland. Wer schultert welche Reduktion und wie lassen sich zukünftige Preisbewegungen absorbieren? Immerhin müssen die Staatskonzerne – teils in Zusammenarbeit mit den internationalen Energiekonzernen – auch in die laufende Förderung investieren.

Seit 1972 beherrschte mit dem viel beachteten „Club of Rome“-Bericht über die Grenzen des Wachstums ein Thema die Debatte: Peak-oil – anders ausgedrückt, es würde infolge einer Angebotsspitze das Erdöl ausgehen. Dem war aber nicht so. Es zeigte sich nicht erst mit dem „Fracking Boom“ in Nordamerika, dass zusätzliches Angebot laufend neu geschaffen werden kann. Zum einen gingen mit dem Ansteigen des Preisniveaus vor allem die nichtstaatlichen Erdölkonzerne immer stärker in die „offshore exploration“, die teurer ist, aber sich zu rechnen begann.

2014 purzelten die Preise

Zusätzlich zum sogenannten konventionellen Erdöl kam ab 2010 neues Erdöl auf den Markt. Unter dem Titel unkonventionelles Öl, das über die Fracking-Methode kostspieliger und mit größeren Auswirkungen auf die Umwelt in Kanada und den USA gefördert wird, wurde ein zusätzliches Angebot geschaffen. Die USA waren angetreten vom größten Erdöl-Importeur zum Exporteur zu werden.

Im Herbst 2014 purzelten die Preise, viele Explorationsprojekte im Tiefseebereich unter anderem in der Arktis aber vor allem offshore vor diversen Küsten, von Angola bis Nigeria, wurden reduziert oder völlig eingestellt.

Umbrüche in der Mobilität

Angebot lässt sich schaffen. Das haben die Erdölmärkte über die letzten 50 Jahre immer wieder bewiesen. Anders verhält es sich mit der Nachfrage. Wenn diese wegbricht, lässt sie sich kaum zusätzlich begründen. Was wir daher seit Jahren erleben, ist eine Nachfragespitze, ein „peak-in-demand“. Die Gründe hierfür sind zahlreich. 

Dass der Klimawandel stattfindet und CO2 Emissionen reduziert werden müssen, findet seit Jahr und Tag seinen Niederschlag in den Opec-Analysen. Der "World Oil Outlook", der zuletzt im November 2019 erschien, erstellt die Szenarien für Angebot und Nachfrage bis 2040. Dass die EU und alle anderen Vertragsstaaten auf Basis der UN-Konvention von Paris den Konsum von Erdöl reduzieren, ist in diesen Berechnungen erhalten. Besonders aufmerksam werden die Veränderungen im Transport, ob maritim oder auf dem Landweg, beobachtet. Die Umbrüche in der Mobilität, mit welcher neuen Antriebstechnologie auch immer, werden daher einkalkuliert.

Wichtige Details sind unklar

Mit entsprechender Aufmerksamkeit hat man sich daher auf den Entwurf der Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen vorbereitet. Offiziell lautet der Text, der nun den 27 Mitgliedsstaaten sowie dem Europäischen Parlament vorgelegt wurde: „Verordnung zur Errichtung eines Rahmes zum Erreichen der Klimaneutralität“.

Das wesentliche Ziel lautet, die Klimaneutralität bis 2050 rechtsverbindlich festzuschreiben. Auf dem Weg dorthin soll die EU ihr Klimaziel bis 2030 bereits erhöhen. Bislang wollte die Union in den nächsten zehn Jahren 40 Prozent ihrer Treibhausgase gegenüber 1990 einsparen, nun soll dieses Ziel auf 50 bis 55 Prozent erhöht werden. Die praktischen Details dazu werden erst im Juni 2021 vorgelegt.

Kritik aus vielen Ecken

Statt genauer Etappenziele will die Kommission einen rechtlichen Rahmen schaffen, um die Umsetzung durch die Mitgliedstaaten selbstständig überprüfen zu dürfen und über einen sogenannten „delegierten Rechtsakt“ auch bei Bedarf nachzusteuern. Dies würde bedeuten, dass die Regierungen in den Räten und das Europäische Parlament nur das Recht auf Widerspruch, nicht aber volles Recht auf Mitsprache wie bei einem regulären Gesetzgebungsverfahren hätte.

Nicht nur der Umfang der CO2-Ziele, sondern auch die Mechanismen zur Umsetzung bleiben daher unklar. Kritik kommt aus vielen Ecken. Für die Protagonisten eines effektiven Klimaschutzes mit vielen Etappenzielen gibt der Entwurf viel zu wenig her. Für die Industrie und für die Produzenten fossiler Energien, wie Erdöl und Erdgas, bleibt hingegen unklar, in welchem Umfang die wichtige Nachfrage in den EU-Staaten sinken wird.

Konjunktur und schwarze Schwäne

Noch viel heftiger als ein auf Jahre angelegter Prozess der Umgestaltung des Energiemix, wie es der EU-Green-Deal grundsätzlich vorsieht, sind aber vorerst die neuen Krisen, wie die Probleme der wichtigsten Lokomotive der Weltwirtschaft China und die Angst vor einer Pandemie. Das Weltwirtschaftsforum von Davos benennt in seinem Dekalog über die zehn wichtigsten Bedrohungen der globalen Stabilität neben dem wachsenden Einkommensgefälle und dem Klimawandel das Risiko einer Pandemie. Beim Jahrestreffen in Davos Anfang 2019 widmete sich ein Segment einem solchen Szenario. Die Kosten für Klimawandel und Pandemie wurden hierbei mit 570 Milliarden US-Dollar als ungefähr gleich hoch eingestuft.

Bei allem Bewusstsein für den Klimawandel und die erforderlichen Maßnahmen, die Emissionen zu reduzieren, ist der Erdölpreis immer noch ein wesentlicher Spiegel des Zustands der Weltwirtschaft, ob in ihren „fundamentals“, also den grundlegenden Wirtschaftsdaten, oder in ihren geopolitischen Spannungen. Ein Virus scheint kurz- und mittelfristig dieses Barometer viel stärker aufzuwirbeln als die Neugestaltung der Energielandschaft in der EU. Das verheißt nichts Gutes für den Green New Deal im laufenden Jahr. Denn im September soll unter deutschem Vorsitz der EU-China-Gipfel in Leipzig auch das Thema Klimawandel, Abstimmung in der Energiepolitik und vieles mehr aufgreifen und Lösungen liefern. Die aktuellen Einbrüche der Konjunktur werden für große Verwerfungen in den nächsten Monaten sorgen. Diese zu bewerten, wird immer schwieriger. Wo sich dann die europäische Energiepolitik und eine neue Mobilität positionieren werden, ist aus heutiger Sicht völlig unklar. Mit ein Grund, warum die Verhandlungen innerhalb der Gruppe Opec+ schwierig sind und bleiben könnten.

W.D. Hohe | Sa, 7. März 2020 - 10:26

Danke für den umfassenden wie unprätentiösen Einblick Fau Kneissl.

Ralf Lemeh | Sa, 7. März 2020 - 11:52

Der Artikel umreisst ganz gut die Situation im allgemeinen. Allerdings muss man in den Mittelpunkt stellen, dass das Ziel bis 2050 (also noch 30 Jahre) erreicht werden soll. Die angesprochenen Konjunktureinbrüche dauerten max. 30 Monate.
Zurückblickend – also vor 30 Jahren – konnte man sich die Welt, so wie sie sich uns heute als Realität darstellt, nicht vorstellen.
Im Ausblick kann ich mir schon vorstellen das man in 30 Jahren E oder H Mobilität etabliert hat, genauso wie noch mehr alternative Wege Energie zu gewinnen und einzusetzen. Von Kunststoffrecycling-Quoten, ähnlich wie wir sie heute bei der Papierhertellung haben, muss man nicht mehr träumen. Schienenmobilität auf Trassen quer durch Europa mit H-Zügen werden bis dahin laufen . . .
Man kann vom Program selbst bzw. von Frau v.d.L halten was man will.
DAS ist der Weg .

Dr. Roland Mock | Sa, 7. März 2020 - 13:21

In reply to by Ralf Lemeh

Von der Leyens „Green Deal“ ist sozialistische Planwirtschaft vom Feinsten und Steuerverschwendung gigantischen Ausmaßes. Reicht der EU die „Griechenland“-Rettung noch nicht?

Ernst-Günther Konrad | Sa, 7. März 2020 - 12:37

Bin gespannt, wann festgestellt wird, dass der Coronavirus auch mittels Öl und entsprechende Produkte übertragbar ist. Ich sehe uns alle schon laufen, es werden Autos verschrottet und wir gehen mit Nicab, alles wegen dem Virus mit einem Arm Abstand an unseren Nachbarn vorbei.
Wann müssen wir eigentlich die Haustiere abschaffen? Angeblich wurde ein Hund positiv getestet. An meine drei Katzen kommt niemand. Versprochen.
Bekommen Politiker und Ölscheichs eigentlich auch den Virus?
Frage mich die ganze Zeit, seit wann UvdL einen Plan hat.
Hat sie denn ausreichend Berater, die ihr ihn erklären?
In Brüssel sind die ja alle coronaresistent. Die haben trotz Besucher-Stop tatsächlich die "heilige Greta" in die Umweltkommission zu Gesprächen hinein gelassen, obwohl sonst "fremde" strikt abgewiesen wurden. Gab dort wohl ein mords Hallo, nur hat man hier in den Medien wenig bis gar nichts darüber gehört. Nur gut, ich hab gestern für 1,28 € Benzin getankt. Wenn das UvdL's Plan ist? Weiter so.