Entwicklungshilfe zerstört Afrika

Aufgewachsen in Sambia, hat Dambisa Moyo in Harvard und Oxford studiert, bei der Weltbank und Goldman Sachs Karriere gemacht. Jetzt provoziert die Ökonomin mit einem Bestseller: Das Buch ist eine Anklage gegen die Entwicklungshilfeindustrie.

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Ihr Name klingt nach Schokolade und so sieht sie auch aus. Kaffeebraun, lange Haare, zierliche Gestalt auf hohen Absätzen, in ein elegantes Kleid verpackt. Dambisa Moyo ist Volkswirtin mit einer langen Reihe beeindruckender Titel: Doktor aus Oxford, Master aus Harvard, Bachelor von der American University in Washington und einem Chemie-Studium in Lusaka, in ihrem Heimatland Sambia. Doch diese gerade 40-jährige Akademikerin kann auch noch zwei Jahre bei der Weltbank und acht Jahre als Bankerin bei Goldman Sachs, wo sie als global economist and strategist für die Sub-Sahara-Länder zuständig war, in die Waagschale werfen. Das World Economic Forum ernannte sie zum Young Global Leader, das sind junge Männer und Frauen, die etwas bewegen und aufmischen. Moyo gehört einer Generation von Schwarzafrikanern an, die sich mit Wirtschaft und Finanzen auskennen und Karrieren in der westlichen Welt verfolgt haben. Sie wissen, wie funktionierende Gemeinwesen auch ohne Korruption auskommen und wie Menschen durch wirtschaftliches Wachstum aus Armut befreit werden können. Dass diese Mechanismen in den meisten afrikanischen Ländern nicht funktionieren, treibt Menschen wie Moyo um. Sie hat ihren Job bei Goldman Sachs aufgegeben und das Buch „Warum Entwicklungshilfe nichts bringt und wie man es anders machen kann in Afrika“ (Penguin, 2009) geschrieben. Dieses Buch ist eine einzige Anklage der „Entwicklungshilfeindustrie“, die eine destruktive Abhängigkeit von Hilfe in Afrika geschaffen habe. Moyos Hauptthese ist, dass die Milliarden Dollar Entwicklungshilfe die afrikanischen Regierungen taub für die Nöte ihrer Völker gemacht und den privaten Sektor nicht entwickelt hätten. Hilfe aus dem Ausland habe bösartige Diktaturen gestützt. Moyos Vorschlag, über einen Zeitraum von fünf bis zehn Jahren die Hilfe auslaufen zu lassen und durch echte Investitionen zu ersetzen, hat einen Aufschrei in der internationalen Helferszene nach sich gezogen. Die von Pop Stars wie Bono und Bob Geldof angeführte glamour aid ist ihr zuwider, doch ist die Bankerin klug genug zu wissen, dass die karitative Hilfe nur „kleine Fische“ im Milliardenspektakel der systematischen internationalen Entwicklungshilfe sind. Und doch hat ihr das von der New York Times angeklebte Kürzel „Anti-Bono“ schnellstens enorme Berühmtheit beschert. Keine acht Wochen nach dem Erscheinen ihres Buches war ihr briefmarkenkleines Foto auf dem Cover des amerikanischen Nachrichtenmagazins Time zu sehen, als eine von den „hundert einflussreichsten Menschen der Welt“. Sie ist wahrlich nicht die erste Ökonomin, die die negativen Folgen internationaler Entwicklungshilfe geißelt, aber sie ist die erste schwarzafrikanische Fachfrau, die das im Westen kompromisslos vertritt. Ihr Buch hat sie dem englischen Wirtschaftswissenschaftler Peter Bauer gewidmet, der schon in den sechziger Jahren die riesigen Transferleistungen als Fehler bezeichnete. Die in Afrika aufgewachsene Moyo, deren Eltern, wiewohl einst in den USA ausgebildet, dort seit Jahren durchhalten – die Mutter als Bankerin, der Vater in der Antikorruptionsbewegung – sieht bei ihren regelmäßigen Reisen in Afrika, dass es trotz der Billionen Dollar Hilfe den Menschen auf dem Schwarzen Kontinent nicht besser, sondern immer nur schlechter geht. Daran können auch Bonos Moskitonetze oder Madonnas adoptierte Kinder nichts ändern. Überhaupt ist die Kolonisierung der afrikanischen Debatte durch weiße Männer, ob Popstars oder Wissenschaftler, ein Ärgernis für sie. „Alle glauben zu wissen, was das Beste für Afrika ist“, stöhnt sie entnervt. „In jedem liberalen Kopf schlummert das tiefe Gefühl, dass die Idee heilig ist, dass die Reichen den Armen helfen müssen und die Form dieser Hilfe Entwicklungshilfe heißt.“ Sie favorisiert echte Finanzinstrumente wie Anleihen und Kleinkredite. Und plädiert für das Ende der subventionierten Agrarmärkte in der EU und in den USA. Moyo hat nichts gegen humanitäre Hilfe nach Naturkatastrophen, sie weiß sehr wohl die Erfolge der Gates ­Foundation im Kampf gegen Malaria oder Aids einzuschätzen, ihr graust nur vor der Eigendynamik des Hilfe-Business, an dem allein mindestens eine halbe Million Arbeitsplätze hängen, „Tag für Tag, Jahr für Jahr und das seit Jahrzehnten“. Moyo sagt, es sei „weder realistisch noch praktisch, wenn die Hilfe sofort auf null runtergefahren würde“. Sie plädiert für verlässliches Finanzgebaren der Afrikaner, das auch draußen in der Welt honoriert wird, und äußert sich streng gegen Fantasiebedingungen bei der Kreditvergabe. Ihr Vorbild sind die Chinesen, die den Markt als Motor für Wirtschaftswachstum genutzt haben, auch Süd-Korea oder Botsuana sind für sie positive Beispiele. Auch nach allen Anfeindungen hält diese intelligente Jeanne d’Arc afrikanischer Eigenständigkeit unerbitterlich daran fest: „Hilfe war und ist weiterhin und durch und durch ein politisches, ökonomisches und humanitäres Desaster für die meisten Entwicklungsländer.“ Foto: Picture Alliance

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