Ein Dandy gegen Berlusconi

Chef des Fiat-Konzerns und Präsident des italienischen Industrieverbandes – in wenigen Monaten ist Luca di Montezemolo zum mächtigsten Manager Italiens aufgestiegen und bringt jetzt auch Silvio Berlusconi in Bedrängnis.

Luca Cordero di Montezemolo
() Luca Cordero di Montezemolo
Das strahlende, jungenhafte Lächeln, mit dem er an den Ferrari-Boxen die Siege von Michael Schumacher feiert, ist aus seinem kantigen Gesicht gewichen. Nervöse Gereiztheit, Ärger und politische Enttäuschung haben Luca Cordero di Montezemolo gepackt. Seinen Zorn über die Rolle der römischen Regierung in der Haushaltsdebatte kann der neue Präsident des italienischen Industrieverbandes kaum verbergen, als er Mitte November auf einem Industriellentreffen in Parma erregt in die Mikrofone blafft: „Dieses Ballett ist erniedrigend. Was da in Rom zurzeit verhandelt wird, ist genau das Gegenteil dessen, was Unternehmer und Bürger in dieser Krise brauchen: Vertrauen und Sicherheit.“ Dixit. Das war ein neuer Montezemolo, der da sprach. Sein furioser Auftritt, seine Angriffslust, die flammende Sprache ließen keinen Zweifel: Der neue Präsident der Confindustria signalisiert eine Wende. Hier spricht ein Mann auf Augenhöhe mit der Regierung und fordert ein „neues Wachstum“ ein: „Steuersenkungen nur, wenn der hoch verschuldete Staatshaushalt nicht weiter gedehnt wird, rigoroser Sparkurs und eine Wirtschaftspolitik, die vor allem industrielles Wachstum fördert. Dem Land fehlt eine visionäre Kraft, die unterschiedlichen Interessen aufeinander abzustimmen und zusammenzuführen vermag. Wir brauchen eine neue Bürgerkultur, die wir tief empfinden und teilen müssen.“ Kandidierte hier ein neuer Ministerpräsident namens Montezemolo? Die größte Zeitung des Landes mochte fast daran glauben. „Montezemolo ist kein Garibaldi“, kommentierte der Corriere della Sera, „aber die Regierung Berlusconi ist gut beraten, ihm zuzuhören. Montezemolo hat die Vertrauensfrage für das ganze Land gestellt.“ Im italienischen Bürgertum wächst die Unzufriedenheit über Berlusconi. Der Medienindustrielle hat das Land gespalten. Er hat die Justiz wegen der gegen ihn laufenden Ermittlungen immer wieder öffentlich verleumdet. Und seine krawallsüchtigen Koalitionspartner von der Lega Nord haben es ihm mit separatistischen „Föderalismus“-Drohungen gleichgetan. Montezemolo, der aus Ferrari ein italienisches Aushängeschild machte, genießt dagegen ein ungetrübtes Ansehen. Dies ruft bereits politische Gegner auf den Plan: „Montezemolo träumt davon, 2006 neuer Ministerpräsident zu werden. Er redet zu viel, vor allem politisch“, wettert Roberto Calderoli, Generalsekretär der Lega Nord und Minister im Kabinett Berlusconi. Wer hätte je gedacht, dass der schlanke und eloquente Dandy eines Tages zum mächtigsten Manager Italiens aufsteigen würde? Wer hätte geglaubt, dass der gut erzogene, sportbesessene, aber lange Zeit eher blasse Höfling von Fiat-Boss Giovanni Agnelli zu einem Mann mit eigenem politischen Profil und Rückgrat reifen könnte, ja vielleicht sogar ein Kandidat für das höchste Regierungsamt werden kann? „Wir weisen Alten müssen den Jungen beizeiten Platz machen“, sagte Silvio Berlusconi Ende September in Genua mit Blick auf Montezemolo, den er 2001 gerne in sein Kabinett geholt hätte (Luca winkte ab). Das war noch ein Scherz, aber unverkennbar ist, dass der Regierungschef einen neuen Rivalen ins Visier genommen hat. Die Italiener reiben sich verwundert die Augen. War der sanfte Schönling nicht eher ein Bruder Leichtfuß, der sein Jetset-Leben vorzugsweise mit schnittigen Boliden und schönen Frauen verbrachte? Sicher, als PR-Mann hat der konservative Doktor jur. mit anschließendem Master an der New Yorker Columbia-Universität ohne Zweifel etwas los: Er spricht mehrere Sprachen, kennt viele gekrönte Häupter, ist Duzfreund von Henry Kissinger, Hubert Burda und Staatspräsident Carlo Azeglio Ciampi. Und er pflegt gute, manche Kritiker meinen: zu gute Kontakte zu Shell, Philip Morris, Vodafone. Montezemolo, Jahrgang 1947, hatte schon 1983 mit der Segelyacht „Azzurra“, mit der die Italiener erstmals im American Cup die Amerikaner auf See herausforderten, für Aufsehen gesorgt. Auch als Generalmanager der Fußball-Weltmeisterschaft 1990 bewährte sich „Lucky Luca“ (Financial Times). Als Industrie-Manager von Cinzano und einiger Fiat-Tochterunternehmen hat der Spross einer piemontesischen Adelsfamilie aber nicht gerade brilliert. Auch deshalb gab es viel Skepsis, als der 57-Jährige im Frühjahr dieses Jahres mit überwältigender Mehrheit (98,5 Prozent der Stimmen) zum neuen Präsidenten der Confindustria gewählt wurde. Seine Inthronisierung Ende Mai verband Montezemolo mit einer symbolträchtigen Geste. Im Parkett der Aula Magna der römischen Confindustria-Zentrale saßen wie üblich auch die Vertreter der staatlichen Institutionen, unter ihnen Staatspräsident Ciampi und Ministerpräsident Berlusconi. Der neue Hausherr hatte die Sitzordnung im Zuschauerraum aber ändern lassen. Die Generalsekretäre der drei großen Gewerkschaftsverbände, CGIL, UIL und CISL, saßen jetzt demonstrativ zwischen Industriellen und Ministern im vorderen Mittelfeld und nicht wie früher am hinteren Saalrand. Die Geste signalisierte den neuen Montezemolo-Kurs. „Nur gemeinsam können wir wachsen, nur als Mannschaft aller sozialen Partner können wir Schritt halten mit der schärfer gewordenen Konkurrenz im Kampf um mehr Arbeitsplätze und größere Märkte.“ Dann legte Montezemolo nach, und jeder im Saal wusste, wer gemeint war: „Welchen Sinn macht die Politik, wenn sie nur den Launen eines Einzelnen folgt? Wir haben Politik nötig, die Konsens bildet und damit Entwicklung schafft. Auch das ist Industriepolitik.“ Nach seiner viel beachteten Antrittsrede wollte Montezemolo das Wochenende wie immer im Kreise seiner Großfamilie auf seinem Landgut bei Bologna verbringen. Überraschend war in Turin jedoch Fiat-Chef Umberto Agnelli seinem Krebsleiden erlegen. Er sollte am Wochenende in Villar Perosa, dem Familiensitz der Agnellis dreißig Autominuten vor den Toren Turins, im engsten Familienkreis beigesetzt werden. Es war nach dem tragischen Tod des jungen, designierten Fiat-Erben Giovanni Alberto, dem Selbstmord Eduardos und dem Tod seines Vaters, des charismatischen Fiatpräsidenten Gianni Agnelli, bereits die vierte Agnelli-Beerdigung in sechs Jahren. Die Medien sprachen von einer griechischen Tragödie, die Italiens größte und politisch einflussreichste Industriellendynastie heimsuchte. Als enger Freund der Familie hatte Luca Montezemolo allen Totenfeiern in Villar Perosa beigewohnt. Auch an der Bare Umbertos wollte er nicht fehlen. Er flog also freitags nach Turin. Bleiben aber wollte er diesmal nicht. Nach einer Verneigung am Sarg des Freundes und einem kurzen Kondolenzbesuch drängte es ihn nach Hause, nach Bologna. Eine schwere Woche lag hinter ihm, die er erst einmal verarbeiten wollte. Er wusste auch, dass die Nachfolge an der Spitze der Agnelli-Familienholding Accomandita, die neben zahlreichen Beteiligungen auch 30 Prozent des Fiat-Kapitals kontrolliert, die trauernde Familie beschäftigte. Dieses Mal war die Frage, wer den traditionsreichen Industrieriesen regieren werde, von besonderer Tragweite. Erstmalig in der mehr als hundertjährigen Konzerngeschichte würde der Fiat-Präsident kein Familienmitglied sein, weil die Enkelgeneration – John und Lapo Elkann, Söhne von Giannis Tochter Margherita, und Andrea, Umbertos jüngster Sohn aus zweiter Ehe – noch zu jung und unerfahren ist. Dem jeweiligen Vorstandsvorsitzenden des Fiat-Konzerns hatte die Familie jedoch nie die Verfügungsgewalt auch über ihre Holding einräumen wollen. Doch bei Montezemolo liegen die Dinge anders: Wann immer Gianni Agnellis Nachfolger, sein jüngerer Bruder Umberto, angesichts seines nahenden Endes seinen Freund Luca davon überzeugen wollte, nach seinem Tod in seine Fußstapfen zu treten, bis „John, Lapo und Andrea reif für die Konzernverantwortung sind“, hatte der abgewehrt. Ohne Zweifel jedoch verdankt Montezemolo seine steile Karriere allein den Agnellis, deren landesweiter Einfluss und internationale Beziehungen immer noch weiter als die eines Königshauses reichen. Ohne diese Macht wäre Luca wohl auch kaum an die Spitze der Confindustria gekommen. Andererseits hat er sich mit viel Fingerspitzengefühl über Jahrzehnte das Vertrauen am „Hof“ der Agnellis erworben. „Er hat einen Mythos um sich aufgebaut“, analysiert das Managermagazin Prima Comunicazione seinen unaufhaltbaren Aufstieg, „indem er Kontakt mit den richtigen Leuten zum richtigen Zeitpunkt pflegt. Mit den Schwestern Agnelli, Witwen, und allen Kindern im Hause Agnelli hat er es genauso gemacht.“ Aus eigener Kraft baute der Marchese zusammen mit seinem Freund Diego della Valle („Tod’s-Schuhe“) erfolgreiche Luxusmarken in Italien und Frankreich auf. Er sitzt im Verwaltungsrat eines halben Dutzends Firmen und gab in den vergangenen Jahren auch einen kämpferischen Präsidenten des italienischen Verlegerverbandes ab, der gegen Berlusconis Medienübermacht zuweilen mutig zu Felde zog. Aber Präsident von Fiat, das war eine Größenordnung, von der ein Bonvivant wie Montezemolo trotz eines gewissen Machtappetits nicht einmal träumte. Er liebt seine junge Frau Ludovica, seine vier Kinder (von drei verschiedenen Müttern), gutes Essen, guten Wein, das Meer, seine zahlreichen Freunde, zu denen Schlagersänger ebenso gehören wie Industrielle, Rennfahrer und Schauspieler. Das alles braucht Freizeit. Ein Arbeitsroboter hatte der elegante Adlige nie werden wollen. Mit Fiat stand ihm das nun aber bevor. Den entscheidenden Anruf aus Turin nahm der Ferrari-Chef und Con­findustria-Präsident in Bologna deshalb mit gemischten Gefühlen entgegen. Die Agnellis hatten einstimmig beschlossen, dass der neue Fiat-Präsident Luca Cordero di Montezemolo heißt, weil „du einer von uns bist“, wie ihm die Clan-Älteste Susanne Agnelli, Ende der achtziger Jahre Außenministerin der Republik, sagte. Vor Montezemolo hatte nur Fiat-Patriarch Gianni Agnelli Mitte der siebziger Jahre beide Ämter ausgeübt und war damit Italiens mächtigster Mann gewesen. „Superluca“ (Panorama), auf seinen Schwindel erregenden Blitzaufstieg an die Spitze der italienischen Macht angesprochen, antwortet indes unverbesserlich candid wie ein echter Peter Pan: „Es war mir unmöglich, nein zu einer Familie zu sagen, mit der ich seit meinem achtzehnten Lebensjahr verbunden bin.“ Birgit Kraatz war Italien-Korrespondentinvon Spiegel, Stern und ZDF. Sie lebt als freie Journalistin in Rom und Hamburg

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