Eröffnung der re:publica in Berlin
Eröffnung der diesjährigen re:publica in Berlin am Mittwoch / dpa

Digitalkonferenz re:publica - Außer Spesen nichts gewesen?

Die Coronapause ist vorbei, endlich konnte sich die Netzgemeinde diese Woche wieder selbst feiern. Doch es zeigt sich sehr deutlich: Nach zwei Pandemie-Jahren mit nahezu reiner digitaler Kommunikation müssen Veranstaltungen wie die Berliner re:publica neu gedacht werden. Denn sonst könnten sie schneller überflüssig werden, als es dem Publikum lieb ist.

Autoreninfo

Christoph Krachten ist Autor des 2021 erschienenen Buches „Tesla: Wie Elon Musk die Elektromobilität revolutioniert“.

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Friede, Freude, Eierkuchen: Auf der diesjährigen re:publica in Berlin, der Konferenz zur digitalen Gesellschaft, feierte sich die Netzgemeinde nach der Coronapause endlich wieder selbst und war sich wie immer einer Meinung. Zwar deutlich verkleinert und ohne die Zusatzveranstaltung „Media Convention“, aber wie geübt in großer Einigkeit wurden meist altbekannte Tatsachen in coolem Ambiente präsentiert. Sogar Berichte über die Veranstaltung sind voller Links und Verweise, wo das jeweilige Thema schon publiziert und diskutiert wurde. 

Also „no fomo“ bei der diesjährigen re:publica? Fomo ist der Begriff, der für Events steht, die man auf keinen Fall verpassen sollte: fear of missing out, die Angst etwas zu verpassen. Gilt das nicht mehr für die re:publica? Ist das Festival, wie es sich selbst nennt, überflüssig geworden?

Konferenzen haben es in diesen Tagen schwer. Das Netz ist inzwischen so umfassend und schnell, dass jedes Thema in wenigen Tagen in aller Ausführlichkeit besprochen wird. Für das analoge Zusammenkommen bleibt da oft nichts mehr an vertiefenden Inhalten übrig. Alle Details wurden haarklein auseinanderdividiert. Die Asynchronität der Realität will sich einfach nicht mehr in eine jährliche Konferenz pressen lassen.

Eine Art digitaler Katholikentag

Die Gefahr eines Festivals der Langeweile wie beim Katholikentag ist da in jeder Session, jeder Präsentation und in jeder Diskussion präsent. Alte Hasen meiden dann auch das Programm und flanieren lieber über das wirklich abwechslungsreiche Gelände der Arena Berlin mit Strand, Bar, einem Schiff mit drei Decks, einem Schwimmbad und vielem anderen mehr. Und setzen auf Zufallstreffen, die dann in ihrer chaotischen Struktur teilweise zu wirklich überraschenden Begegnungen führen. Diese bergen manchmal sogar das Potential für wirklich neuen Ideen und Entwicklungen – die dann aber auch nicht mehr auf der re:publica, sondern irgendwann, irgendwo im Netz an die Öffentlichkeit gelangen.

Auch die diesjährige OMR-Konferenz („Online Media Rockstars“) in Hamburg krankte daran. Hier entschied man sich allerdings für eine Unterhaltungsveranstaltung, die inhaltlich außer ein paar Schlagzeilen nicht viel gebracht hat. Da durfte Quentin Tarantino seine schlechte Laune für einen Abgesang auf das Kino nutzen, und Ashton Kutcher erklärt seine Investmentstrategie. Das sind keine wirklich bahnbrechenden Inhalte: im Westen nichts Neues. Dennoch: Kaum irgendwo sonst ist die Branche so geballt analog versammelt. Nur hier kann sich die Chaostheorie ausleben und so den einen oder anderen neuen Trieb hervorbringen.

Ein sich immer wiederholendes Programm

Auf der re:publica beschwerte sich ein Teilnehmer über das sich immer wiederholende Programm, hatte aber gleichzeitig auch einen konstruktiven Vorschlag: Warum nicht diese analogen Zusammenkünfte für das nutzen, was im Netz nur wenig stattfindet: für die Konfrontation. Statt der heimeligen Selbstvergewisserung einer Branche also Streit und Auseinandersetzung. Das wäre eine sinnvolle Ergänzung der Netzwelt und würde das Networken mit tatsächlich neuen Perspektiven unterfüttern und inspirieren. 

Tatsächlich müssen Offline-Events nach zwei Jahren Pandemie mit nahezu reiner digitaler Kommunikation wohl neu gedacht werden. Denn wenn sie so bleiben, wie sie sind, könnten sie schneller überflüssig werden, als es dem Publikum lieb ist. Missen möchten nämlich viele das Networking eben doch nicht. Wenn aber nur Altbekanntes wiedergekäut wird, dann lassen sich die Kosten für die Teilnahme nur schlecht rechtfertigen – außer Spesen nichts gewesen!

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