Ratingagenturen, Standard & Poor's, Herabstufung, Moody's, Fitch
(Burkhard Mohr) Deutsche AAAbwehr - eine Karikatur von Reinhard Mohr.

Ratingagenturen - „Die Politik wirft alles in einen Topf“

Seitdem Standard & Poor's die Bonität Frankreichs und des EFSF herabgestuft hat, wird wieder einmal über die Notwendigkeit einer europäischen Gegenmacht gestritten. Was dagegen spricht, erklärt der Wirtschaftswissenschaftler Jan-Pieter Krahnen

Die US-Rating-Agentur Standard & Poor's hat die Bonität Frankreichs, acht weiterer Euro-Staaten und die des europäischen Rettungsschirm EFSF gesenkt.  Und wieder einmal ruft die Politik nach einer europaeigenen Ratingagentur. Warum gibt es die denn bisher noch nicht?
Die Frage ist gut, weil sie schon alle Zweifel zu dem Thema enthält. Wenn es tatsächlich so einfach wäre, gäbe es schon längst eine europäische Ratingagentur. Der wichtigste Grund aber ist, dass nicht einfach zu erkennen ist, worin eine Notwendigkeit besteht. Die gäbe es nur, wenn bei den vorhandenen Agenturen einen Nachholbedarf in Sachen Wettbewerb, Qualität oder Glaubwürdigkeit vorliegt, der durch eine zusätzliche Agentur aus Europa befriedigt werden könnte. Ob dies so ist, müssen wir prüfen.[gallery:CICERO ONLINE präsentiert: Die Kandidaten für die Euro-Nachfolge]

Was spricht gegen eine europäische Ratingagentur?
Der Aufbau einer solchen neuen Agentur ist eine sehr teure Angelegenheit. Der Wert, den sie für Investoren hat, basiert allein auf Reputation. Und die lässt sich nicht mit einer großen Summe Geldes kaufen, sondern kann ausschließlich über lange Zeit und gute Arbeit aufgebaut werden. Das dauert viele Jahre, in denen die Agentur mit voller Kraft und vollem Kosteneinsatz tätig sein muss ohne nennenswerte Erlöse zu generieren.

Wie lange bestehen Ratingagenturen wie Standard & Poor's oder Moody’s schon?
Die sind über Jahrzehnte im Anleihe-Markt groß geworden. Beide Firmen sind absolut dominierend im Markt von Unternehmensanleihen und Staatsanleihen. Erst vor wenigen Jahren kam der Bereich der strukturierten Produkte neu hinzu, die sogenannten Asset-backed Securities, die aus Portfolios generiert werden. Diese Anlageklasse hat während der Finanzkrise traurige Berühmtheit bei der Entstehung der Krise erlangt, und die Ratingagenturen haben zum Aufbau dieses Marktes erheblich beigetragen. Und es scheint, dass sie schlechte Arbeit geliefert haben. Im wesentlich größeren und Jahrzehnte alten Anleihe-Bereich dagegen haben sie bis auf den heutigen Tag unverändert exzellente Arbeit geleistet.

Macht die Politik in dieser Frage einen Unterschied, wenn sie nun immer wieder die Debatte um eine europäische Ratingagentur in den Raum wirft?
Nein, die öffentliche Diskussion, gerade in der europäischen Politik wirft diese unterschiedlichen Märkte leider in einen Topf. Es wird überhaupt nicht differenziert. Den Ratingagenturen werden deshalb bei den Staats-und Bankanleihen zu Unrecht massive Vorwürfe gemacht.

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Sie sehen keine Fehler der Ratingagenturen, etwa bei den aktuellen Bewertungen Frankreichs und des EFSF?
Ich glaube, bei den Bewertungen des strukturierten Marktes ist Kritik berechtigt. Hier könnte man sich auch interessante Konkurrenzveranstaltungen – sprich konkurrierende Ratingagenturen – vorstellen.  Auf dem "normalen" Anleihe-Markt scheint mir das viel schwieriger zu sein. Soweit ich das beobachten kann, sehen das so gut wie alle meine Kollegen aus der Wissenschaft wie ich: Die Kritik an den amerikanischen Ratingagenturen ist im Hinblick auf den Anleihemarkt unbegründet. Dass manche Politiker nicht froh sind über einzelne Ratingentscheidungen, ist eine Sache. Dass aber die Agenturen krisenverursachend auf Anleihemärkten tätig sind, erscheint abwegig. Im Gegenteil: Sie dokumentieren Entwicklungen und gelten als glaubwürdige Informanten, stabilisieren den Markt als Ganzen. Die meisten übrigen Informanten sind in puncto Information in irgend einer Form in Interessenkonflikte verstrickt.[gallery:CICERO ONLINE präsentiert: Die Kandidaten für die Euro-Nachfolge]

An wen denken Sie?
Egal, ob das nun Zentralbanken, Banken, Versicherungen oder Finanzminister sind. Sie sind Teil eines Spiels, in dem sie nicht mehr unabhängig die tatsächlichen Risiken benennen können. Es verbleiben die Ratingagenturen.

Das klingt nach verdrehter Welt. Wenn man Politikern wie dem deutschen EU-Abgeordneten Elmar Brok zuhört, der von einen „gezielten Angriff auf Europa" spricht…
Deswegen ist es auch so wichtig, die Sachage richtig zu stellen: Die Ratingagenturen sind ein furchtbar lästiger Informationslieferant. Da schwitzen die Politiker über einem komplizierten Konzept und sind froh, wenn sie über der europäischen Bürokratie ein Verfahren gefunden haben, wie sie in der Krise ein bisschen Handlungsspielraum gewinnen können - und dann tritt plötzlich der Narr auf und nennt die Dinge beim Namen. Dafür wird er natürlich nicht geliebt - und nicht belohnt.

Die Tatsache, dass Standard & Poor's die einzigen waren, die Frankreich und den EFSF herunter gestuft haben, hat nichts zu sagen?
Es gibt unterschiedliche Zeitpläne, in denen die Agenturen ihre Bewertungen durchführen. Der Ratingprozess dauert in der Regel recht lange. Deswegen ist die allgemeine Kritik an Ratingagenturen, dass sie zu spät reagieren und nicht zu früh. Ihre ganze Methodik impliziert ein spätes Reagieren. Das kann heißen, dass der eine im Januar und der andere im März seine Ergebnisse verkündet. Die Arbeitsprozesse, die zu so einer Einschätzung führen, beinhalten wochen- und monatelange Diskussionen, Auswertungen und Interviews.

Der deutsche Risiko-Experte Markus Krall arbeitet derzeit mit Hochdruck an der Gründung einer europäischen Ratingagentur. Sein Motto: Transparenz, zum Beispiel über die Lebensläufe der Experten und ein unabhängiger wissenschaftlicher Beirat, der all das überprüfen soll.
Ich kenne die Idee und empfinde es als einen wichtigen und mutigen Beitrag, eine Ratingagentur aufzubauen, die nach anderen Prinzipien funktionieren soll, deren Analyse sich im Wesentlichen auf vorhandene Daten stützt und diese statistisch anspruchsvoll auswertet. Ich glaube, das ist ein denkbarer Ansatz. Es wird in jedem Fall nicht leicht sein, ein neues Verfahren durchzusetzen, das von dem abweicht, welches die Agenturen jetzt nutzen. Interessant wird sicherlich, wie eine Finanzierung gelingen kann. Mit Ausnahme vielleicht eines Anschubs kann es nicht dauerhaft die Aufgabe der öffentlichen Hand sein, hier tätig zu werden.

Das Interview führte Marie Amrhein

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