Die letzte Heuschrecke

Henry Kravis hat vor drei Jahrzehnten das aggressive Geschäftsmodell der privaten Finanzinvestoren erfunden.

Finanzinvestor Henry Kravis, 2006 auf einer Konferenz
() Finanzinvestor Henry Kravis, 2006 auf einer Konferenz
"Gier ist gesund." Mit diesem verbalen Kopfstoß schockt Gordon Gek-ko in dem legendären Film „Wall Street“ die Aktionäre der kleinen Firma Teldar Paper. Gekko, gespielt von Michael Douglas, will das Unternehmen kaufen. Der Finanzhai argumentiert als Advokat des Teufels, dass die Gier nach Geld, Liebe und Wissen die wichtigste Triebkraft für den menschlichen Fortschritt sei – und für die Rettung von Teldar. Henry Kravis würde so etwas nie sagen. Der 63-jährige Finanzinvestor umschmeichelt seine Beute lieber: „Wir bei KKR glauben fest daran, dass man auf die Interessen aller Beteiligten wie Mitarbeiter, Kunden, Aktionäre und Nachbarn achten muss.“ Ist das noch derselbe Henry Kravis, dessen raue Geschäftsmethoden Oliver Stone dazu inspirierten, über die Habgier an der Wall Street einen Hollywood-Streifen zu drehen? Ein Wolf im Schafspelz also? Oder ist der Pionier der feindlichen Übernahmen nach mehr als 30 Jahren Firmenjagd wirklich geläutert? Kravis gehört als Kopf von Kohlberg Kravis Roberts & Co., kurz KKR, zu den Erfindern des Geschäftsmodells der privaten Beteiligungsgesellschaften. Dabei kaufen die Finanzinvestoren mit geliehenem Geld unterbewertete Unternehmen auf, bürden ihnen dann den bei der Übernahme entstandenen Schuldenberg auf, entlassen oft massenweise Mitarbeiter und zerlegen die Unternehmen manchmal in ihre Einzelteile – um diese anschließend mit einem hohen Gewinn wieder abzustoßen. An der Wall Street nennt man diese Finanzakrobatik nüchtern „Leveraged buyout“. Mit dieser aggressiven Technik wurden Private-Equity-Gesellschaften wie KKR, Permira und Blackstone zu den neuen Königen der Wirtschaft. Kravis, dessen Privatvermögen auf 2,6 Milliarden US-Dollar geschätzt wird, ist ihr unbestrittener Herrscher. Seine Gesellschaft hat seit ihrer Gründung 145 Firmen übernommen. Derzeit herrscht Kravis über 35 Unternehmen mit 540000 Mitarbeitern. In Deutschland gehören nicht nur das Duale System, sondern seit kurzem auch der Fernsehsender ProSiebenSat.1 zu seinem Imperium. Das Klischee kalter Finanzmanager passt nicht zu dem nur 1,65 Meter großen Mann mit dem Jack-Nicholson-Gesicht. Kravis ist aufgeschlossen und gesellig. Man nimmt ihm sofort ab, dass er in seinen Studentenjahren lieber das New Yorker Nachtleben genossen hat anstatt zu pauken wie sein Cousin und Partner George Roberts. Sein natürliches, kantiges Selbstbewusstsein unterscheidet Kravis von der kühlen, glatten Arroganz eines Stephen Schwarzman vom Erzrivalen Blackstone. Kravis redet wie ein Unternehmer, tickt aber wie ein Finanzjongleur. „Ein echter Entrepreneur arbeitet ohne Sicherheitsnetz“ gehört zu seinen Lieblingssprüchen. „Kravis verbindet einen scharfen analytischen Verstand mit einer natürlichen Überredungsgabe“, schreibt der Investmentbanker Bruce Wasserstein in seinem Buch „Big Deal“ über den Sohn eines Ölingenieurs aus Oklahoma. In den achtziger Jahren sorgten die rüden Geschäftsmethoden von Kravis & Co erstmals für große Empörung in den USA. Die düstere Epoche der Habgier erreichte damals ihren Höhepunkt mit der Übernahmeschlacht um den amerikanischen Tabak- und Lebensmittelkonzern RJR Nabisco, die KKR 1988 nach langem Ringen für einen Preis von 25 Milliarden Dollar gewann. Für den früheren Ringer und Football-Spieler Kravis war es der härteste Kampf seines Lebens, der ihn nicht nur viel Geld, sondern auch vier Kilo kostete. Finanziell hat sich der Deal allerdings nie ausgezahlt. „Der Aufschrei der Gewerkschaften in Deutschland erinnert mich daran, was wir vor zwanzig Jahren in Amerika erlebt haben“, sagt der Churchill-Bewunderer heute zu den Anfeindungen seiner Branche. „Die Kritiker übersehen, dass sich viele Unternehmen ohne eine Restrukturierung in noch größeren finanziellen Schwierigkeiten befinden würden und noch mehr Arbeitsplätze bedroht wären“, wehrt sich Kravis gegen die Heuschrecken-Häscher. Geholfen hat das bislang wenig. Immer noch werden die Firmenjäger misstrauisch beäugt. Das liegt auch daran, dass sie meist im Verborgenen wirken und das Licht der Öffentlichkeit scheuen. „Wale, die auftauchen, werden harpuniert“, begründete Kravis einmal die Geheimniskrämerei in seinem Gewerbe. Seitdem die Finanzinvestoren jedoch große Konzerne mit Zehntausenden Mitarbeitern kaufen, wächst der öffentliche Druck, mehr über die neuen Herrscher der Wirtschaft zu erfahren. Die privaten Firmenjäger werden dadurch den an der Börse notierten Investmentbanken immer ähnlicher. Nicht nur weil sie inzwischen mit ganzen Heerscharen von Bankern und Beratern um den Globus ziehen. KKR hat im vergangenen Jahr erstmals einen seiner milliardenschweren Beteiligungsfonds am Aktienmarkt in Amsterdam notieren lassen. Damit können jetzt auch Kleinanleger bei der Firmenjagd mitmischen. Wo Kleinaktionäre auftauchen, da sind Politiker und Aufsichtsbehörden nicht weit. Kein Wunder, dass Kravis sich heute lammfromm gibt und von feindlichen Übernahmen à la RJR Nabisco nichts mehr wissen will. Penibel rechnet er stattdessen vor, dass sein Gewerbe in vier Jahren 420000 neue Jobs in Europa geschaffen habe. Auch der Fiesling Gordon Gekko formuliert im Film ein gemeinnütziges Credo: „Ich bin nicht der Zerstörer von Unternehmen, ich bin ihr Befreier.“ Torsten Riecke ist Korrespondent des Handelsblatts in New York

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