Die Helfer der Heuschrecken

Ehemalige Spitzenpolitiker wie Theo Waigel, Volker Rühe oder Otto Graf Lambsdorff agieren für private Beteiligungsgesellschaften

Frankfurt: Die deutsche Finanzhochburg
() Frankfurt: Die deutsche Finanzhochburg
Der Ivory Club gleich hinter den Zwillingstürmen der Deutschen Bank in Frankfurt hat schon viel Prominenz gesehen. Aber dass gleich zwei ehemalige Verteidigungsminister am gleichen Abend zu Besuch kommen, ist sogar dort außergewöhnlich. Für mehrere Stunden verschwanden sie mit ihrem Gastgeber David Knower im Separee des „Elephant and Tiger Room“ – zum Arbeitsessen der Cerberus Deutschland Beteiligungsberatung GmbH. Das Unternehmen mit dem Höllenhund im Namen ist eines der größten Private-Equity-Häuser der Welt. Insgesamt bringen es seine Unternehmensbeteiligungen auf einen Umsatz von mehr als 60 Milliarden Dollar. Man scheut sich nicht vor Sanierungsfällen – wie Boxclever, jenem britischen Videovermieter, dessen Pleite der WestLB fast den Hals gebrochen hätte, und wie dem Daimler-Dauerproblem Chrysler, für dessen Sanierung sich Cerberus extra den einzigen Manager engagierte, dem Experten eine Rettung des US-Autobauers zutrauen: Wolfgang Bernhard, zuletzt bei Ferdinand Piëch in Ungnade gefallener VW-Vorstand. Den zwei Ex-Ministern Volker Rühe und Rudolf Scharping wird Cerberus-Deutschlandchef David Knower jedoch keine Konzern-Sanierung antragen. Wie die meisten deutschen Politiker, die bei einem Private-Equity-Unternehmen eingestiegen sind, fungieren sie offiziell als „Berater“ – und faktisch als Türöffner. Sie schaffen den Private-Equity-Managern einen Zugang zur politischen Klasse der Republik. Denn in den Clubs und auf den Veranstaltungen, wo sich die Entscheider der Politik mit der Wirtschafts­elite der alten Deutschland AG treffen, sind die „Masters of the Universe“, wie die Private-Equity-Manager nur halb scherzhaft getauft wurden, bislang praktisch nicht vertreten. Die neue Klasse der Firmenjäger ist aber auf solche Zugänge angewiesen; insbesondere bei Privatisierungen entscheiden die jeweils regierenden Parteien in der Regel mit. In Deutschland betraf das in den vergangenen Jahren vor allem den Verkauf großer Wohnungsbaugesellschaften, wie der Berliner GSW an Cerberus und der Gagfah, die Fortress im Jahr 2004 der Bundesversicherungsanstalt für Angestellte abkaufte und damit die Rentenkassen wieder flüssigmachte. Für die Verhandlungen hatte sich Fortress-Deutschlandchef Matthias Moser die Dienste von Florian Gerster gesichert, damals frisch geschasster Präsident der Bundesagentur für Arbeit. Nicht zuletzt dank Gersters Einfluss stach Fortress auf den letzten Metern die von FDP-Urgestein Otto Graf Lambsdorff beratene Beteiligungsgesellschaft Terra Firma aus. Die Leitung des inzwischen börsennotierten Gagfah-Konzerns übertrug Moser dann einem weiteren bewährten roten Strippenzieher: Burkhard Drescher, ehemals Bürgermeister von Oberhausen und RAG-Vorstandsmitglied. Nicht jedes Private-Equity-Haus braucht Berater aus der Politik. Wer nur fernab der öffentlichen Hand auf Einkaufstour geht, ist besser beraten, wenn er sich die Dienste von alten Haudegen der Wirtschaftselite sichert: Wer, wie Branchenriese KKR, nach der einen oder anderen Investment-Chance auf heute noch zu Siemens gehörendem Terrain sucht, braucht ein Siemens-Urgestein wie Ex-Finanzvorstand Karl-Heinz Neubürger, um sich in den Entscheidungsstrukturen von Deutschlands letztem Kombinat zurechtzufinden. Besonders interessant sind natürlich jene Fälle, in denen diejenigen Private-Equity-Fonds Politiker engagieren, die eigentlich keine bräuchten – weil das darauf hindeutet, dass sie Ziele im Auge haben, für die sie sich schon mal vorsorglich politische Rückendeckung holen. In Deutschland verhält sich vor allem die Texas Pacific Group entsprechend. Das bislang eher politikfern bei den Unternehmen Grohe und Freenet investierte Unternehmen leistet sich nicht nur Ex-Finanzminister Theo Waigel als Berater, sondern auch Ludolf von Wartenberg, langjähriger CDU-Bundestagsabgeordneter und Ex-Geschäftsführer des Industriellenverbandes BDI. Nur für die Beratung bei der gescheiterten Übernahme der Bankgesellschaft Berlin wäre diese Besetzung doch ein wenig sehr prominent. Nicht nur bei den Private-Equity-Häusern selbst, sondern auch bei den sie beratenden Investmentbanken erhalten altgediente Politiker die Chance auf eine zweite Karriere. Das gilt für Oskar Lafontaines langjährige Wirtschaftsministerin und ehemalige Berliner Finanzsenatorin Christiane Krajewski, die in der Geschäftsführung der Frankfurter Investmentbank Drueker & Co. arbeitet – die wiederum auf die Beratung bei Wohnungsprivatisierungen spezialisiert ist. Das gilt auch für Gerhard Schröders Kanzleramtsminister Hans-Martin Bury, der bei Lehman Brothers sein Auskommen findet, und für Cleverle Lothar Späth, der nach dem Abgang bei der Jen­optik AG jetzt in der Geschäftsführung von Merrill Lynch Deutschland tätig ist. Aber natürlich ist uns das Mutterland von Private Equity, die USA, bei den Berufschancen für Ex-Politiker einige Schritte voraus. Da machen Politiker sogar ihre eigenen Fonds auf. So wie die ehemalige Außenministerin Madeleine Albright: Der Investmentschwerpunkt ihres mehr als eine Viertelmilliarde US-Dollar schweren Hedge-Fonds Albright Capital Management LLC soll übrigens in Schwellenländern liegen. Wer weiß, vielleicht geht ja auch Joschka Fischer demnächst auf Akquise-Tour bei institutionellen Investoren – schließlich sind Heuschrecken grün. Detlef Gürtler lebt als freier Autor in Berlin und Marbella. Zuletzt erschien von ihm „Die Dagoberts – eine Weltgeschichte des Reichtums“ (Eichborn Verlag)

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