Wall Street-Proteste - Die Besetzer der Besetzer

CICERO-ONLINE-Kolumnist Til Knipper schreibt dieses Mal über die Protestbewegung in den USA  - "Occupy Wall Street - Besetzt die Wall Street". Seit einigen Wochen wird das New Yorker Finanzzentrum von Kapitalismuskritikern besetzt. Doch die Anti-Kapitalisten sind offenbar selbst besetz worden, von knallharten Kapitalisten.

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(picture alliance) Ein Polizist im Einsatz gegen Demonstranten an der New Yorker Wall Stree

Geld kann man ja heutzutage mit fast allem verdienen: mit fallenden Aktienkursen, Bubble-Tea, Vampir-Teenie-Filmen oder gar Manufactum-Produkten. Und vieles davon ist so abscheulich, dass wir uns hier mit aller Entschiedenheit davon distanzieren wollen und nicht einmal erklären werden, worum es sich handelt.

Noch abstoßender als Aufgussgetränke, die ohne natürliche Aromen auskommen und mit kaugummiartigen Kügelchen aufgefüllt werden, ist das Geschäftsmodell der Internetseite http://occupyparty.org/. Die Seite gibt vor, der politische Arm, also Party im Sinne von Partei und nicht von Feier, der amerikanischen Protestbewegung "Occupy Wall Street" zu sein. Das für sich genommen müsste man schon fast als hehres Ziel bezeichnen, da sich die breit gefächerte Protestbewegung bisher nur darauf einigen kann, gegen die amerikanischen Banken zu sein.

In Wahrheit haben die Macher von occupyparty.org aber überhaupt nichts mit den Demonstranten zu tun, die seit mehr als vier Wochen im Zuccotti Park in Downtown Manhattan kampieren und deren Bewegung sich inzwischen auf zahlreiche weitere Städte in den USA ausgebreitet hat. 

Sie sind einfach nur gierige Trittbrettfahrer des Protests. Die einzigen Links, die auf der "Partei"-Seite funktionieren, sind Google-Ads und Werbebanner, mit denen die Betreiber offenbar einen schnellen Dollar machen wollen. Härteste Kapitalisten nutzen hier die Antikapitalisten aus.

Dabei müssen die Gegner der Wall Street wahrlich schon genug Leid ertragen im Umgang mit der New Yorker Polizei, die sie abwechselnd verhaftet oder mit Pfefferspray gegen die friedlich protestierenden Demonstranten vorgeht. Die Unverhältnismäßigkeit dieser Maßnahmen liegt auf der Hand, zumal inzwischen auch Präsident Barack Obama Verständnis für die Proteste geäußert hat, was das Vorgehen der New Yorker Behörden noch absurder erscheinen lässt.

Trittbrettfahrer kommen aber auch aus anderer, man ist geneigt zu sagen, gewohnter Richtung. Denn neben ernst zu nehmenden Unterstützern, wie den Wirtschaftsnobelpreisträgern Joseph Stieglitz und Paul Krugman, mussten die Parkbewohner in ihrem neuen Zuhause auch schon Auftritte des US-Filmemachers Michael "Ich bin gegen alles" Moore und der Globalisierungskritikerin Naomi "No logo" Klein ertragen.

Aber wer steckt nun hinter occupyparty.org? Vielleicht Goldman Sachs? Die Demokraten, die auf diese Weise den linken Gegenpart zur Tea-Party aufbauen helfen möchten? Oder gar in einem Akt kruden Guerillamarketings die "Occupy Wall Street" Bewegung selbst, um mithilfe der Werbeeinnahmen einen Teil ihrer Aktionen zu finanzieren? 

Nach Recherchen des US-Senders NPR wurde die Domain http://occupyparty.org/ unter einer Postfachadresse in Australien registriert. Auf der Verbrecherinsel lernen sie es wohl nie? Oder um es mit einem Plakat der Demonstranten, die offenbar bestens mit dem Börsenjargon vertraut sind, zu sagen: "Keine Bullen, keine Bären, einfach nur Schweine."

 

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