Päckchen-Wahnsinn bei DHL - Das Grauen wohnt in Rüdersdorf

Kisslers Konter: Wer seine Pakete mit DHL nach Berlin schickt, sollte nicht von deren Zustellung ausgehen. Das Bonner Unternehmen scheint damit prinzipiell überfordert – auch ohne Streik. Erfahrungsbericht eines Verzweifelten

DHL-Paketzentrum im brandenburgischen Rüdersdorf
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Alexander Kissler ist Ressortleiter Salon beim Magazin Cicero. Er verfasste zahlreiche Sachbücher, u.a. „Dummgeglotzt. Wie das Fernsehen uns verblödet“, „Der aufgeklärte Gott. Wie die Religion zur Vernunft kam“ und „Keine Toleranz den Intoleranten. Warum der Westen seine Werte verteidigen muss“. Foto: Antje Berghäuser

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Alexander Kissler

Rüdersdorf hat Visionen, und „Rüdersdorf ist nicht verkalkt!“ So steht es in der Selbstdarstellung der sympathischen brandenburgischen Gemeinde vor den Toren Berlins mit den Ortsteilen Hennickendorf, Herzfelde, Lichtenow. Man rühmt sich seiner Bergwerkstradition, ist stolz auf das umgestaltete Neubaugebiet und die hervorragenden Verkehrsanbindungen. Leider sind sie für DHL nicht hervorragend genug. Die gelben Lastwagen des größten deutschen Logistikunternehmens finden zwar nach Rüdersdorf hinein, aber nicht immer aus Rüdersdorf heraus. Rüdersdorf beheimatet ein Bermudadreieck der versunkenen Hoffnungen, ein ominöses „Ziel-Paketzentrum“. In Rüdersdorf wohnt das Grauen.

DHL-Beladung vier Tage nach „Wunschtag“


Zumindest ist mein ganz persönlicher Zustellungs- beziehungsweise Nichtzustellungshorror untrennbar mit dem „Ziel-Paketzentrum Rüdersdorf“ verknüpft. Ach, „Ziel“, du einsilbige Verheißung, du klingst wunderbar optimistisch, klingst nach Ankunft und „Endlich“, nach Sinn und Zweck jeder Reise, nach dem glücklichen Schlusspunkt mannigfacher Gefahren zu Lande, zu Wasser und in der Luft. In meinem Fall aber, in meinen Fällen, bedeutet „Ziel-Paketzentrum“, dass dort alle Hoffnung auf pünktliche und zuverlässige Zustellung begraben wurde. Dieses Ziel ist ein Abgrund, ein Untergang, ein schlimmes Ende. Meinen Paketen wurde es bereitet.

Eines Tages, wir schrieben den 24. März des Jahres 2015, machten sich zwei Pakete auf die beschwerliche Reise nach Berlin. Das eine enthielt Kekse und ging in Nürnberg auf Wanderschaft, das andere Wein und bestieg im badischen Kappelrodeck einen gelben Wagen mit DHL-Signet. Schon tags darauf, ein Mittwoch war’s, erfreuten sich die beiden Pakete würziger brandenburgischer Luft. Die Kekse erreichten laut „DHL Sendungsverfolgung“ Rüdersdorf am 25. März bereits um 1.13 Uhr, mitten in der Nacht, der Wein schloss sich um 23.53 Uhr friedlich an. Ob sie nah beieinander lagen? Von Rüdersdorf nach Berlin sind es rund 50 Kilometer.

Kunde, für den ich mich hielt, gab ich online einen „Wunschtag“ an. Ich wünsche mir gerne etwas, und warum sollte ich das schöne Angebot von DHL nicht nutzen, an jenem Tag beliefert zu werden, an dem auch jemand zu Hause ist, Kekse und Wein zu empfangen? Ich entschied mich für Freitag, den 27. März. Ein Wochenende mit neuem Wein und frischen Keksen wäre nach meinem Geschmack. DHL aber dachte an die Umweltbilanz, den CO2-Abdruck und meine schlanke Linie und belud den Wagen erst am Dienstag, dem 31. März, vier Tage nach dem „Wunschtag“. In der Versagung bewährt sich alle Sehnsucht. Um 10.52 Uhr wurde das Naschzeug, um 11.01 Uhr der Rebensaft „in das Zustellfahrzeug geladen“. Ob es ein und dasselbe Wägelchen war oder deren zwei mit demselben Ziel? Solches Fragen sollte ich mir bald abgewöhnen.

Es wurde Mittag, es wurde Nachmittag, es wurde traurig


Nun galt es sicherzustellen, dass auch am Dienstag statt am freitäglichen „Wunschtag“ jemand zu Hause war. Ich setzte meine Hoffnung auf die Nachbarschaft aus Erdgeschoss und zweitem Stock, zwei ältere und übrigens ganz reizende Damen. Das würde schon klappen. Doch ach, an ebendiesem Dienstag, dem 31. März 2015, scheiterte der Zustellungsversuch epochal. Auf 15.32 Uhr im Fall des Weins und 15.33 Uhr bei den Keksen datiert der schlichte und so weitreichende Hinweis in der „DHL Sendungsverfolgung“, „es erfolgt ein 2. Zustellversuch“.

Was ist euch, ihr lieben fränkisch-badischen Spezialitäten, zugestoßen? Was widerfuhr dem ersten Zustellversuch? Niemand klingelte im Haus, kein Kärtchen wurde hinterlassen, das Fahrzeug machte offenbar kehrt. Oder stellte sich beim Ausladen heraus, dass die beiden Pakete doch nicht in des Wagens bergendem Magen ruhten? Ich frug nicht, ich wunderte mich. Dann also Mittwoch? Auch ein schöner Tag, wenn man’s recht bedenkt.

Und wie wunderbar, wie frühlingsfroh begann dieser Mittwoch! Ein erster April war es, doch dem maß ich keine Bedeutung bei. Ich sah mich schon trunken an Keksen riechen. Früh um 7.29 Uhr und um 8.30 Uhr ging der verwegene Ritt von Rüdersdorf nach Berlin in die nächste Runde, „die Sendung wurde in das Zustellfahrzeug geladen“. Es wurde Mittag, es wurde Nachmittag, es wurde traurig. Zeitgleich um 17.54 Uhr lautet der niederschmetternde Befund: „Die Sendung konnte heute nicht zugestellt werden.“ Ja, gab es sie überhaupt noch, die kulinarische Sendung? Oder hatten die Postboten sich bei Wein und Keksen bedient, um nicht vom Fleisch zu fallen? Über einen solchen Notverzehr dürfte ich mich nicht beschweren, man ist ja Mensch.

Nach einer bangen Nacht – hatte ich Weiß- oder Rotwein bestellt? – hieß es am 2. April: neues Spiel, neues Glück. Am Donnerstag wurden die Waren um 10.15 Uhr und 10.52 Uhr abermals „in das Zustellfahrzeug geladen“. Mittlerweile waren eine Woche und ein Tag seit der Ankunft im „Ziel-Paketzentrum Rüdersdorf“ vergangen. Und mittlerweile hatten die freundlichen Bäcker aus Nürnberg ein zweites Paket auf den Weg gebracht, weshalb ich das erste, so es noch käme, verweigern solle. Tatsächlich war die Freude groß. Donnerstags um 12.05 Uhr stand ein Bote mit zwei Kekspaketen vor der Tür. Dass ich nur eines davon annahm, erschloss sich ihm nicht unmittelbar. Es zu erklären, war mühsam, er tat sich schwer mit der deutschen Sprache. Sei’s drum. Es konnte nun doch noch ein kalorienhaltiges Osterfest werden, der 2. April war Gründonnerstag. Würde ich aber auch süffigen Wein aus Kappelrodeck trinken können?

Den sechs Flaschen war es nämlich minder schön ergangen. Ganz offensichtlich hatten sie Donnerstagfrüh in einem anderen Fahrzeug Rüdersdorf verlassen. Unverrichteter Dinge, versteht sich. Um 15.58 Uhr hieß es wieder in der vertrauten Weise, „es erfolgt ein 2. Zustellversuch“. Wer bis Drei zählen kann – eine Kompetenz, die bei DHL nicht immer vorhanden ist – hat natürlich gemerkt, dass es sich um den zweiten zweiten Zustellversuch handelte, den dritten also, wie wir Paketzustellungslaien sagen. Der tatsächlich zweite Zustellversuch hatte vor zwei Tagen, am 31. März, stattgefunden. Dann kam schon Karfreitag, der 3. April. Die Deutsche Post pausierte, nun auch offiziell.

Karsamstag aber fiel Ostern und Weihnachten zusammen. Um 11.10 Uhr am 4. April 2015 vermeldete die Sendungsverfolgung die Wahrheit, nichts als die Wahrheit: „Die Sendung wurde erfolgreich zugestellt.“ Heureka, Halleluja, gepriesen seid ihr alle, ihr Rüdersdorfer und ihr Berliner und alle Paketfahrzeuge im Kreisverkehr dazwischen! Einen Tag hatte es somit gedauert von Kappelrodeck nach Rüdersdorf und zehn Tage dann von Rüdersdorf nach Berlin. In der Postkutschenzeit war auch nicht alles schlecht.

Vielleicht wartete ich heute noch auf den Wein, hätte ich mich nicht in der Zwischenzeit via Twitter und dann per Mail an DHL gewandt. Das „Social Media Team DHL Paket“ teilte mir am 1. April mit, man habe „die schnellstmögliche Auslieferung angemahnt“, am 2. April, der Fahrer habe die „Zustelltour leider abbrechen“ müssen, und am 4. April, „wir haben den Vorgesetzten vor Ort über die ausstehende Zustellung Ihres Paketes informiert und gebeten, dies zu klären“.

Vergrößerte Zustellbezirke, ausgegliederte Beschäftigte


In der Zwischenzeit erfuhr ich auch, dass DHL in Berlin die Zustellbezirke vergrößert und einen Teil der Beschäftigten in die „DHL Delivery GmbH“ ausgegliedert habe, wodurch die Fluktuation unter den Beschäftigten anschwoll. Jeden Tag, erklärte mir ein Bote, stünden mehrere hundert Pakete für seine Tour bereit, er könne aber beim besten Willen nicht mehr als 150 ausliefern. Es sei dann halt eher zufällig, welche Pakete auf Tour gingen und welche den Weg bis zur Haustür fänden. Ich habe verstanden: Es ist ein Lotteriespiel, ob und in welcher Frist DHL Pakete in Berlin ausliefert – und zwar generell, auch in streikloser Zeit.

Mein neues Bermuda-Abenteuer belegt es. Abermals war ein Händler so töricht, seine Ware mit DHL nach Berlin schicken zu wollen, diesmal von Saarbrücken aus. Der Arme! Am 8. Juni 2015 verließ das Paket sein Lager, am 9. Juni traf es im „Ziel-Paketzentrum Rüdersdorf“ ein. Dort verbrachte es eine hoffentlich entspannte Woche, ehe es am 16. Juni „in das Zustellfahrzeug geladen“ wurde. Und Weh und Graus und Jemineh: Am selben Tag um 17.41 Uhr wurde „die Sendung zurückgestellt“. Die Zustellung erfolge „voraussichtlich am nächsten Werktag“. Dieser fand bis heute nicht statt. Seit nunmehr 14 Tagen ruht mein neues Paket irgendwo zwischen Rüdersdorf und Berlin, und wenn es nicht gestorben ist, dann pendelt es noch immer.

Euch aber, die Ihr meint, Ihr könntet ein Paket mit DHL nach Berlin senden in der Hoffnung, selbiges lande auch beim Empfänger in Berlin und nicht nur in Rüdersdorf mit seinen Ortsteilen Hennickendorf, Herzfelde, Lichtenow, im beschaulichen Rüdersdorf, euch sage ich: Lasst alle Hoffnung fahren, geht nicht über Los und meidet DHL! Die packen’s einfach nicht.

Bodo Kannacher | Fr, 23. März 2018 - 16:14

Ich erfahre das jetzt selber, das da wohl ein großes Problem mit der Zustellung vorliegt. Mein Wunschtermin war Donnerstag...Das Päckchen soll morgen am Samstag den24.03.2018 zugestellt werden... Bin mal gespannt.
Gruß Bodo Kannacher