Der umstrittene Moderator

Als Präsident des Strahlenschutzamts hat Wolfram König schon drei Umweltminister überlebt. In seinem Amt verhält sich der bekennende Atomkraftgegner neutral und sorgt dafür, dass Befürworter und Gegner im Gespräch bleiben. Trotzdem wollen ihn manche loswerden

Wolfram König 2009 im Endlager Morsleben.
() Wolfram König 2009 im Endlager Morsleben.
Den Salzstock in Gorleben hat Wolfram König auf einem Blatt Papier schnell skizziert: Gestein, Schacht und Sohlen. Zuletzt hat er das Bergwerk, in dem einmal hochradioaktiver Müll eingelagert werden könnte, im Dezember besucht, zusammen mit Bundesumweltminister Norbert Röttgen. Kurz zuvor hatte dieser das Gorleben-Moratorium aufgehoben. Weshalb der Salzstock wieder erkundet wird, was Wolfram König überwachen muss. Dabei gibt es manche, die gegen Wolfram König einen Generalverdacht hegen. Nicht gegen den Menschen König, aber gegen den Beamten, den Präsidenten des Bundesamts für Strahlenschutz (BfS) in Salzgitter. Gleichzeitig ist König ein politisches Fossil. Seit elf Jahren leitet der 53-Jährige das Amt, drei Umweltministern hat er gedient. Der Grüne Jürgen Trittin ernannte ihn 1999, mit dem Sozialdemokraten Sigmar Gabriel hat er sich gut verstanden. Nun hat er mit dem Christdemokraten Röttgen zumindest zu einem professionellen Miteinander gefunden. Zu erwarten war dies nicht. Schließlich befindet sich das BfS im Mittelpunkt eines gesellschaftlichen Großkonflikts. Ausgerechnet ein Kritiker der Atomenergie steht dabei dem Betreiber des Salzstocks in Gorleben vor, ein Grüner den schwarz-gelben Endlagerplänen im Wege. Diese Sicht mag König überhaupt nicht. Er pocht auf die Neutralität des Amtes, nur der Sicherheit sei er verpflichtet. „Ich mache keine grüne Politik“, stellt er klar und zählt auf, womit er sich so alles beschäftigt. So habe er die gesundheitlichen Risiken des Mobilfunks erforscht, Zwischenlager und Atommülltransporte genehmigt. „In meiner Verantwortung liegt der Bau des ersten nach Atomrecht genehmigten Endlagers Schacht Konrad für schwach- und mittelradioaktiven Atommüll“, sagt er, um jeden Restzweifel an seiner Loyalität auszuräumen. Wolfram König steht unter Dauerbeobachtung. Bereits zu rot-grünen Zeiten haben CDU-Politiker die fachliche Eignung des studierten Stadtplaners für das Amt infrage gestellt. Sie haben ihm politische Voreingenommenheit vorgeworfen und versucht, ihm eine Amigo-Affäre anzuhängen. Doch König wehrte sich erfolgreich vor Gericht. Gleichzeitig modernisierte er das BfS. Vor allem bei der Suche nach einem Sicherheitskonzept für das vom Absaufen bedrohte Atommülllager Asse bemühte er sich um Transparenz. Lange bevor die Vertrauenskrise der Politik Schlagzeilen machte, ließ König die komplizierte Materie im Internet mit Grafiken und Videos aufbereiten. Selbst die FAZ, sonst kein Freund des atomkritischen Präsidenten, würdigte seine „Fähigkeit, schwierige Themen eingängig darzulegen“ und „vermeintliche Kritiker einzubinden“. Dessen ungeachtet wird in Berlin über seine Ablösung spekuliert sowie darüber, ob die Bundesregierung dem BfS die Zuständigkeit für Gorleben entziehen könne. Hinter solchen Spekulationen könnte Gerald Hennenhöfer stecken, Chef der Reaktorsicherheitsabteilung im Bundesumweltministerium. Dieser hat sein Geld viele Jahre als Atomlobbyist verdient. Im vergangenen Sommer kehrte er ins Ministerium zurück, auf denselben Posten, den er schon bis 1998 innehatte. Hennenhöfer und König verbindet tiefe gegenseitige Abneigung, seit der Atomkraftbefürworter alten Schlages das sachsen-anhaltische Umweltministerium 1997 angewiesen hatte, weiterhin Atommüll in Morsleben einzulagern. König, Umweltstaatssekretär der rot-grünen Landesregierung, musste die Weisung gegen seine Überzeugung umsetzen. Längst haben sich die Sicherheitsbedenken, die er damals vorbrachte, bestätigt. Das ehemalige Atomklo der DDR ist ein Sanierungsfall. Jetzt stehen sich die beiden wieder gegenüber. Doch offenbar gibt es auch Christdemokraten, die einen anderen Weg gehen wollen als vor 1998. Und so scheint zwischen Berlin und Salzgitter derzeit eine Art Burgfrieden zu herrschen. Anlässlich des Gorleben-Besuchs erschienen in den Zeitungen der Region ganzseitige Anzeigen, in denen Röttgen und König gemeinsam für einen „Dialog“ warben und ein „Maximum an Transparenz“ versprachen. Ist es also möglich, dass Röttgen auf König gar nicht verzichten kann? Dass der Schwarze den Grünen braucht? Auch in der Union hat sich herumgesprochen, dass man Großprojekte nicht mehr von oben durchsetzen kann, notfalls per Weisung, um, wenn das nicht hilft, irgendwann die Polizei zu schicken. Stuttgart 21 war ein heilsamer Schock. König könnte ein Nutznießer sein. Vor allem, weil sich niemand besser mit der Frage auskennt, wie bei der Entsorgung giftiger Altlasten die Betroffenen eingebunden werden können. Schon in den achtziger Jahren, als Transparenz und Dialog in Verwaltungen noch Fremdworte waren, hat er im nordhessischen Lichtenau die Hinterlassenschaft einer NS-Munitionsfabrik saniert. Als BfS-Präsident konnte er Politiker und Anwohner, Kraftwerksbetreiber und kritische Wissenschaftler für ein Konzept zur Sanierung der Asse gewinnen. „Unabhängigkeit schafft Glaubwürdigkeit“, betont König. Seine Glaubwürdigkeit sichert ihm vorerst den Arbeitsplatz. Denn nichts scheint bei der Befriedung des Konflikts wichtiger, als dass Befürworter und Gegner der Atomkraft im Gespräch bleiben. Ob Gorleben jemals in Betrieb geht? „Wir sind weit davon entfernt, die Eignungsfrage beantworten zu können“, antwortet König. Er hält es rechtlich für einen Fehler, nicht zugleich andere Standorte zu erkunden. Dass die Laufzeitverlängerung die Konsenssuche erschwert, auch das hat er der schwarz-gelben Koalition ins Stammbuch geschrieben. Doch die Politik hat anders entschieden. „Das akzeptiere ich“, sagt König.

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