Rupert Murdoch - Der Herbst des Patriarchen

Der Medienunternehmer Rupert Murdoch ist alt geworden. Der Unverwüstliche hat im Berufsleben alle Konkurrenten ausgetrickst und sogar den Krebs überlebt. Doch seine Nachfolge bekommt der TV-Tycoon nicht geregelt: Ob es ihn tröstet, dass er damit nicht alleine ist?

Rupert Murdoch
(picture alliance) Rupert Murdoch

Es ist nichts Ungewöhnliches, dass die Murdochs bei Familientreffen Geschäftliches besprechen. Im vergangenen Jahr sprachen sie über den Wechsel des Firmensitzes der News Corporation von Melbourne, Australien, nach New York, USA. Irgendwann erwähnte Rupert Murdoch, dass er gerne den Kreis der Anteilseigner im Trust der Familie erweitern und seine beiden kleinen Töchter Grace und Chloe darin aufnehmen möchte. Ob alle einverstanden seien? Immerhin gehören die beiden drei- und zweijährigen Schwestern auch zu den Murdochs. Warum sie nicht auch im Geschäftlichen in die Familie aufnehmen? Der gebürtige Australier Rupert Murdoch, der nach dem Präsidenten, dem Generalbankchef und Bill Gates zu den mächtigsten Männern der USA zählt, gefährdete mit dieser harmlosen Frage seine sicher geglaubte Nachfolgeregelung.
Die Murdochs sind eine große Familie und versichern, dass sie sich alle sehr gern haben. Sogar Wendi Deng Murdoch (36), die dritte Ehefrau von Rupert Murdoch (74), verstehe sich gut mit Anna Murdoch Mann (61), seiner geschiedenen zweiten Frau, heißt es. Beide trafen sich bei den Hochzeitsfeiern von Anna und Ruperts Kindern Elisabeth (37), Lachlan (34) und James (32) und bei der Taufe derer Kinder. Als Wendy Deng in Asien zu tun hatte und James noch dort lebte, übernachtete sie wie selbstverständlich bei ihm und seiner Frau, die Wendi reizend fand. Wendi Deng ist zehn Jahre jünger als ihre Stieftochter Prudence (46), Murdochs Tochter aus erster Ehe. Prudence hat als Kind zeitweise bei ihrem Vater, ihrer Stiefmutter Anna und deren Kindern gelebt. Heute spielen die beiden kleinen Mädchen von Wendi und Rupert mit den Enkelkindern von Anna Murdoch.
Alle Murdochs sind eng mit ihrem Unternehmen verbunden: Die News Corporation ist einer der größten und einflussreichsten Medienkonzerne, dessen Zeitungen, TV-Sender und Filmstudios sich krakenhaft über alle Kontinente erstrecken. Sein Wert wird auf rund 55 Milliarden Dollar geschätzt. Vermutlich täten sich die Kinder schwer zu beurteilen, ob das Unternehmen – oder aber ihr Vater Rupert – der Mittelpunkt der Familie ist. Beides sei oft nicht voneinander zu trennen, sagt Anna Murdoch. Früher weckte sie die Kinder früh um fünf Uhr, damit sie ihren Vater wenigstens bei der Rückkehr von einer Geschäftsreise sehen konnten. Der Vater kochte zwar im Skiurlaub Spiegeleier für sie. Aber oft war er abwesend, selbst wenn er da war. James fragte seine Mutter einmal, ob Daddy taub werde. „Nein“, sagte sie, „er hört nur nicht zu.“ Anna selbst konnte den Reichtum – die Kinder, die Häuser, die Millionen – nicht immer genießen. Als sie mit fast 40 Jahren anfing, griechische Mythologie zu studieren, schrieb sie in Kurzgeschichten von ihrer inneren Leere.
„Family Business“, ihr erster Roman, handelt vom Tod eines Medienunternehmers, dessen drei Kinder um das Erbe streiten, weil er seine Nachfolge nicht geregelt hat. Die Frau des Medienzaren habe das Thema ein- oder zweimal angeschnitten. Aber ihr Mann habe nie an die Zukunft denken wollen. „Schließlich stand er auf dem Gipfel seiner beruflichen Laufbahn… Einen Nachfolger auszuwählen hätte seiner Meinung nach bedeutet, sich sein eigenes Grab zu schaufeln.“ Dass sie über ihn schrieb, muss Murdoch klar gewesen sein. An anderer Stelle fragte er bei einer Liebesszene: „Wer ist Harry?“ Sie antwortete: „Das bist du!“
Die Klärung der Nachfolge wurde drängend, als bei Rupert vor fünf Jahren Prostatakrebs diagnostiziert wurde – und sich Investoren plötzlich wegen der unklaren Situation abwandten. Vorstandsvorsitzender Peter Chernin (55) solle ihm nachfolgen, ließ er damals wissen. Doch sobald er den Krebs überwunden hatte, fühlte er sich unsterblich. Seine junge Frau Wendi erzählte Bekannten, Rupert nehme Viagra, aber eigentlich habe er das gar nicht nötig. Als er ankündigte, er werde niemals in den Ruhestand gehen, mag das seinen Kindern wie eine Drohung vorgekommen sein. Elisabeth, Lachlan und James hatten in den vergangenen zehn Jahren verschiedene Positionen in der News Corporation inne. Nur die älteste Tochter Prudence hat sich fern gehalten vom väterlichen Unternehmen.
Rupert Murdoch verfuhr mit seinen Kindern so wie seine Mutter, die ihn einfach in einen Pool warf, damit er schwimmen lernte, wie er gerne erzählt. Auch er warf seine Kinder ins Wasser und wollte sehen, ob sie sich freischwimmen und durchsetzen können. Die Kinder handelten jahrelang so, als müssten sie dem Vater etwas beweisen. Als der Vater Lachlan wiederholt beförderte, sagte seine Schwester Elisabeth, sie habe das Gefühl, sie müsse sich beeilen. Doch vor fünf Jahren hatte sie plötzlich genug vom Konkurrenzkampf ums Erbe und verließ das Unternehmen.
Rupert Murdoch hat den Kindern die enge Verbindung zwischen Privatleben und Geschäft vorgelebt. Seine Frau Anna lernte er in einem Interview kennen, das sie als junge Reporterin für eine seiner Zeitungen mit ihm führte. Später saß sie jahrelang im Aufsichtsrat. Wendi Deng hat für das asiatische Satellitenfernsehen Star-TV seines Konzerns gearbeitet. Je nachdem, wem man glaubt, lernte er sie kennen, als sie einmal eine Konferenz in London besuchte (sagt Murdoch) oder als Murdoch China besuchte (sagen Mitarbeiter). Fest steht: Das Private entwickelte sich immer aus dem Geschäftlichen. Murdoch wollte damals nach China expandieren. Ein Mitarbeiter scherzte, Murdoch habe „den Markt geheiratet“, als er 17 Tage nach seiner Scheidung die 38 Jahre jüngere Chinesin ehelichte. Murdoch behauptet, er habe sie erst nach der Trennung von seiner Frau Anna kennen gelernt; Anna behauptet, die Affäre begann früher.
Dass die komplizierten Familienverhältnisse und die Ambitionen der beiden Frauen in den vergangenen Wochen Thema vieler Artikel waren, hat mit Lachlan Murdoch zu tun, der als stellvertretender Vorstandsvorsitzender einen der wichtigsten Posten im Unternehmen einnahm und als Nachfolger seines Vaters in spe galt. Doch an einem Freitag Ende Juli erklärte er überraschend seinen Rücktritt. Er werde mit seiner Frau, dem Fotomodell Sarah O’Hare, und seinem Baby nach Australien gehen. Der Abschied sei ihm nicht leicht gefallen, sagte Lachlan. Am Nachmittag wurde er in Downtown Manhattan gesehen, wie er mit Freunden mehr als fünf Stunden in einem italienischen Restaurant saß. Irgendwann – nach reichlich Bier und Wein – lag er einem seiner Mitarbeiter in den Armen und weinte. Als Grund wurde genannt, er wolle seinen eigenen Weg gehen. Mit anderen Worten: Der Vater mischte sich zu oft in Entscheidungen ein. Er soll Mitarbeitern, die sich an ihn wandten, sogar ausdrücklich gesagt haben, nicht auf seinen Sohn zu hören.
Der Wunsch, sich vom Vater zu lösen, war der eine Grund für Lachlans Trennung. Der andere war angeblich der Konflikt, den Rupert Murdoch mit seiner Bitte ausgelöst hat, die beiden jüngsten Schwestern in den Trust der Familie aufzunehmen. Was harmlos klingt, berührt die alles entscheidende Frage der Macht. Denn mit den 28,5 Prozent der Stimmen des Trust kontrolliert die Familie ihr Unternehmen. Bei der Scheidung von Anna im Jahr 1999 hätte ihr die Hälfte des Unternehmens zugestanden. Stattdessen begnügte sie sich mit 200 Millionen Dollar – und ließ einen Teil der Macht im Trust auf ihre Kinder übertragen. Seitdem verfügt Rupert über vier Stimmen, die mit seinem Tod erlöschen werden. Seine ersten vier Kinder haben je eine Stimme. Gegen ihren Willen kann Murdoch seine kleinen Töchter nicht in den Kreis der stimmberechtigten Erben aufnehmen. Daran wollen die vier stimmberechtigten Kinder festhalten, obwohl sie nichts dagegen haben, die Stiefschwestern finanziell zu beteiligen. Sollten die Nachgeborenen jedoch ebenfalls Stimmrechte erhalten, dann würde Wendi Deng nach dem Tod des Patriarchen ein Drittel des Trusts kontrollieren: Weil sie über die Stimmrechte der beiden minderjährigen Kinder verfügen würde, hätte sie mehr zu sagen als jedes der vier erstgeborenen Kinder für sich allein. Das wollen diese nicht. Denn es wird gemunkelt, dass auch Wendi Deng eine mögliche Nachfolgerin ihres Mannes wäre – jung genug ist sie.
Wie gibt ein Medienmogul seine Macht weiter? Es ist der kritische Moment, in dem Unternehmer, die sonst als aggressiv gelten, zögern. Hätte Murdoch sich beizeiten kümmern sollen? Der Medienchef, der sich vielleicht am längsten mit dieser Frage beschäftigt hat, ist Reinhard Mohn (Bertelsmann), der deshalb bereits vor 30 Jahren ein kompliziertes Stiftungsgebilde entwarf. Er wollte die Familie vom Tagesgeschäft fern halten und baute junge Manager für die Zukunft auf. Doch später fühlte er sich betrogen und wusste sich nicht mehr zu helfen. Mit seinen Plänen gescheitert, akzeptierte er eine Übergangslösung: seine Frau und einen altgedienten Manager. Was nach ihnen kommt, ist unklar. Am Ende seiner Tage hat Mohn nicht mehr geklärt als Murdoch.
Es ist ein Problem, das viele Medien-Patriarchen plagt und eint: Sumner Redstone hat seine Tochter im Juni zur stellvertretenden Chefin von Viacom (TV-Sender MTV, CBS, Buchverlage Simon & Schuster) gemacht und doch bleibt unklar, ob sie seinen Platz einnehmen wird. Axel Cäsar Springer entwarf einst Deutschlands aggressivste Boulevardzeitung und wusste im Alter nicht, was er mit seinem Verlag machen sollte. Er überließ ihn seiner kinderlosen Frau Friede – unklar ist, was nach ihr kommt. Rudolf Augstein führte hartnäckigen Recherchejournalismus im Spiegel ein – er selbst traute seinen Kindern nichts zu und verschenkte das entscheidende Prozent, das ihre Macht hätte sichern können. Als er seine Entscheidung bereute, war es zu spät. Es scheint, als überschätzten sich Medienunternehmer gerne und trauten ihren Kindern nichts zu. Fürchten sie, dass ihre Kinder ihnen ein Stück ihrer Größe- nehmen?
Rupert Murdoch kann sich angeblich zumindest darüber freuen, dass sich sein Verhältnis zu Lachlan nach der Trennung entspannt habe. Es heißt, Rupert Murdoch habe Respekt bekommen vor der Entscheidung seines Sohnes. Und außerdem arbeitet sein jüngster Sohn James noch im Unternehmen. Die Spekulationen über die Nachfolge interessierten ihn nicht wirklich, sagte James vor einigen Jahren. News sei eine große Firma. „Es ist genügend Platz für uns alle.“

Thomas Schuler ist Journalist und Buchautor. Soeben ist sein Buch über Bertelsmann „Die Mohns“ bei Lübbe als Taschenbuch erschienen

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