Der Borkenkäfer und die Bank

Welche Fehler hat eine Privatbank gemacht, wenn sie nach 221 erfolgreichen Jahren auf einmal kollabiert? Im Fall Sal. Oppenheim vermuten viele: Sie hat dem Falschen die Türe geöffnet. Von der kuriosen Verbindung zwischen Josef Esch und dem Clan der Oppenheims.

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Lesen Sie dazu auch: Ingrid Herden: Schluss mit lustig Wirtschaftsdynastien sind ganz eigene Gewächse im Dschungel des Kapitalismus. Oft trotzen sie jahrhundertelang allen Feinden, meist dauert auch ihr Niedergang Dekaden. Manchmal auch nicht, wie bei der britischen Barings-Bank, der ein junger, übermütig-ruchloser Wertpapierhändler vor 15 Jahren mit unkontrollierten und fehlgeschlagenen Milliardenwetten blitzartig das Genick brach. Hier fehlte der britischen Dynastie das, was einer ihrer Partner einmal als Credo moderner Bankgeschäfte identifizierte: „Man muss Leute beurteilen können“, sagte er. „Wenn man sich in Menschen täuscht, verliert man. Und wenn man verliert, verliert man im großen Stil.“ So geschehen im Fall Sal. Oppenheim. Christopher Baron Oppenheim, Ex-Erbe der Ex-Privatbank, war 23 Jahre alt, als ihm Alfred Herrhausen, damals Chef der Deutschen Bank, prophezeit haben soll: „Bis Sie dran sind, ist die Bank verkauft.“ Eine rätselhafte Prognose, denn noch 2007 vermeldete das Bankhaus die besten Ergebnisse ihrer heute 221-jährigen Geschichte. Doch nur zwei Jahre später sollte das Orakel des 1989 von der RAF ermordeten Herrhausen recht bekommen: Im Oktober 2009 verkündet Christopher Oppenheim seinen Mitarbeitern unter Tränen den bevorstehenden Verkauf der bis dato größten europäischen Privatbank an das Haus Ackermann. Ein Institut, das vier Revolutionen, sieben Kriege und elf Herrschaftssysteme überlebt hatte, ist seit diesem März nur noch Zögling der Deutschen Bank. Ob die Privatbankiers mangelnder Menschenkenntnis oder doch nur der eigenen Gier zum Opfer fielen, ist bislang unklar. Sicher ist nur, dass der Anfang vom Ende zeitgleich dann beginnt, als Josef Esch, arrivierter Ex-Maurerpolier aus Troisdorf, auftaucht. Es sind die späten achtziger Jahre, Alfred Baron Oppenheim, genannt „Alfi“, regiert die Bank. In dessen wohlwollendem Blick erscheint Esch, Glatze, Stiernacken, Oberlippenbart, verheiratet mit einer 16 Jahre älteren Ex-Fußballergattin, ein Genie in Baukostenkalkulationen, Berater in Immobilienfragen, hungrig nach Erfolg. Vielleicht verbindet ihn Letzteres so schnell mit Matthias Graf von Krockow. Der, polterndes Alpha-Tier aus verarmtem Landadel, heiratet 1986 Ilona Baronin von Ullmann, Erbin des Familienstammes mit den größten Bankanteilen. Als Schwiegersohn wird er in die Ränge der Partner gehebelt und ist nun beides: unantastbar – und in Bringschuld. Die beiden Neuen, der Maurer aus dem Nichts und der Graf mit dem Legitimationskomplex, harren auf den großen Wurf. Und nicht nur sie: 1989 verkauft das Bankhaus die Colonia Versicherung, ist mit einem Schlag überkapitalisiert und sucht händeringend nach Investitionsmöglichkeiten. Josef Esch liefert. Gemeinsam mit der Bank konzipiert er die heute berüchtigten Oppenheim-Esch-Fonds. Das Konzept: Esch entwickelt Immobilien, Anleger investieren einen, wie man schätzt zehnprozentigen Eigenkapitalanteil, der sich steuerlich absetzen lässt und vom Bankhaus vorfinanziert wird. Die übrigen 90 Prozent werden als Kredite langfristig über üppig veranschlagte Mieten abgestottert. Geht alles gut, übersteigen die Mieteinnahmen irgendwann die Kreditkosten, und die Investoren haben dazu noch Steuern gespart. Ein scheinbar feiner Deal für die Investoren, ein prachtvolles Geschäft für Esch und das Bankhaus. Insider schätzen, die Fonds bescheren ihren Schöpfern Margen von rund 25 Prozent. Auf eine angelegte Milliarde kämen so 250 Millionen Gewinn. Kein schlechter Start für Esch und Krockow. Auf den von Esch gemauerten Treppen und im Rückenwind der Erfolgsmeldungen besteigt Krockow 1998 den Vorsitz des Geldhauses. Während der Graf sich im Gerüst der Bank bewegt, verbeißt Esch sich in ihr Fleisch. Er beginnt mit Krockow selbst, mit dem ihn längst mehr verbindet als die Fonds. Beide werden Gesellschafter der Privatjetflotte Challenge Air und halten Beteiligungen am Sicherheitskonzern Consulting Plus, einem Heer von mehreren Hundert Bodyguards mit Waffenlizenz. In der Bank spricht man von Eschs Privatarmee. Die beiden fahren zusammen Ski in Klosters, oder machen Ferien auf Ibiza. Was genau die beiden so eng aneinanderschweißt, fragen sich Außenstehende bis heute. Und auf einmal ist Esch, der auf den ersten Blick so gar nicht zu den noblen Bankiers zu passen scheint, im Herzen der Dynastie angelangt. Auf der Hochzeit des Bankerben Christopher Oppenheim lehnt er im Frack am Tresen. Auf den Krockow-Jagden in Polen stapft er vergnügt durch den Matsch. Auf Alfred Oppenheims 70.Geburtstagfeier greift er in die Kaviardosen. Schließlich bezieht er die Villa gegenüber dem Oppenheim’schen Anwesen auf Ibiza. Besucher der Familie wundern sich über den stillen Begleiter, der auf Ausflügen diskret manche Rechnung zahlt. Die Nähe zur Familie zahlt sich aus. Alfreds Gattin Jeanne Oppenheim stellt Esch auf einer Rheinschifffahrt der Kölner Beletage vor: „Schaut mal, wir haben einen tollen, neuen Mann“, sagt sie, Esch macht höflich den Diener. Auch auf Kundenveranstaltungen wie Poloturnieren oder Golfcups verknüpft sich der Troisdorfer nun mit dem Geldadel. Er steht unauffällig am Rand und lauscht den Damen mit den großen Hüten oder den Herren mit den dicken Zigarren, die Fingerspitzen teilnahmsvoll an die Schulter des Gegenübers gelehnt, den Kopf leicht geneigt. Meist verschwindet er lange vor Ende der Veranstaltung wieder hinter den getönten Scheiben seiner Limousine. Im Rückblick wird Esch zum Mythos. Die Bank-Hinterbliebenen vergleichen ihn mit Rasputin, mit einem Hypnotiseur, der sich die denkfaule Elite gefügig gemacht habe. „Esch hat sich in schlaffe, reiche Familien gebohrt wie ein Borkenkäfer in kranke Bäume“, sagt ein Beobachter der seltsamen Symbiose. Vielleicht überzeugt er auch einfach nur mit Scharfsinn und Fachkenntnis, jedenfalls zählen bald Wirtschaftsdynastien wie Oetker oder Haniel zu den Kunden seiner Immobilienprojekte und nicht nur das: Mit einem Family Office übernimmt er die Gesamtvermögensverwaltung mehrerer Superreicher. Nicht nur verfügt der runde Mann damit per Generalvollmacht frei über große Teile des Vermögens seiner Kunden, er versorgt nahezu alle Bereiche ihres Luxuslebens: Jagdpachten, Häusermieten, vieles läuft nun über die Schreibtische seines schwer bewachten Troisdorfer Bürokomplexes. Seinen Kunden beschafft er Hauspersonal, ihren Kindern Konzertkarten, und befällt einen Klienten am Mittelmeer ein plötzliches Augenleiden, lässt er mit dem Privatjet den Spezialisten einer Uniklinik einfliegen. Esch ist 24 Stunden lang erreichbar, der beste Hausmeister, der für Geld zu haben ist. „Denn durch Dienen allein gelangt sie endlich zum Herrschen“, heißt es in Goethes Hermann und Dorothea: Exakt der Weg des Josef Esch. Denn zu den Vollmachten seiner Kunden gehörten auch Stimmrechte im Bankhaus Oppenheim, und zu seinen Kundinnen die greise Karin Ullmann, größte Gesellschafterin des Clans. Esch hat sich entschlossen an die Spitze der Bank gebuckelt. Alfred Oppenheim lässt ihn gewähren. Verständlich: Als er 2005 stirbt, macht Sal. Oppenheim längst 50 Prozent seiner Gewinne mit Esch-Geschäften. Genau das ist vielen im Bankhaus suspekt. Die Erstellungs- und damit auch Mietkosten der schwer zu bewertenden Esch-Immobilien scheinen extrem hoch angesetzt, von Wiederverkäufen wird auch langfristig nichts bekannt, beides kommt vielen nicht mehr geheuer vor. Die Mietverträge lesen sich derartig mieterfeindlich, dass man sich fragt, unter welchen Umständen sie abgeschlossen werden. Kaum beruhigend ist diesbezüglich der Skandal um den Bau der Köln-Arena, einem Oppenheim-Esch-Projekt: Den völlig überteuerten Mietvertrag für die Stadt Köln schließt ein Stadtdirektor ab, der kurz darauf als Geschäftsführer zu Oppenheim-Esch wechselt. Vor allem bleibt die heikelste Frage: Was geschieht mit dem Anleger, wenn die Miete wegbricht, bevor sie die Kreditlast eines Fonds getilgt hat? Eine Frage, die besonders für die Partner relevant ist, von denen erwartet wird, sich privat an den Esch-Fonds zu beteiligen. Wer bockt, wie der Ex-Partner Johannes Maret, verbaut sich die Zukunft in der Bank. 2002 geht er, angeblich auf Druck von Esch. Wer sich mit ihm anlegt, überlebt keine drei Monate im Haus, heißt es intern. Als 2008 mit Detlef Bierbaum der letzte echte Esch-Gegner aussteigt, bleibt an der Spitze der Bank eine zahnlose Vierertruppe zurück. Da ist zum einen Krockow, der die Bank auf Expansionskurs steuert. Er verfünffacht die Bilanzsumme des Hauses und macht es mit dem Kauf der BHF-Bank zur größten Privatbank Europas, scheint aber sonst wenig unter Kontrolle zu haben. „Keine Ahnung, wie es so läuft, ich mache nur Bankotainment“, witzelt er einmal. Dabei behandelt Esch ihn wirklich zunehmend wie einen Grußaugust. „Wenn ich Matthias sage: tanz, dann tanzt er“, prahlt er vor Kunden. Und tatsächlich habe Krockow alles stehen und liegen gelassen, wenn Esch anrief, heißt es. Männerfreundschaft sieht anders aus. Zweiter Partner ist Christopher Oppenheim, im Herzen eher Antiquar als Bankier. „Er hat sich das Ganze angeschaut wie ein Tennisspiel, es aber nie wirklich durchblickt“, sagt ein Verwandter. Weiß er in Diskussionen nicht mehr weiter, soll er sich schon mal mit einem „Wem gehört die Bank, dir oder mir?“ ausgeholfen haben. Ein Indiz dafür, dass er im Kreise der sonst grau melierten Partner ein Durchsetzungsproblem hatte. Neben dem kritischen, aber insgesamt überforderten Riskmanager Friedrich-Carl Janssen bleibt noch Dieter Pfundt. Der vierte Partner der Privatbank führt seit 1996 weitestgehend unkontrolliert das Investmentgeschäft in Frankfurt, wo man ihn wegen seiner Allüren auch „Graf Silberlocke“ nennt. Sein halsbrecherischer Handel schraubt das Risiko der Bank in irrsinnige Dimensionen, allein im Schlussquartal 2008 setzt er 155 Millionen Euro in den Sand. Dazu muss die Bank noch Millionenverluste durch die Beteiligung an der fast insolventen Mittelstandsbank IKB und ein administratives Chaos durch den Umzug der Bankholding nach Luxemburg schultern. Möglicherweise hätte ein rigoroser Aufsichtsrat die personellen Mängel kompensieren können. Doch den Vorsitz des verstorbenen Patriarchen übernimmt ausgerechnet Georg Baron Ullman: Pferdenarr, Lebemann, alles andere als ein erfahrener Bankier, dazu noch Krockows Freund und Schwager – und Esch seit Jahren treu ergeben. Der Gau, den viele seit Jahren fürchten, kommt mit der langjährigen Esch-Kundin und Quelle-Erbin Madeleine Schickedanz ins Haus. Insgesamt fünf geschlossene Immobilienfonds hatten Esch und Sal.Oppenheim mit Karstadt als Mieter angelegt. Zu den millionenschweren Zeichnern gehörten neben den Familien Ullmann und Krockow auch Thomas Middelhoff, ebenfalls ein Kunde Eschs. Alle ungesunden Elemente der Oppenheim-Esch-Fonds werden nun spürbar: Middelhoff findet sich bei Karstadt-Quelle später als Mieter und Vermieter gleichzeitig wieder. Als Karstadt-Quelle 2004 zu straucheln beginnt, löst das bei den Zeichnern der Fonds Panik aus: Sollte der Konzern fallen, würden die Fonds implodieren, und sie säßen mit unbezahlten Hypotheken in Millionenhöhe da. Außerdem steht Schickedanz beim Bankhaus bereits mit einem Kredit von einer Milliarde D-Mark für die Firmenfusion in der Kreide, Geld, das die Bank im Falle einer Insolvenz verlieren würde. Also schießt die Bank 2005 einen zweiten Kredit von 300 Millionen nach – und Christopher Oppenheim sowie die Ehepaare Krockow und Ullman sichern ihn mit privaten Bürgschaften ab. Mit einem Einstieg als Großaktionär versuchen die Bankiers den Konzern kurz vor der Pleite noch wiederzubeleben. Wie sich herausstellte, nahm die Geschäftsführung dafür einen Kredit bei der eigenen Bank zu besten Bedingungen auf: Es scheint, als hätten die Bürgen von damals die Zukunft des Geldhauses riskiert, um ihr eigenes Privatvermögen nicht zu verlieren. Als Arcandor schließlich fällt, stürzt das Kartenhaus in sich zusammen – und reißt die Privatbank mit in die Tiefe. Die Deutsche Bank zahlt Peanuts für Sal. Oppenheim: eine Milliarde Euro, kaum genug für die Schulden der Gesellschafter. Aus deren ergrimmten Stämmen werden nun Privatklagen gegen die Partner um Krockow in Stellung gebracht. Doch die haben längst andere Sorgen: Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen des Verdachts auf Untreue gegen sie, schlimmstenfalls drohen fünf Jahre Haft. Vor allem haben sich nun für Ullmann, Oppenheim und Krockow die ehemals wichtigsten Milchkühe, die Esch-Fonds, ins genaue Gegenteil verkehrt: Die aufgeblähten Immobilienpreise, die ihnen einst die Kassen füllten, hängen ihnen im Fall Karstadt jetzt tonnenschwer am Bein. Nur einer soll kaum in die Karstadt-Häuser investiert haben: Josef Esch selbst. Der strich nur die Gewinne ein. Und hielt sich im Vergleich zur gestürzten Dynastie auch sonst schadlos. Trotzdem, vielleicht auch gerade deshalb, gilt er seit vorigem Sommer als abgetaucht. Damals heiratete Krockows Tochter, doch niemand sah Esch am Familientisch, wo er sich sonst wie üblich breitgemacht hätte. Sieht man ihn mal in Köln, dann nur im Schatten einer Bodyguardschwadron. Um sich Scherereien zu ersparen, heißt es. Nicht dass er bisher viel davon gehabt hätte. Zwar will der neue Bankenchef Wilhelm von Haller alle Verbindungen zu Esch kappen –, doch die Oppenheim-Esch-Holding gehört ohnehin ihm und den Altgesellschaftern. Zwar ermittelt die Staatsanwaltschaft jetzt zum wiederholten Mal gegen ihn – doch erfolgreich nachweisen konnte sie ihm bisher nie etwas. Zwar gilt sein Name in Köln heute als verbrannt, aber vielleicht ließ sich in zwei Jahrzehnten genug beiseiteschaffen. Die „idealtypische Patriarchenfigur großer Wirtschaftsdynastien“, schreibt der Wirtschaftshistoriker David Landes, sei der „tatkräftige Unternehmer, der sich vornimmt, aus seinen Möglichkeiten das Beste zu machen, und dann unversehens ein Imperium gründet.“ Klingt eigentlich verdächtig nach Josef Esch.

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