Tijen Onaran
„Ich habe mir alles selbst erarbeitet“, sagt Tijen Onaran / Daniel Sommer / Bildbearbeitung Cicero

„Das Interview“ mit Tijen Onaran - „Resilienz lernt man nur durch Herausforderungen“

Die Unternehmerin Tijen Onaran setzt sich als erfolgreiche Rednerin und Autorin für Female Empowerment ein. Im Gespräch erklärt sie, warum ihre soziale Herkunft ihre „Superpower“ ist – und weshalb Deutschland wieder positiver über Leistung sprechen muss.

Autoreninfo

Christine Zinner studierte Sozialwissenschaften und Literaturwissenschaft und ist freie Journalistin.

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Das Interview“ ist die neue Bühne für Gespräche, die über das Tagesgeschehen hinaus Bestand haben. Nachdenklich, klug und intim widmet sich das Format den großen Fragen unserer Zeit – vom gesellschaftlichen Zeitgeist bis zu den ganz persönlichen Lebenswegen der Gesprächspartner. Zu Gast sind bekannte Persönlichkeiten aus Kultur, Politik und Medienwelt, die Einblicke gewähren, die oft verborgen bleiben. Jeden Donnerstag erscheint „Das Interview“ auf Cicero Online.

Tijen Onaran (40) ist Unternehmerin, Investorin, Speakerin, Autorin. Sie setzt sich für Diversität und Female Empowerment ein. Im Video-Podcast „Mut – der Deutschland Talk“ von Focus Online spricht sie mit prominenten Gästen über gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Themen. Vergangenen Oktober erschien im Goldmann-Verlag ihr neustes Buch „Nur wer’s richtig sagt, kommt ans Ziel“, ein Ratgeber für selbstbewusste und charismatische Kommunikation.

Frau Onaran, Sie sind vielfach ausgezeichnet, etwa mit einer eigenen Tijen-Barbie oder einem Platz als eine der 100 einflussreichsten Frauen im Manager Magazin. Auf welche Leistung sind Sie besonders stolz?

Darauf, dass ich die große Chance habe, Menschen zu inspirieren, ihren eigenen Weg zu gehen, in die Unabhängigkeit zu starten und zwar persönlich wie beruflich. Überwiegend Frauen. Ich freue mich sehr, wenn ich Nachrichten bekomme, dass ich jemandem Mut machte, im Job selbstbewusster aufzutreten, das Gehalt zu verhandeln, in die Sichtbarkeit zu gehen. Deswegen lohnt es sich für mich, diesen harten Weg als Unternehmerin zu gehen und nach dem Hinfallen immer wieder aufzustehen.

Was macht den Weg hart?

Meine Geschichte ist eine des Aufstiegs. Mein Elternhaus hat mir ein tolles Investment mit auf den Weg gegeben, nämlich Selbstvertrauen, aber kein Vitamin-B-Netzwerk oder ein finanzielles Polster. Ich habe mir alles selbst erarbeitet. Das hat diesen Weg hart gemacht. Aber: Wäre ich mit sogenannten Tennisplatz-Connections groß geworden, hätte ich die Resilienz und das Durchhaltevermögen nicht. Dann wäre ich mit Sicherheit nicht da, wo ich heute bin. Meine soziale Herkunft ist meine Superpower. Sie bringt mich dazu, aus der Komfortzone raus ins kalte Wasser zu springen, immer wieder aufzustehen und meine Träume zu verwirklichen.

In einem Interview habe ich gehört, Sie hätten Angst, an einen Bankautomaten zu gehen. Haben Sie die noch immer?

Die ist weniger geworden. Mittlerweile habe ich verstanden, dass seine Finanzen im Griff zu haben, bedeutet, sein Leben im Griff zu haben. Ich habe mich auch durch die Selbständigkeit sehr stark mit dem Thema Finanzen auseinandergesetzt, sodass ich die Scheu davor verloren habe. Wenn ich aber in der Wirtschaft unterwegs bin, habe ich mit Persönlichkeiten zu tun, die einen viel selbstverständlicheren Umgang mit Geld pflegen als ich. Soziale Herkunft kann dazu führen, dass man kein so entspanntes Verhältnis dazu hat. Denn du erinnerst dich an die Zeit, als Geld ein belastendes Thema war.

Bei der Angst ging es wohl um die Erfahrung, dass der Automat auch mal nichts ausgibt und im besten Fall noch ein Geräusch macht, wodurch alle um einen herum das mitkriegen.

Es ist mir oft genug passiert, dass kein Geld rauskam und ich nicht wusste, was ich machen soll. Ich konnte nicht zu meinen Eltern gehen und sagen: „Mensch, habt ihr noch ein bisschen Geld übrig?“ Sich gegenüber Freunden und Freundinnen zu öffnen, bedarf auch unglaublich viel Mut. Tatsächlich wurde ich eine Zeitlang sofort in meine Vergangenheit katapultiert, wenn ich an einem Bankautomaten vorbeiging. Ich sah mich selbst wieder da stehen und dann voller Enttäuschung weggehen.

Es war Ihr Vater, der Sie dazu angehalten hat, Sie sollten immer finanziell unabhängig bleiben, auch von einem Mann. War er Feminist?

Er war ein sehr großer Feminist. Im Mädchengymnasium merkte ich das in Gesprächen mit meinen Mitschülerinnen immer wieder. Ich war eine der wenigen, wenn nicht sogar die einzige, deren Vater einen durch die Emanzipationsschule hat laufen lassen. Er hat mit mir all die Gespräche geführt, die wir heute in den sozialen Medien verfolgen: Kümmere dich um deine Finanzen! Sei selbstbewusst! Achte auf dich! Lass dir von niemandem sagen, dass du etwas nicht kannst – schon gar nicht von einem Mann!

Um die eigenen Finanzen kümmern sich Männer tendenziell immer noch mehr als Frauen. Das Bewusstsein, wie wichtig das ist, scheint bei ihnen aber langsam zu wachen.

Das wächst, und es gibt immer mehr Angebote von verschiedenen Köpfen in den Sozialen Medien, die das Thema Finanzen greifbarer machen. Trotzdem beobachte ich in meinem Umfeld und in den Sozialen Media, dass viele Frauen das Thema nicht nur nicht angehen, weil sie eine Angst oder Scheu davor haben. Sondern weil sie glauben, dass der Partner dann der Kümmerer ist. Er kümmert sich ums Haus, den Verdienst, das Einkommen und dann eben auch um die Ausgaben. Das läuft einem alten Rollenmuster hinterher, das wir schon längst überdauert haben sollten. Viele Frauen haben nicht mal ein eigenes Bankkonto, das ist fatal. Dass es ein Gemeinschaftskonto geben kann, wo man gemeinsame Auslagen verortet, keine Frage. Aber selbst da hat mein Vater immer gesagt: Hab immer, auch in der Partnerschaft, dein eigenes Konto! Das ist wichtig.

Im Vorwort Ihres jüngsten Buches „Nur wer’s richtig sagt, kommt ans Ziel“ erzählen Sie von einem weiteren Merksatz Ihres Vaters: „Nicht meckern, machen.“

An einem Tag, als wir in der Schule über Politik und Gesellschaftliches debattiert hatten, regte ich mich zu Hause unglaublich darüber auf, dass die Diskussion in eine Richtung gegangen war, mit der ich überhaupt nicht d'accord war. Da hat er einfach trocken gesagt: „Naja, Tijen, wenn dich was stört, dann lautet der Leitsatz: nicht meckern, sondern machen. Dann engagiere dich, entweder politisch oder in der Schule, in Arbeitskreisen oder in Initiativen! Bring dich ein! Denn es ist immer einfacher, den Status quo zu kritisieren, als selbst ins Machertum zu kommen.“ Auch wenn mich seine Aussage in dem Moment wahnsinnig getriezt und geärgert hat, später bin ich in die Politik gegangen.

Sie waren schon als Studentin in der FDP. Warum entschieden Sie sich für die Liberalen?

Ich war der Alien in der Runde. Da waren überwiegend Söhnchen von sehr reichen Menschen, die sich nebenbei engagierten für die Einführung des Grundeinkommens und dann die Liberalisierung von Cannabis. Das waren nicht die Themen, für die ich in die FDP eingetreten bin. Ich trat ein, weil dieses Thema der Freiheit, der Verantwortung des Individuums, mich gereizt hat und ich immer ein Fan davon war, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen. Ich habe so gelebt und war nie begeistert davon, wenn man die Verantwortung schnell abschob, an den Staat, den Arbeitgeber oder andere. Ich war sehr lange in der FDP engagiert und habe selbst kandidiert, aber auch für unterschiedlichste Köpfe gearbeitet.

Unter anderem für Guido Westerwelle. Von dem haben Sie einiges gelernt.

Guido war ein toller Chef, und all seine Führungsqualifikationen würde ich mir heute zurückwünschen. Er war ein Visionär, hatte so einen liberalen Führungsstil. Es war immer klar: Die wichtigen Entscheidungen trifft er. Dennoch hat er sehr darauf geachtet, dass jeder in seinem Team im Grunde Unternehmer oder Unternehmerin im Unternehmen war, oder in dem Fall in der Partei. Jeder hatte den eigenen Verantwortungsbereich. Das hat mich ein Stück emanzipiert, weil ich von ihm gelernt habe, wie eigenständiges Arbeiten funktioniert. Aber auch die Idee: Selbst, wenn du angestellt bist, kannst du unternehmerisch denken. Das habe ich mir sehr von ihm abgeguckt, plus die Resilienz.

Sie empfanden ihn als besonders resilient?

Wenn es jemanden gab, der die Resilienz auf zwei Beinen war, dann war das Guido, weil er jeglichen Wahlkampf immer mit derselben Motivation geführt hat, sich nie hat abbringen lassen, auch von diversen Kritikern und Kritikerinnen, von Hass und Hetze, gerade was sein Privatleben betraf. Dass es ihm nahe gegangen ist – keine Frage. Aber er hat weitergemacht.

Auch als Angestellter kann man wie ein Unternehmer denken, sagten Sie. Können Sie den Punkt ausführen?

Ich vermisse diesen Ansatz aktuell. Gerade als Arbeitnehmerin kannst du, egal in welchem Projekt du arbeitest, dieses Projekt wie dein Unternehmen betrachten. Von A bis Z die Verantwortung dafür übernehmen und ins Machertum kommen, nicht darauf abstellen, dass du am Ende nicht dafür verantwortlich bist. Dann weißt du, dass du dieses Projekt auf die Beine gestellt hast. Und das ist für mich dieses Intrapreneurship: die Lust aufs Machen, auf Leistung und auch auf die Extrameile. Wenn du die gehst, fließt das alles in dein Werk, das du erschaffen hast. Das kann dir keiner nehmen.

Geben Sie Friedrich Merz recht, dass wir wieder mehr arbeiten müssen?

Wir brauchen einen anderen Blick auf diese Debatte. In ungefähr den letzten anderthalb Jahren hat sich der Arbeits- und Leistungsbegriff fast schon dämonisiert. Mir fiel das auf, wenn ich beispielsweise auf Panels saß und gesagt habe: „Ich arbeite gerne und viel, und ohne die Extrameile wäre ich nicht, wo ich bin.“ Dann habe ich mich immer gefühlt, als würde ich Dinge erzählen, die aus dem 17. oder 18. Jahrhundert stammen, weil viele das nicht verstanden haben. Die denken, die Extrameile zu gehen, bedeutet, dass du kein Leben mehr hast. Und das stimmt so nicht. Es nervt mich, dass wir über Stundenzahlen diskutieren. Das halte ich für ein Abfallprodukt und das lenkt auch ab.

Wie müsste die Debatte dann aussehen?

Wir müssen dahin kommen, dass wir sagen: Was für ein Privileg, dass wir in Deutschland so viele Arbeitsplätze haben, die viele Menschen ausfüllen können! Die sie hoffentlich auch mit Spaß an der Sache ausfüllen. Und noch ein Punkt: Die Debatte, vor allem um weniger Arbeit, wird häufig nicht von denen geführt, die beispielsweise am Band stehen, also nicht von denen, die vielleicht einen validen Punkt hätten. Sondern von denen, die eh in relativ privilegierten Jobs sind. Ich kann es nicht nachvollziehen, wenn in LinkedIn-Bubbles elitär darüber diskutiert wird, dass wir weniger Stunden arbeiten sollten und mehr Work-Life-Balance wollen.

Ihre eigene Arbeit besteht auch darin, Unternehmen zum Thema Diversität zu beraten. Aber ist das in der aktuellen wirtschaftlichen Lage wirklich unsere größte Sorge?

Es ist eine der großen Sorgen, weil wir uns die Frage stellen müssen: Wer macht in Zukunft die Arbeit? Weshalb wir über zwei Punkte aktuell stärker diskutieren. Erstens, dass insbesondere Frauen in Teilzeit unterwegs sind, was häufig nicht die beste Lösung ist. Denn viele Frauen, die in Teilzeit arbeiten, arbeiten in Wahrheit Vollzeit, werden aber weniger bezahlt. Die Frage ist: Wie müssen Strukturen aussehen, damit mehr Frauen auch die Lust haben, Familie und Beruf so zu vereinbaren, dass sie mehr arbeiten können? Vorausgesetzt sie wollen. Da sind wir beim Thema Geschlechtervielfalt.

Was ist der zweite Punkt?

Wenn wir über Fachkräftemangel sprechen, reden wir auch über den Zuzug und das Engagement von Menschen, die nicht aus Deutschland kommen. Da müssen wir uns die Frage stellen: Was für ein Deutschland wollen wir sein? Was für eine Willkommenskultur wollen wir haben? Welche Regeln braucht es in diesem Land, damit Menschen aus anderen Kulturkreisen und vielleicht mit einer anderen Religion, trotzdem in unserem Land sein können, aber auch wissen, dass es hier ganz klare Regeln gibt? Dieses Zusammenspiel ist der Kern von Diversitätsfragen. Daher bin ich immer erstaunt, wenn es heißt: Wir haben doch viel Besseres zu tun. Ich finde, es gibt nichts Wichtigeres, als eine gute Ökonomie auf die Beine zu stellen, die davon lebt, dass Leute, die gerne und viel arbeiten wollen, es können. Da ist auch die Politik gefragt, diese Strukturen zu ermöglichen. Damit etwa Menschen, die Familien oder eine Pflegesituation haben, das mit der Arbeit vereinbaren können.

Das heißt, eine der wichtigsten Maßnahmen wäre, die Kinderbetreuung und Pflege zu stärken?

Das auch. Und als die aktuelle Regierung angetreten ist, war immer von dieser berühmten Agenda 2030 die Rede. Sie sagten, sie wollten einen großen Aufschlag und Aufschwung für Deutschland. Vor allem wollten sie den Menschen in unserem Land, die viel und gerne arbeiten, das Signal senden, dass mehr in ihrer Tasche übrigbleibt. Das sind sie schuldig geblieben. Reformen in diese Richtung, Stichwort Steuersystem, haben wir noch nicht wirklich gesehen. Es würde helfen, wenn die Menschen in diesem Land das Gefühl haben: Wenn ich meinem Job nachgehe, dann habe ich mehr als jemand, der das Bürgergeld bezieht und werde gerecht entlohnt. Dann nimmt das Ungleichgewicht ab, das viele Menschen dazu bringt, zu sagen: Der Staat verteilt das Geld ungerecht, deswegen lohnt es sich für mich gar nicht, einen richtigen Job anzugehen.

Nochmal zur Diversität: Was gehört außerdem dazu – abgesehen von mehr Frauen und Menschen mit Migrationshintergrund?

Das erste Thema ist die Generationenvielfalt. Wenn ich Unternehmen berate, sehe ich, dass das viel wichtiger ist als die Geschlechterdebatte, auf die wir uns gerne in der Öffentlichkeit fokussieren. Weil eine Generation an Menschen nachkommt, die anders arbeiten wollen und damit auf eine Generation trifft, die anders sozialisiert ist. Wenn wir es schaffen, Wissen nicht verloren gehen zu lassen, sondern einen echten Dialog zwischen den Generationen zu bekommen, dann sind Unternehmen gut aufgestellt.

Was ist ein weiteres Thema?

Die soziale Herkunft. Ich habe zu Beginn gesagt, dass sie eine Superpower ist, und wir leben in sehr unsicheren Zeiten. Arbeitsplätze werden abgebaut und so weiter. Gerade jetzt braucht es die berühmte Resilienz. Daher sollten wir Menschen, die eine bestimmte soziale Herkunft haben, in Unternehmen eine Chance geben, dass sie besonders begleitet werden, etwa mit Mentoring-Programmen. Damit sie etwa die Sprache der Netzwerke verstehen lernen und darin geschult werden. Das ist etwas, das dazu führt, dass wir auf den Vorstandsebenen, in den Führungsetagen am Ende auch Machertum haben und Menschen, die wirklich Lust auf Leistung haben, aber auch Lust darauf, Systeme zu verändern.  

Sprache ist für Sie ein wichtiges Mittel zur Partizipation.

Ich konnte mit Sprache früh gut umgehen. Das half in der Politik meine Inhalte rüberzubringen. Ich habe mit 20 Jahren bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg in meinem Wahlkreis 8,75 Prozent für die FDP geholt, da würden die sich heute freuen. Das war ein maximaler Erfolg. Auf einmal wurde ich in Filterblasen und in Räumen wahrgenommen, zu denen ich vorher keinen Zugang hatte. Deswegen versuche ich immer in all meinen Engagements und Initiativen, gerade junge Menschen zu empowern. Es gibt viele Sachen, die man im Laufe der Karriere nicht in der Hand hat. Wenn man darauf angewiesen ist, dass andere einem den Job geben, das Gehalt bezahlen, ein Projekt zusagen. Aber es gibt Dinge, die ich selbst in der Hand habe, etwa dass ich lerne, gut zu kommunizieren, meine Botschaften rüberzubringen, für mich in meiner Sprache einzustehen und mich nicht kleiner zu machen.

Zur Kommunikation gehört für Sie die Körperhaltung, Kleidung, sogar der Lippenstift. Selbst sind Sie für Ihren knallroten Lippenstift und Ihren auffälligen farbenfrohen Kleidungsstil bekannt. Was wollen Sie damit kommunizieren?

Ich will vor allem Frauen mitgeben, dass sie das anziehen können, was sie wollen. Je höher und weiter ich in der deutschen Wirtschaft kam, desto weniger divers wurde die Kleiderwahl der Menschen. Das ist in anderen Ländern anders. In Frankreich oder Italien spiegelt die Kleiderstil auch die Vielfalt der jeweiligen Teams. Nur in Deutschland glauben wir, dass wer ernst genommen werden will, einen blauen oder einen dunklen Anzug tragen muss. Aber das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Mein Lippenstift lässt mein Gehirn nicht schrumpfen. Aber er führt zu Irritationen. Über diesen Punkt sollten wir hinweg sein und gerade Frauen die Möglichkeit geben, das anzuziehen, was ihnen Spaß macht. Egal ob Turnschuhe, High Heels, Jeans oder was auch immer. Wir reden viel über Authentizität im Job, die hört aber bei der Kleiderwahl auf. Das kann ich nicht nachvollziehen. Ich mache das zu einem Thema, weil ich so oft auf mein Äußeres angesprochen wurde.

Kleidung kommuniziert einem auch selbst was. Im Pyjama im Homeoffice arbeitet es sich vermutlich ineffektiver.

Für mich hat das viel mit Wertschätzung mir selbst gegenüber zu tun. Heute Morgen bin ich aufgestanden, die Sonne schien, der Frühling kommt langsam. Da hatte ich Lust auf den roten Lippenstift, der gibt mir Power für den Tag, er strahlt auf mich Mut aus. Und das macht viel Spaß. Daher soll jede Frau das tragen, was sie möchte und nicht das Gefühl haben, dass sie sich verkleiden oder männlicher sein muss als jeder Mann.

Angela Merkel wurde gerne unterstellt, sich den Männern anzupassen, mit ihren Hosenanzügen und den kurzen Haaren.

Aber Angela Merkel stach durchaus aus der Reihe der dunklen Anzüge hervor, mit ihren bunten Blazern in unterschiedlichsten Ausführungen. Ich erinnere mich an ganz viele Bilder mit mächtigen Regierungschefs und -chefinnen, da hat man Angela Merkel immer direkt erkannt und das fand ich toll. Ob ich den Stil als schön empfinde oder nicht, das sei mal dahingestellt, aber sie hat das zumindest konsequent durchgezogen. Sie hat sich nicht beirren lassen, auch in ihrer Politik nicht. Das kann man jetzt so oder so sehen. Aber sie ist ihren Weg gegangen. Und die bunten Blazer plus ihre ikonische Handhaltung sind in die Geschichte eingegangen.

Nochmal zu den immer tristen Anzügen in der Wirtschaft: In Ihrem Buch machen Sie auch den Punkt, dass wir Deutschen kaum emotionale Reden halten und uns generell mit der Emotionalität zurückhalten. Liegt das auch an dem Glauben, nur auf diese Art ernst genommen zu werden?

Ja. Es verändert sich gerade durch die sozialen Medien, doch wir Deutschen haben uns lange kasteit, echte Emotionen am Arbeitsplatz, in der Wirtschaft oder gar in der Politik nicht zu zeigen. Aber Menschen folgen Menschen. Ob ich jetzt Arbeitgeber bin, Chef, Chefin, selbstständig oder tatsächlich in der Politik: Wenn ich etwas erreichen und andere Menschen von etwas überzeugen will, funktioniert das über Emotionen. Man sieht doch im eigenen Umfeld, dass man eher Menschen folgt, die Dinge besonders gut auf den Punkt bringen. Das schaffen sie meistens durch eine anekdotische Aufarbeitung oder Erzählung, weil die eher im Kopf bleiben als die reinen Fakten, Zahlen, Daten. Jeder Fakt kann auf eine gewisse Art und Weise emotional dargestellt werden – ohne dass wir den Diskurs an sich emotionalisieren und uns völlig die Köpfe einhauen. Aber Emotionen zu bewirken, bedeutet immer, Geschichten zu erzählen.

Wer sehr emotionale Reden halten kann, das ist Donald Trump.

Man muss ihm lassen, dass er sehr gut darin ist, Menschen hinter sich zu vereinen. Und dieses Instrument, Menschen zu begeistern, auf sie zuzugehen, braucht es in der Politik mehr denn je. Sie lebt von Mehrheiten und davon, eine Zielgruppe zu erreichen, die hinter meinem Namen oder dem meiner Partei das Kreuzchen setzt. Und Trump schafft das, obwohl es so viele Dinge gibt, die man ihm zu Recht ankreidet. Erstaunlicherweise differenzieren die Leute da durchaus. Alles, was er so von sich gegeben hat, etwa die sexistischen Äußerungen, wiegen im Verhältnis zu dem, wie er sonst auftritt, überhaupt nicht mehr schwer. Das ist als Phänomen spannend zu beobachten.

„Er redet so zu den Menschen, dass sie den Eindruck haben, verstanden zu werden“, schrieben Sie. Eine Fähigkeit, die deutschen Politikern oft abgeht.

Das geht deutschen Politikern oft ab, weil sie verklausuliert sprechen und so an der Zielgruppe vorbei, dass die Menschen sich nicht abgeholt fühlen. Am Ende ist Politik ein Ort des „Verstandenwerdenwollens“. Wenn ich als Bürger, Bürgerin den Eindruck habe, da setzt sich jemand für mich, meine Region, meine Belange, meine Generation ein, dann funktioniert das. Das sehen wir gerade an der Linken mit Heidi Reichinnek an der Spitze oder tatsächlich auch an der AfD. Beide Parteien funktionieren von der Art und Weise, wie sie Menschen erreichen, ähnlich. Sie bilden einen Ort der Identität, des Zusammengehörigkeitsgefühls, des „Wir gegen die“-Prinzips und emotionalisieren mit einer Führungspersönlichkeit, einer Person, die man entweder mögen kann oder nicht. Und das ist das Prinzip von guter Politik. Das muss man schon sagen.

Was waren Ihre ersten Schritte in die politischen Reden?

Das war ein Ort des Übens. Es begann überschaubar auf Kreisvorstandssitzungen, damals bei den Jungen Liberalen, dann auf Kongressen und später, als ich kandidiert habe, auf Marktplätzen. Da hörten etwa drei Personen zu, wovon eine immer meine Mutter war. Aber das hat dazu geführt, dass ich die Scheu vor dem öffentlichen Auftritt komplett verloren habe. Ich dachte mir: Heute sind es drei und morgen sind es vier. Irgendwann waren es 200. Aber die Art und Weise, wie ich aufgetreten bin, war die gleiche.

Aufgeregt sind Sie vor den Reden manchmal immer noch?

Das bin ich immer noch, und ein großer Bestandteil meines Jobs ist es, vor vielen Menschen zu sprechen. Ob es jetzt innerhalb von Unternehmen ist, in Vorträgen oder auf Konferenzen. Aber am Ende liegt der Zauber darin, wenn ich Massen bewege. Wenn ich spüre, wie sie mitgehen, aber auch wie sie mucksmäuschenstill sind und meinen Worten lauschen. Für mich gibt es nichts Schöneres, als Menschen mit Worten zu begeistern, weil ich weiß, dass es nicht nur etwas in ihrem Gehirn auslöst, sondern auch in ihrem Herzen.

Was war Ihr schönster Moment als Rednerin?

Der war 2024. Ich war auf meiner Mut-Tour durch Deutschland, in der ich in neun verschiedenen Städten auf der Bühne über Mut gesprochen habe. In München waren etwa siebenhundert Leute da. Ein Mutter-Tochter-Paar hatte sich gleich angezogen, beide hatten ein Glitzeroberteil an. Als ich Fragen zuließ, meldete sich die Tochter. Sie war vielleicht zwölf Jahre alt und sagte, in der Schule würden die Jungs sie immer fertig machen, wenn sie was Buntes anziehe. Heute hätte sie auf dieser Veranstaltung viele andere Frauen gesehen, die ganz farbenfroh angezogen waren. Meine Worte würden ihr so viel Kraft geben, sie ziehe morgen was extra Buntes zur Schule an. Wenn ich die Möglichkeit habe, ein junges Mädchen so zu empowern, dass es das in ihrem Alltag umsetzt, dann habe ich den besten Job der Welt.

Das Gespräch führte Christine Zinner.

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Sabine Lehmann | Fr., 6. März 2026 - 13:21

Resilienz kann man nicht erlernen, außer in der Kindheit. Wer als Kind nicht ausreichend mit einem guten und stabilen Selbstwertgefühl ausgestattet wurde, wird als Erwachsener nie resilient sein können. Das sind einfach Prägungen, die nicht nachholbar sind, denn dafür ist diese Lücke zu tief in der Psyche verwurzelt.

Heidemarie Heim | Fr., 6. März 2026 - 14:57

Antwort auf von Sabine Lehmann

Auch wenn ich keine Kinder und Enkel mein eigen nennen kann,so bleibt mir doch der Vergleich mit der eigenen Kindheit,dem Elternhaus,Erziehung,Bildung oder sonstigen Grundlagen zur Entwicklung einer selbstbewussten Persönlichkeit.Mein von meinen Eltern,Lehrern,Trainern im Sport und sonstigen auf mich Einfluss ausübenden Personen war eine für meine Generation eher unüblicher Pfand in der Erziehung.FREIHEIT in weitgestreckten Grenzen.Die ich als ziemlich hypermotorisches Plag;) wohlwollend begleitet in Anspruch nahm um das zu erreichen was mir gerade einfiel.Ausserdem war ich das Papakind unter uns 4 Geschwistern und hatte immer schon mehr Kumpel als Kumpelinnen.Was aber frühe Affinitäten bzgl. Make Up und frühreifen Flirts mit den Armen;) nicht im Wege stand.Aus Sicht heutiger Helikopter-Eltern o.Erziehungsratgebern wäre ich als Kind schlicht ein Albtraum wenn ich es recht überlege😛.LG

Oh je, da haben Sie mal wieder richtig tief in die "Trickkiste" gegriffen, liebe Frau Heim, also im besten Sinne, meine ich! Ich hatte sofort beim Lesen Ihrer unterhaltsamen Zeilen einen Flashback "Zurück in die Zukunft" oder so ähnlich...Die späten Siebziger u. die verrückten Achtziger, meine Güte, was habe ich mir so "frühreif" unterwegs so alles geleistet! Sie haben da genau den springenden Punkt getroffen: Unsere (fast) grenzenlose Freiheit. Meine Eltern waren früh geschieden, Mutter ging arbeiten, als Schlüsselkind mit Geschwistern hatten wir ziemlich viel Freiraum, aber auch viel Verantwortung. Das prägt! Mit den Zuwendungen hat es eher sparsam ausgesehen, aber die bekommt man ja auch nicht nur von den Eltern, da gibt's ja drumrum noch viele andere Menschen, die einen in der Kindheit bzw. Jugend so begleiten.
Vor kurzem gab es zu diesem Thema einen lesenswerten Artikel in der "Welt", der genau das thematisierte: Die Stärke, die unsere Generation aus dieser Freiheit ziehen konnte!

Schön liebe Frau Lehmann,dass wir hier in gemeinsamen Erinnerungen noch dazu in einem politischen Magazin nach Herzenslust schwelgen dürfen!Habe bei dieser Art Kommentare bzw. dem ein oder anderen Schwank;) aus meinem seit 1958 währenden Lebens teils Bedenken was die Reaktionen darauf betreffen.So nach dem Motto:"Jetzt kommt die Alte wieder mit dem Spruch "Früher war alles besser! um's Eck;)Umso erfreulicher und interessanter finde ich es,wenn z.B. unsere Mitkommentatoren aus ihrer Ost-
Biografie erzählen ohne das man sich über Klischees in die Haare gerät.Und ob Schlüsselkind oder mit einer Mutter,die in meinem Fall ausschließlich Hausfrau u.
Löwenmutter;) war wenn es darauf ankam,hatten wir einfach eine geile Zeit! LG

Sabine Lehmann | Fr., 6. März 2026 - 20:35

Antwort auf von Heidemarie Heim

Danke, dass Sie sich noch einmal die Zeit für eine launige Antwort genommen haben, liebe Frau Heim. Und schön, dass Sie an Ihre Mutter so wunderbare und verbindende Erinnerungen haben! Und ja, ich finde das auch wirklich schön und interessant, wenn man von dem ein oder anderen Mitglied hier im Forum auch mal etwas Persönliches lesen darf. Ich mag das sehr, auch bei den Autoren aus der Redaktion. Ich erinnere mich heute noch mit einem Schmunzeln im Gesicht, als Herr Marguier an einem Abend schrieb, er musste dringend einen etwas nervigen Artikel über irgendein "Ungemach" verfassen, den unsere Berliner Raketenwissenschaftler wieder einmal fabriziert hatten, da hatte er sich zur Einstimmung eine Flasche Rotwein aufgemacht. Der Artikel war soo lustig, ich habe damals Tränen gelacht. Schade, dass ich den nicht mehr präsent habe. Und ich erinnere mich an Dr. Jens Peter Paul, der mal aus dem Krankenhaus etwas Kreatives schrieb. Leider ist er ja nicht mehr beim Cicero:-(
Schönes Wochenende;-)

Heidemarie Heim | Fr., 6. März 2026 - 14:18

Und ein tolles Interview geehrte Frau Zinner!Doch wie üblich wird man sich auf die Krümelsuche begebend Frau Onaran als nicht gerade Einzelfall oder Ausnahmeerscheinung identifizieren,sondern leider immer noch als zu wenig auftretend in unserer Gesellschaft ausmachen müssen.Starke Frauen gab und gibt es überall, doch die überzogen bis hin zu leistungsfeindlichen oder Qualifikation in Frage stellenden Quoten oder hysterisch geführte Sprachregelungen haben m.E. vieles unterminiert oder ausgebremst.Gerade das Beispiel der Schülerin,welche gestärkt werden muss weil sie nur wegen ihres Kleidergeschmacks gemobbt wird,ist eine bedenkliche Entwicklung sowie ein emanzipatorischen Rückschritt bzw Herausforderung einer liberal sein wollenden Gesellschaft.Dies aus dem Auge zu lassen oder sich einer Minderheit bzw.Zeitgeist kampflos;) unterzuordnen braucht es mehr Frauen vom Format einer sich ihrer Herkunft bewussten Frau Onaran oder frei schaffenden Journalistinnen wie Frau Zinner.MfG