Freya Früh
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„Das Interview“ mit Freya Früh - „Wenn ihr euch auf den Staat verlasst, seid ihr verlassen“

Freya Früh ist als „Frau Finanzen“ auf Social Media bekannt und klärt über Geldanlage auf. Im Interview spricht sie über die strukturellen Gründe, warum Frauen im Alter häufiger von Armut betroffen sind und welche Rolle Teilzeit, Care-Arbeit und das Rentensystem dabei spielen.

Autoreninfo

Christine Zinner studierte Sozialwissenschaften und Literaturwissenschaft und ist freie Journalistin.

So erreichen Sie Christine Zinner:

Das Interview“ ist die neue Bühne für Gespräche, die über das Tagesgeschehen hinaus Bestand haben. Nachdenklich, klug und intim widmet sich das Format den großen Fragen unserer Zeit – vom gesellschaftlichen Zeitgeist bis zu den ganz persönlichen Lebenswegen der Gesprächspartner. Zu Gast sind bekannte Persönlichkeiten aus Kultur, Politik und Medienwelt, die Einblicke gewähren, die oft verborgen bleiben. Jeden Donnerstag erscheint „Das Interview“ auf Cicero Online.

Freya Früh (45) setzt sich auf Instagram, TikTok und Youtube als „Frau Finanzen“ für die finanzielle Bildung von Frauen ein. Sie interviewt zum Beispiel Rentnerinnen auf der Straße und klärt über Themen wie Investitionsmöglichkeiten für die Altersvorsorge auf.

Frau Früh, jede fünfte Frau über 65 ist armutsgefährdet. Was sind die Ursachen?

Altersarmut beginnt nicht mit der Rente, sondern mit der Geburt des ersten Kindes. Frauen arbeiten dann meistens etwa zehn Jahre gar nicht oder in Teilzeit. Diesen ökonomischen Einschnitt können sie nicht ausgleichen, wenn sie nicht privat vorsorgen und/oder mit ihrem Partner eine Lösung finden. Die heutigen Rentnerinnen lebten meist die klassische Rollenverteilung, in der sie zu Hause blieb und der Mann sich ums Geld kümmerte. Dass die Ehe zerbrechen oder der Partner frühzeitig sterben könnte, darüber dachten die wenigsten nach. Sie arbeiteten häufig nebenbei in Berufen, die nicht sozialversicherungspflichtig waren. Manche konnten nicht arbeiten, weil sie zum Beispiel ein Kind mit besonderem Pflegebedarf hatten. Unter vielen meiner Interviews mit solchen Frauen lese ich dumme Kommentare wie: „Die hat ja nicht eingezahlt, da muss auch nichts rauskommen.“ Aber wer soll denn die Care-Arbeit leisten? Zudem sind in besser bezahlten Berufen eher Männer zu finden. Frauen verdienen immer noch 18 Prozent weniger Gehalt.

Frauen haben tendenziell weniger Finanzwissen.

Wir müssen da auch in die Geschichte blicken: Frauen dürfen erst seit 1958 ein eigenes Konto ohne die Zustimmung des Ehemannes eröffnen. Die Emanzipation verlief in diesem Bereich unheimlich träge. Selbst nach der ersten Kontoeröffnung kümmerten sich weiter die Männer ums Geld. Für die Generation meiner Mutter suchten die Eltern den Ausbildungsplatz aus, ihr Mann musste ihr später das Arbeiten erlauben. Noch heute interessieren sich Frauen weniger für das Thema Finanzen und geben die Verantwortung häufiger ab. Aber das wird besser.

Woran machen Sie das fest?

Seit ich als Frau Finanzen unterwegs bin und mich viel mit Frauen austausche, merke ich, dass der Redebedarf und das Interesse wächst. Social Media hat einen riesigen Einfluss, was die Aufklärungsarbeit angeht. Vor Kurzem war ich bei der Anlegermesse Invest in Stuttgart, der größten Messe in Deutschland für Privatanleger. Seit mehr als 15 Jahren besuche ich sie immer wieder, und es ist eine deutliche Zunahme von Frauen erkennbar. Es gab zum Beispiel einen extra Female Finance Day mit speziellen Vorträgen für sie. Mich freute, wie viele junge Frauen da waren, wie viele Mädelsgruppen zusammen hingefahren sind und sich mit dem Thema Finanzen beschäftigen wollten. Das gibt Hoffnung.

Auf den ersten Blick wirkt das Thema eher dröge.

Es ist wie der Gang zum Zahnarzt. Keiner hat Bock darauf, sich damit auseinanderzusetzen, aber alle wissen, dass es notwendig ist, weil es sonst irgendwann echt wehtut. Es ist ein kontinuierlicher Lernprozess und kann Spaß machen, wenn man feststellt, dass sein Vermögen wächst.

Haben Sie selbst sich schon immer für Finanzen interessiert?

Ja, aber ich bin da nicht „reingeboren“ worden. Meine Eltern waren beide Versicherungskaufleute. Meine Mutter hat aber die klassische Rolle der Hausfrau eingenommen. Sie hatte drei Kinder, eines mit Behinderung, und konnte nicht einfach wieder arbeiten. Mein Vater hat aber unheimlich viel Wert darauf gelegt, dass sie nebenbei irgendeiner Arbeit nachgehen sollte, die rentenversicherungspflichtig ist. Ich kann mich an so viele Gespräche meiner Eltern erinnern, teilweise auch Streit. Meine Mutter landete nicht in der Altersarmut, weil mein Vater so gut für sie vorgesorgt hatte. Hätte er das nicht getan, wäre sie komplett ins Blanke gelaufen.

Wie gestaltete sich Ihr Einstieg ins Thema?

Als ich mit 16 die Realschule abgeschlossen hatte, machte ich eine Ausbildung bei der Sparkasse und wurde nach drei Jahren übernommen, war in der Privatkundenberatung tätig. Damals kam die Riester-Rente auf. Ich bekam feste Zahlen vorgegeben, wie viele Riesterverträge ich in der Woche zu verkaufen habe, wie viele Bausparverträge ich vermitteln muss. Wenn ich das nicht schaffte, kam mein Chef und schimpfte. Irgendwann dachte ich: Was mache ich hier eigentlich? Schließlich studierte ich BWL, habe bei Onvista gearbeitet, später bei Finanzen100 und bekam dann aber Zwillinge.

Das hat Ihre Karriere ausgebremst?

Bis dahin war ich wirklich der Meinung, ich könnte sie mit Kindern weiterführen. Ich hatte einen tollen Chef, der mich sogar beförderte, als er von meiner Schwangerschaft erfuhr. Als klar war, dass ich zwei Kinder bekomme, ahnte ich, dass mein Plan nicht aufgehen wird. Ich war im Vertrieb tätig, wofür ich hätte reisen müssen. Das konnte ich nicht mehr. Dann gewann ich die Green-Card-Lotterie und versuchte zweieinhalb Jahre lang mit meiner Familie den amerikanischen Traum zu leben. In der Zeit habe ich mir alles zu E-Commerce-Projekten und Online-Marketing selber beigebracht. Ich wollte schon immer Amazon-Händler werden, gründete die Marke Einhornliebe und baute darum eine Community mit mehr als 350.000 Followern in Deutschland auf. Dazu brachte ich passende Produkte raus. Die Marke habe ich inzwischen verkauft, aber sie war mein Weg in die Social-Media-Welt.

Offensichtlich kehrten Sie auch nach Deutschland zurück.

Hier wurde ich Social-Media-Managerin bei HDI-Versicherung. Unser Team wollte eine Kampagne zum Thema Frauen- und Altersvorsorge machen, wofür ich selbst zur Influencerin wurde. Die Kanäle von Frau Finanzen hatte ich nebenbei schon ein bisschen aufgebaut. Aber im Rahmen dieser Kampagne habe ich mich zum ersten Mal tiefgehend mit den Themen Altersarmut von Frauen, Gender Pay Gap und so weiter beschäftigt. Die Durchschnittsrente bei Frauen lag zu der Zeit bei etwa 800 Euro.

Und Sie entschieden, sich diesem Thema weiter zu widmen?

Ich interviewte Frauen auf der Straße dazu und mache das bis heute. Ich spreche sie beim Flaschensammeln und Betteln an. Ich rede mit jungen Frauen, wenn sie ihren Starbucks-Kaffee trinken oder die 17. Zigarette rauchen. Wir unterhalten uns darüber, was man sonst mit diesem Geld machen könnte. Für mich war es mit Anfang 20 ein Aha-Moment, als ich den Zinseszinseffekt verstand und die Macht dahinter. Dass das bei uns in der Schule nicht gelehrt wird, macht mich wütend. Das ist mein Antrieb, Frau Finanzen zu sein, diese Botschaft zu verbreiten, mich auf Bühnen zu stellen, in Klassenräume zu gehen und zu sagen: Ihr müsst euch selber kümmern. Wenn ihr euch auf den Staat verlasst, seid ihr verlassen.

Vom Staat würden Sie sich vor allem eine bessere finanzielle Bildung erwarten.

Ja. Ich hege Riesenhoffnungen für dieses Altersvorsorgedepot, das jetzt kommt. Die Ansätze sind gut, die Ausgestaltung ist jedoch unklar. Aber die Rente in private Hände zu geben und von diesem Umlageverfahren wegzukommen, das finde ich essenziell und mehr als überfällig. Es wäre besser, man könnte als Angestellte das Geld, das man im Laufe eines Berufslebens in Form von Rentenversicherungsbeiträgen zahlt, in kapitalgedeckte Anlagen stecken. Niemand hätte hier ein Rentenproblem. Wir müssen diesen alten Zopf abschneiden und endlich dafür sorgen, dass auch die, deren Pensionen wir alle mitbezahlen, sich daran beteiligen und nicht nur abschöpfen. Unsere Staatsquote liegt bei über 50 Prozent. Wir zahlen deren Pensionen, die bei 70 Prozent des letzten Einkommens liegen, währenddessen der Durchschnittsrentner nicht mal 40 Prozent seines letzten Einkommens erhält. Das gehört beendet.

Vom Umlageverfahren müssen wir also wegkommen?

Man müsste es über die nächsten 30 oder 40 Jahre langsam ausschleichen lassen, sodass die, die gerade vor der Rente stehen, keinen Nachteil hätten. Aber allen jungen Menschen muss klar sein, dass sie privat vorsorgen müssen. Wenn sie das nicht tun, werden sie in der Altersarmut landen. Friedrich Merz hat erklärt, dass die gesetzliche Rente nur noch eine Basisabsicherung sein wird und das den Menschen bewusst sein muss. Dass er so klare Worte fand, war längst überfällig. Gleichzeitig gibt es noch kein Konzept zur Änderung des Systems.

Kommen wir nochmal zu einem Punkt, den Sie schon öfter angeschnitten haben: Mit der Geburt eines Kindes entstünde Frauen ein finanzieller Nachteil. Sind denn Krippe und Kindergarten keine Option?

Es ist so: Man hat eine Elternzeit von 12 bis 14 Monaten, in denen man ein Basiselterngeld von maximal 1800 Euro im Monat bekommt. Die meisten gehen ja auch wieder arbeiten, aber eine Vollzeit-Tätigkeit ist für viele nicht leistbar, selbst mit Krippe. Ich machte die Erfahrung mit einer Tagesmutter. In den ersten drei Jahren der Kita sind die Kinder andauernd krank, man ist also ständig zu Hause. Weder für den Arbeitgeber noch für den Arbeitnehmer ist es leistbar, diese Ausfallzeiten zu kompensieren. Entweder fehlt man andauernd oder man entscheidet sich gleich für Teilzeit, um sich um sein krankes Kind kümmern zu können. Dann kommen die Kinder mit sechs Jahren in die Grundschule, haben 75 Tage im Jahr frei. Wie soll das eine normale Familie bewerkstelligen? Klar gibt es Ganztagsbetreuung, aber auch nicht an jeder Schule und dann nur zu gewissen Uhrzeiten. Außerdem bin ich kein Arbeitstier. Ich lande doch direkt im Burnout, wenn ich 40 Stunden arbeite, aber nach Feierabend zu Hause mein eigentlicher Job erst anfängt.

In der DDR soll es selbstverständlich gewesen sein, dass die Frauen arbeiten und die Kinder betreut werden.

Wie mir Frauen aus dem Osten erzählen, sind die Kinder da abgegeben worden. Sie waren täglich viele Stunden in der Betreuung, die Frauen in der Arbeit und dann mussten sie das nach dem Motto „Friss oder stirb“ so durchziehen. Heute hat man die Wahl, vergisst aber, dass einem das die Rente kaputt macht. Zwar bekommen wir alle einmal im Jahr dieses Schreiben zum Rentenstand, aber viele Frauen machen sich nicht bewusst, was für finanzielle Nachteile ihnen durch Teilzeit entstehen. Die denken: „Ach, da sind 30 Jahre hin. Wer weiß, ob ich überhaupt so alt werde.“

Irgendwann aber wird es Ihnen bewusst.

Die Frauen, die zu mir in die Beratung kommen, sind meist in ihren Vierzigern und haben anhand ihrer Renteninformation mittlerweile geschnallt, dass der Betrag nicht schnell genug steigt. Im Worst Case sind sie frisch geschieden, haben nichts und müssen ganz von vorne anfangen, weil sich der Mann immer um die Finanzen gekümmert hatte. Der managte ihr Depot und am Ende ist es seines. Das ist der Klassiker. Dann bekommt sie nichts oder nur eine Abfindung aus der Ehe, hat vielleicht ein paar tausend Euro oder ein paar hunderttausend, wenn es gut läuft. Dann steht sie da wie ein Ochs vorm Berg und denkt: Scheiße, was mache ich denn jetzt mit dem Geld?

Was raten Sie?

Wenn jemand noch 25 Jahre Zeit hat, rate ich zum Anlegen. Ein bisschen Vorsorge ist besser als gar keine. Wenn eine Frau 50 plus ist, kann ich häufig nichts mehr für sie tun. Es sei denn, sie verfügt über Mittel für eine große Anlage, ein Erbe oder so etwas. Dann kann man innerhalb von zehn bis 15 Jahren noch was am Kapitalmarkt rausreißen. Hat sie weniger Zeit, würde ich nicht an den Kapitalmarkt gehen. Dann braucht es nur einen Börsencrash und der Zug ist abgefahren. In vielen Beratungen muss ich das so klar sagen. Dann kann man nur hoffen, dass die Frauen alte Verträge haben, irgendwelche alten Rentenversicherungen oder eine betriebliche Altersvorsorge, die noch mit vielen teuren Produkten belastet sind, wie es sie um die Jahrtausendwende gab. ETFs kannte man da noch nicht. Dann schichten wir das um, und schauen, dass wir aus teuren, aktiv gemanagten Fonds für die Frauen wenigstens noch ein bisschen Rendite bis zur Rente rausholen.

Solche Fälle begegnen Ihnen sicher in Ihren Interviews.

Ich hatte neulich ein Straßeninterview mit einer Rentnerin, die war 85 Jahre alt. Sie war alleinerziehend und hatte sich mit 67 einen Mann gesucht, der mit 85 deutlich älter war als sie. Den hat sie zwei Jahre lang gepflegt. Man muss verheiratet bleiben, um Anspruch auf Witwenrente zu haben. Das wusste sie, ihre Mutter hatte das genauso gemacht. Jetzt geht es ihr gut. Das ist der Plan B, den manche Frauen haben. Da rate ich keiner zu, aber das wäre der letzte Strohhalm.

Waren die Frauen, die zu Ihnen kommen, vielleicht auch etwas naiv? Etwa jede dritte Ehe wird in Deutschland immerhin wieder geschieden.

In meiner Beratung erlebe ich es immer wieder: Viele Paare bleiben zusammen, weil sie sich die Trennung nicht leisten könnten und die Einschnitte zu groß wären. Man müsste das Haus verkaufen. Für die Kinder wäre es schwierig. Wo soll man in einer teuren Großstadt zwei Wohnungen finden? Dann bleibt man lieber zusammen. Jeder macht sein eigenes Ding und lebt trotzdem in der Abhängigkeit, gerade als weniger verdienender Partner. Das ist ein Stück weit naiv. Da wären wir aber wieder beim Thema Finanzbildung. Wenn man heute eine 20-Jährige nach ihrer Rentenerwartung fragt, hat die überhaupt keine Ahnung, wie das berechnet wird. Auch ältere Damen wissen oft nicht, wie sich ihre Rente zusammensetzt. Selbst wenn ich über 45 Jahre lang kontinuierlich das Durchschnittseinkommen in Deutschland verdiene, bekomme ich maximal 48 Prozent dieses Einkommens als Rente. Wenn das den Leuten klar wäre, wäre der Aufschrei viel lauter. Aber man lässt sie schon fast mutwillig vor die Wand fahren.

Warum wird das Thema Finanzbildung nicht energischer angegangen?

Weil das nicht gewollt ist. Anders kann ich mir das nicht mehr erklären. Es war Teil meiner Ausbildung bei der Bank, zu lernen, wie man Zinsen berechnet. Welche Konsequenz das aber für den Anleger hat und wie das in der Beratung eingebracht werden könnte, war kein Thema. Meiner Ansicht nach soll der Bürger dumm gehalten werden, weil Produktherausgeber wie die Banken so viel Geld mit der Unwissenheit der Menschen verdienen. Das wird den Leuten aber immer bewusster. Auch die Anlegerinnen, die zu mir in die Beratung kommen, stellen inzwischen viel mehr Fragen zu versteckten Kosten.

Banken verdienen auch recht gut damit, wenn man sich bei ihnen für den Aktienkauf beraten lässt.

Das ist übrigens auch der Grund, warum die gar keine Intention haben, einem Kunden einen normalen ETF-Sparplan anzubieten. Ein ETF ist ein indexbasierter Fond, da ist die Jahreskostenquote vorgegeben. Die Bank verdient nichts dran. Wenn sie dem Kunden aber einen aktiv gemanagten Fonds andreht, muss der Fondsmanager bezahlt werden, das Bankhaus und die schönen Marketingprojekte. Dann gibt es noch einen Ausgabeaufschlag und eine jährliche Verwaltungsgebühr. Das kostet den Kunden zwei bis vier Prozent Rendite pro Jahr. Wenn ich acht Prozent Rendite mache und fünf Prozent davon beim Kunden landen, ist der ja zufrieden. Dass er auf 30 Jahre bei den drei Prozent je nach Sparbeitrag aber hunderttausende Euro verliert, wird unter den Tisch fallen gelassen.

Am besten ist man also beraten, wenn man sich selbst zum Thema weiterbildet. Gehen wir mal von einer Frau in ihren Zwanzigern, Dreißigern aus, die keine Ahnung hat, wie ein guter Anlageplan aussehen kann, wie Aktien und ETFs funktionieren. Wo soll die anfangen?

Große Finfluencer wie Thomas Kehl von Finanzfluss haben Bücher rausgebracht, die beschreiben, wie es geht. Mit Lesen kann man schon mal anfangen. Es gibt unendlich viele YouTube-Videos dazu. Finanzwissen ist kein Buch mit sieben Siegeln. Man muss sich vielleicht mal eine zweite Meinung einholen. Ich würde niemals in irgendwas investieren, das ich nicht verstehe. Und mit der KI hat man mittlerweile seinen eigenen Finanzberater. Das wird die ganze Branche nochmal aufrütteln. Der KI kann ich einfach sagen: „Agiere als unabhängiger Finanzberater für mich. Ich habe 100.000 Euro geerbt, wie kann ich die bestmöglich anlegen? Meine Ziele sind X, Y, Z und mein Anlagehorizont umfasst so und so viele Jahre.“ Dann drückt man Enter und braucht Berater wie uns schon fast nicht mehr.

Rund ums Investieren gibt es allerdings einige Vorurteile, mit denen ich Sie gerne konfrontieren würde. Das Erste: Aktien sind Glücksspiel.

Ich möchte wissen, wer unserer Generation diesen Floh ins Ohr gesetzt hat. Vielleicht stammt der noch aus der Finanzkrise, in der viele Anleger eine Menge Geld verloren haben. In Deutschland ist es aber auch ein Mindset-Thema, dass wir am Geld festhalten wollen, weil wir das mit Sicherheit verbinden. Dass die Inflation das Vermögen auf dem Konto frisst, verdrängen wir. Lieber sagt man: Aktien sind Glücksspiel. Nein. Das stimmt vielleicht für den Kauf einer Aktie eines Unternehmens, das ich nicht kenne, aber nicht für breit gestreute, weltweite ETFs.

Also möglichst breit streuen.

Diversifikation steht vor allem.

Vorurteil Nummer zwei: Um mein Geld für mich arbeiten zu lassen, brauche ich erst mal sehr viel davon.

Das ist totaler Quatsch. Ob Neobroker, Onlinebanken oder normale Banken, die Broker angebunden haben: Die bieten alle Sparverträge an, teilweise sogar kostenfrei, mit denen man mit Kleinstbeiträgen ab unter 25 Euro starten kann. Und es gilt: Der stete Tropfen höhlt den Stein. Deswegen investieren Frauen übrigens erfolgreicher als Männer, wie Untersuchungen von Fidelity und Trade Republic zeigen. Frauen erzielen mehr Rendite, weil sie stetig, regelmäßig und dauerhaft über einen langen Zeitraum investieren. Das führt zu besseren Ergebnissen, als mal hier und mal dort ein bisschen anzulegen. „Hin und her macht Tasche leer“, sagt man.

Dann der letzte Punkt: Viele haben ein vielleicht eher diffuses Gefühl, dass Investitionen wie dem Kauf von Aktien etwas Unmoralisches anhaftet.

„Scheiß Kapitalismus“ hört man ja oft. Die Entscheidung muss jeder für sich treffen. Aber am Ende ist es egal, wo wir uns im Wirtschaftskreislauf beteiligen. Sonst dürfte ich letztendlich gar nichts mehr konsumieren und nur gemeinnützig tätig sein. Ich kann aber auch als Investor auftreten und Chancen schaffen. Wenn ich breit gestreut investiere, zum Beispiel auch in Schwellenländern, profitieren die von mir als Kapitalanleger. Innovationen finden nur statt, wenn Gelder fließen. Ich sehe Geld auch als Energie, die mal kommt und mal geht.

Können Sie das weiter ausführen?

Wenn man sich Geld als Strom vorstellt, dann ist nicht jeden Tag Überschwemmung am Rhein angesagt, sondern manchmal eben auch Niedrigwasser. Nur wenn ich Geld loslasse, kann mehr davon zu mir zurückkehren. Erst wenn meine Kundinnen das verstanden haben, sind sie bereit, zu investieren, das Geld auch für Jahre aus der Hand zu geben und von diesem Sicherheitsgedanken wegzukommen, es müsse auf dem Sparbuch liegen.

Wie wirken sich Krisen und Kriege aus? Sollte ich da noch anlegen?

Der beste Zeitpunkt, um zu starten, war immer gestern. Wenn ich breit gestreut anlege, am besten weltweit, habe ich jede Krise nach zehn bis 15 Jahren ausgeglichen. Das sieht man auch bei den Crashs, ob das die Trump-Zölle waren, Corona oder die Dotcom-Blase. Sowas muss man einfach aussitzen. Den größten Fehler, den die meisten machen, ist, in Panik zu geraten, zu verkaufen und so Verluste einzufahren. Wer das nicht tut, wird langfristig profitieren. Zu meinen Kundinnen sage ich immer: „Wenn die Bild ,Börsencrash‘ titelt, dann steht da für uns ,Sommerschlussverkauf‘. Jetzt gehen wir einkaufen, Ladies.“

Das Gespräch führte Christine Zinner.

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