Colin Crouch - „Neoliberalismus bedroht Europa”

Der Vater der Postdemokratie geißelt die zunehmende Macht der Eliten

Unruhen in Athen
(picture alliance) Unmittelbare Auswirkungen des Spardiktats: Unruhen in Athen

Der britische Vordenker der Postdemokratie, Colin Crouch, sieht das europäische Projekt durch eine verstärkte Verflechtung von Politik und Wirtschaft bedroht. „Europa wird nicht zersplittern, aber vielleicht geschwächt“ , sagte er dem Magazin Cicero (Januar-Ausgabe).

Grund dafür sei eine „neue Kraft des Neoliberalismus“, die sich insbesondere in der Eurokrise zeige. „Der heute existierende Neoliberalismus ist keine reine Marktwirtschaft, sondern eine Wirtschaft der großen, quasi monopolistischen Konzerne, was vollkommen marktwidrig ist“, führte der Politikwissenschaftler aus. „Wir erleben eine Vermischung von politischer und wirtschaftlicher Macht, die eine Folge der Konzentration des Reichtums ist.“ Auch das sei marktwidrig.

Dies könne man etwa in Griechenland sehen. Dort beherrsche eine kleine Elite das Land, die Politik und die Massenmedien. Diese Elite zahle keine Steuern, da sich ihr gesamtes Vermögen im Ausland befinde. „Es ist daher vollkommen richtig zu verlangen, dass die Griechen ihr Verhalten ändern“, forderte Crouch. Doch statt den Sozialstaat abzubauen, müssten die Rettungsmaßnahmen zum Ziel haben, das Staatsmodell des Landes zu verändern. Der Soziologe mahnte Strukturreformen an. „Dies würde aber viel weitreichendere Eingriffe in die Autonomie eines souveränen Staates erfordern.“

Crouch sieht auch den Sozialstaat in Deutschland und Westeuropa bedroht. „Transferleistungen haben in dieser Region ein zu hohes Gewicht, während die Bereitstellung von Dienstleistungen viel zu kurz kommt.“

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Zudem fehle dem Kapitalismus ein Gegengewicht. Diese Aufgabe habe der Kommunismus während des Kalten Kriegs erfüllt, indem er Staaten der Dritten Welt eine Alternative eröffnet habe. „Aufgrund dessen war der Kapitalismus sehr viel eher bereit zu sozialen Kompromissen.“

Der emeritierte Soziologieprofessor der University of Warwick schätzt die Lage der Staatengemeinschaft dennoch nicht als hoffnungslos ein. Es gebe auch die Chance, dass sich Europa föderaler entwickle und damit wieder demokratischer werde. „Wenn wir beginnen, Europa zu stärken, werden wir dadurch auch die Demokratie stärken.“

Mit seinem Werk zur „Postdemokratie“ wurde Colin Crouch international berühmt. In der Politikwissenschaft steht dieser Begriff seitdem für eine zunehmende Aushöhlung des demokratischen Systems durch die Eliten. Die Postdemokratie-Debatte wurde auch durch Crouchs Schrift über „Das befremdliche Überleben des Neoliberalismus“ beeinflusst.

Das gesamte Interview lesen Sie in der Januar-Ausgabe des Magazins Cicero. Es ist ab sofort am Kiosk oder im Online-Shop erhältlich.

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