Bildgießerei Noack - Geburtsstätte der Berlinale-Bären

Nicht nur die Berlinale-Bären und Bronzebullen für Red Bull entstehen in der Bildgießerei Noack in Berlin. Auch die Kunstwelt lässt seit mehr als 100 Jahren bei Hermann Noack gießen

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Daniel Schreiber war bis Ende 2012 Leiter des Cicero-Ressorts Salon. Nach einem sechsjährigen Aufenthalt in New York arbeitete er als Redakteur für das Kunstmagazin Monopol. 2007 erschien seine Biographie "Susan Sontag. Geist und Glamour" im Aufbau-Verlag.

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Ist das der Berlinale-Bär im Schraubstock? Ein Mitarbeiter der Bildgießerei Noack feilt seelenruhig an der roh recht unbeeindruckenden Skulptur. „Das ist so, wie wenn man als Vierjähriger Zinnsoldaten gießt“, erklärt Hermann Noack IV., der 47-jährige Geschäftsführer des Berliner Traditionsunternehmens, sein Handwerk, und in seinem Gesicht leuchtet kurz eine bübische Begeisterung auf. Bevor Jurypräsident Wong Kar-Wai diesen Bären Mitte Februar einem der Preisträger übergibt, wird er noch geschliffen, versilbert oder vergoldet, poliert und graviert. Schon seit 1951 stellt die Gießerei die Skulptur nach dem Entwurf von Renée Sintenis für das Filmfestival her.

Gegründet wurde das Familienunternehmen bereits 1897 und hat die Generationenübergänge bisher erfolgreich gemeistert. Hermann III., Vater des jetzigen Geschäftsführers, hat seinem Sohn vor zehn Jahren aber nur widerwillig den Stab übergeben, waren ihm doch dessen Umzugs- und Expansionspläne eher suspekt. Der Sohn ließ sich davon nicht aus der Ruhe bringen und zog mit seinen 37 Mitarbeitern von Friedenau nach Charlottenburg. Acht Millionen Euro kostete der Neubau; das Handelsblatt schätzt den Jahresumsatz des Unternehmens auf drei Millionen Euro. Auf dem alten, 1897 gegründeten Fabrikgelände in Berlin-Friedenau hatte bedrängtes Chaos geherrscht. Großaufträge wie die 14 kolossalen Bronzebullen für die Salzburger Firmenzentrale von Red Bull wären dort logistisch kaum möglich gewesen. Es gab fast keine überdachte Lagermöglichkeiten, und beim Abtransport von größeren Skulpturen kam es wegen der beengten Zufahrtsstraße immer wieder zu Problemen.

Sein 81 Jahre alter Vater, der sich nur schwer vom alten Standort trennen konnte, kommt immer noch jeden Tag in die Firma, um nach dem Rechten zu sehen. „Aber inzwischen fragt er, wo er helfen kann“, sagt Noack grinsend, während er den Besuch durch die nach Arbeitsschritten angeordneten Produktionsräume führt. In einer der großzügigen, lichten Hallen werden die Tonnegativformen für die Skulpturen hergestellt, die dann in der nächsten mit Silikon und Wachs in der zukünftigen Dicke der Bronze bestrichen werden. Mit Gips ausgegossen, kommen die Klötze danach in den Brennofen, wo das Wachs schmilzt. In den entstehenden Hohlraum fließt das 1200 Grad heiße Metall. An dem Verfahren hat sich, trotz neuer Technik, im Grunde seit Jahrhunderten nichts geändert.

Dass Noack an der Unternehmensphilosophie festhalten kann, liegt vor allem daran, dass diese von Anfang an für Veränderungen offen war. „Wir sind innovativ“, sagt er. „Mit uns können Künstler ihre Werke entwickeln, so, wie sie es wollen, in der von ihnen gewünschten Qualität. Das war und ist die Grundlage der Firma.“ Hermann Noack I. war Werkmeister bei Gladenbeck, einer Gießerei im Süden Berlins, die Reiterstandbilder und Ehrenmäler der Kaiserzeit produzierte. Die Bildhauer der beginnenden Moderne, August Gaul, Fritz Klimsch und Georg Kolbe, waren unzufrieden mit dem dortigen Verfahren. Mit ihnen als Kunden gründete der Meister seine eigene Manufaktur. Mit überwältigendem Erfolg: Ernst Barlach, Max Beckmann, Oskar Schlemmer und Käthe Kollwitz ließen bei Noack gießen, später auch Henry Moore und Joseph Beuys. Heute rekonstruiert das Unternehmen klassische Denkmäler wie den Heiligen Georg auf dem Kreml-Dach oder die Quadriga auf dem Brandenburger Tor und arbeitet mit Künstlern aus der ganzen Welt zusammen, unter ihnen Georg Baselitz, Tony Cragg, Anselm Kiefer, Jonathan Meese oder Neo Rauch.

Wer Hermann Noack länger zuhört, spürt dessen Detail- und Qualitätsversessenheit. Konkurrenz aus Asien muss der Spezialist für Kunstgießerei nicht fürchten. Die Künstler sind treue Kunden, die Noack schon als Kind dabei beobachtet hat, wie sie mit seinem Vater ihre Ideen umsetzten.

Hermann V. wird es in absehbarer Zeit aber nicht geben; der Unternehmer, mit einer Künstlerin verheiratet, hat drei Töchter. „Dass die männliche Erbfolge durchbrochen wird, ist mir egal“, sagt er. „Schön wäre es, wenn die Mädchen das Geschäft einmal weiterführen.“ Noack selbst hatte als junger Mann damit geliebäugelt, der Gießerei den Rücken zu kehren und in die Architektur oder die Gastronomie zu gehen. „Wenn wir den zweiten Bauabschnitt hier in Charlottenburg fertigstellen, bei dem neben Künstlerateliers auch ein Restaurant geplant ist, habe ich dann alles unter einem Hut.“ Ganz neu sei die Idee nicht, amüsiert er sich. Schon seinem Urgroßvater gehörte neben der Fabrik ein Künstlerwohnhaus mit Kneipe. Tradition verpflichtet eben. 

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