Eigenkapitalquote - Die Angst der Banker

Wenn Banken stärker reguliert werden, können sie angeblich nicht mehr so viele Kredite vergeben. Stimmt das?

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Heinz-Roger Dohms ist in der Ratingwelt zu Hause, über die er lange als Korrespondent für FTD und Capital berichtet hat.

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Die Finanzindustrie postuliert eine Wahrheit, die gar keine ist. Sie wird von Bankmanagern und Branchenvertretern verbreitet, durchzieht Reden und Interviews, findet sich in Studien und Aufsätzen, prägt die öffentliche Meinung und beeinflusst das politische Handeln – sie lautet:

Je höher die vorgeschriebene Eigenkapitalquote ist, desto weniger Kredite können die Banken vergeben. Das führt zu geringerem Wachstum und höherer Arbeitslosigkeit.

Mit welcher Chuzpe dies propagiert wird, zeigt sich daran, dass die Banken so tun, als handle es sich gar nicht um eine These – sondern um einen Fakt. Nehmen wir als Beispiel die wohl einflussreichste Untersuchung dazu. Sie wurde im Juni 2010 vom Institute of International Finance, dem globalen Lobbyverband der Finanzbranche, präsentiert und begann so:

„In den vergangenen Monaten sind etliche Reformvorschläge zur Regulierung der globalen Bankenindustrie vorgelegt worden. Die herrschende Meinung ist, dass der ökonomische Preis für diese Reformen, wie hoch er auch sein mag, gezahlt werden muss – damit der Ausbruch künftiger Krisen weniger wahrscheinlich wird; oder zumindest deren ökonomische Folgekosten geringer ausfallen. Es ist nicht Ziel dieses Berichts, sich grundsätzlich gegen tiefgreifende Reformen zu stellen. Stattdessen geht es uns darum, die Kosten dieser Reformen zu berechnen, zum einen in Bezug auf das Bruttoinlandsprodukt, zum anderen in Bezug auf verlorene Arbeitsplätze.“

Der Zielkonflikt zwischen Bankenstabilität und Wirtschaftswachstum wird als gegeben vorausgesetzt. Allein die quantitativen Folgen gelte es zu kalkulieren. Das Ergebnis der Untersuchung lautet: Die Bankenregulierung vernichte weltweit zehn Millionen Jobs und koste allein in Europa fast 5 Prozent der Wirtschaftsleistung. Aber gibt es diesen Zielkonflikt wirklich? Müssen wir die Banken in Ruhe lassen, um Millionen von Menschen vor der Arbeitslosigkeit zu bewahren?

In der Regulierungsdebatte geht es im Kern um die Eigenkapitalquote – das heißt um die Frage, über wie viel eigenes Geld eine Bank gemessen an ihren Risiken verfügen muss. Es gab einmal Zeiten, da lag diese Quote bei mehr als 15 Prozent. In heutiger Währung ausgedrückt, gehörten den Banken von 100 Euro, die sie verliehen, also immerhin 15 Euro selbst, zum Beispiel in Form ausgegebener Aktien oder einbehaltener Gewinne. Die übrigen 85 Euro liehen sich die Institute ihrerseits, etwa von Sparern oder Anleihegläubigern.

Bis 2007, also bis zu den Anfängen der Finanzkrise, sank dieses Verhältnis dramatisch von 15 : 85 auf 3 : 97. Nur noch 3 Prozent ihrer Risiken trugen die Banken mit eigenem Geld, die übrigen 97 Prozent borgten sie sich. Das bedeutet: Die Risiken, also die Kredite, brauchten nur 3 Prozent an Wert zu verlieren – und schon drohte die Insolvenz der Geldinstitute. Genau deshalb fielen Banken 2007 und 2008 gleich reihenweise um. Sie hatten nicht genügend Eigenkapital, um Kreditausfälle ausgleichen zu können.

Die Bankenlobby erzählt einen Mythos aus eigenen Interessen


Daher leuchtet es nicht ein, warum die Eigenkapitalquoten der Banken auch in Zukunft so viel niedriger sein sollen als die der Unternehmen, die sie finanzieren. Bei den Dax-Unternehmen hat sie sich von 2007 bis 2012 auf rund 35 Prozent verbessert. „Falls diese Zahl himmelschreiend klein erscheint, liegt das daran, dass sie himmelschreiend klein ist“, schreiben die Ökonomen Martin Hellwig und Anat Admati in ihrem gerade auf Deutsch erschienenen Buch „Des Bankers neue Kleider“.

Die Banken versuchen trotzdem weiter in dicken Studien darzulegen, dass bereits eine minimale Erhöhung dieser Quote die Vernichtung von Millionen Jobs zur Folge hat. Die Finanzindustrie sagt, sie arbeite lieber mit Fremdkapital, weil Fremdkapital billig sei. Entsprechend günstige Kredite könne sie den Unternehmen gewähren, zum Wohle des Arbeitsmarkts. Aus volkswirtschaftlicher Perspektive gelte deshalb folgende Prämisse: So viel Fremdkapital wie möglich. Und nicht mehr Eigenkapital als nötig.
 

Die Lobbyarbeit der Banken war bisher erfolgreich. Die Öffentlichkeit hat ihre Sichtweise übernommen. In den Medien wird der Begriff „Eigenkapital“ inzwischen fast immer mit dem Verb „vorhalten“ verbunden. Dabei ist das Quatsch. Keine Bank „hält Eigenkapital vor“. Eigenkapital ist keine Reserve, die brachliegt und droht, im Tresor zu vergammeln. Es fließt genauso wie das Fremdkapital in Kredite, die der Realwirtschaft zugutekommen.

Nun gut, sagen die Banker – aber trotzdem ist Eigenkapital teuer, jedenfalls teurer als Fremdkapital. Tatsächlich verbindet der Aktionär (Eigenkapital) mit seinem Investment eine höhere Renditeerwartung als der Anleihegläubiger (Fremdkapital) – schließlich trägt er auch ein höheres Verlustrisiko, weil das Eigenkapital bei Kreditausfällen als Erstes herangezogen wird. Aber die extremen Kostenunterschiede zwischen Eigen- und Fremdkapital sind, anders als es die Banken darstellen, ein Argument für höheres Eigenkapital. Denn Fremdkapital ist vor allem deshalb so billig, weil es subventioniert wird – etwa indem der Staat explizit für die Einlagen der Sparer einsteht und implizit auch die Anleihegläubiger absichert. Deswegen hat er Banken wie die Hypo Real Estate und viele andere in der Krise gerettet.

Das Eigenkapital hingegen ist für die Banken gerade deshalb so teuer, weil sie so wenig davon halten. Teilt man das Verlustrisiko nämlich durch drei Aktionäre, dann ist das Risiko für den einzelnen größer, als wenn es sich auf 15 Aktionäre verteilt. Dieses Risiko lassen sich die Aktionäre von der Bank bisher durch höhere Renditen bezahlen.

Eine hohe Eigenkapitalquote hat nicht notwendig einen negativen Einfluss auf die Kreditvergabe


Mit steigender Menge müsste sich das Eigenkapital eigentlich verbilligen. Eine dadurch stabilere Bank kann sich aber auch das Fremdkapital billiger besorgen, weil die Sparer ihr Geld lieber dorthin bringen. Den Zielkonflikt zwischen Eigenkapitalquote und Kreditversorgung, also zwischen Bankenstabilität und Wirtschaftswachstum, gibt es gar nicht.

Dies belegen inzwischen auch empirische Studien: Die Bank of England veröffentlichte kürzlich eine Analyse, die zeigt, dass 2012 ausgerechnet jene europäischen Banken ihre Darlehensvergabe am stärksten ausweiteten, die über die höchsten Eigenkapitalquoten verfügten – und umgekehrt. „Der Zusammenhang ist eklatant“, sagte Mark Carney, Großbritanniens neuer Notenbankchef. Zu einem ähnlichen Ergebnis kamen im Sommer Forscher des Internationalen Währungsfonds. Sie fanden heraus, dass es gerade die Banken mit viel Eigenkapital sind, die die Wirtschaft auch in schwierigen Zeiten mit Krediten versorgen.

Ja, aber – sagen die Banker nun: Wo sollen wir denn all das frische Eigenkapital herholen? Gerade in Krisenzeiten investiert doch niemand in uns. Doch stimmt das? Zwischen 1980 und 2007, also in den fetten Jahren der Finanzindustrie, hätten die großen US-Banken nur sieben Kapitalerhöhungen vorgenommen. Seit 2007 hingegen waren es schon 18, die Kapitalinfusionen durch den Staat nicht eingerechnet. Es geht also offenkundig eher ums Wollen als ums Können.

Doch warum wollen die Banken nicht? Nicht nur der Verlust ist, aufgeteilt auf drei Aktionäre, größer, als wenn man ihn auf 15 Aktionäre verteilt – auch der Gewinn. Je weniger eigenes Geld die Banken einsetzen müssen, desto höher liegen die eigenen Renditen. Von Banken, denen es nur darum geht, ihre Gewinne zu maximieren, hat die Realwirtschaft allerdings nichts. Das ist eine Wahrheit, die die Bankenindustrie der Öffentlichkeit aber am liebsten verschweigt.

 

 

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