Arzneimittelversorgung - Medikamenten-Monopoly in Coronazeiten

Probleme in der Arzneimittelversorgung bestehen nicht erst seit der Corona-Pandemie. Doch die Rückholung der Arzneimittelproduktion nach Deutschland würde zu lange dauern. Dr. Franz Stadler plädiert für ein nationales Arzneimitteldepot und die Befreiung aus der Abhängigkeit von Pharmariesen.

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Auf Arzneimittelengpässe müssen Konsequenzen folgen, findet Dr. Franz Stadler / dpa

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Dr. Franz Stadler ist seit 30 Jahren als Apotheker in der Pharmabranche tätig und Autor des kürzlich im Murmann-Verlag erschienenen Buches „Medikamenten Monopoly“.

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Franz Stadler

Schon lange gibt es massive Probleme in der Arzneimittelversorgung. Bereits vor Ausbruch der Corona-Pandemie waren Liefer- und Versorgungsengpässe und explosionsartig steigende Preise bei patentgeschützten, innovativen Arzneimitteln Normalität in den Apotheken. Das Virus demaskierte lediglich die Hintergründe und verdeutlichte die Fragilität des Gesamtsystems auch für die breite Öffentlichkeit. Aber werden deswegen politisch die richtigen Konsequenzen gezogen und wird unsere Arzneimittelversorgung nachhaltig krisenfest gemacht? Zweifel sind angebracht.

Deutschland ist Billigland

Lieferengpässe und Preisexplosion bei patentgeschützten Arzneimitteln haben wie alle komplexen Systeme viele Ursachen, aber eine bestimmende Gemeinsamkeit: Es geht letztlich immer ums Geld.

Dabei ist zu beachten, dass der Arzneimittelmarkt zweigeteilt ist – eine Folge vieler gesetzgeberischer Maßnahmen der vergangenen Jahrzehnte, deren gemeinsames Ziel es war, mit der Hebung von Wirtschaftlichkeitsreserven die Arzneimittelversorgung für die Solidargemeinschaft bezahlbar zu halten. Besonders die Rabattverträge, die es den gesetzlichen Krankenkassen erlauben, die Arzneimittelversorgung exklusiv auszuschreiben, führen nicht nur zu Einsparungen in Milliardenhöhe (ca. 4,4 Mrd. € in 2018), sondern machen Deutschland aus Sicht der (Wirkstoff-)Hersteller auch zu einem Billigland.

Die tatsächlichen Erstattungspreise der Krankenkassen wurden im Laufe der Zeit so niedrig, dass in diesem Bereich kaum mehr Gewinne gemacht werden. Die Wirkstoffproduktion verlagerte sich in kostengünstigere asiatische Länder (meist Indien und China) und konzentrierte sich selbst dort auf wenige Produzenten. In der Folge nahmen Qualitätsmängel, Probleme mit den Lieferketten und damit Lieferengpässe zu. Betroffen von diesen Entwicklungen ist hauptsächlich der Bereich der generischen Arzneimittel, also der Arzneimittel, deren Patente bereits abgelaufen sind und der durch eine Vielzahl an konkurrierenden, vergleichbaren Nachahmerpräparaten gekennzeichnet ist. 

Wie Arzneimittelpreise entstehen

Im patentgeschützten, innovativen Bereich hingegen ist seit Jahren eine gegenläufige Entwicklung zu beobachten. Big Pharma begann bei Neueinführungen die Preisschraube immer skrupelloser nach oben zu drehen. Es galt, konzerninterne Verluste im generischen Bereich auszugleichen und den Gesamtgewinn zu steigern. Gerade in Deutschland ist es den Firmen noch immer erlaubt, bei der Einführung von innovativen Arzneimitteln den Verkaufspreis nach eigenen, internen Gesichtspunkten festzulegen. Dabei sind fünf- oder gar sechsstellige Verkaufspreise keine Seltenheit mehr. Frühestens nach einem Jahr können gesetzliche Preisregulationsmechanismen greifen, die den initialen Verkaufspreis etwas reduzieren, was aber schon vorher in die Gesamtkalkulation eingeflossen sein dürfte. Nicht umsonst gehören die global agierenden Pharmariesen beständig zu den profitabelsten Unternehmen weltweit.

Die Preisexplosion bei Arzneimitteln unter Patentschutz wiederum führt trotz aller Einsparbemühungen zu weiter steigenden Gesamtausgaben, die entweder die Existenz unseres bisherigen Gesundheitssystems gefährden oder die Erstattungsfähigkeit innovativer Arzneimittel in Frage stellen. In wenigen Jahren könnte auch bei uns nicht mehr jeder gesetzliche Versicherte die bestmögliche Versorgung bekommen.

Medikamenten Monopoly

Bisher sind wir noch relativ gut durch Corona-Pandemie gekommen. Noch haben die Reste unseres solidarischen Gesundheitssystems, auch dank schneller notgedrungener und finanzkräftiger Ausnahmeregelungen des Gesetzgebers, besser funktioniert als die bereits weiter durchökonomisierten Systeme anderer Länder (z.B. USA, GB). Noch gab es dezentrale Versorgungsstrukturen und Kompetenz vor Ort, unter anderem in den Apotheken. Noch. Aber das Medikamenten Monopoly, das heißt der sorglose, fast spielerische und von Geldgier getriebene Umgang mit unseren Arzneimitteln geht weiter. Was ist also zu tun, um unser Gesundheitssystem und speziell unsere Arzneimittelversorgung auch für künftige Pandemien krisenfest zu machen?

Wege zur Sicherung der Arzneimittelversorgung 

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Franz Stadler: Medikamenten
Monopoly. Murmann, 2020.  

Die Schaffung eines nationalen Arzneimitteldepots, vergleichbar der nationalen Ölreserve, wäre ein erster und wichtiger Schritt. Je nach Ausgestaltung könnte diese Idee schnell und mit kalkulierbaren Kosten umgesetzt werden und als Puffer für vorübergehende Lieferengpässe dienen. Die alternativ oft diskutierte Rückholung der Arzneimittelproduktion nach Deutschland oder zumindest nach Europa ist dagegen eine langwierige und nur schwer zu realisierende Aufgabe, deren sicher nicht unumstrittene Umsetzung Jahre, wenn nicht Jahrzehnte in Anspruch nehmen würde.

Daneben sollten verschiedene Maßnahmen getroffen werden, deren gemeinsames Ziel in der Verminderung der Abhängigkeit unserer Arzneimittelversorgung von den finanziellen Interessen der Pharmariesen besteht. An erster Stelle ist hier der Aus- und Aufbau einer staatlichen Arzneimittelforschung und -entwicklung zu nennen, damit auch seltene und unwirtschaftliche Krankheiten besser und frühzeitig erforscht werden. Hätte man beispielsweise die Impfstoffentwicklung nach dem Ende der SARS-Pandemie 2002/2003 nicht einfach aus finanziellen Erwägungen heraus eingestellt, stünde uns jetzt möglicherweise bereits ein erprobter Impfstoff gegen Coronaviren zur Verfügung.

Zwangslizenzen als Option 

Auch sollte der Patentschutz für innovative Wirkstoffe nicht wie bisher praktisch ohne entsprechende Gegenleistungen erteilt werden. Exklusiver Marktzugang könnte durchaus mit mehr Transparenz bei der Preiskalkulation für Neueinführungen und/oder mit einer Verpflichtung, Gewinne aus in Deutschland eingesetzten und von deutschen Krankenkassen bezahlten Arzneimitteln auch in Deutschland zu versteuern, verknüpft werden. Das Mittel der Zwangslizenzen, also der Verlust des Patentschutzes, sollte zumindest als Möglichkeit im Raum stehen.

Prinzipiell sollten alle Beteiligten, auch die Patienten, wieder ein Gespür dafür entwickeln, dass Arzneimittel ein besonderes Gut sind. Deshalb können Arzneimittel nicht wie jede x-beliebige Ware behandelt und die Arzneimittelversorgung nicht ungeschützt den freien Marktkräften (zum Beispiel dem grenzüberschreitenden Internethandel oder internationalen Finanzinvestoren) überlassen werden. Eine sichere Arzneimittelversorgung ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe und die notwendige Grundlage, damit wir nicht nur künftig gut versorgt sind, sondern auch jede kommende Pandemie bestmöglich überstehen können.

Hans Jürgen Wienroth | So, 4. Oktober 2020 - 13:20

Ich muss dem Autor in vielen Punkten zustimmen. Wir sollten jedoch das Ziel einer dt. oder europ. Arzneimittelproduktion nicht aus dem Auge lassen, auch wenn es Jahre dauert. Wie bei allen Produkten ist auch bei den Medikamenten die Prozessführung entscheidend. Diese in Niedriglohnländer mit tw. geringem Bildungsstand zu verlagern, ist leichtsinnig, wie will man da sorgfältige Prozessführung gewährleisten? Dass Umweltstandards in diesen Ländern wenig Wert haben, ist bekannt. Nicht ohne Grund kommt der niedrige Preis zustande.
Wer hier Antibiotika in Geflügel beklagt, darf die Abwasserspeicher voll dieser Stoffe in Indien nicht verharmlosen. Wer sich darauf verlässt, dass es auf dieser Welt nur Freunde gibt, sollte sich nicht wundern, wenn er eines Tages enttäuscht wird. Nur wer sich nicht abhängig macht, immer eine Alternative zur Hand hat, der macht keine alternativlose Politik. Das gilt für Medikamente wie für Masken, Telekommunikationsmittel, Energieversorgung und alles andere.