?Ich sammle Indianerkunst?
Sie erhält als erste Frau einen Wirtschaftsnobelpreis. Elinor Ostrom zeigt, warum wir nicht auf den Staat vertrauen sollten. Das Nobelpreiskomitee würdigt sie für die Darstellungen, ?wie gemeinschaftliches Eigentum von Nutzerorganisationen erfolgreich verwaltet werden kann?
Wo waren Sie, als Sie den Anruf aus Stockholm erhielten?
Im Bett. Der Anruf kam um 6:30 Uhr, ich schlief noch.
Wollte das Nobelkomitee gerade in dieser Zeit ein Zeichen setzen, weil Sie nachweisen, dass es nicht für alles den Staat braucht?
Darüber mag ich nicht spekulieren. Auf jeden Fall sind zwei Wissenschaftler ausgewählt worden, deren theoretisches und empirisches Interesse über private Güter und den Markt im engeren Sinne hinausgeht.
Woher kam eigentlich Ihre entscheidende wissenschaftliche Intuition, dass man sich in sozialen Dilemmasituationen nicht mit ?Marktversagen? abfinden muss, dass Gemeinschaften vielmehr neuartige Regeln und damit Lösungen oft ganz von selbst aushandeln können?
Aus der Arbeit an meiner Dissertation. Ich beobachtete eine große Zahl von Wasserversorgern in Kalifornien, wie sie um eine konsistente Bestimmung der Eigentumsrechte an dieser knappen Gemeinschaftsressource kämpften. Es brauchte einige Zeit, aber dann fanden sie ein Billigkeitsverfahren, mit dem sie jedem Beteiligten einen anteiligen Eigentumstitel zuweisen konnten. Sie entwickelten auch unglaublich erfinderische Wege, das Grundwasser vor dem Versiegen zu bewahren, indem sie auf lokaler Ebene Distrikte festlegten, in denen sie sich dann selber eine Steuer für die Wiederauffüllung von Grundwasser auferlegten.
Hatten Sie eigentlich schon als junge Frau eine wissenschaftliche Karriere als Ziel?
Oh nein. Nur mit viel Glück gelang es mir überhaupt, mein College-Studium an der University of California in Los Angeles (UCLA) durch Arbeit zu finanzieren. Ich arbeitete in der Bibliothek und korrigierte zusätzlich Ökonomie-Klausuren.
Hatten Sie außerdem auch familiäre Unterstützung?
Finanziell nicht wirklich. Gleich nach dem College heiratete ich meine Jugendliebe, und wir gingen gemeinsam nach Boston. Ich habe mir dort einen Job gesucht und ihm das Studium an der Harvard Law School finanziert.
Wie schwierig war das für Sie als Frau?
Man fragte mich in den Einstellungsgesprächen immer nur, ob ich Schreibmaschineschreiben und Steno beherrschte. Niemand kam auf den Gedanken, dass ich als Frau zu etwas anderem taugen könnte als zur Sekretärin. Eine Elektronikfirma in der Innenstadt von Boston stellte mich dann ein. Jeder, der dort angestellt wurde, musste sich zuerst einige Wochen als Bote im Postraum verdingen, bis sich eine andere Verwendung ergab. Eines Tages wurde eine Stelle in der Exportabteilung frei. Immerhin, es war ein Job.
Wie lange haben Sie das ausgehalten?
Ein Jahr. Dann fragte ich ein zweites Mal bei Godfrey L. Cabot an. Ich hatte inzwischen genug gespart, um der Firma anzubieten, zwei Monate umsonst für sie zu arbeiten, damit sie meine Leistung begutachten konnten. Sie haben mich später fest eingestellt ? und bezahlt. Ich war gerade 21 Jahre alt und nun ?Assistant Employee Relations Manager? in der Personalabteilung dieses angesehenen Chemiekonzerns. Meinem Chef brachte das intern heftige Flüche ein: In solchen Firmen gab es damals keinerlei Diversität: keine Frauen ? außer als Sekretärinnen, keine Juden, keine Schwarzen, nichts. Und ich bin nicht nur Frau, sondern auch halbjüdischer Abstammung. Aber nach zwei Jahren war die Firma dann schon eine andere geworden. Die Männer hatten sich an arbeitende Frauen gewöhnt. Ich war so stolz.
Das war bestimmt dennoch keine leichte Zeit?
Nein, aber es waren lehrreiche Jahre. Ich musste mich an einem Ort durchschlagen, an dem ich niemanden kannte und keiner mir half. Und ich habe es geschafft. Ich war auch nicht verbittert durch meine Erlebnisse. Und dann gingen wir ja auch wieder nach Los Angeles zurück. Dort hatte ich eine gute Stelle im Personalwesen der Universität. Mein Mann Chuck landete in einem großen Unternehmen. Wir hatten Glück.
Aber Sie wollten an der Universität doch mehr, als nur im Personalwesen zu arbeiten?
In der Tat. Ich fing an, neben meiner Arbeit an der Universität wieder zu studieren, zunächst nur für einen Master-Abschluss. Aber dann verliebte ich mich wieder in die Wissenschaft und machte weiter. Und so gingen wir auch als Eheleute bald unterschiedliche Wege. Wir waren sieben Jahre verheiratet gewesen, ohne Kinder. Wir trennten uns ohne Streit. Das war mein erstes Leben.
Und das zweite Leben war dann der Wissenschaft gewidmet?
Ja. Als ich mich für einen Promotionsplatz bewarb, sagte man mir: Klar, das könnte ich gern machen, aber nach dem Abschluss werde es keinen Job für mich als promovierte Politologin geben. So war das damals. Aber ich nahm diese Warnungen nicht ernst. Es ging mir nicht um die Karriere. Ich war nur so hingerissen von dem, was ich da studierte. Ich genoss das einfach.
Warum haben Sie nicht in Ökonomie promoviert?
Ich hatte an der Wirtschaftsfakultät der UCLA nachgefragt, ob das möglich sei. Sie waren sehr ablehnend. Bei den Politologen ließen sie mich zu und boten sogar eine Assistentenstelle. Im Doktorandenstudium lernte ich übrigens auch meinen zweiten Mann Vincent kennen.
Vincent Ostrom, ein berühmter Politikwissenschaftler?
Beinahe hätte er meiner Promotionsjury angehört. Aber dann merkten wir, dass wir auch noch ein anderes Interesse aneinander hatten, und so ließen wir das. Wir heirateten 1963. Er lehrte dann einige Zeit in Washington D.C. Aber dann wurde es für uns schwierig. Wenn er wieder an die UCLA zurückgekehrt wäre, dann hätte ich dort nicht arbeiten dürfen, nicht einmal in der Personalabteilung. In Kalifornien gab es solche Regeln mit dem Ziel der Bekämpfung von Vetternwirtschaft. Und so war das auch meine einzige Bitte: dass er nicht irgendwo hingehen möge, wo sie mich als seine Frau ? oder überhaupt als Frau ? nicht anstellen würden.
Sie sind beide seit den sechziger Jahren an der Indiana University in Bloomington. Diese Universität sah diese Dinge also etwas lockerer?
Ja. Für uns beide war es zwar etwas merkwürdig, in den Midwest zu ziehen. Vincent stammt aus dem Bundesstaat Washington, und ich zähle zur dritten Generation meiner Familie in Los Angeles. Aber wir gingen nach Osten, und ich machte mir um mich auch keine Sorgen. Ich hatte genug Erfahrung, um wieder in der Personalabteilung der Universität zu arbeiten. Wir fanden ein schönes großes Stück Land, das wir kaufen konnten. Gut zwei Hektar, 15 Minuten vom Universitätscampus entfernt. Der erste Hektar für 3000 Dollar, der nächste zu einem noch lächerlicheren Preis. Im folgenden Frühjahr bauten wir unser Haus. Vincent hatte viele Ideen, und ich zeichnete die Pläne. Ich hatte das als Kind von meinem Vater gelernt.
Und was war mit Ihrer Arbeit?
Das kam dann auch. Sie brauchten jemanden, der dienstags, donnerstags und samstags, morgens um 7:30 Uhr eine Einführungsvorlesung über das politische System Amerikas hielt. Also wurde ich Assistenzprofessorin. Und während des Vietnamkrieges bot sich noch eine andere Gelegenheit für mich als ?Graduate Advisor? in der Fakultät. Und 1974 hatte ich dann auch eine volle Professur. Mein großes Forschungsprogramm habe ich erst spät begonnen.
Worum ging es in Ihrem Forschungsprogramm?
An der Universität hatte ich ein Seminar ins Leben gerufen, in dem wir uns mit der Messung öffentlicher Güter befassen wollten. Ein Student schlug die von der Polizei gesicherte Ordnung vor: ein lokales öffentliches Gut. Wir haben fünfzehn Jahre lang sehr intensiv die Probleme der Polizei und der öffentlichen Sicherheit untersucht. Wir saßen in Polizeiwagen, in Verhörzellen, im Gefängnis, wir interviewten die Bevölkerung.
Gemeinsam mit Ihrem Mann haben Sie 1973 den legendären ?Workshop in Political Theory and Policy Analysis? an der Indiana University ins Leben gerufen. Sie beide haben immer viel zusammengearbeitet. Wird einem das nicht irgendwann zu viel?
Nein. Für uns ist diese Symbiose einfach wundervoll. Anfangs hat auch Vincent empirisch gearbeitet, dann aber hat er sich wieder mehr der politischen Theorie zugewandt. Für meine empirischen Arbeiten blieb er aber immer ein fantastischer Kritiker. Wir haben auch schon zum Beispiel Möbel zusammen entworfen. Uns gefiel nicht, was wir in Läden kaufen konnten. Und später haben wir gemeinsam auch eine Holzhütte in Kanada gebaut.
Was möchten Sie noch erforschen?
Vor allem zwei Dinge. Ich möchte eine bessere Methode entwickeln, um die Evolution von Regelsystemen empirisch zu erfassen. Mit der Verbindung zwischen Evolutionstheorie und Sozialwissenschaften befasse ich mich seit den späten achtziger Jahren. Ein Fallbeispiel ist die Evolution von Sprache. Faszinierend.
Und das Zweite?
Ich bin Gründungsdirektorin des Center for the Study of Institutional Diversity an der Arizona State University. Unser Ziel ist, eine Methodik zur Analyse gesellschaftlicher Regelsysteme für ökologische Gemeingüter zu entwickeln. Wir nennen das ?social ecological systems?.
Was tun Sie, wenn Sie gerade nicht forschen?
Eine andere bizarre Leidenschaft von meinem Mann Vincent und mir ist es, Indianerkunst zu sammeln, Totempfähle zum Beispiel. Wir schützen diese Gegenstände vor Missachtung, Zerstörung und Verfall. Wir haben mittlerweile so viel, dass wir ein Museum bestücken könnten.
Haben Sie sich schon überlegt, was Sie mit dem Nobel-Preisgeld anfangen wollen?
Ich werde das Geld dem Workshop in Political Theory and Policy Analysis stiften, für weitere Forschungsarbeiten.
Das Gespräch führte Karen Horn
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