Zivilisiert euch endlich!

In der Religionsdebatte schlagen die Gemüter hoch. Neo-Atheisten, Kulturkämpfer und Theologen führen plötzlich Gefechte wie im 19.Jahrhundert.

Schriftsteller und Autor Peter Sloterdijk auf der Internationalen Frankfurter Buchmesse
() Schriftsteller und Autor Peter Sloterdijk auf der Internationalen Frankfurter Buchmesse
An Lessings Ringparabel (siehe Seite 54), mit gutem Recht wie eine Bergpredigt der Aufklärung gefeiert, fällt aus heutiger Sicht seine vollendete Postmodernität auf: Sie vereinigt in sich den primären Pluralismus, die Positivierung der Simulation, die praktische Suspension der Wahrheitsfrage, die zivilisierende Skepsis, die Umstellung von Gründen auf Wirkungen. Was Lessing vorschlägt, läuft geradewegs auf eine rezeptionsästhetische Transformation der Religion hinaus. Dies kündigt die Heraufkunft der Massenkultur in religiösen Dingen an. „Aufklärung“ bedeutet in diesem Kontext nichts anderes als ein Codewort für die Überzeugung, dass sich die Eliten und die Menge eines Tages, nach der Überwindung ihrer historisch gewachsenen Entfremdung, in gemeinsamen Wahrnehmungen und Werturteilen treffen werden. Wird das Populärwerdenkönnen zum Wahrheitskriterium, lässt sich eine Verlagerung des Wettbewerbs zwischen den Religionen auf das humanitäre Feld vorhersehen. Ironischerweise schneiden die monotheistischen Religionen vor dem Richterstuhl des populären Geschmacks allesamt nicht besonders gut ab, da das Wirkungskriterium meistens zu ihren Ungunsten ausschlägt – es gehört ja nicht mehr viel Scharfsinn dazu, um zu realisieren, dass zwischen Monotheismus und Unfrieden in der Welt eine signifikante Korrelation besteht. Wer kann uns garantieren, dass die Qualität, Gott angenehm zu sein, dieselbe sei wie die, den Menschen Sympathie einzuflößen? In Wahrheit drückt sich das Wesen des Monotheismus in keinem Merkmal so prägnant aus wie in der Bereitschaft der Eiferer, sich bei den Menschen verhasst zu machen. Mit seiner sorglosen Gleichsetzung von „Gott angenehm“ und „bei Menschen beliebt“ wird Lessing möglicherweise vom frühaufklärerischen Optimismus irregeleitet, der die vom Fortschritt zu gewährende Konvergenz von Eliten- und Masseninteressen für gegeben halten wollte. Die reale Entwicklung der Moderne bietet ein völlig anderes Bild: Sie vertieft die Spaltung zwischen Hochkultur und Massenkultur in jeder neuen Generation und lässt die Verhasstheit der Hochkultur, zumindest ihre Suspektheit für die Menge, als einen Grundzug des jüngeren Zivilisationsgeschehens immer unverhohlener hervortreten. Zieht man hieraus die Konsequenzen, versteht man wohl, warum der Monotheismus eines Tages gezwungen sein wird, die hochkulturellen Karten auf den Tisch zu legen – und wenn er nicht freiwillig seinen elitären Zug und indirekt auch seine polemogene Natur gesteht, riskiert er, dass andere es an seiner Stelle tun. Ein beliebter Monotheismus ist ein Widerspruch in sich. In einer korrigierten Fassung der Ringparabel müsste der Vater zwei völlig gleiche neue Ringe herstellen lassen, die im praktischen Test den Nachweis zu erbringen hätten, ob ihnen die Kraft innewohnt, den Träger verhasst zu machen. Unverkennbar fügt sich die Geschichte der real existierenden Monotheismen in ein deutlicher konturiertes Bild, wenn man ihr die angedeutete zweite Fassung der Ringparabel als heimliches Drehbuch zugrunde legt. Doch die monotheistischen Religionen brauchen sich heute gegenseitig zu sehr, um sich länger bekämpfen zu dürfen. Um von unfriedlicher Koexistenz auf Gespräch umzustellen, müssen sie sich von der Liste der hate provider streichen, auf der sie füreinander bisher die wichtigsten Posten darstellten. Diese Geste wird nur unter zwei Voraussetzungen vorstellbar: Entweder einigen sich die gemäßigt eifernden Monotheismen mittelfristig auf eine gemeinsame Außenpolitik gegenüber den Nichtmonotheisten, oder aber die Monotheismen streifen je für sich die zelotische Seite des Universalismus ab und wandeln sich zu nichteifernden Kulturreligionen – wie man es seit dem 18.Jahrhundert beim liberalen Judentum, seit dem 19.Jahrhundert bei der großen Mehrheit der protestantischen Kirchen und seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil in den liberaleren Strömungen des römischen Katholizismus beobachtet. Analoge Entwicklungen kennt der Islam, vor allem in der Türkei seit 1924, doch ebenso in der westlichen Diaspora, wo es stets ratsam ist, sich dialogfähig zu präsentieren. Diese Option verlangt nicht mehr als den Übergang vom militanten Universalismus zu einem zivilisierten Universalismus-als-ob – eine winzige Bewegung, die den Unterschied ums Ganze ausmacht. Wenn der zivilisatorische Weg allein noch offen steht, ist die Verwandlung der Eiferkollektive in Parteien auf die Agenda zu setzen. Damit kehren wir zur Ringparabel in ihrer Originalversion zurück. Obwohl Lessings erster Schiedsrichter diskret von einem späteren Kollegen spricht, der viel mehr wissen müsste als er selbst – was scheinbar auf einen Menschen deutet –, ist die Figur des zweiten Richters unmissverständlich mit Gott gleichzusetzen. Von welchem Gott ist aber dann die Rede? Kann der zweite Richter der Ringparabel tatsächlich noch der Gott Abrahams sein, der vorgeblich auch der Gott des Moses, des Duos Jesus-Paulus und des Propheten Mohammed gewesen war? Es muss erlaubt sein, an diesen Identitäten in beiden Richtungen zu zweifeln – retrospektiv: weil die Gleichsetzung von Abrahams El mit dem JHWH der mosaischen Religion, dem Vater der christlichen Trinität und dem Allah Mohammeds nicht mehr sein kann als eine fromme Konvention, genauer, ein Echo-Effekt, der unter den hallenden Kuppeln der religiösen Semantik auftritt, wie prospektiv: weil die gesamte Religionsgeschichte beweist, dass auch innerhalb der monotheistischen Überlieferungen der späte Gott mit dem der Anfangszeit nur eine sehr entfernte Ähnlichkeit bewahrt. Damit wird ungewiss, ob der richtende Gott im Augenblick des Schlussurteils noch der Alliierte seiner ersten Eiferer sein kann. Interreligiöse Dialoge wären nur ergebnisreich, wenn in ihrem Gefolge jede organisierte Religion vor der eigenen apokalyptischen Haustür kehrte. Dabei werden die Gemäßigten die Beobachtung machen, dass ihre jeweiligen Eiferer und Endzeitkrieger in der Regel nur flüchtig angelernte Aktivisten sind, bei denen der Zorn, das Ressentiment, die Ambition und die Suche nach Empörungsgründen dem Glauben vorhergehen. Der religiöse Code dient ausschließlich zur Vertextung einer sozial bedingten, existenziellen Wutspannung, die auf Abreaktion drängt. Auf sie wird mit religiösen Mahnworten nur in den seltensten Fällen dämpfend einzuwirken sein. Was eine neue religiöse Frage zu sein schien, ist in Wahrheit die Wiederholung der sozialen Frage auf dem Niveau einer globalen Biopolitik. Ihr ist weder mit besserer Religion noch mit besten Absichten beizukommen – das müssten die Europäer wissen, die sich an die nicht selten messianisch aufgetakelten politischen Unruhen des 19. und frühen 20.Jahrhunderts erinnern. Die Instrumentarien der Stunde sind die demografische Aufklärung und eine aktualisierte Entwicklungspolitik, die das Wissen von der Erzeugung und Verteilung des Reichtums auch in die Länder importiert, die bisher durch Armut, Ressentiment und Machenschaften perverser Eliten verschlossen waren. Von beidem verstehen die Monotheismen nichts – sie sind im Gegenteil an der einen wie der anderen Front der Kontraproduktivität verdächtig. In solcher Lage müssen die vernünftigen, in ihr jeweiliges Nacheiferstadium übergegangenen Religionen das Bündnis mit der säkularen Zivilisation und deren theoretischen Sammlungen in den Kulturwissenschaften suchen. Nur aus dieser Allianz sind die Kräfte zu gewinnen, deren Aufstellung und Klärung nötig werden, um die apokalyptischen Regisseure zu neutralisieren. Dazu sind symbolische Terminals zu schaffen, die allen Akteuren in den monotheistischen Feldzügen das Gefühl geben, einen Sieg errungen zu haben. Nur Nichtverlierer können durch die Ankunftshalle der Geschichte gehen, um sich dann in der synchronisierten Welt eine Rolle zu suchen. Sie allein werden bereit sein, Verantwortung für Aufgaben zu übernehmen, die ausschließlich durch große Koalitionen zu bewältigen sind. Globalisierung heißt: Die Kulturen zivilisieren sich gegenseitig. Das Jüngste Gericht mündet in die alltägliche Arbeit. Die Offenbarung wird zum Umweltbericht und zum Protokoll über die Lage der Menschenrechte. Damit komme ich auf das Leitmotiv dieser Überlegungen zurück, das im Ethos der Allgemeinen Kulturwissenschaft gründet. Ich wiederhole es wie ein Credo und wünsche ihm die Kraft, sich mit Feuerzungen auszubreiten: Der zivilisatorische Weg ist allein noch offen. Peter Sloterdijk ist Kulturphilosoph und seit 2001 Rektor an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe. Er moderiert zusammen mit Rüdiger Safranski „Das Philosophische Quartett“ im ZDF. Zuletzt erschien von ihm „Gottes Eifer. Vom Kampf der drei Monotheismen“ (Suhrkamp) Die Ringparabel Die Ringparabel ist das Herzstück des Theaterstücks „Nathan der Weise“ von Gotthold Ephraim Lessing. Es spielt zur Zeit des dritten Kreuzzugs. Der muslimische Saladin fragt den Juden Nathan nach der wahren Religion. Darauf antwortet Nathan mit einem „Märchen“, in dem drei Ringe die drei großen Religionen verkörpern: Vor grauen Jahren lebt’ ein Mann in Osten, der einen Ring von unschätzbarem Wert aus lieber Hand besaß. Der Stein war ein Opal, der hundert schöne Farben spielte, und hatte die geheime Kraft, vor Gott und Menschen angenehm zu machen, wer in dieser Zuversicht ihn trug. Was Wunder, dass ihn der Mann in Osten darum nie vom Finger ließ und die Verfügung traf, auf ewig ihn bei seinem Hause zu erhalten? Nämlich so. Er ließ den Ring von seinen Söhnen dem geliebtesten und setzte fest, dass dieser wiederum den Ring von seinen Söhnen dem vermache, der ihm der liebste sei, und stets der liebste, ohn’ Ansehn der Geburt, in Kraft allein des Rings, das Haupt, der Fürst des Hauses werde. So kam nun dieser Ring, von Sohn zu Sohn, auf einen Vater endlich von drei Söhnen, die alle drei ihm gleich gehorsam waren, die alle drei er folglich gleich zu lieben sich nicht entbrechen konnte. Nur von Zeit zu Zeit schien ihm bald der, bald dieser, bald der dritte – so wie jeder sich mit ihm allein befand, und sein ergießend Herz die andern zwei nicht teilten – würdiger des Ringes, den er denn auch einem jeden die fromme Schwachheit hatte, zu versprechen. Das ging nun so, solang es ging. – Allein es kam zum Sterben, und der gute Vater kömmt in Verlegenheit. Es schmerzt ihn, zwei von seinen Söhnen, die sich auf sein Wort verlassen, so zu kränken. – Was zu tun? Er sendet in geheim zu einem Künstler, bei dem er, nach dem Muster seines Ringes, zwei andere bestellt, und weder Kosten noch Mühe sparen heißt, sie jenem gleich, vollkommen gleich zu machen. Das gelingt dem Künstler. Da er ihm die Ringe bringt, kann selbst der Vater seinen Musterring nicht unterscheiden. Froh und freudig ruft er seine Söhne, jeden ins besondre, gibt jedem ins besondre seinen Segen – und seinen Ring, – und stirbt. Kaum war der Vater tot, so kömmt ein jeder mit seinem Ring, und jeder will der Fürst des Hauses sein. Man untersucht, man zankt, man klagt. Umsonst, der rechte Ring war nicht erweislich – fast so unerweislich, als uns itzt – der rechte Glaube. (…) Die Söhne verklagten sich, und jeder schwur dem Richter, unmittelbar aus seines Vaters Hand den Ring zu haben. (…) Spruch des Richters: Geht nur! – Mein Rat ist aber der: Ihr nehmt die Sache völlig, wie sie liegt. Hat von euch jeder seinen Ring von seinem Vater: so glaube jeder sicher seinen Ring den echten. – Möglich, dass der Vater nur die Tyrannei des einen Rings nicht länger in seinem Hause dulden wollen! – Und gewiss, dass er euch alle drei geliebt, und gleich geliebt: indem er zwei nicht drücken mögen, um einen zu begünstigen. – Wohlan! Es eifre jeder seiner unbestochnen von Vorurteilen freien Liebe nach! Es strebe von euch jeder um die Wette, die Kraft des Steins in seinem Ring’ an Tag zu legen, komme dieser Kraft mit Sanftmut, mit herzlicher Verträglichkeit, mit Wohltun, mit innigster Ergebenheit in Gott zu Hülf’! Und wenn sich dann der Steine Kräfte bei euren Kindeskindern äußern: so lad’ ich über tausend Jahre, sie wiederum vor diesen Stuhl. Da wird ein weisrer Mann auf diesem Stuhle sitzen, als ich, und sprechen. Geht! (Foto: Picture Alliance)

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