Wohin wollt ihr mit eurem Fortschritt?

Theodor Adorno und die intellektuelle Linke warnten vor der Dialektik der Aufklärung. Martin Heidegger und konservative Kulturkritiker diagnostizierten die Gedankenlosigkeit einer rasenden Moderne. Beide Seiten haben aus heutiger Sicht mehr recht denn je.

Fortschritt um jeden Preis?
() Fortschritt um jeden Preis?
Zwei große Ideen sind es gewesen, die die Aufklärung des 18. Jahrhunderts und ihre fortwährende Kraft bis in unsere Zeit geprägt haben: die des Fortschritts und die der Vernunft. Wenn die Menschen, so die zündende Parole, endlich Gebrauch machen von ihrer Vernunft, dann wird der Fortschritt nicht ausbleiben, ja möglicherweise werden dann in nicht allzu ferner Zukunft alle Tränen getrocknet werden. Wie diese Vernunft zum Motor des Fortschritts werden kann, sagt uns Kant in dem berühmten Artikel: „Was ist Aufklärung?“, der 1783 in der „Berlinischen Monatsschrift“ erschien. Danach ist sie der Versuch, aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit herauszutreten und sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Inzwischen hat man es sich angewöhnt zu sagen, dass die Idee des Fortschritts, die Hegel, Marx, Auguste Comte, ja das ganze 19. Jahrhundert so tief geprägt hat, im Grauen der beiden Weltkriege ihre Überzeugungskraft verloren hat. Das ist wie viele solcher kulturkritischen Sentenzen richtig, ja banal und doch zugleich falsch! Denn man verlässt sich nach wie vor ganz im Sinne der Aufklärung auf die eigene emanzipierte Vernunft, die im Zweifelsfall gegen die gewachsenen Traditionen ausgespielt wird, ja, „kritisches Bewusstsein“ ist zum obersten Bildungsziel geworden. Man weiß zwar um die Ambivalenz der Wissenschaften, die unser Leben immer bequemer, sicherer und abwechslungsreicher machen, auf der anderen Seite aber auch immer neue apokalyptische Bedrohungen erzeugen. Doch man hofft darauf, auch dieser Bedrohungen, durch den Fortschritt der Wissenschaften, Herr zu werden. Im Zeichen dieses fortdauernden Glaubens an die Macht der wissenschaftlichen Vernunft hat man selbst die klassische Pädagogik in „Erziehungswissenschaft“ verwandelt, um möglichst schon im Kindergarten mit der Erziehung zur Rationalität zu beginnen. Darüber hinaus herrscht paradoxerweise selbst bei den ehemaligen Gralshütern der Tradition, den Kirchen, eine irrationale Aufgeschlossenheit für das Neue, die Theodor W. Adorno noch kurz vor seinem Tode zu der Bemerkung mir gegenüber veranlasste, während „wir“ (gemeint waren offenbar die Linksliberalen) längst die Brüchigkeit des Fortschrittsglaubens erkannt haben, wird er von den Katholiken jetzt erst entdeckt! Wie recht er mit dieser Feststellung hatte, zeigt die Pastoralkonstitution „Gaudium et Spes“ des II. Vatikanums über das Verhältnis der Kirche zur Welt von heute, in der euphorisch von der „weltweiten Geburt eines neuen Humanismus“ die Rede ist. In dieser Situation ist es von ironischer Bedeutung, dass ausgerechnet die Begründer der „Frankfurter Schule“ Horkheimer und Adorno, die gemeinhin als Neomarxisten oder doch als radikale Linke apostrophiert werden, zu den schärfsten Kritikern des ererbten Fortschrittsglaubens gehören und damit ein erhebliches konservatives Potenzial aufweisen. Sie entfalten die „Dialektik des Fortschritts“, der auf der einen Seite zur immer weiteren Verbesserung unseres Lebens, auf der anderen aber zu immer weiterem Unheil führt! Diese Dialektik ist ihrerseits in dem widerspruchsvollen Wesen der „Vernunft“ begründet, das die Aufklärung nicht hinreichend bedachte. „Vernunft“, das ist im weiteren Sinne ganz einfach geistige Erkenntnis und damit auch immer schon die Fähigkeit zur Kontemplation, zur Anschauung des Schönen und Staunenswerten in Natur, Kunst und Kultur: die Fähigkeit, wie sie Karl Jaspers definiert, „geistig ergriffen zu werden“. „Vernunft“ ist aber ebenso auch die Fähigkeit zu rationalem Denken, ja zum Kalkül und kann in diesem Sinne einfach mit „Rationalität“ gleichgesetzt werden. Nun besteht der langwierige Prozess der Aufklärung darin, dass sich diese Vernunft immer mehr aus ihren gewachsenen Bindungen emanzipiert. Aus ihnen herausgerissen, ist sie nicht mehr eingebettet in das konkrete Leben, die natürlichen Bedürfnisse und die geschichtliche Tradition. Vielmehr folgt sie jetzt nur noch dem Gesetz ihrer eigenen Rationalität. Sie dient nun nicht mehr dem Menschen, dessen Organ sie war, sondern er dient nun ihr. Dieser Prozess war notwendig, um den Kampf gegen die Natur und die Not schließlich zu gewinnen. Aber in ihm sind Heil und Unheil untrennbar verquickt. Dem Zauberlehrling gleich gibt diese losgelöste Vernunft keine Ruhe, bis sie alles vollends reglementiert, organisiert und rationalisiert hat. Am Ende steht die totale Quantifizierung der Welt, die erst die exakte Voraussage kommender Ereignisse und damit die totale Herrschaft über die Natur ermöglicht. Ganz ähnlich sieht dies Oswald Spengler, dessen berühmtes Werk „Der Untergang des Abendlandes“, das sinnigerweise am Ende des Ersten Weltkrieges erschien, tiefe Parallelen zur Frankfurter Schule aufweist. Auch Spengler kommt zu dem Ergebnis, dass nun „alles Organische der um sich greifenden Organisation erliegt. Eine künstliche Welt durchsetzt und vergiftet die natürliche. Die Zivilisation ist selbst eine Maschine geworden, die alles maschinenmäßig tut oder tun will. Man denkt nur noch in Pferdestärken. Man erblickt keinen Wasserfall mehr, ohne ihn in Gedanken in elektrische Kraft umzusetzen. Man sieht kein Land voll weidender Herden, ohne an die Auswertung ihres Fleischbestandes zu denken.“ Doch zieht diese frei schwebende Rationalität nicht nur die Natur, sondern auch das menschliche Leben in ihren Bann. In der „Kritik der instrumentellen Vernunft“ macht Horkheimer darauf aufmerksam, dass der moderne Mensch die Dinge nicht mehr einfach akzeptiert, wie sie in sich selbst sind. Vielmehr wird nun alles sogleich danach befragt, wozu es gut ist, und nur dann noch akzeptiert, wenn es seinerseits wieder als Mittel für einen Zweck gilt, an den dann die gleiche Frage nach seiner Nützlichkeit gerichtet wird. Selbst die freie Zeit wird nun zur „Freizeit“ degradiert, die irgendeinem Zweck dienen muss – und sei es auch dem, die Muße durch jene moderne Formen der Zerstreuung zu vertreiben, die Oswald Spengler als „bewusste Trottelei“ beschreibt. Und so wird nach einer berühmen Formulierung von Horkheimer das Reich der Mittel immer größer und das der letztendlichen menschlichen Erfüllungen immer kleiner. In diesen Zusammenhang ist auch die Penetranz einzuordnen, mit der heute in Volkshochschulen und ganz allgemein ständig nach dem „Sinn des Daseins“ gefragt wird. Vergessen ist die Selbstverständlichkeit, dass das gelebte Leben ganz einfach seinen Sinn in sich selbst hat und eben deshalb lebenswert ist. Auch hier trifft sich der konservative Spengler mit den progressiven „Frankfurtern“, wenn er im „Untergang des Abendlandes“ bemerkt: „Nicht nur weil Kinder unmöglich geworden sind, sondern vor allem weil die bis zum äußersten gesteigerte Intelligenz keine Gründe für ihr Vorhandensein mehr findet, bleiben sie aus … Die Natur kennt keine Gründe … Wo Gründe für Lebensfragen überhaupt ins Bewusstsein treten, da ist das Leben schon fragwürdig geworden.“ Um diese Feststellung durch einen jener blitzenden Aphorismen zu krönen, an denen „Der Untergang“ so reich ist: „früher hatte man Kinder, heute hat man Probleme“. Die Zweideutigkeit des Fortschritts spiegelt sich auch in der so oft und gerade von den 68ern missverstandenen Ambivalenz der Wirtschafts- und Gesellschaftskritik der „Frankfurter Schule“. Natürlich kommen Horkheimer und ­Adorno ursprünglich vom Marxismus her, dessen Siegeszuversicht sie allerdings völlig entzaubern. Im Grunde ist ihre Wirtschafts- und Gesellschaftskritik wenig originell. Doch gerade deshalb war sie so erfolgreich. Denn sie spiegelt das Unbehagen vieler Intellektueller an der „affluent society“, die ihren Wohlstand nicht zuletzt der Weckung immer neuer Bedürfnisse verdankt. Schon der Nationalökonom Lujo Brentano (1844 bis 193l) hat die These von Karl Marx, nach der die wachsende Mechanisierung zu immer größerer Arbeitslosigkeit und Verelendung der Massen führen würde, mit dem Hinweis auf die grenzenlose Erweiterungsfähigkeit unserer Bedürfnisse zurückgewiesen. Lange vor Horkheimer und Adorno haben etwa Vance Packard und John K. Galbraith das Unbehagen an der Überflussgesellschaft artikuliert, deren Dialektik man auf die zugespitzte Formel bringen könnte, dass wir unsere lebensnotwendigen Bedürfnisse durch die Weckung immer neuer befriedigen. Doch im Gegensatz zu den „Linken“ verzichten Horkheimer und Adorno auf jede sozialistische Patentlösung, die die verschwiegene Herrschaft der rational kalkulierenden Vernunft durch die offene und brutale der Staatskontrolle ersetzen und damit den Rationalismus der Aufklärung auf die Spitze treiben würde. Und Adorno schreibt den revoltierenden Studenten ins Stammbuch, dass der Aufruhr gegen unsere Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung die Übel, die er beseitigen wolle, nur noch verschlimmern werde. Gerade diese Aussichtslosigkeit des Schicksals ist es freilich, die die Studenten auf die Barrikaden getrieben hat. Andererseits verbindet dieser Gedanke die Frankfurter mit einem so gegensätzlichen Denker wie Martin Heidegger, den Adorno immer wieder als verkappten Faschisten angegriffen hat. Nach ­Heidegger leben wir schon lange in einer Epoche der Seinsvergessenheit, in der sich uns das „Sein“, die Fülle und der Urgrund der Wirklichkeit, immer mehr verbirgt. Diesem Schicksal können wir in gar keiner Weise entrinnen, weil wir nichts anderes als die „Lichtung des Seins“ und damit der Ort sind, wo sich die Wirklichkeit je und je anders offenbart – oder eben verbirgt! Auf dem Scheitelpunkt dieser Geschichte, dieses Seins- und Denkgeschicks, den wir heute erreicht haben, zeigt sich die Wirklichkeit nur noch als nackte, graue Rationalität, als Industrielandschaft und Technologie. Doch weil es sich um eine unabwendbare Entwicklung handelt, hilft es nicht, grollend abseitszustehen und sich in fruchtloser Kulturkritik zu verzehren. Vielmehr müssen wir in der tätigen Haltung des „dennoch!“ alles tun, um diesen „Fortschritt“ zu befördern, ohne seine Richtung ändern zu können. Wer weiß, wie Adorno in seinen Schriften über Heidegger hergezogen ist, wird immer wieder mit Vergnügen auf die glänzend geschriebene Monografie des Frankfurter Gymnasiallehrers Hermann Mörchen zurückgreifen (Adorno und Heidegger. Untersuchung philosophischer Kommunikationsverweigerung. Stuttgart 1981), die die tiefe Gemeinsamkeit beider Denker aufzeigt. Und es erübrigt sich, nach allem, auch auf die Verwandtschaft dieses Schicksalsglaubens mit dem von Spengler hinzuweisen. Er geht so weit, die Intellektuellen im rational technischen Zeitalter aufzufordern, Ingenieure und Techniker statt Dichter und Philosophen zu werden. Denn nur so könnten sie der Unaufhaltsamkeit des Fortschritts entsprechen. Dass diese auch für ihn unerfreulich ist, daran besteht kein Zweifel: „Der vom Lande seelisch gestaltete Kulturmensch“, schreibt Spengler im „Untergang“, „wird von seiner eigenen Schöpfung, der Stadt, in Besitz genommen … zu ihrem Geschöpf, zu ihrem ausführenden Organ, endlich zu ihrem Opfer gemacht … Der durchseelte Stein gotischer Bauten ist im Verlauf einer tausendjährigen Geschichte endlich zum entseelten Material einer dämonischen Steinwüste geworden.“ Man mag zu dieser Kulturkritik stehen, wie man will. Doch auf jeden Fall ist sie stringenter als jene moralisierend salomonischen Urteile unserer Beschwichtigungshofräte, die Technik sei weder gut noch schlecht, es komme nur darauf an, welchen Gebrauch wir von ihr machen.

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