Wir brauchen Helden

Wofür sind wir bereit zu sterben? Die zeitgenössische Philosophie meidet diese Frage. Dabei führt sie ins Herz unserer Gesellschaft und unserer Freiheit.

Gibt es für jedermann verbindliche Moralgesetze – gleichgültig aus welcher Quelle sie stammen, und was immer sie besagen? Der größte Philosoph der Neuzeit hat sich dieser Frage zugewendet, es dann aber vorgezogen, keine direkte Antwort darauf zu geben. Stattdessen wartet Immanuel Kant mit einer Parabel auf. Stellen wir uns vor, ein Mann würde vor einen Despoten geführt und vor eine Wahl gestellt. Der Herrscher will einen unschuldigen, dem Regime missliebigen Untertanen hinrichten lassen, aber dabei den Schein der Rechtsförmigkeit wahren. Jemand soll einen Brief schreiben, in dem der Unschuldige eines Kapitalverbrechens beschuldigt wird. Sollte der vorgeladene Mann sich weigern, wird der Herrscher dafür sorgen, dass er dann seinerseits hingerichtet wird. Kant meint, wir könnten uns leicht in die Lage dieses Herrn versetzen. Doch wissen wir nicht, was wir tun würden. Keiner von uns ist so gerecht, dass er sich sicher sein könnte, angesichts von Tod oder Folter nicht einzuknicken. Die meisten von uns würden vermutlich schwach werden. Dennoch wissen wir alle, was wir tun sollten: den Brief nicht schreiben, und koste es unser Leben. Und wir alle wissen, dass wir genau das tun können – ganz egal, ob wir am Ende wankend werden oder nicht. In diesem Moment, so Kant, werden wir uns mit Furcht und Staunen unserer Freiheit bewusst. Die Gerechtigkeit kann Menschen dazu bewegen, den stärksten animalischen Trieb zu überwinden, die Liebe zum Leben selbst. Was ist der Witz des Beispiels? Kant bringt das Beispiel an einer wichtigen Weichenstellung in der „Kritik der praktischen Vernunft“, dort nämlich, wo der Leser hofft, ihm würde nun die absolute Wahrheit des Sittengesetzes demonstriert. Diese Hoffnung wird enttäuscht, denn Moralprinzipien sind niemals wahr. Bei der Wahrheit geht es darum, wie die Welt ist, bei der Moral darum, wie sie sein sollte. Die Unterscheidung zwischen Sein und Sollen ist die wichtigste, die wir je treffen. Sie strukturiert unsere Erfahrung noch tiefer als das Ursache-Wirkungs-Schema. Wenn Moral niemals eine Sache der Tatsachen ist, dann ist jeder Versuch, Moralskeptikern mit objektiven Beweisen zu kommen, schlimmer als sinnlos. Welche Antwort sollen wir also dann dem Skeptiker geben, der uns fragt, warum er moralisch handeln soll? Kant meint, wir geben eine Antwort, wenn wir über Helden sprechen: über diejenigen, die eher bereit sind, ihr Leben zu opfern als eine Ungerechtigkeit zu begehen. „Hier ist die Tugend von so hohem Wert, weil ihr Preis so hoch ist.“ Jeder von uns kann mit falschen Helden aufwarten: mit Leuten, die das Richtige aus den falschen Gründen tun oder das Falsche aus den richtigen Gründen, und die im Glanz eines unverdienten Ruhms starben. Solche Überlegungen gehören nach Kant zur Analyse des moralischen Charakters, zu der sogar jeder Krämer, jede Frau, jedes Kind von Natur aus fähig ist. Ob irgendein bestimmter Mensch, sei es in der Geschichte oder in der Fiktion, wirklich aus reiner Gerechtigkeitsliebe gehandelt hat, werden wir nie mit Sicherheit wissen, und die Helden anderer vom Sockel zu stürzen ist nicht weiter schwer. Lassen wir uns jedoch auf solche Erörterungen ein, fällt jedem von uns mindestens ein Mensch ein, von dem er glaubt, er habe dem Tod getrotzt, um das Richtige zu tun. Jeden Versuch, dessen Motive zu trivialisieren, werden wir als gehässig und kleinkariert zurückweisen. Solche Beispiele gestatten uns, einen unersetzlichen Blick auf die menschliche Würde zu werfen – und sie führen uns über die Welt der Sinne hinaus in erhabenere Regionen. Diese Rhetorik wird manch einen ganz nervös machen. Dass der trockenste aller Philosophen für das Schwelgen in moralischen Gefühlen eintritt, wird uns zumindest überholt vorkommen. Offen gestanden, Kants Heldendiskussion war auch schon 1786 obsolet, und er war sich dessen völlig bewusst. Kants Beispiel zeigt jenseits jeden Zweifels, dass Moral möglich ist. Denn die meisten Fragen, die sich uns gewöhnlich stellen, mischen Moral und Eigeninteresse. Zahlen Sie Ihre Steuern, weil Betrügen falsch ist, oder weil es Ihrer Karriere schaden könnte, wenn man Sie bei der Steuerhinterziehung erwischt? Sie zu zahlen ist dem äußeren Schein nach in beiden Fällen dasselbe, und Motive sind genau die Art von Dingen, die wir niemals sicher wissen können. Nur Beispiele von Leben und Tod können uns da klar machen, dass ein Handeln aus moralischen Gründen möglich ist: Wenn wir einen Helden betrachten, müssen wir innehalten. Gewicht erhält Kants Experiment vor allem durch seine Universalität, ist es doch heute wie früher eine Antwort auf konservative Kritiker, die meinen, das Gros der Menschheit lasse sich von niederen Begierden leiten. Vielleicht würden ein paar großherzige Seelen sich von Moralprinzipien leiten lassen, die meisten Leute aber dächten an nichts Erhabeneres als Brot und Spiele. Unsere Gier nach Tafelfreuden und Zerstreuungen aller Art sei nahezu unersättlich, und nichts anderes treibe uns in Wirklichkeit an. Würde sich unser Leben tatsächlich darum drehen, diesen oberflächlichen Leidenschaften zu frönen, wäre ein aufgeklärter Despotismus, der sie einerseits befriedigen und andererseits in Schach halten könnte, wohl die beste Regierungsform. Wir sorgen uns darum, den Magen zu füllen und Schmerz zu vermeiden, er sorgt dafür, dass wir es können. Wer wollte sich da beklagen? Mit diesem Argument verteidigte man im 18. Jahrhundert den Despotismus, und damals wie heute hängt es von der Prämisse ab, dass die Menschen nicht gefordert, sondern glücklich sein wollen. Wenn Kants Gedankenexperiment funktioniert, sind die Folgen jedoch erheblich. Zum guten Leben gehören für uns alle Arten von Vergnügungen und Freuden, aber wir möchten auch noch etwas anderes: ein Bewusstsein unserer Würde, das uns ermöglicht, der Lust zu entsagen, wenn sie ein höheres Gut verletzt. Sich Würde zu wünschen ist natürlich nicht dasselbe wie sie zu haben; manch süßer und müßiger Traum von Größe gedeiht nie weiter. Doch wenn die meisten von uns sich vorstellen können, Kants Held sein zu wollen, und sei es nur für einen Augenblick, dann können wir eine Regierung, die an unsere besten Instinkte appelliert, nicht leichthin abweisen. Wenn jeder von uns sich einen Augenblick vorstellen kann, in dem er seine Freiheit dadurch zu manifestieren wünscht, dass er sich auf die Seite der Gerechtigkeit stellt, dann sollte jeder von uns auf eine Welt hinwirken, in der Freiheit und Gerechtigkeit an erster Stelle stehen. Brot und Spiele würden schon für sich selbst sorgen. Jeder von uns? Kant entfernte sich niemals mehr als 60 Kilometer von seiner Heimatstadt Königsberg, von anderen Weltgegenden erfuhr er aus Büchern und Seemannsgeschichten. Unser Bewusstsein von Universalität ist stärker. Wir können uns vorstellen, dass dieses Gedankenexperiment bei sehr verschiedenen Menschen zu ähnlichen Ergebnissen kommt: beispielsweise bei Kämpfern gegen die Apartheid in Soweto, bei Abtreibungsgegnern in Texas, Kindern in der Ukraine und Feuerwehrleuten in New York, bei Mudschaheddin und Parlamentsmitgliedern in Pakistan. Wie wir wissen, haben nicht die Elenden und Erniedrigten die Reihen der Islamisten gefüllt. Die Gegner der westlichen Zivilisation sind vielfach nicht jene, die von ihr ausgeschlossen wurden. Viele neue Anhänger der Islamisten sind gebildet und wohlhabend. Was treibt sie zum Fundamentalismus? Jedenfalls nicht: einfache Antworten auf die Probleme des Lebens in einer komplexen Welt, oder irgendetwas dieser Art, wie oft herablassend behauptet wird. Hin und wieder mag sich ein Einfaltspinsel mit der Vision von 72 schwarzäugigen Jungfrauen, oder was das Pendant für weibliche Mudschaheddin sein mag, über noch so großes Elend hinwegtrösten, doch weder die Fähigkeit zu dulden noch die zu töten oder zu sterben, entspringt normalerweise solch kruden Überlegungen. Einige Lebensformen tragen vielmehr ihren Lohn in sich, da sie tiefe, anders unstillbare Bedürfnisse erfüllen. Gedrängt, zwischen Zynismus und Wahnsinn zu wählen, verwerfen viele Menschen den Zynismus. Entgegen all unseren Erwartungen sahen wir, wie ein Teil der Welt nach dem anderen eine Weltanschauung fallen gelassen hat, die sich auf eine Minimalposition zurückzieht: die Idee, dass einzig materielle Bedürfnisse uns antreiben, und alles andere ein entbehrliches Sahnehäubchen ist. Verworfen wurde dabei auch Heuchelei: ein internationales Finanzsystem, das arme Länder zwingt, seine Grenzen dem freien Markt zu öffnen, während es reichen Ländern ermöglicht, die seinen zu schließen; eine Supermacht, deren Eintreten für Demokratie sich in Luft auflöst, wenn Diktaturen ihren Interessen besser entgegenkommen. Doch selbst dort, wo die Grundprinzipien des marktwirtschaftlichen Kapitalismus und der liberalen Demokratie tatsächlich in Kraft sind, haben viele Menschen den Eindruck gewonnen, dass das nicht alles sein kann. Kants Beispiel demonstriert, dass das, was uns fehlt, weder esoterisch noch irrational ist. Der Sinn, nach dem gesucht wird, ist vollkommen verständlich: Wir möchten die Welt gestalten und nicht bloß durch sie bestimmt werden; wir möchten über den Dingen stehen, die wir vielleicht konsumieren wollen. Solange niemand auf die Idee kommt, darin etwas Mystisches zu sehen, können wir diesen Drang ruhig als Verlangen nach Transzendenz bezeichnen. Als Teil der Natur werden wir geboren und sterben wir, am lebendigsten aber fühlen sich die meisten von uns, wenn sie über das bloß Kreatürliche hinausgehen. Woran die Geschichte uns so bedrückend erinnert, ist Würde ein Bedürfnis der menschlichen Natur, das zu missachten wir uns mitunter entscheiden. Doch das menschliche Leben erhält seinen Sinn in Gegenüberstellung zur Erfahrung: Mensch zu sein heißt, sich zu weigern, das Gegebene als Gegebenes hinzunehmen.

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